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Biathlon-Chaos? Disl warnt: "Wenn man Pech hat, ist das halbe Feld weg"


"Wenn man Pech hat, ist das halbe Feld weg"

Von Alexander Kohne

Aktualisiert am 25.11.2023Lesedauer: 6 Min.
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Uschi Disl: Die ehemalige Biathletin gehörte während ihrer aktiven Karriere dank ihrer erfrischenden Art zu den beliebtesten deutschen Sportlerinnen.Vergrößern des Bildes
Uschi Disl: Die ehemalige Biathletin gehörte während ihrer aktiven Karriere dank ihrer erfrischenden Art zu den beliebtesten deutschen Sportlerinnen. (Quelle: imago)

Heute startet die neue Biathlon-Saison. Die Aussichten des deutschen Teams sind so schlecht wie lange nicht mehr. DSV-Legende Uschi Disl erklärt, warum.

Nach einem Dreivierteljahr ist Deutschlands beliebteste Wintersportart zurück: Im schwedischen Östersund beginnt die neue Biathlon-Saison. Mit dabei ist auch Uschi Disl. Die als "Turbo-Disl" bekannt gewordene ehemalige Athletin verhalf dem Sport in den 1990er-Jahren zum endgültigen Durchbruch in Deutschland. Mittlerweile lebt sie wenige Autostunden von Östersund entfernt und kommentiert die Rennen im schwedischen Radio.

t-online: Frau Disl, heute beginnt die neue Saison. Die deutschen Herren haben dafür sogar im Windkanal getestet. Was halten Sie davon?

Uschi Disl: Man kann alles optimieren, von daher schadet es nicht, so etwas auszuprobieren. Der norwegische Gesamtweltcupsieger Johannes Thingnes Bö hat sich beispielsweise ein großes Laufband gekauft, auf dem er zu Hause mit Skirollern trainiert. Und nachdem Fluor in der Skipräparation nicht mehr zugelassen ist, wird es für die Athletinnen und Athleten in der neuen Saison eh schwieriger.

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Uschi Disl wohnt seit über zehn Jahren in Schweden. (Quelle: IMAGO/MATHIAS BERGELD/imago)

Uschi Disl

Die gebürtige Bayerin wurde zwischen 1990 und 2006 zu einer Institution im Biathlon-Weltcup. Mit zwei Gold-, vier Silber- und drei Bronzemedaillen gehört sie zu den erfolgreichsten deutschen Winterolympionikinnen. Heute wohnt sie mit ihrer Familie im schwedischen Mora und ist Expertin beim schwedischen Radio.

Sie meinen das Fluorwachs-Verbot für Skier, das die Umsetzung einer EU-Richtlinie ist und in dieser Saison erstmals vollumfänglich gilt. Im alpinen Skizirkus hat das für viel Ärger gesorgt – bis hin zu überraschenden Disqualifikationen. Droht ein solches Chaos auch im Biathlon?

Ja, das wird beim Biathlon schätzungsweise genauso passieren. Man kann nur hoffen, dass es alle hinkriegen – aber den einen oder anderen wird es sicher erwischen, gerade von den kleineren Nationen. Wenn die komplett neues Zubehör zur Skipräparation kaufen müssen, ist das eine große Investition. Von daher erwarte ich, dass es gerade die kleineren Nationen erwischt.

Bei den Alpinen traf es mit der Norwegerin Ragnhild Mowinckel zum Saisonstart einen echten Star. Sie wurde wegen einer Fluor-Verunreinigung an den Skiern disqualifiziert, war zuvor im Training aber nicht aufgefallen. Wie kann das sein?

