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100 Jahre Radio in Deutschland

Von dpa
Aktualisiert am 21.12.2020Lesedauer: 4 Min.
Das Quelle-Radioger├Ąt Simonetta Stereo-Gro├čsuper ST 6501 stammt aus dem Jahr 1965.
Das Quelle-Radioger├Ąt Simonetta Stereo-Gro├čsuper ST 6501 stammt aus dem Jahr 1965. (Quelle: Daniel Karmann/dpa./dpa)
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K├Ânigs Wusterhausen (dpa) - Es war ein besinnlicher Start. Mit einer kleinen Ansprache und dem Lied "Stille Nacht" begann vor 100 Jahren die Geschichte des Radios in Deutschland. Am 22. Dezember 1920 hatten sich Postbeamte auf dem Funkerberg in K├Ânigs Wusterhausen s├╝d├Âstlich von Berlin zu einem Weihnachtskonzert versammelt - die Live-├ťbertragung ihrer Musik gilt als erste deutsche Rundfunksendung.

"Man kann es gar nicht so genau sagen, wie viele Menschen die Sendung damals geh├Ârt haben. Denn es gab noch keinen offiziellen Rundfunk in Deutschland, der wurde erst 1923 eingerichtet", sagt Florian Sch├╝tz. Er ist einer der beiden Kuratoren der Ausstellung "On Air. 100 Jahre Radio" im Museum f├╝r Kommunikation Berlin. Die Schau ist wegen Corona geschlossen, aber ├╝ber das Internet gut zug├Ąnglich. "Das H├Âren dieses ausgestrahlten Programms war auf deutschem Gebiet 'Schwarzh├Âren'." Niemand habe also 1920 Interesse gehabt, sich als Zuh├Ârer zu outen.

Schon wenige Jahre sp├Ąter ist das Radio auf dem Weg zum Massenmedium. Anfang 1924 sind 1580 Rundfunkteilnehmer angemeldet, am Jahresende fast 550.000, ein Jahr sp├Ąter ist die Millionengrenze ├╝berschritten. "Radio ist in erster Linie einfach mal ein Unterhaltungsmedium", sagte Hans-Ulrich Wagner, Leiter des Instituts f├╝r Mediengeschichte am Leibniz-Institut f├╝r Medienforschung in Hamburg, k├╝rzlich im Deutschlandfunk ├╝ber die Anf├Ąnge bilanzierend.

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"Nat├╝rlich beginnen sofort ├ťberlegungen: Was kann das auch noch sein?", so Wagner. Der wichtige Radiopionier Hans Bredow (1879-1959), dem auch die Erfindung des Wortes "Rundfunk" zugeschrieben wird, habe zum Beispiel "in den 20er Jahren die Vorstellung von einer Art Volkshochschule" im Sinn gehabt - der Rundfunk als Instrument, um jedem Kultur und demokratische Ideen nahezubringen.

Die Nazis haben andere Vorstellungen und r├╝cken ab 1933 die taktische Bedeutung wieder in den Vordergrund, die schon einmal eine wichtige Rolle bei der Entstehung hatte. Denn wie andere Erfindungen - etwa Armbanduhr oder Rei├čverschluss - hatte die Radiotechnik erst mit dem Ersten Weltkrieg einen riesigen Sprung nach vorne gemacht.

Das drahtlose Funken sei schon bei den Soldaten des deutschen Kaisers eine eigene wichtige Waffengattung gewesen. Experte Sch├╝tz: "Aus dem Ersten Weltkrieg als gro├čer Beschleuniger von technischer Innovation ging letztlich auch das Radio oder der Rundfunk in seiner Form hervor. Das ist nat├╝rlich auch schon einmal ein Zeichen daf├╝r, dass Radio politisch ist und politisch aufgeladen war und es immer irgendwie blieb."

Nichts verdeutlicht das wohl mit solcher Brutalit├Ąt wie die Urteile des Nazi-Regimes gegen Menschen, die ausl├Ąndische Sender geh├Ârt hatten statt NS-Propaganda. Sch├╝tz: "Das H├Âren sogenannter Feindsender stand von Beginn an unter Strafe. Wenn man sich einen Volksempf├Ąnger kaufte, war auch ein entsprechender Warnhinweis dabei. Ab 1939 kam auch die Todesstrafe in Frage. Es gab sogar Jugendliche, die mit 18 oder 19 Jahren hingerichtet wurden, weil sie die BBC geh├Ârt hatten."

Mit der Einrichtung des ├Âffentlich-rechtlichen Rundfunks ziehen nach 1945 die Gesetzgeber die Konsequenzen aus der dunklen NS-Zeit. Seit den 1980er Jahren kommen Privatradios dazu. Alles in allem schalten heute mehr als 53 Millionen Menschen ab 14 Jahren werktags die rund 70 ├Âffentlich-rechtlichen Wellen und rund 280 Privaten ein.

Auch die Technikgeschichte des Radios im Nachkriegsdeutschland bleibt eng mit der gro├čen Politik verkn├╝pft. Zum Beispiel bei der Frage, warum die Ultrakurzwelle so z├╝gig Mittel- und Langwelle weitgehend verdr├Ąngt hat. Sch├╝tz berichtet: "Deutschland war Kriegsverlierer und wurde bei der Beratung und der Vergabe von Mittel- und Langwellen au├čen vorgelassen. Dann hat man sich in Deutschland ├╝berlegt: Wir m├╝ssen einen technologischen Workaround finden, damit wir weiterhin ├╝ber ausreichend Frequenzen verf├╝gen. Und da hat man dann auf die Ultrakurzwelle zur├╝ckgegriffen, die es in technischen Versuchen schon gab, man aber noch nicht f├╝r ├Âffentlichen Rundfunk eingesetzt hatte."

70 Jahre sp├Ąter steht das Medium wieder vor einem technischen Wandel. DAB+ und Internetradio gewinnen an Bedeutung. Bisher habe das Radio aber jede Neuerung gut ├╝berstanden, auch der Konkurrent Fernsehen habe ihm nicht geschadet, so Sch├╝tz. "Es gibt Algorithmen, es gibt die Digitalisierung, es gibt Audio on demand und all diese Dinge, die auch wiederum als Bedrohung f├╝r das Radio wahrgenommen werden. Aber eigentlich ist es nur Definitionssache, was Radio dann irgendwann sein wird. Der Konsum von Audio als Medium wird bleiben."

Allein 2020 wurden laut Branchenverband gfu 3,6 Millionen Empf├Ąnger verkauft. In 94 Prozent aller Haushalte steht mindestens ein Radio, bereits 24 Prozent der Haushalte besitzen ein digitales DAB+-Radio, und 14 Prozent verf├╝gen ├╝ber eine Empfangsm├Âglichkeit f├╝r Webradio.

"Das Radio ist h├Âchst lebendig", sagt Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue zum Jubil├Ąum. "Als geliebtes Radioprogramm oder auch als neues digitales Audioangebot. Sein z├Ąhes und h├Âchst erfolgreiches Leben verdankt das Radio seiner Wandlungsf├Ąhigkeit, seiner Nahbarkeit und pers├Ânlichen Ansprache und seiner Vielfalt. Das Radio ist auf 'Ohrenh├Âhe' mit den Menschen, das macht es unver├Ąndert beliebt."

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