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Stefan Effenberg über Bayern-Trainer Nagelsmann: Lobeshymnen wären unangebracht


Das wäre unangebracht

Eine Kolumne von Stefan Effenberg

Aktualisiert am 22.10.2022Lesedauer: 5 Min.
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Julian Nagelsmann: Der Bayern-Trainer steht in dieser Saison stark im Rampenlicht.Vergrößern des Bildes
Julian Nagelsmann: Der Bayern-Trainer steht in dieser Saison stark im Rampenlicht. (Quelle: IMAGO)

Der FC Bayern ist wieder am Siegen. Aber: Ich habe Trainer Julian Nagelsmann kritisch gesehen und will jetzt auch nicht ins andere Extrem der Lobeshymnen einsteigen.

Der FC Bayern hat sich mit dem 5:2 im DFB-Pokal in Augsburg erfolgreich für die 0:1-Niederlage vor vier Wochen an gleicher Stelle in der Bundesliga revanchiert. So einen Ausrutscher konnten sie sich nicht zweimal erlauben. Mit dem erneuten Pokal-Aus hätte ihnen ansonsten eine sehr lange und unruhige Winterpause gedroht.

Vor zwei Jahren sind sie im Elfmeterschießen in Kiel ausgeschieden, letzte Saison gab es das desolate 0:5 in Gladbach. Dementsprechend haben sie in diesem Wettbewerb etwas gutzumachen.

Wenn du in der Bundesliga in Augsburg verlierst, kannst du es noch an 33 anderen Spieltagen geraderücken. Im Pokal geht das nicht. Diesen Test haben sie bestanden, bei Bayern München geht es aber Woche für Woche darum, Charakter zu zeigen. Nagelsmann stand nach der Niederlage in Augsburg besonders unter Druck und hat diesem mit seiner Mannschaft vorerst standgehalten.

Keine Lobeshymnen

In der Champions League haben sie ihre Gruppe eindrucksvoll beherrscht und dominiert. Auch im Pokal überwintern sie nun. Aber in der Bundesliga müssen sie noch liefern. Ich habe Nagelsmann und die Bayern vor vier Wochen angebracht kritisch gesehen und will jetzt auch nicht ins andere Extrem der Lobeshymnen einsteigen, nur weil sie in Augsburg gewonnen haben. Das wäre unangebracht. Da müssen noch ein paar Siege folgen, um endlich mal wieder nach Berlin zu kommen, was der Anspruch sein muss.

Richtig beeindruckt hat mich Eric Maxim Choupo-Moting. Vorneweg: Für Robert Lewandowski gibt es keinen gleichwertigen Ersatz, genauso wie es früher für Gerd Müller keinen gab. Aber Choupo-Moting hat gezeigt: Wenn du ihn brauchst, ist er da und funktioniert auf Knopfdruck.

Nicht nur durch die Tore, die er gemacht hat, sondern auch, wie er fürs Team arbeitet, die Bälle vorne festmacht. Bayern hat gesehen, dass er sich Spielzeiten verdient und diese auch braucht. Du kannst immer auf ihn zurückgreifen, weil er einfach geil ist aufs Fußballspielen. Man sieht ihm die Freude förmlich an, er ist ein absolut positiver Charakter. Du hast auch nie irgendetwas Negatives von ihm gehört, obwohl er häufig ja nur auf der Bank saß.

Er macht jetzt das, was man von einer echten Neun erwartet. Mit der hat der Rekordmeister ja traditionell gespielt. Das war immer die Philosophie. Durch den Abgang von Lewandowski hat sich das ein bisschen geändert, auch die Spielanlage. Man hat aber gesehen, wenn man wieder auf einen echten Mittelstürmer zurückgreifen kann, der funktioniert, ist jeder happy – nicht nur Nagelsmann, sondern auch die Mitspieler. Das ist Bayern-München-DNA. Das heißt nicht, dass das andere System nicht funktioniert hat, in dem sie auch Tore geschossen haben. Jetzt waren es aber in zwei Spielen zehn. Das ist eine Topquote und auch ein Verdienst von Choupo-Moting.

Union kann weiter oben mitspielen

Bis zur WM-Pause wieder auf Platz eins zu stehen, ist jetzt zwar nicht das Allerwichtigste, weil danach auch noch 19 Partien zu spielen sind. Allerdings sollte der Rückstand von vier Punkten auf Union auch nicht noch größer werden. Berlin ist nämlich in der Lage, bis zur WM noch alle fünf Spiele zu gewinnen und bis zum Ende oben mitzuspielen. Das haben sie spätestens mit dem 2:0 gegen Dortmund bewiesen. Da haben sie zwei Fehler des BVB eiskalt ausgenutzt.