So etwas kann sogar relativ leicht passieren. Ich habe ja hier im Hause einen Experten sitzen (Disls Lebensgefährte Thomas Söderberg ist Skitechniker des schwedischen Teams, Anm. d. Red.) und er sagt, wenn die Testergebnisse über dem Wert vier liegen, wurde bei der Präparation definitiv Fluor genutzt. Bei niedrigeren Werten kann man dagegen davon ausgehen, dass diese durch Verunreinigungen wie die Nutzung alter Bürsten zustande kamen, aber niemand betrügen wollte. Wenn dadurch gerade zum Saisonstart Verunsicherung im Feld herrscht, ist das alles andere als optimal. Und wenn man Pech hat, ist das halbe Feld weg.

Sollte man dafür den Grenzwert gerade zu Saisonbeginn heraufsetzen?

Ja, ich wäre klar dafür, dass der Grenzwert gerade am Anfang noch nicht so niedrig sein sollte. Aktuell liegt dieser bei 1,8.

Fluor ist wasserabweisend, wodurch die Skier besser gleiten. Es ist allerdings auch umweltschädlich. Themen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit werden im Wintersport immer wichtiger. Dennoch zieht der Biathlon-Weltcup im März komplett nach Nordamerika um. Was halten Sie davon?

Das kann man diskutieren. Aber abgesehen von den letzten Weltcups in Nordamerika frage ich mich, warum die IBU (Biathlon-Weltverband, Anm. d. Red.) keine umweltfreundlichere Weltcupplanung macht? Gestartet wird in Östersund in Schweden, dann geht es nach Österreich. Warum beginnt man nicht mit drei Weltcups in Skandinavien und geht dann für drei Weltcups nach Mitteleuropa – damit die Wege möglichst kurz sind?

Sollte es auch weniger als die aktuell 70 Rennen geben?

Nein, das gar nicht unbedingt. Aber die Weltcuporte sollten anders eingeteilt werden. Man könnte auch zwei Weltcups an einem Ort austragen, wenn zu dem Zeitpunkt dort Schneesicherheit herrscht. Wichtig ist vor allem, weniger zu reisen – denn da geht es nicht nur um die Athletinnen und Athleten, sondern auch um die Teams drumherum.

Noch mal zum Fluorwachs-Verbot: In der Vorbereitung haben sich die Norweger offenbar am besten darauf eingestellt. Bei den Herren waren in den Top 10 teilweise ausschließlich Norweger vertreten. Was machen die besser als alle anderen?

Ich kann es nicht im Detail beurteilen, weil man gerade in der Vorbereitung noch experimentiert. Aber offenbar haben sie sich bisher am besten angepasst. Dazu gab es auch Kommentare von Ole Einar Björndalen, …

… der unter anderem über das deutsche Team urteilte: "Es sah lächerlich aus und es war schrecklich anzusehen. Ich stand auf der Strecke und sah, wie die Deutschen schnell bergauf fuhren, aber bergab konnten sie überhaupt nicht mithalten."

Genau. Aber die Skipräparation ist eine Wissenschaft für sich, das weiß ich sehr genau durch meinen Lebensgefährten. Ob Ski, Schliff oder Randstruktur – da gibt es viele Faktoren.

Was ist denn von den deutschen Herren zu erwarten?

Die vergangene Saison war ein bisschen durchwachsen – auch wenn es fünf Podestplätze mit einem Sieg von Benedikt Doll in Östersund gab. Die Norweger und speziell Johannes Thingnes Bö werden auch in dieser Saison schwer zu schlagen sein.

Bö hat in der Vorsaison 19 Einzelwettkämpfe gewonnen. Und mit Sturla Holm Laegreid kommt ein Athlet nach, der fast genauso gut ist. Dennoch denke ich, dass die Deutschen zumindest in einzelnen Rennen gute Chancen haben, ganz vorne mitzuhalten – allen voran Doll, aber auch Roman Rees und David Zobel.

Bö hat 2022/23 einen neuen Siegrekord aufgestellt. Wird er diesen nun noch einmal verbessern und sogar alle Individualrennen gewinnen?

