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Ein halbes Jahr Warten auf den Neuwagen

Von dpa
Aktualisiert am 03.11.2021Lesedauer: 3 Min.
Auch bei VW lässt der Mangel an Mikrochips den Bestand an Neuwagen schrumpfen.
Auch bei VW lässt der Mangel an Mikrochips den Bestand an Neuwagen schrumpfen. (Quelle: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa./dpa)
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Berlin (dpa) - Wer ein neues Auto kauft, muss immer länger darauf warten. "Je nach Fabrikat und Modell hat sich die Lieferzeit bei einem Großteil auf drei bis sechs Monate eingependelt", sagte Marcus Weller, Marktexperte beim Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe, der Deutschen Presse-Agentur.

Bei manchen Premiummodellen m√ľssten Kunden sogar neun Monate bis ein Jahr lang warten, bis sie den Wagen in Empfang nehmen k√∂nnen. Hintergrund sind vor allem die Lieferengp√§sse bei wichtigen Bauteilen, darunter Halbleiter.

Hersteller drosseln deshalb die Produktion. Stefan Reindl, Leiter des Geislinger Instituts f√ľr Automobilwirtschaft sagt voraus: "Die Problematik langer Lieferzeiten k√∂nnte sich im Herbst 2021 bis weit ins Fr√ľhjahr 2022 versch√§rfen." Die Folge: Rabatte auf den Listenpreis werden seltener, auch Gebrauchtwagenpreise ziehen an.

Im Oktober wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt noch knapp 180 000 Autos neu zugelassen, 35 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Hersteller sprechen von einer regelrechten Talfahrt.

Bei der Marke flexibel bleiben

"Der Bestand bei den H√§ndlern ist ziemlich reduziert", sagt Weller. Fanden Kunden fr√ľher ihr Wunschmodell nicht direkt beim H√§ndler, sei es kurzfristig aus Lagern des Herstellers lieferbar gewesen. Das sei nun schwieriger. Wartezeiten w√ľrden mitunter mit Vorf√ľhrfahrzeugen √ľberbr√ľckt und Leasing-Vertr√§ge verl√§ngert, sagt Weller. Wer bei der Marke flexibel sei, komme unter Umst√§nden schneller an seinen Neuwagen.

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Viele Autohersteller versuchen h√§nderingend, den Nachfrage√ľberhang z√ľgig abzuarbeiten, indem sie bestellte Fahrzeuge mit dem noch vorhandenen Material fertigstellen. Bei Konzernen wie Volkswagen und gro√üen Zulieferern wie Continental suchen eigens gebildete "Taskforces" den Weltmarkt rund um die Uhr nach Restmengen vor allem der knappen Mikrochips ab.

Doch das, was √ľberhaupt erh√§ltlich ist, reicht h√§ufig nicht aus. Vor manchen Werken stauen sich bereits "Halden" halb fertiger Autos, die bei Eintreffen fehlender Teile rasch nachger√ľstet und erst dann ausgeliefert werden. Einige Autobauer sind aber sogar dazu √ľbergegangen, Modelle ohne bestimmte Sonderausstattungen auf die Stra√üe zu lassen, um die Systeme sp√§ter zu erg√§nzen.

Auch Gebrauchtwagen werden teurer

In der Produktion fallen aufgrund des Teilemangels Schichten aus, teils √ľber ganze Wochen. Gleichzeitig steigen die Autopreise, denn zus√§tzlich zur allgemeinen Verknappung des Angebots werden Rabatte gek√ľrzt. Und die Hersteller reservieren diejenigen Chip-Chargen, die sie bekommen k√∂nnen, zun√§chst oft f√ľr h√∂herpreisige Modelle.

Auch das Ausweichen auf einen Gebrauchtwagen kann f√ľr Verbraucher teurer werden. Die Preise zogen in einigen Segmenten zuletzt noch st√§rker an als bei neuen Autos. Auch im September legten - √§hnlich wie in den Vormonaten - typische dreij√§hrige Gebrauchte noch einmal zu, wie aus Zahlen des Marktbeobachters Deutsche Automobil Treuhand (DAT) hervorgeht.

Bei Benzinern etwa stieg der durchschnittliche Weiterverkaufspreis auf zuletzt 58 Prozent des einstigen Listen-Neupreises, nach 55,5 Prozent etwa im Juni. "Wegen der anhaltenden Engpässe auf dem Neuwagenmarkt sind Gebrauchtwagen weiterhin begehrt", bilanzierte die DAT.

Damit bleibt die Situation auf dem f√ľr viele Verbraucher und auch f√ľr die deutsche Industrie so wichtigen Automarkt paradox. Der Teilemangel bei den Anbietern trifft auf eine Nachfragesituation, die eigentlich kaum besser sein k√∂nnte. "Die Kunden m√∂chten mehr Autos kaufen", hei√üt es beim Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller.

Mikrochips und andere Rohstoffe fehlen

Doch die Hersteller k√∂nnen l√§ngst nicht so viel ausliefern, wie theoretisch m√∂glich w√§re, weil ihnen die Mikrochips sowie manche Rohstoffe fehlen. Nach vorschnell gek√ľndigten Vertr√§gen mit Chipproduzenten oder gekappten Volumina in der Corona-Verkaufsdelle Mitte 2020 kommen jetzt versch√§rfend noch Kapazit√§tsengp√§sse der Halbleiterindustrie in Asien und den USA dazu.

"Besonders anf√§llig f√ľr lange Lieferzeiten sind aktuell vor allem Elektrofahrzeuge", sagt Autoexperte Reindl. Sie seien sowohl bei der Ansteuerung des Antriebs als auch bei Assistenz- und Kommunikationssystemen st√§rker auf Halbleiterelemente angewiesen als Verbrenner-Fahrzeuge.

Auch die Stromer verkauften sich im Oktober etwas schlechter als im Oktober. Dennoch war der Marktanteil der batterielektrischen Autos und Plug-in-Hybride mit zusammen 30,4 Prozent so hoch wie nie - denn die Verbrenner ließen stärker nach.

"Wir gehen derzeit davon aus, dass weltweit in diesem Jahr rund zw√∂lf Prozent mehr Fahrzeuge verkauft werden k√∂nnten, wenn keine Probleme mit den Lieferketten bestehen w√ľrden", bemerkt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch-Gladbach. In Deutschland seien es 15 Prozent.

Eine Entspannung auf den Zulieferm√§rkten sei in den kommenden Monaten nicht in Sicht. "Es bleibt zu hoffen, dass sich die Engp√§sse ab 2022 sukzessive aufl√∂sen - wenngleich nicht g√§nzlich." Denn darunter litten nicht nur Autohersteller und -zulieferer, sondern insbesondere auch der Autohandel. Wenn H√§ndler bestellte Fahrzeuge nicht ausliefern k√∂nnten, fehle Umsatz und Ertrag. "Dies k√∂nnte zu einer ruin√∂sen Spirale in der Automobilwirtschaft f√ľhren."

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