Und hinten lassen sie extrem wenig zu, stellen mit nur sechs Gegentreffern die beste Abwehr der Liga. Sie haben zwar auch nur 18 Tore geschossen. Aber genau das ist auch ihre Spielanlage, die sich perfekt im Torverhältnis widerspiegelt: sehr kompakt, stark in der Defensive. Gleichzeitig sind sie aber auch nicht spektakulär attraktiv im Spiel nach vorne und brennen da irgendwelche Feuerwerke ab. Das müssen sie auch gar nicht und haben auch mal das Quäntchen Glück auf ihrer Seite. Union kann Bayern schon gefährlich werden. Und wenn sie im Februar noch da oben stehen, dann wird es ganz heiß.

Für die Fußballfans ist das doch etwas Schönes: Ein Überraschungs-Tabellenführer und die ganze Mannschaft dahinter von Platz zwei bis acht trennen gerade einmal drei Punkte. Das haben sich doch alle immer gewünscht, die Bayern weniger, aber die Fußballfans mit Sicherheit. Es wird auch mindestens bis zur Winterpause so eng bleiben. Daran haben die Fans große Freude – und ich übrigens auch.

Die Teams stehen auch alle zu Recht da vorne. Die bislang größte Überraschung der Saison ist für mich Hoffenheim. Ich bin gespannt, wie sie sich am Samstag schlagen werden. Das wird keine einfache Aufgabe und die nächste Prüfung für die Bayern. Die grüßen normalerweise immer von oben, sind die Gejagten. Wenn du aber hinterherläufst und alles so eng ist, darfst du dir keine Ausrutscher mehr erlauben und nichts mehr liegenlassen. Hoffenheim wird deshalb genauso wichtig wie Augsburg. Du willst deine Patzer aus dem September nicht mitschleppen und sie dann erst im Januar korrigieren können.

Wenig Qualität ist und bleibt eben wenig Qualität

Auch am Tabellenende will niemand komplett abgeschlagen in die lange Winterpause gehen. Nach Stuttgart hat nun auch Schalke mit Frank Kramer den Trainer entlassen. Eigentlich kann ich mir da gar keinen Trainer vorstellen, der das jetzt umbiegt. Wenig Qualität ist und bleibt eben wenig Qualität. Daran kannst du auch mit einem neuen Chefcoach nicht viel ändern. Trainer sind keine Zauberer. Die Suche ist nicht so einfach, wie vielleicht gedacht.

Ich würde auch nicht sagen, dass Stuttgart nach der Trainer-Entlassung schon die Kurve bekommen, sondern einfach gegen Bochum gewonnen hat. Man darf sich von dem 4:1 nicht blenden lassen. Und ich glaube auch nicht, dass da irgendjemand in Euphorie verfällt. Der VfB wird genau wie Schalke, Bochum und Hertha bis zum Schluss gegen den Abstieg kämpfen müssen.

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Zum Schluss möchte ich noch etwas zum Thema Schiedsrichter sagen: Ich bin ein totaler Befürworter davon, die Altersgrenze, die der DFB bei 47 Jahren setzt, abzuschaffen. Wenn du physisch in der Lage bist, die vorgeschriebenen Leistungstests zu bestehen, darf das Alter niemals eine Rolle spielen. Ich wünsche mir, dass die Verantwortlichen diesen Punkt noch mal überdenken. Denn da gilt es, mal Reformen anzuschieben.

Bei Deniz Aytekin kam zuletzt mal wieder die Diskussion auf, ob er als Franke die Bayern in Dortmund pfeifen darf. Das Bundesland, aus dem der Schiedsrichter kommt, darf meiner Meinung nach gar keine Rolle spielen. Es spricht überhaupt nichts dagegen, dass er als Bayer auch mal die Münchner pfeift. Das sind absolute Profis, die sich von so etwas nicht beeinflussen lassen.

Transparenzhinweis
  • Stefan Effenberg ist Botschafter des FC Bayern München und sagt dazu: „Ich repräsentiere den FC Bayern, insbesondere im Ausland. Mein Engagement hat keinen Einfluss auf meine Kolumnen bei t-online. Hier setze ich mich weiterhin kritisch und unabhängig mit dem Fußball auseinander — auch und insbesondere mit dem FC Bayern.“
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