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Fantastische Wimmelwelten: Ali Mitgutsch ist tot

Von dpa
Aktualisiert am 11.01.2022Lesedauer: 4 Min.
In seinen Wimmelb├╝chern kann man auf Reisen gehen: Ali Mitgutsch ist im Alter von 86 Jahren gestorben.
In seinen Wimmelb├╝chern kann man auf Reisen gehen: Ali Mitgutsch ist im Alter von 86 Jahren gestorben. (Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa./dpa)
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M├╝nchen (dpa) - Ali Mitgutsch hat Kindern in aller Welt ein Geschenk gemacht: seine Wimmelb├╝cher. Ohne Worte und farbenfroh erz├Ąhlen sie seit Jahrzehnten wunderbare Alltags-Geschichten. Aus dem Schwimmbad, vom Bauernhof, aus den Bergen oder aus der Stadt.

Ein zeitloses Panoptikum des Lebens, voller Freuden, Bosheiten und Missgeschicken. Sp├Ąter schuf er Kunst f├╝r Erwachsene und arrangierte Gegenst├Ąnde in Objektk├Ąsten. Nun ist der M├╝nchner K├╝nstler tot. Am Montagabend sei er im Alter von 86 Jahren gestorben, teilte sein Freund und Biograf Ingmar Gregorzewski der dpa mit, nachdem zuvor auch der Ravensburger-Verlag dar├╝ber berichtet hatte.

Menschen jeden Alters lieben Mitgutschs B├╝cher - bis heute, auch wenn manches inzwischen etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Bagger, Traktoren und Autos sehen heute ganz anders aus als vor mehr als 50 Jahren, als die B├╝cher in die Kinderzimmer einzogen. Doch altmodisch wirken sie keineswegs, denn das Zwischenmenschliche darin hat sich nicht ver├Ąndert. Bis heute sind Menschen schadenfroh, boshaft, verbissen, entt├Ąuscht, neugierig und vergn├╝gt.

Mit Block und Stift durch Schwabing

Futter f├╝r seine Bilder bekam Mitgutsch auf Streifz├╝gen durch die Stadt, vor allem durch sein geliebtes Schwabing. "Dazu habe ich stets einen kleinen Block und einen Stift dabei und zeichne flink Skizzen, mit denen ich dann sp├Ąter arbeite", sagte er mal im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

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Schon als Kind war der am 21. August 1935 in M├╝nchen geborene Mitgutsch ein guter Beobachter, mit feinem Gesp├╝r f├╝r Stimmungen und Befindlichkeiten. Auch sein Talent f├╝rs Zeichnen zeigte sich fr├╝h. Doch das Leben war hart: Der Zweite Weltkrieg, Heimatlosigkeit, Hunger und bittere Not pr├Ągten seine Kindheit. Sein geliebter gro├čer Bruder fiel in Russland an der Front.

Als M├╝nchen in den letzten Kriegsjahren bombardiert wurde, floh die Familie aufs Land. Dort waren sie ungeliebte, bitterarme Fl├╝chtlinge. Der sch├╝chterne Junge, der eigentlich Alfons hie├č, litt unter den Dem├╝tigungen anderer Kinder: "Du bist einfach eine stinkende Sau, Mitgutsch! Vor dir kann man nur davonlaufen!"

So zog er alleine los: "Ich wanderte durch die Auen und den Wald allein und tr├Ąumte mir die Abenteuer, die ich in Wirklichkeit nicht erlebt habe, weil ich keine Freunde hatte", erinnert sich der K├╝nstler. "Da tr├Ąumte ich mir zwei Freunde, einen dicken, gro├čen, starken, der mir half, und einen kleineren, frecheren, schlaueren, der mir immer die besten Ausreden zufl├╝sterte. Mit denen habe ich dann so meine Abenteuer erlebt."

