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Olympia 2021: Emma Hinze könnte erfolgreichste deutsche Athletin in Tokio werden

Dreifach-Weltmeisterin Hinze  

Diese Frau könnte die erfolgreichste deutsche Athletin in Tokio werden

Von Alexander Kohne

06.04.2021, 20:02 Uhr
Olympia 2021: Emma Hinze könnte erfolgreichste deutsche Athletin in Tokio werden. Emma Hinze: Nach drei WM-Goldmedaillen hofft der deutsche Bahnrad-Star auch bei den Olympischen Spielen in Tokio auf Edelmetall. (Quelle: imago images/Mausolf)

Emma Hinze: Nach drei WM-Goldmedaillen hofft der deutsche Bahnrad-Star auch bei den Olympischen Spielen in Tokio auf Edelmetall. (Quelle: Mausolf/imago images)

Bei der Bahnrad-WM im vergangenen Jahr verzauberte Emma Hinze das Publikum. Nun könnte sie die erfolgreichste deutsche Olympionikin in Tokio werden – dabei stand sie vor Kurzem noch vor dem Karriereende.

Beim Gedanken an das härteste Radrennen der Welt muss Emma Hinze spontan lachen. "Die Tour de France – das wäre nichts für mich", sagt Deutschlands beste Bahnradfahrerin zu t-online. "Ich kann gar nicht so lange auf dem Rad sitzen, bin lieber kurz richtig schnell. Das reicht mir erstmal."

So wirklich möchte man das der 23-Jährigen nicht glauben, denn ihre radsportliche Grundprägung fand auf der Straße statt. Bereits mit sieben Jahren saß Hinze das erste Mal auf dem Rennrad. Von ihrer heutigen Profession war sie da allerdings noch meilenweit entfernt. "Bis 2012 wusste ich gar nicht, was Bahnradsport genau ist – also wie das funktioniert und welche Disziplinen es gibt. Während der Olympischen Spiele in London habe ich es dann im Fernsehen gesehen und mich intensiver damit beschäftigt."

Dann ging alles ganz schnell: 2013 der Wechsel auf die Bahn, bei der ersten deutschen Meisterschaft gleich Zweite, dann zahlreiche internationale Titel im Juniorenbereich – und schließlich im Februar 2020 bei der WM in Berlin drei Titel. Mit 23 Jahren ist Hinze amtierende Weltmeisterin im Sprint, Teamsprint und Keirin. Nun gehen viele Beobachter davon aus, dass Hinze der deutsche Superstar bei den Olympischen Spielen im Sommer in Tokio wird.

Doch ihr Sport fristet medial ein Nischendasein und ist alles andere als ein Publikumsmagnet. Nur bei Olympischen Spielen und Großereignissen wie der Heim-WM wird im TV umfassender berichtet. Das wirkt sich natürlich bei den Preisgeldern aus: Während Hinze für eine Einzelgoldmedaille 3.125 Euro bekommt, gibt es für einen Tour-de-France-Etappensieg 11.000 Euro. Manche Fußball-Bundesligaspieler bekommen das für ein einziges Spiel – selbst bei einer Niederlage.

Dank drei Titeln bei der Bahnrad-WM in Berlin wurde Emma Hinze (vo., hier während des Keirin-Finales) zur Radsportlerin des Jahres 2020 gewählt. (Quelle: imago images/Annegret Hilse)Dank drei Titeln bei der Bahnrad-WM in Berlin wurde Emma Hinze (vo., hier während des Keirin-Finales) zur Radsportlerin des Jahres 2020 gewählt. (Quelle: Annegret Hilse/imago images)

Der Zeitaufwand ist derweil ähnlich – wenn nicht sogar höher. "Ich trainiere zweimal am Tag, jeweils zwei bis vier Stunden", verrät die gebürtige Hildesheimerin, die für ihrem Sport zum Olympiastützpunkt nach Cottbus gewechselt ist. Dazu kommen Notwendigkeiten im Leben einer Profi-Sportlerin wie Physiotherapie, eine entsprechende Ernährung und Mentaltraining, sodass "sich schon alles um den Sport dreht".