Zuzutrauen ist es ihm auf jeden Fall. Aber die Franzosen, die Schweden und die Deutschen werden etwas dagegen haben – ganz abgesehen von Bös Konkurrenz im eigenen Team. Doch er ist körperlich und mental ein Ausnahmetalent, kann sehr gut mit Druck umgehen und sich am Schießstand extrem fokussieren.

Ist Bö mit 30 Jahren auf dem Weg, der beste Biathlet aller Zeiten zu werden?

Für mich ist er eigentlich schon der beste Biathlet aller Zeiten – zusammen mit Björndalen. Und das größte Talent, das es je im Biathlon gegeben hat.

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Kommen wir zu den deutschen Damen: Wie groß ist das Loch, das Olympiasiegerin Denise Herrmann-Wick nach ihrem Rücktritt im Team hinterlassen hat?

Das ist schon sehr groß. Die deutschen Damen sind mehr denn je in einer Findungsphase. Jetzt wird sich zeigen, wer in Denises Fußstapfen treten kann. Den einen oder anderen Podiumsplatz im Weltcup erwarte ich aber schon – da kommt noch was.

Und wer könnte am ehesten in Herrmann-Wicks Fußstapfen treten?

Franziska Preuß, die nach einer schwierigen Vorsaison im Sommer überzeugt hat und dreifache deutsche Meisterin geworden ist. Sie ist als Staffel-Weltmeisterin mit 29 Jahren jetzt die Erfahrenste im Team. Nach der schwierigen letzten Saison, bei der sie gesundheitsbedingt vorzeitig aussteigen musste, ist für Preuß nun das Wichtigste, gesund zu bleiben. Ich glaube, dass sie die Fahne jetzt hochhalten wird. Wie es dann weitergeht, wird sich zeigen. Neben Hanna Kebinger haben auch Vanessa Voigt und Sophia Schneider in der Vergangenheit überzeugt. Lassen wir denen ein, zwei Jahre Zeit und dann wird sich sicher etwas herauskristallisieren.

Was ist mit Selina Grotian? Die ist 19 Jahre alt, hat bei der Junioren-WM in Frühjahr vier Titel geholt und wird oft als legitime Nachfolgerin von Laura Dahlmeier tituliert.

Selina Grotian ist offenbar eines der größten Talente, das wir in Deutschland haben. Aber man sollte sich mit der Erwartungshaltung sehr zurückhalten – denn sie ist noch sehr jung und muss sich im Weltcup erst einfinden. Man sollte ihr Zeit geben, sich zu entwickeln – ohne großen Druck. Und ihr nicht schon jetzt diesen Stress, ein zukünftiger Superstar zu sein, anhängen.

Noch mal zu Herrmann-Wick. Sie hat in der vergangenen Saison als einzige Deutsche Einzelsiege geholt. Ist in dieser Saison bei den Damen kein Einzelsieg zu erwarten?

Nein, ehrlich gesagt erwarte ich in dieser Saison keinen Weltcupsieg der deutschen Damen in den Einzelrennen. Mit der starken Konkurrenz aus Frankreich, Norwegen, Italien und Schweden wird das sehr schwer.

Und wen sehen Sie am Ende im Weltcup ganz vorne?

Vorjahressiegerin Julia Simon hat in der Vorbereitung trotz eines turbulenten Sommers einen starken Eindruck gemacht, auch Lisa Vittozzi scheint gut drauf zu sein – ebenso wie Ingrid Landmark Tandrevold.

Mein Tipp ist allerdings ganz, ganz eindeutig Elvira Öberg – unter der Bedingung, dass sie gesund durch den Winter kommt. Ich weiß, dass sie heuer schon in richtig guter Form und gesund durch den Sommer gekommen ist. Zudem wäre sie in der vergangenen Saison im Weltcup viel weiter vorne gelandet, wenn sie nicht um Weihnachten krank geworden wäre.

Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Uschi Disl
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