Nach dem Krieg besserte sich die Lage der B├Ąckerfamilie mit zwei T├Âchtern und einem Sohn kaum. Hungrig, aber mutig eroberten sich die Kinder die Stadt zur├╝ck: Sie spielten zwischen Tr├╝mmern und in ausgebombten Kellern, suchten nach Altmetall und lieferten sich Bandenk├Ąmpfe.

Sogar den Keller der zerst├Ârten Gestapo-Zentrale in M├╝nchen erforschten sie, vorbei an kaputten Aktenschr├Ąnken und leeren Gef├Ąngnis-Zellen. Ihre Beute: eine Kiste voller Nazi-Mutterkreuzen, die sie f├╝r Kaugummi und Schokolade an US-amerikanische Soldaten verscherbelten. Von solchen Streifz├╝gen kehrte Alfons oft v├Âllig verdreckt zur├╝ck - wie "Ali Baba und die 40 R├Ąuber", erkl├Ąrte er mal seinen Spitznamen Ali.

Die reiche Fantasie der Mutter

Was ihn in dieser schweren Zeit besonders faszinierte, waren die Geschichten seiner Mutter. Sie konnte ihren Kindern zwar kein wohlhabendes Elternhaus bieten, daf├╝r aber ihre reiche Fantasie. "Sie h├╝llte uns regelrecht ein mit ihren Worten, und wir gaben uns ihnen ganz und gar hin und f├╝hlten uns darin geborgen", schrieb Mitgutsch in den Kindheitserinnerungen "Herzanz├╝nder".

"Egal wie steil der Weg war, ob gro├če Hitze oder bittere K├Ąlte herrschte oder von welcher Not unsere kleine Familie gerade heimgesucht wurde - Mutter beh├╝tete uns auf ihre ganz eigene Art mit ihren Geschichten und lockte uns mit ihnen in eine andere, wundersame Welt."

Die Welt von oben

Ein pr├Ągendes Erlebnis: die Fahrt auf dem Riesenrad auf dem M├╝nchner Jahrmarkt Auer Dult, eine seltene Freude f├╝r Ali und seine Schwester. Was der Junge aus der Gondel sah, faszinierte ihn. "Es waren Bilder mit vielen Details, es passierte so viel gleichzeitig, die Geschichten gingen nicht aus: Menschen liefen ├╝ber den Platz, kamen zu Gruppen zusammen, l├Âsten sich wieder auf, Kinder jagten hintereinander her, Karren wurden gezogen, eine Frau sammelte ihren Einkauf vom Pflaster und ein Junge kletterte einen Laternenpfahl hinauf", erinnerte sich der sp├Ątere Student der Graphischen Akademie.

Das Riesenrad findet sich im ersten Wimmelbuch "Rundherum in meiner Stadt" von 1968. "Die Aufsicht auf Dinge und Situationen blieb f├╝r mich ein Leben lang ein spannendes Thema: Sie wurde die Perspektive all meiner Wimmelbilder." Mehr als 70 B├╝cher, Poster und Puzzles entstanden, darunter viele Wimmelb├╝cher. Allein in Deutschland wurden mehr als f├╝nf Millionen B├╝cher verkauft, im Ausland mehr als drei Millionen.

Sie bestechen durch farbenfrohe Fr├Âhlichkeit und den ironischen Blick auf Kleinigkeiten und menschliche Schw├Ąchen. Ein Mann rutscht auf einem Kuhfladen aus, beobachtet von einem M├Ądchen, dass schadenfroh lacht. Ein Anderer r├Ąkelt sich im Freibad in der Sonne, nicht ahnend, dass ihn bald ein kalter Wasserguss treffen wird. Dem Lauser, der diesen Angriff plant, steht freudige Bosheit ins Gesicht geschrieben.

Und was passiert dann? Schon kleine Kinder spinnen die Geschichten gerne weiter - genau das wollte der Zeichner erreichen: "Meine Wimmelb├╝cher sind gemacht, um die Kinder in die G├Ąrten der Fantasie zu f├╝hren, dass sie selber weitermachen."

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