Dennoch kann Hinze davon nicht ihren kompletten Lebensunterhalt bestreiten. "Mir geht es finanziell ganz gut. Aber direkt leben kann ich vom Bahnradsport nicht", erklärt sie. Die Anstellung als Sportsoldatin bei der Bundeswehr gibt ihr allerdings die nötige Sicherheit, sich voll auf ihren Sport zu konzentrieren. "Da muss ich keine Olympia-Medaille vorweisen, um weiterhin befördert zu werden."

Die Sache mit dem Regenbogentrikot

Dennoch sind Wettkämpfe ein wichtiger Faktor. "Normalerweise sind wir nicht oft zu Hause, sondern viel unterwegs“, so Hinze. Die Betonung liegt dabei auf "normalerweise". Denn seit ihrem furiosen Auftritt bei der WM im Berliner Velodrom vor 14 Monaten hat die 23-Jährige keine Wettkämpfe mehr bestritten. Aufgrund der Corona-Pandemie wurden diese entweder verschoben oder ganz abgesagt.

Das trifft eine Athletin wie Hinze, die immer wieder selbst betont, dass sie ein "Wettkampftyp" sei und im direkten Vergleich regelmäßig über sich hinauswächst, besonders. Freimütig gibt sie zu: "Natürlich fehlt mir das. Außerdem ist es sehr schade, weil ich noch gar nicht in meinem Regenbogentrikot fahren konnte." Gemeint ist ein weißes Jersey mit Querstreifen in blau, rot, schwarz, gelb und grün – die begehrteste Trophäe im Frauenradsport und nur der Weltmeisterin vorbehalten.

Ganz sicher nicht tragen wird sie es bei den Olympischen Spielen. "Da fahren wir ausschließlich in den Anzügen des Verbandes – auch wenn ich dann natürlich noch amtierende Weltmeisterin bin", so Hinze, die fest davon ausgeht, dass die Spiele nach der coronabedingten Verlegung um ein Jahr in diesem Sommer stattfinden werden. Es wäre "sehr, sehr schwierig, wenn sie nochmal ausfallen. Das zieht einem wieder den Boden unter den Füßen weg und wäre für viele Athleten ein ganz schönes Brett – gerade für die, die eigentlich schon aufhören wollten und sich jetzt noch ein Jahr durchquälen."


Auch wenn Hinze betont, dass die Gesundheit natürlich Vorrang hat, würde sie für die Teilnahme an den Spielen deutliche Einschränkungen in Kauf nehmen – von fehlenden Zuschauern über besondere Unterbringungen bis hin zur Absage der Eröffnungsfeier. "Ich war bereits 2016 bei einer Eröffnungsfeier dabei. Das war eine tolle Erfahrung – und die würde ich natürlich gerne noch einmal machen. Aber gerade ist eben alles so anders als vor viereinhalb Jahren in Rio. Deshalb kann ich mir auch nicht vorstellen, dass man ins Stadion einläuft, als wäre nichts gewesen."

Mit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Rio verbindet Emma Hinze sehr positive Erinnerungen. Ob es 2021 wieder so ausgelassen wird wie vor fünf Jahren, bezweifelt sie allerdings. (Quelle: imago images/Rene Schulz)Mit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Rio verbindet Emma Hinze sehr positive Erinnerungen. Ob es 2021 wieder so ausgelassen wird wie vor fünf Jahren, bezweifelt sie allerdings. (Quelle: Rene Schulz/imago images)

Da sie 2016 nur als Ersatzfahrerin dabei war, brennt Hinze darauf, endlich als aktive Starterin an den Spielen teilzunehmen. Mit einer konkreten Zielsetzung hält sie sich allerdings zurück. "Prinzipiell sage ich das vorher eigentlich nicht. Das bringt nur Unglück. Deshalb behalte ich das in meinem Kopf", erklärt sie schmunzelnd und betont auf Nachfrage, dass sie natürlich eine besondere Zielsetzung habe. Dass diese mindestens eine Goldmedaille beinhalten dürfte, lassen Aussagen aus der Vergangenheit vermuten.

Der "Lausitzer Rundschau" verriet Hinze beispielsweise, 2020 gelernt zu haben, dass "mir ein zweiter Platz nicht mehr genügt". Darauf angesprochen relativiert sie: "Ich habe das gesagt, weil ich bei sehr vielen Weltcups im Sprint immer Zweite geworden bin. Und bei der WM war ich im Finale und da hat es mir einfach nicht mehr gereicht, nur Silber zu gewinnen." Eine Aussage voller Selbstvertrauen. Aufgrund der fehlenden Wettkämpfe sei es aktuell allerdings sehr schwer einzuschätzen, wo sie im Vergleich zur Konkurrenz stehe. Vorhersagen sind entsprechend diffizil.

