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WM-Fazit: Freiheit nach Schlagloch-Prinzip – wie Putins Plan nicht aufging

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MEINUNGFazit zur Fußball-WM  

Freiheit nach Schlagloch-Prinzip – wie Putins WM-Plan nicht aufging

Von Luis Reiß, Benjamin Zurmühl

16.07.2018, 17:57 Uhr
WM-Fazit: Freiheit nach Schlagloch-Prinzip – wie Putins Plan nicht aufging. Russische Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft im WM-Achtelfinale gegen Spanien in Moskau: Ihr Dank richtet sich auch an Präsident Wladimir Putin. (Quelle: imago/Itar-Tass)

Russische Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft im WM-Achtelfinale gegen Spanien in Moskau: Ihr Dank richtet sich auch an Präsident Wladimir Putin. (Quelle: Itar-Tass/imago)

Emotionen, Höchstleistungen und Gastfreundschaft haben die WM geprägt und vieles verdeckt. Doch Putins Plan ist nicht komplett aufgegangen.

Für viele Besucher der WM werden diese Bilder wohl für ewig in Erinnerung bleiben:

Die feiernden Fans aus den verschiedensten Ländern auf der Moskauer Nikolskaya Straße oder am Strand von Sotschi.

Der unfassbare Jubel der Außenseiter, die für einige Überraschungen sorgten. Ganz vorne dabei: Die russischen Gastgeber, die ihr Team bis ins Viertelfinale brüllten. Oder die Spieler Panamas, die ihren Treffer beim 1:6 gegen England wie den WM-Sieg feierten.

Die sportlichen Gänsehaut-Momente. Wie sich Kroatien mit drei Siegen in Verlängerung beziehungsweise Elfmeterschießen ins Finale kämpfte. Wie der 19 Jahre alte Kylian Mbappé mit seinen Sprints und Dribblings endgültig zum Weltstar aufstieg.  

Es gibt aber auch noch eine andere Sichtweise auf die WM. Viele Besucher des Turniers in Russland werden sie wohl erst Wochen später erfahren. Wenn überhaupt.

Freiheit nach dem Schlagloch-Prinzip

Das beste Symbol dafür ist ein Schlagloch in Nischni Nowgorod, einer der kleineren WM-Städte. Es war so groß, dass sich Anhänger von Kroatien und Argentinien am Spieltag darin fotografieren ließen. Am nächsten Tag war das Schlagloch provisorisch verschlossen worden.

In den Spielorten der WM wurde vieles nach dem Schlagloch-Prinzip vorübergehend geregelt. Freiheiten, die in den russischen WM-Städten in den vergangenen Wochen galten, waren bloß eine Ausnahme. Normalerweise darf in der Öffentlichkeit kein Alkohol getrunken werden. Normalerweise dürfen Menschen nicht in größeren Gruppen durch die Städte ziehen und vor allem keine Transparente oder Flaggen dabei zeigen, wie es Fans aller Nationen bei der WM getan haben. Der Normalzustand dürfte schon am Tag nach dem Finale wieder aufbrechen wie ein notdürftig verschlossenes Schlagloch.

Putin nutzt WM für umstrittene Reformen

Wer die Innenstädte der Spielorte verlassen hat, bekam ein anderes Russland zu sehen. Eins, in dem die Menschen nicht weniger gastfreundlich sind, ihre Lebensbedingungen aber deutlich bescheidener und die Infrastruktur marode ist. Dort trifft man auf Taxi-Fahrer, die nach ihrer normalen Schicht noch auf eigene Rechnung weiterfahren müssen, um genug Geld zum Leben zu verdienen. Oder alte Frauen, die im Laden für wenige Rubel einen Strauß Blumen kaufen und diesen an Metro-Stationen am Moskauer Stadtrand für einen kleinen Gewinn weiterverkaufen wollen. Not macht erfinderisch.

Szene an der Moskauer Metro-Station Kievskaya: Die Frauen verkaufen Blumensträuße aus benachbarten Läden weiter, um genug Geld zum Leben zu haben. (Quelle: t-online.de)Szene an der Moskauer Metro-Station Kievskaya: Die Frauen verkaufen Blumensträuße aus benachbarten Läden weiter, um genug Geld zum Leben zu haben. (Quelle: t-online.de)

Vieles bei dieser WM war Schein, eine ablenkende Fassade, die Russlands Machthaber Wladimir Putin mit seiner Partei Einiges Russland für umstrittene Reformen genutzt hat. Das Renteneintrittsalter ist während des Turniers drastisch angehoben worden, für Männer wird es von 60 schrittweise auf zukünftig 65 Jahre angehoben. Die Lebenserwartung der russischen Männer liegt aber aktuell bei gerade einmal 66 Jahren – und sie steigt deutlich langsamer als nun das Renteneintrittsalter erhöht wird. Für viele Russen heißt das: Arbeit bis zum Tod.

Mehr Krieg und totale Überwachung

Zum 1. Juli ist die seit zwei Jahren beschlossene Vorratsdatenspeicherung in Russland in Kraft getreten. Nachrichten, Fotos, besuchte Webseiten – einfach alle Daten der Internetnutzer müssen künftig für sechs Monate gespeichert werden, ohne Begründung oder Anordnung eines Richters. In Deutschland war ein entsprechendes Gesetz ebenfalls geplant, wurde aber von Gerichten als verfassungswidrig eingestuft.

Die Kriege in Syrien und der Ukraine hat Putin während der WM ungehindert fortgesetzt, manche Experten sagen sogar: er hat sie intensiviert.

Putins Plan geht nicht auf

International wurde alldem weniger Beachtung geschenkt als üblich, WM-Besucher bekamen es nur selten mit. Sind all die positiven Eindrücke und Erinnerungen deshalb nichts mehr wert?

Nein, es ist der große Widerspruch dieser WM, dass sie politisch benutzt wurde, gleichzeitig aber für sportlich historische Bilder gesorgt hat. Sie hat vielen Russen in den großen Städten und Ballungsräumen das Misstrauen gegenüber Fremden zudem ein Stück weit genommen. Die Gastfreundschaft und Sorgfältigkeit mit der viele Russen für einen reibungslosen Ablauf der WM gesorgt haben, hat umgekehrt das Bild des Landes in der Welt verbessert.

Politische Veränderung sind deshalb aber nicht zu erwarten. Andrej Kolesnikow vom Carnegie-Zentrum in Moskau glaubt, dass die WM keinen langfristigen politischen Effekt haben wird. „Dies ist nur Fußball, es bringt kein demokratisches Denken“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. „Dies ist das Land, das das potemkinsche Dorf erfunden hat“, sagte er in Anspielung auf die Geschichte, wonach in Russland marode Häuser hinter hübschen Fassaden vor dem Blick des Herrschers versteckt wurden.

Trotzdem ist Putins Plan nicht aufgegangen. Denn seine Landsleute haben sich in ihrer Meinung trotz der WM-Euphorie kaum beeinflussen lassen. Putins Beliebtheitswerte sinken weiter. Der russische Präsident war nur selten im Stadion zu sehen, wohl auch aus Angst vor Misserfolgen des eigenen Teams. So verbinden ihn die Menschen kaum mit dem WM-Erfolg. Laut einer Umfrage des unabhängigen Forschungsinstituts Levada glauben zudem 42 Prozent der Russen, dass das Land sich in die falsche Richtung entwickelt.

Verwendete Quellen:

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