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Absurd, widerlich, furchtbar: Dieses Buch spielt mit menschlichem Ekel

Buchtipp der Woche  

Absurd, widerlich, furchtbar: Dieses Buch spielt mit menschlichem Ekel

15.03.2020, 11:09 Uhr | Von Josephin Hartwig, t-online

. "Wie die Schweine": Autorin Agustina Bazterrica stammt aus Buenos Aires.  (Quelle: t-online/Suhrkamp)

"Wie die Schweine": Autorin Agustina Bazterrica stammt aus Buenos Aires. (Quelle: Suhrkamp/t-online)

Es gibt Romane, die wühlen auf, regen zum Nachdenken an und hallen lange nach, wenn sie gut sind. "Wie die Schweine" ist genau so ein Buch. 

Jede Woche stellt t-online.de ein neues Buch vor. Diesmal: "Wie die Schweine" von Agustina Bazterrica. Der Roman ist einer der wichtigsten des Frühjahrs. Schonungslos hält er der Gesellschaft den fleischessenden Konsumspiegel vor und regt zum Nachdenken an. 

Worum geht's?

Sollten Sie einen nervösen Magen haben, lesen Sie hier vielleicht lieber nicht weiter. Denn "Wie die Schweine" ist ein besonderer Roman, der nicht leicht zu verdauen ist. Eigentlich ist in der Geschichte auf den ersten Blick alles so, wie wir es aus unserer Lebenswelt kennen: Marcos ist ein ganz normaler Mann, arbeitet in einem Schlachthaus, lebt in einem kleinen Häuschen, seine Frau hat ihn vorübergehend verlassen. Das Schlachthaus hatte er von seinem Vater geerbt. Der Unterschied zu früheren Zeiten ist aber ein ziemlich gewaltiger: Tiere gibt es auf der Erde nicht mehr. Die Menschen wollten aber nicht auf Fleisch verzichten und suchten sich eine andere Quelle  – und was liegt da näher, als Menschenfleisch? Es ist absurd, widerlich und grotesk. In der Geschichte von Bazterrica macht diese Entwicklung allerdings Sinn und es ist eine faszinierende Welt, die dort beschrieben wird. Die Menschen sind in einen völligen Ego-Wahn verfallen, es gibt kaum noch Grenzen in der eigenen Bedürfnisbefriedigung. 

Protagonist Marcos hasst seine Lebenswelt von Tag zu Tag mehr. Der Leser erfährt durch ihn im ersten Teil des Buches von den Schlachthaus-Prozessen, der Verarbeitung und wie es dazu kam, dass „Stücke“ gezüchtet und gegessen wurden. Das ist oft nicht leicht zu ertragen. Im zweiten Teil nimmt die Geschichte noch einmal Fahrt auf, denn inzwischen sind einige Monate vergangen. In Marcos Leben hat sich etwas Großes verändert, das schön ist, aber bei Entdeckung seinen sicheren Tod bedeutet.

Was ist eine Besonderheit der Geschichte?

Es ist schwierig, bei diesem Buch nur eine Sache zu nennen. Denn besonders ist schon das Cover: faserig und in Schattierung von Rot wird Fleisch dargestellt. Ist es von einem Tier oder einem Menschen? Obwohl es manchmal schwer ist, einzelne Szenen zu lesen und die Bilder im Kopf nicht auch noch in die eigenen Träume zu lassen, hält die Geschichte auch tiefe, berührende und emotional-tragende Momente bereit.

Die Frage kommt auf: Wo ziehen wir die Grenze von einem Lebewesen zu einem anderen? Was ist der Unterschied, wenn man bedenkt, wie ein Schwein geschlachtet wird und wie es im Buch mit einem Menschen geschieht? Warum ist es in Ordnung, ein Tier zu jagen, zu töten, zu häuten, zu zerlegen – einen Menschen aber nicht? Daraus entsteht auch eine weitere Frage: wie viel ist ein Menschenleben eigentlich wert? Im Buch wird aus der Jagd nach dem zartesten und wertvollsten Fleisch sogar ein Spiel. Dabei können Prominente ihre Schulden loswerden, indem sie sich jagen lassen. Schaffen sie es, innerhalb einer bestimmten Zeit zu überleben, sind sie am Ende schuldenfrei. Werden sie aber gefangen, ist ihr Leben vorbei und sie landen als Barbecue auf dem Grill.

Warum lesenswert?

Weil es einem die Schuhe auszieht, kurz gesagt. Das Buch krallt sich in den eigenen Gedanken fest, wie die Menschen in das Fleisch. Blendet man beim Lesen für einen Moment aus, dass es sich um menschliches Fleisch handelt, kann man die Beschreibung, etwa wie das Fleisch im Schlachthaus verarbeitet wird, ertragen. Das ist aber meist nur kurz der Fall, weil schon ein Umblättern genügt, um die Realität der Geschichte wieder zurückzuholen. Immer wieder reagiert der Körper mit Gänsehaut, man schüttelt sich, kann es nicht glauben, wie weit es mit der Menschheit, mit Moralvorstellungen und Konsumverhalten in der Geschichte gekommen ist. Das Buch verlangt einem vieles ab, vor allem, wenn man seine eigene Vorstellungskraft spielen lässt und sich auf diese zukünftige Welt einlässt. Und dann gibt die Geschichte einem so vieles zurück, denn am Ende ist es ja so: Wo Schatten ist, ist auch Licht. 

Für Fans von welchen Büchern geeignet?

"The Walking Dead" von Robert Kirkman
"Tiere essen" von Jonathan Safran Foer

Lieblingszitat?

"Wenn Herr Urami ihn ansieht, beschleicht ihn unweigerlich das Gefühl, dass er ausrechnet, wie viele Meter Leder er erhalten würde, würde er ihn hier jetzt schlachten, abhäuten und entfleischen."

Verwendete Quellen:

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