Zumindest in Bezug auf das Training fällt ihr das leichter. Nachdem sie im ersten Lockdown größtenteils allein trainieren musste, geht das mittlerweile auch wieder mit ihrer Trainingsgruppe. Im Januar war das deutsche Team im Trainingslager in Rhodos, zuletzt stand ein weiteres in Südfrankreich an. Dabei setzt Hinze besondere Schwerpunkte: "Ich war den anderen bei der WM nicht überlegen, weil ich mehr Kraft hatte, sondern einfach viel schneller treten konnte. Aber ich habe nicht übertrieben viel Kraft." Deshalb arbeite sie daran, ihre "Kraftbasis" zu erhöhen. Der Hintergrund: "Ich mache das, um andere Gänge fahren zu können. Die Tendenz bei uns im Sprint ist einfach, dass die Gänge immer größer werden."

Karriereende vor Augen

Einen wichtigen Anteil an Hinzes sportlicher Entwicklung hat Trainer Alexander Harisanow, der für die Radsportlerin des Jahres eine besondere Bezugsperson ist und ihr half, auch schwere Krisen zu meistern. Der "Lausitzer Rundschau" verriet sie sogar mal: "Hätte ich Herrn Harisanow nicht getroffen, würde ich jetzt keinen Leistungssport mehr betreiben." Denn 2017 stand wegen anhaltender Knie- und Rückenschmerzen sogar das Karriereende im Raum.

"Ich konnte überhaupt nicht trainieren, schon morgens beim Aufstehen tat mir alles weh." Harisanow soll angeblich sogar gesagt haben: "Emma, du bewegst dich wie eine Oma." Hintergrund war ein falsch diagnostizierter Bandscheibenvorfall, der eigentlich eine "Aneinanderreihung von zu viel Training und einer falschen Körperhaltung" war. "Mein Rücken war ­total schief. Und immer gegen diese Schmerzen zu trainieren, ist halt nicht gesund", so Hinze. Dann traf sie bei der deutschen Meisterschaft in Frankfurt/Oder zufällig ihren alten Jugendtrainer und bat ihn um Hilfe. "Mein Trainer und ich wussten am Anfang auch nicht, ­welcher Weg der richtige ist. Wir haben viel ausprobiert", so Hinze die sich mit Harisanows Unterstützung peu à peu zurückarbeitete – und damit Erfolg hatte.

Stabile Seitenlage: Auf der Bahn ist höchste Radbeherrschung gefragt. Emma Hinze ist dort seit 2013 unterwegs. (Quelle: imago images/Annegret Hilse)Stabile Seitenlage: Auf der Bahn ist höchste Radbeherrschung gefragt. Emma Hinze ist dort seit 2013 unterwegs. (Quelle: Annegret Hilse/imago images)

Nichtsdestotrotz ist ihr seitdem umso bewusster, dass es mit der Sportlerkarriere auch schnell vorbei sein kann. Ein Wechsel von der Bahn auf die Straße, wie ihn die 2012 von Hinze noch am heimischen Fernseher bewunderten Olympiasieger Bradley Wiggins und Geraint Thomas vollzogen, ist für sie aus eingangs genannten Gründen unvorstellbar – auch, wenn das bei Wiggins und Thomas sogar mit dem Sieg bei der Tour de France gekrönt wurde.

Eine offizielle Frankreichrundfahrt für Frauen würde Hinze derweil begrüßen: "Ich bin dafür, dass es auch eine Tour de France für Frauen gibt. Es wäre cool, wenn auch Frauen so ein Rennen hätten, das über mehrere Tage geht und das man auch im Fernsehen schauen kann." Prinzipiell finde sie es immer gut, wenn Frauen die gleichen Chancen hätten wie Männer. "Genauso bei den Preisgeldern. Das ist auch unfair geregelt, dass wir bei gleicher Leistung weniger bekommen." Und anders als beim spontanen Gedanken an die Tour lacht sie dabei nicht.

Verwendete Quellen:

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