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FC Bayern | Plädoyer für Tuchel: Rekordmeister träumt wieder von Wembley


"Totgesagte leben länger"
Er lässt Bayern plötzlich wieder träumen


10.04.2024Lesedauer: 5 Min.
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Trainer Thomas Tuchel darf weiter auf seine letzte Titelchance in dieser Saison hoffen. (Quelle: Sven Hoppe/dpa/dpa-bilder)

Der kriselnde FC Bayern überzeugt beim englischen Tabellenführer und träumt plötzlich wieder vom Finale in Wembley. Der starke Auftritt ist auch ein Plädoyer für Trainer Tuchel.

Aus London berichtet Julian Buhl

Jan-Christian Dreesen ließ seinen Blick durch den Grand Ballroom des noblen Fünfsternehotels The Landmark schweifen, in dem der FC Bayern am späten Dienstagabend in London zum Mitternachtsbankett geladen hatte. Und was er dort sah, veranlasste ihn dazu, ein wenig zu träumen. Der Tross des Rekordmeisters hatte sich im vollbesetzten und äußerst stilvollen Festsaal, den prunkvolle Kronleuchter und eine Stuckdecke schmücken, versammelt. Das Ambiente passte zweifellos zu einer rauschenden Siegerparty, auch wenn sich die Bayern im Viertelfinalhinspiel der Champions League am Ende mit einem 2:2 hatten begnügen müssen.

Und so rief der Vorstandsboss des Rekordmeisters, beschwingt von der starken Leistung der Mannschaft beim Tabellenführer der Premier League im Emirates Stadium, ins Saalmikrofon: "Das ist das wahre Gesicht des FC Bayern!" Er wandte sich zu den Tischen, an denen die Spieler saßen, und sagte: "Das wollen wir von euch, liebe Mannschaft, noch viel, viel öfter sehen! Dann muss sich jeder in Europa vor uns in Acht nehmen. Natürlich lebt heute der Traum weiter."

Dreesen beschwört den Geist von Wembley

Jener große Traum von der Rückkehr nach London am Ende dieser Saison – wo am 1. Juni im Wembley-Stadion das Finale der Champions League ausgetragen wird. Genau dort, wo die Münchner 2013 im deutschen Finale gegen Dortmund schon einmal in der Königsklasse triumphierten. Daran erinnerte Dreesen in seiner Rede keineswegs zufällig.

Die "besondere" Unterkunft in der Nähe des königlichen Regent's Park, sagte er, habe der FC Bayern "nicht ohne Grund ausgesucht" – auch beim Coup vor bald elf Jahren wohnten die Bayern damals genau dort. "Es soll euch inspirieren, liebe Mannschaft, wieder diesen Geist aufleben zu lassen", sagte Dreesen und beschwor damit genau jenen Spirit von Wembley 2013.

Dementsprechend gelte es in der kommenden Woche beim Rückspiel am Mittwoch in München "mit Herz und Leidenschaft zu zeigen, wer der FC Bayern ist." Dreesen schloss seine Rede mit den Worten: "Ihr packt es! Gemeinsam packen wir das!"

Bayerns Motto: "Totgesagte leben länger"

Begonnen hatte er die Rede noch mit der Erinnerung an die jüngsten Niederlagen in der Bundesliga gegen Dortmund (0:2) und bei Aufsteiger Heidenheim (2:3), mit dem die Münchner einen neuen vorläufigen Tiefpunkt in dieser Spielzeit erreicht hatten.

"Das war ein schwerer Monat. Wir haben, glaube ich, einige schwere Wochen in den Knochen", sagte Dreesen. "Und was war das heute für ein Tag?" Seine Antwort: "Was soll ich sagen? Totgesagte leben länger – das ist, glaube ich, das Motto des heutigen Abends."

Zugetraut hatten das den Münchnern und vor allem ihrem in der Öffentlichkeit zuletzt schwer angezählten Trainer Thomas Tuchel zuvor nur noch die wenigsten. Doch nachdem sie schon den DFB-Pokal und die Meisterschaft verspielt hatten, hielten sie mit der Champions League ihre letzte verbliebene Titelchance dennoch eindrucksvoll am Leben.

Bayern überzeugt mit Tuchel-Fußball

"Es war von Anfang an, als wir hier angereist sind, eine ganz andere Energie in der Truppe", stellte Sportvorstand Max Eberl zufrieden fest. "Es lag alles auf dem Tisch. Es war alles gesagt. Und die Mannschaft hat das einfach heute herausragend umgesetzt."

