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Martina Voss-Tecklenburg-Trennung: DFB ignorierte Warnsignale | Kommentar


Es hätten alle Alarmglocken schrillen müssen

Von William Laing

Aktualisiert am 06.11.2023Lesedauer: 5 Min.
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Nicht mehr länger Bundestrainerin: Martina Voss-Tecklenburg.Vergrößern des Bildes
Nicht mehr länger Bundestrainerin: Martina Voss-Tecklenburg. (Quelle: IMAGO)

Der DFB und Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg gehen getrennte Wege. Der Verband hat Warnsignale ignoriert – und den richtigen Zeitpunkt verpasst.

Als Hansi Flick mit der deutschen Nationalmannschaft im vergangenen Winter bei der Weltmeisterschaft in Katar in der Vorrunde scheiterte, rechneten nicht wenige damit, dass die Amtszeit des 58-Jährigen als Bundestrainer sich ihrem Ende zuneigte. Doch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sprach dem Coach trotz der biederen Leistungen während des Turniers das Vertrauen aus, wollte mit ihm unbedingt die Heim-EM 2024 bestreiten.

Auch nach den unzufriedenstellenden Ergebnissen im Frühjahr, einem glanzlosen 2:0 gegen Peru und einer 2:3-Pleite gegen Belgien, hielt der DFB an Flick fest. Und noch viel überraschender: Nach den drei katastrophalen Testspielen im Juni 2023 mit einem Unentschieden gegen die Ukraine und Niederlagen gegen Polen und Kolumbien war man beim Verband immer noch der Meinung, Flick sei der beste Mann für den Job.

Erst ein 1:4 gegen Japan im September führte zum Umdenken und zur Entlassung des Bundestrainers. Der richtige Zeitpunkt für Flicks Ablösung war da schon mehrfach verpasst worden.

Man sollte meinen, dass der DFB aus dieser Erfahrung seine Lehren gezogen hat. Doch ähnlich wie bei der A-Nationalelf der Männer zeigen Präsident Bernd Neuendorf und Co. auch bei den Frauen, dass ihnen jegliches Gespür für die korrekte Handhabung der mit wichtigsten Personalie im deutschen Fußball fehlt. Man kann nicht anders, als mit dem Kopf zu schütteln.

Taktgefühl sieht anders aus

An diesem Samstag gab der Verband in einer Pressemitteilung bekannt, dass der Vertrag mit Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg mit sofortiger Wirkung aufgelöst wird. Man könnte den Zeitpunkt allein schon deshalb kritisieren, weil heute mit dem Bundesliga-Topspiel der Männer zwischen dem BVB und Bayern, vor allem aber mit der Spitzenpartie morgen bei den Frauen zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern, der Fokus in Fußballdeutschland eigentlich ganz woanders liegen sollte. Klar ist schon jetzt: Beim wohl wichtigsten Match der Frauen in dieser Hinrunde, bei dem es allein um die Spielerinnen und den Sport gehen sollte, wird es am Sonntag nur ein Gesprächsthema geben – Martina Voss-Tecklenburg.

Erinnerungen, wenn auch nicht ganz so schlimme, an das Finale der Basketball-WM werden wach, als der DFB die Flick-Entlassung kurz vor dem Titelgewinn der deutschen Mannschaft bekannt gab. Taktgefühl sieht anders aus. Damals wie heute.

Ein Schlussstrich wäre die logische Konsequenz gewesen

Zu kritisieren ist der Zeitpunkt der Entscheidungsbekanntgabe aber in erster Linie, weil das Ereignis, dass zur Trennung von Voss-Tecklenburg hätte führen müssen, bereits 13 Wochen zurückliegt. Bei der Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland schieden die deutschen Frauen in der Vorrunde aus. Das erste Mal überhaupt war das der Fall.

Das frühe WM-Aus war für den deutschen Fußball insbesondere nach der fantastischen EM in England 2022 ein Schlag in die Magengrube. Die neu entfachte Euphorie um den Frauenfußball erhielt einen herben Dämpfer. Ein Schlussstrich unter das Kapitel Voss-Tecklenburg und ein Neuanfang wären die logische Konsequenz gewesen. Doch der DFB klammerte sich mal wieder an eines seiner lästig gewordenen Grundprinzipien: die Weiter-so-Mentalität.

MVTs Erkrankung als Beginn der Seifenoper

So setzte der Verband weiter auf Voss-Tecklenburg. "Ich bin doch sehr sicher, dass sie mit der Mannschaft wieder die Kurve kriegen kann", hatte Bernd Neuendorf ihr kurz nach dem Turnier den Rücken gestärkt. Alles, was danach kam, glich dann aber zumindest in Ansätzen einer Seifenoper. Eine Aufarbeitung der Geschehnisse in Down Under sollte gemeinsam mit MVT stattfinden. Doch dann erkrankte die Bundestrainerin. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr? Ungewiss.

