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Ende der Ära Jogi Löw beim DFB – vom Zauberer zum Zauderer


Ende der Ära Jogi Löw  

Vom Zauberer zum Zauderer

30.06.2021, 09:30 Uhr
Joachim Löw: So bewertet er sein letztes Spiel als Bundestrainer

Die Achtelfinal-Niederlage gegen England bei der EM war auch das letzte Spiel von Joachim Löw als Bundestrainer. Nach dem Aus stellte sich Löw den Fragen der Journalisten. (Quelle: MagentaTV)

Joachim Löw: So bewertet er das EM-Aus und sein letztes Spiel als Bundestrainer. (Quelle: MagentaTV)


Das war's. Die Amtszeit von Joachim Löw als Trainer der deutschen Nationalmannschaft ist beendet. Ein Rückblick auf 15 intensive Jahre.

16. August 2006, Gelsenkirchen. 53.000 Menschen feiern auf den Rängen der Schalker Arena. "Volle Kraft voraus" ist auf Plakaten zu lesen, die die Heimmannschaft antreiben soll. Deutschland trifft im ersten Spiel nach der Heim-WM auf Schweden.

Als um 22.33 Uhr der italienische Schiedsrichter Stefano Farina das Freundschaftsspiel abpfeift, bricht Jubel auf den Rängen aus. Das DFB-Team hat soeben den Gegner souverän mit 3:0 besiegt. Wie schon im Achtelfinale der Weltmeisterschaft (2:0) einige Wochen zuvor, gelingt der deutschen Mannschaft auch an diesem Abend auf Schalke ein ungefährdeter Sieg. Es gab nur eine Änderung: Nicht Jürgen Klinsmann stand als Cheftrainer an der Seitenlinie, sondern Joachim Löw. Der neue Mann.

Es war der erste Sieg in der Ära Löw. Ein gut organisierter Auftritt, durchgeführt mit "högschder Disziplin". Löw, dem Loyalität und Ehrlichkeit so wichtig sind wie nichts anderes, steht plötzlich in der ersten Reihe. 

Freundschaftsspiel Deutschland - Schweden 3:0/ 16.08.2006 Bundestrainer Joachim Löw (l.) und Tw.Tr. Andreas Koepke. 1. S (Quelle: imago images/Horstmüller)Joachim Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke: In seinem ersten Spiel als Cheftrainer des DFB-Teams gewann die Nationalmannschaft mit 3:0 gegen Schweden. (Quelle: Horstmüller/imago images)

Gut 15 Jahre später endet mit dem 0:2 in Wembley gegen England seine Zeit beim DFB. Wie 2006, als Löw den bisherigen Cheftrainer Klinsmann beerbte, folgt auf ihn nun sein früherer Co-Trainer Hansi Flick.

Und Löw? Bereits vor Turnierbeginn hatte der Schwarzwälder klargestellt, dass seine Trainerkarriere mit dem Ende beim DFB keinesfalls vorbei sei. Wohin es ihn ziehen wird, ist nicht bekannt. Fest steht: Die Ära Löw wird trotz des frühen Ausscheidens gegen England als eine der erfolgreichsten in die Geschichte des deutschen Fußballs eingehen. Dabei stand sie schon nach knapp sechs Jahre nach jenem ersten Spiel gegen Schweden am Scheidepunkt.

Die Sehnsucht nach dem Titel

Das Erbe Jürgen Klinsmanns anzutreten, nachdem die Welt zu Gast bei Freunden ein berauschendes Fest feierte, war nicht die leichteste Aufgabe. Doch Löw überzeugte seine Kritiker vom Start weg. Bei seinem ersten Turnier als Hauptverantwortlicher, der EM 2008, erreichte sein Team mit starken Vorstellungen das Finale. Erst an der Übermannschaft aus Spanien scheitert er. Zwei Jahre später trotzte die junge Mannschaft um Sami Khedira und Mesut Özil dem Ausfall Michael Ballacks und erreichte nach furiosen Siegen über England (4:1) und Argentinien (4:0) das Halbfinale. Wie schon bei der WM 2006 spielte sich das DFB-Team auf Platz drei. Ein passabler Erfolg, doch die Mannschaft wollte mehr. Löw wollte mehr. 

Was aber folgte, war die nächste Enttäuschung. 1:2 im Halbfinale der EM 2012, gescheitert am stählernen Italiener Mario Balotelli. Löw gerät zunehmend in die Kritik. Er habe sich vercoacht, heißt es. Noch größer wird die landesweite Skepsis, als die deutsche Mannschaft im darauffolgenden Herbst in Berlin in der letzten halben Stunde des WM-Qualifikationsspiels gegen Schweden eine 4:0-Führung verspielt. 4:4 heißt es am Ende. "Ich befinde mich in Schockstarre", sagt ein konsternierter Löw nach Abpfiff vor die Kameras. Der Bundestrainer fällt in ein Loch. Kritik hagelt es von allen Seiten. Die Zweifel werden größer. Ist der nach außen zuweilen spröde und beratungsresistent wirkende Badener in der Lage, das DFB-Team zum ersten Titel seit der EM 1996 zu führen? Ja, ist er.

Die Erlösung von Rio

Im Sommer 2014 vollbringt er das, was zuvor noch keinem Trainer gelungen war. Als erste europäische Mannschaft holt Deutschland den WM-Pokal auf südamerikanischem Boden. Die Elf um Schweinsteiger, Özil, Lahm, Klose und Co. kämpft sich – angetrieben von den Enttäuschungen der vorangegangenen Jahre – ins Turnier. Dabei bleibt nicht nur der Finalsieg nach Verlängerung gegen Argentinien im Gedächtnis, sondern insbesondere das surreal anmutende 7:1 im Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien. Bereits zur Halbzeit führt Deutschland mit 5:0. Ein wahnwitziger Zwischenstand.