Hätte der Schiedsrichter den Regeln entsprechend gehandelt und es nicht als "kindischen Fehler" abgetan, dass Arsenals Gabriel den Ball nach einem Abstoß von Arsenals-Torwart David Raya im eigenen Strafraum in die Hand nahm, hätten die Bayern auch noch zwingend einen weiteren Elfmeter bekommen müssen. Und das Spiel somit möglicherweise gewonnen (mehr zu der kuriosen Handspielszene lesen Sie hier).

Bei der Ursachenforschung für die gelungene Wandlung zum Guten landete Eberl schnell bei Tuchel. "Thomas hat sie sehr gut eingestellt, genau auf die Fehler hingewiesen, die Arsenal macht." Die Spielzüge, die zu den Toren führten, seien "so auch ein Stück weit von uns geplant" gewesen. "Wir haben so verteidigt, wie es sein muss, waren aggressiv im Zweikampf. Haben uns in jeden Schuss geworfen." Die Mannschaft spielte so, wie sie unter Tuchel schon zum Beispiel in den Topspielen in Dortmund (4:0) oder gegen den VfB Stuttgart (3:0) zum Erfolg gekommen war.

Bayern überließ Arsenal das Spiel und nutzte die dadurch entstandenen Räume immer wieder geschickt für gefährliche Konter. Vor allem Leroy Sané war dabei kaum zu stoppen. Das wurde bei seinem feinen Pass deutlich, mit dem er das 1:1 durch Ex-"Gunner" Serge Gnabry einleitete. Und noch mehr bei seinem Sololauf übers halbe Feld, den Arsenal nur auf Kosten eines Elfmeters, den Harry Kane zum zwischenzeitlichen 2:1 nutzte, stoppen konnte. Die Mannschaft spielte einfach das, was viele schon gar nicht mehr für möglich gehalten hätten: erfolgreichen Tuchel-Fußball.

Eberl hält Plädoyer für Tuchel

"Wir haben genau das umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten", bestätigte unter anderem auch Abwehrspieler Eric Dier. Auch Eberl, der der Mannschaft zuletzt bei der "Schande" von Heidenheim noch ihre Mannhaftigkeit abgesprochen hatte, lobte: "Wir haben sehr, sehr erwachsen gespielt." Der ganze Auftritt der Bayern war dabei auch ein Plädoyer für Tuchel, nachdem im Vorfeld der Partie noch medial so intensiv wie nie über die Dringlichkeit seiner sofortigen Entlassung debattiert worden war.

Selbst unmittelbar nach dem 2:2 bei Arsenal wurde Eberl tatsächlich doch wieder gefragt, ob Tuchel denn nun tatsächlich zu 100 Prozent auch im Rückspiel auf der Trainerbank sitzen werde. Eberl empfand das und wie generell in der Öffentlichkeit mit der Trainerfrage umgegangen werde "ein Stück weit befremdlich".

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"Dass die Mannschaft und der Trainer zusammenpassen und funktionieren, das hat man heute wieder gesehen. Ich finde, das war heute Beweis, dass er die Mannschaft erreicht", formulierte Eberl auch sein ganz persönliches Plädoyer für Tuchel.

"Man hat eine Entscheidung gefällt für Sommer und dann sollte man einfach die Dinge so stehen lassen", so Eberl. Und das "nicht alle zwei Tage" wieder hinterfragen. Nach seinem Dafürhalten solle man stattdessen "nach so einer Leistung auch mal sagen: Chapeau vor der Leistung des Trainers mit der Mannschaft."

Das Ende dieser Zweckehe auf Zeit ist mit dem Ablauf dieser Saison längst beschlossen. Spätestens mit dem 2:2 in London wurde bei dieser Liaison nun noch mal neues Feuer entfacht. Weil sie damit wieder einen Sinn und mit dem Traum von Wembley auch ein gemeinsames Ziel zumindest wieder in Reichweite hat. All das wird aber schon am kommenden Mittwoch im Rückspiel auf der nächsten harten Probe stehen.

Verwendete Quellen
  • Reporter vor Ort in London
  • Mixed-Zone-Gespräche mit Max Eberl und Eric Dier
  • Aussagen von Jan-Christian Dreesen von der Bankettrede in London
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