Co-Trainerin Britta Carlson sprang in die Bresche und sah sich im September plötzlich dazu genötigt, via Instagram die Gerüchte zurückzuweisen, sie hätte bei den Spielerinnen eine Umfrage gestartet, ob diese zu einer weiteren Zusammenarbeit mit Voss-Tecklenburg überhaupt bereit wären. "Die Behauptung ist vollkommen haltlos und stellt meine langjährige Integrität als Co-Trainerin in Frage", schrieb Carlson, erklärte jedoch, dass durchaus Analysegespräche mit den DFB-Spielerinnen stattgefunden hätten.

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Alexandra Popp und Co. vermieden derweil größtenteils ein klares Bekenntnis zu MVT. "Fakt ist: Wir wollen zu Olympia. Wir hoffen, dass Martina wieder gesund wird und voll genesen irgendwann wieder da ist", erklärte die DFB-Kapitänin im September. "Alles andere entscheidet der Verband und nicht wir. Es ist grundsätzlich nicht unsere Entscheidung."

Spätestens nach den Worten von Deutschlands Vorzeigeprofi Popp hätte der DFB merken müssen, dass er nicht einfach warten kann, bis Voss-Tecklenburg wieder zurück ist, um die Zukunft der DFB-Elf zu klären. Gerade in der Nachbetrachtung wirken die Worte der Stürmerin fast schon wie eine Handlungsaufforderung an den Verband: Entscheidet endlich, wie es weitergeht.

Der Schwebezustand war ein No-Go

Weitere Indizien dieser Art folgten in den kommenden Wochen. Horst Hrubesch wurde Anfang Oktober als Interimstrainer der DFB-Frauen engagiert. Hier hätten schon alle Alarmglocken schrillen müssen. Nicht, weil Hrubesch ein schlechter Trainer ist. Im Gegenteil. Doch offenbar sah der DFB durch Voss-Tecklenburgs Fehlen die Olympiateilnahme bereits so stark in Gefahr, dass er Ersatz besorgen musste. Trotzdem hielt er durch die Interimslösung den Schwebezustand noch einen Monat aufrecht. Ein absolutes No-Go. Gerade den Spielerinnen wurden damit vor den Kopf gestoßen.

Die DFB-Frauen lobten derweil den neuen Coach in den Himmel. "Wir haben mit Horst den besten Trainer vor uns, der versucht, uns auf die Sache einzuheizen", sagte beispielsweise Linda Dallmann vor rund einer Woche. Hrubesch könne "gut vorleben, was Olympia bedeutet". Der beste Trainer? Einen größeren Affront gegenüber der zu diesem Moment noch im Amt sitzenden Bundestrainerin hätte es eigentlich kaum geben können.

MVT befand sich derweil in ihrem vom DFB genehmigten Erholungsurlaub. Und trat dann plötzlich öffentlich bei der Bayrischen Zahnärztekammer auf, um einen Vortrag zu halten. Der DFB nahm das zur Kenntnis. Die Kommunikation zwischen Voss-Tecklenburg und Verband lief zu diesem Zeitpunkt ohnehin nur noch über Anwälte. Auch das war ein alarmierendes Zeichen.

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Nach der WM: Ein klarer Cut hätte Ärger erspart

Nationalspielerin Lena Oberdorf kritisierte ihre Trainerin kurz nach dem öffentlichen Auftritt scharf: "Ich hätte mir da durchaus etwas anderes gewünscht, dass man sagt: Okay, wir klären erst mal, was bei der WM passiert ist, und danach vielleicht in den Erholungsurlaub geht." Mitspielerin Sara Doorsoun sprang der Wolfsburgerin bei: "Sie hat genau die richtige Wortwahl getroffen."

Das Tischtuch zwischen Team und Trainerin schien spätestens da zerschnitten zu sein und brachte den DFB am Ende wohl doch noch zu einer Entscheidung, die er früher hätte treffen müssen. Natürlich war die Bundestrainerin krank. Natürlich darf das Menschliche auch in einer solchen Situation nicht auf der Strecke bleiben. Doch der DFB hat etwaige Warnzeichen zu lange ignoriert und die Suche nach einer Lösung für die Probleme auf die lange Bank geschoben.

Ein klarer Cut direkt nach dem WM-Debakel hätte allen Beteiligten eine Menge Ärger erspart. So endet eine lange erfolgreiche Zusammenarbeit mit einem unschönen Gefühl. Das hat der DFB sich selbst zuzuschreiben.

Verwendete Quellen
  • sport1.de: "Neuendorf stärkt Voss-Tecklenburg"
  • instagram.com: @britta_carlson_
  • sportschau.de: "Alexandra Popp vermeidet das Bekenntnis"
  • sport1.de: "DFB-Frauen schwärmen von Hrubesch"
  • fr.de: "DFB irritiert über Auftritt von Martina Voss-Tecklenburg"
  • sport1.de: "Kritik an MVT: Doorsoun stützt Oberdorf"
  • Eigene Recherche
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