Joachim Löw am Strand von Santo Andre: Drei Wochen, nachdem dieses Bild entsteht, holt das DFB-Team den WM-Titel.  (Quelle: imago images/HJS)Joachim Löw am Strand von Santo André: Drei Wochen nachdem dieses Bild entsteht, holt das DFB-Team den WM-Titel. (Quelle: HJS/imago images)

"Wenn ich einen sehe, der die Brasilianer verarscht, wechsele ich ihn sofort aus. Wir starten jetzt wieder bei 0:0, wollen auch die zweite Halbzeit gewinnen", soll Löw zur Pause gesagt und damit den richtigen Ton getroffen haben. Fünf Tage später folgt die Vollendung. Weltmeister. Endlich. Der Olymp war bestiegen. Das perfekte Ende?

Löw will mehr

Während Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose ihre Nationalmannschaftskarriere beenden, denkt Löw nicht ans Aufhören. Doch er weiß auch, dass er die Mannschaft neu erfinden muss. "Ich habe mich gefragt, was mache ich denn jetzt eigentlich? Dann dachte ich, okay, das war vielleicht jetzt der größte Erfolg, aber nun wird es richtig schwierig", erzählte er jüngst in einem Interview mit der "Zeit". Löw ist nicht weit weg von einer "depressiven Verstimmung".

Dennoch sieht er das große Potenzial in der Mannschaft, die er zum vierten Stern geführt hat. Der EM-Titel steht noch aus. Löw ist fest entschlossen, sein Werk zu vollenden und auch die Europameisterschaft zu gewinnen. Eine Ära zu prägen, wie es die von Löw so geschätzten Spanier von 2008 bis 2012 getan hatten.

Doch das Vorhaben endet wie schon vier Jahre zuvor im Halbfinale. Aus gegen Gastgeber Frankreich. Wieder muss Löw den Schock erst einmal sacken lassen. Doch der Ehrgeiz, den Weltmeistertitel von Rio in Russland zu verteidigen, ist ungebrochen. Löw, mit dem Status des Weltmeistertrainers nun unantastbar, hat es sich zum Ziel erklärt, den fünften Stern zu holen. Der Sieg beim Confederations Cup 2017 wähnt ihn auf dem richtigen Weg. Doch statt der Titelverteidigung erlebt Löw die größte Schmach seiner Nationalmannschaftskarriere: das Aus in der Gruppenphase.

Die Schmach von Kasan

Löw, der sich zuvor cool, ja fast erhaben, und locker joggend am Strand von Sotschi gibt, scheitert krachend. Das 0:2 gegen Südkorea in Kasan macht jegliche Titelträume abrupt zunichte, die Mannschaft erstickt förmlich am von Löw aufdiktierten Ballbesitzfußball. Man habe arrogant gespielt, gesteht sich der Bundestrainer später ein. Das muss das Ende der 13-jährigen Ära Löw sein, sind sich einige sicher. Doch Löw möchte es wiedergutmachen. So will er nicht abtreten.

Ein Aus mit Schrecken: Joachim Löw scheiterte mit der DFB-Elf in der Vorrunde bei der WM 2018.  (Quelle: imago images/ActionPictures)Ein Aus mit Schrecken: Joachim Löw scheiterte mit der DFB-Elf in der Vorrunde bei der WM 2018. (Quelle: ActionPictures/imago images)

Wenn ein Begriff über die Jahre mit Joachim Löw assoziiert wurde, dann der der Sturheit. Bereits nach der WM 2014 legte er sich einen Panzer zu. Seitdem wirkte er noch unnahbarer – und doch fest entschlossen. Spätestens nach dem enttäuschenden Scheitern 2018 macht sich allerdings das allumfassende Gefühl breit: Es ist Zeit für etwas Neues. Das weiß auch Löw. Also gibt er noch vor der EM in diesem Jahr seinen Rücktritt bekannt.

Eine befreiende Entscheidung, denn so liegt der Fokus bei der EM 2021 voll auf der Mannschaft. Das zumindest war der Plan. Gelaufen ist es anders. Das Achtelfinal-Aus gegen England ist keine Tragödie, aber eine mehr als große Enttäuschung, an der der Trainer einen großen Anteil hat. 

Löw geht durch die Hintertür

Die Ära Löw endet mit diesem 0:2 im Wembley-Stadion von London. Wie gerne hätte er hier noch einmal selbst positive deutsche Fußballgeschichte geschrieben, sich mit einem Triumph verabschiedet. Jetzt geht er durch die Hintertür.

Und nun? Wartet erst einmal die große Leere. "Ich werde Zeit brauchen, um mich nach 17 Jahren bei der Nationalmannschaft emotional freizumachen", sagte er schon vor Turnierbeginn. 

"Ich stelle es mir erst mal erleichternd vor, Verantwortung abzugeben, zumindest für eine gewisse Zeit. Verantwortung ist manchmal schon eine Last. Ich freue mich auf eine gewisse Freiheit. Es wird neue Aufgaben geben." Welche es auch sein mag: Löw wird sie nur aus voller Überzeugung angehen. Ganz oder gar nicht. Mit "högschder Disziplin". Wie auch sonst.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche

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