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Nicole Diekmann über Empörung im Netz: Die nervige Lust am Missverstehen

MEINUNGEmpörung im Netz  

Die nervige Lust am Missverstehen

Ein Gastbeitrag von Nicole Diekmann

28.01.2020, 15:43 Uhr
Nicole Diekmann über Empörung im Netz: Die nervige Lust am Missverstehen. Nicole Diekmann und Jürgen von der Lippe vor dem Twitter-Symbol: Der Komiker war auf Twitter für harmlose Äußerungen schwer angegriffen worden. (Quelle: imago images/Privat)

Nicole Diekmann und Jürgen von der Lippe vor dem Twitter-Symbol: Der Komiker war auf Twitter für harmlose Äußerungen schwer angegriffen worden. (Quelle: Privat/imago images)

Es geht blitzschnell: Zwei harmlose Äußerungen von Jürgen von der Lippe und CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus haben die sozialen Netze jüngst wieder zum Kochen gebracht. Nicole Diekmann fordert deshalb: Mehr Mut zum Achselzucken.

Egal, was man auf Twitter oder Facebook postet: Garantien dafür, KEINEN Shitstorm zu ernten, gibt es nicht. Wie oft schon saß man schaulustig vorm Empfangsgerät und schaute fasziniert auf eine thematische Sau, die durchs stets hysterische Social-Media-Dorf getrieben wurde. Und es gibt einen todsicheren Tipp, wann das besonders gut gelingt: an Feiertagen.

An Feiertagen und Wochenenden, da nerven keine Kollegen, kein Chef oder Kunden, da ist überschüssige Energie also durchaus vorhanden. Und bevor man die an den Liebsten zu Hause auslässt, doch lieber in diesem Internet.

Der Mensch ist auf Twitter ein Herdentier

Also, Volkssport: Plattformen öffnen, Trends checken, und mit einem Tweet oder einem Facebookkommentar rein ins Getümmel, sonst gehört man ja nicht dazu. Und weil wir Menschen nun einmal Herdentiere sind und gleichzeitig spitzenmäßig im Ausblenden, lassen wir uns von Hindernissen wie Kontext oder Differenzierung nicht zurückhalten.

Wenn es draußen in der Welt ruhig ist, ist es im Netz umso aufgeregter. Alte Bauernweisheit.

Jüngst zu Opfern geworden: Jürgen von der Lippe und Ralph Brinkhaus. Haben Sie gar nicht mitbekommen? Das spricht für Sie. Lesen und staunen Sie.

Ralph Brinkhaus und das Nackensteak

Fall 1: Ralph Brinkhaus, Fraktionschef der CDU im Bundestag. Er hatte der „Bild“ ein Interview gegeben. Die versah man mit folgender Überschrift: „Nackensteak-Esser sind das Rückgrat unserer Gesellschaft“.

Nanu? War Ralph Brinkhaus ins Interview gestürmt, völlig euphorisiert von seinem Geistesblitz, die ausgestreckten Hände der beiden ihn interviewenden Journalisten ignorierend und hatte erstmal direkt diesen ihm von Herzen wichtigen Satz rausgehauen? Getreu dem Motto: „Das wird man doch noch sagen dürfen; seht her, wie furchtlos ich bin!“?

So zumindest lesen sich einige Reaktionen in den Sozialen Netzwerken, in denen „Nackensteak“ trendete (zur Erinnerung: Es war Samstag). Ein paar Beispiele: „Strunzdumm“, „intellektuelle Wählerbeleidigung“, „Was soll das, Herr Brinkhaus?“, „Kettenrauchende Workaholics mit soziopathischen Tendenzen, die nach zwei gescheiterten Ehen, drei entfremdeten Kindern und vier abgebrochenen Alkoholentzügen mit 52 an Herzverfettung sterben, sind das Rückgrat dieser Gesellschaft. #Nackensteak

Lieber aufregen als genau nachlesen?

Vorsichtig ausgedrückt: Ganz so war es nicht. Es trug sich vielmehr folgendermaßen zu: Der eher zurückhaltend auftretende Brinkhaus wurde Folgendes gefragt: „Hamburgs früherer CDU-Bürgermeister Ole von Beust sagt: ,Die CDU gilt immer noch als die Partei des Verbrennungsmotors, des Schweinenackensteaks und des Arbeitens bis zum Umfallen.‘ Er meinte das nicht als Kompliment. Was halten Sie davon?“

Antwort Ralph Brinkhaus: „Ich schäme mich nicht dafür, dass ich die Leute vertrete, die mit einem Verbrennungsmotor unterwegs sind, Nackensteak essen und fleißig sind. Diese Leute sind das Rückgrat unserer Gesellschaft. Und mit ihnen zusammen und nicht gegen sie möchten wir als Union in die Zukunft gehen.“

Klingt ein bisschen anders, oder? Zum Vergleich: Das Lesen dieses Auszugs dauert selbst bei gemütlicher Lektüre ungefähr 45 Sekunden. Gut, das der Überschrift nur drei. Draufschlagen muss man dann allerdings noch das Formulieren und Tippen eines Tweets. Das könnte aufs Selbe hinauslaufen, rein zeitlich. Nur hat man sich dann eben nicht aufgeregt.

(Im Übrigen haben sich auch solche Leute über Brinkhaus echauffiert, die sich sonst kritisch mit der reißerischen, verkürzten Arbeitsweise der Bild-Zeitung auseinandersetzen. Auf die sie nun selbst hineingefallen waren. Weil sie es wollten. Als Fan des Bluthochdrucks nimmt man die Schlachtfeste, wie sie fallen. No Empörung, no fun.)

Jürgen von der Lippe ist von Greta genervt – lasst ihn doch

Fall 2: Jürgen von der Lippe. Das Urgestein steigt wieder ein in die schöne alte Welt der Fernsehunterhaltung und gibt deshalb Interviews. Und der weiß natürlich: Kein Mensch liest Interviews und schaltet dann die darin angepriesene Sendung ein, wenn der Moderator darin frei über seinen Gartenteich oder eine Pro-Kontra-Liste „Backen mit frischer oder doch lieber mit Trockenhefe“ sinniert.

Also haut von der Lippe ein paar Sätze raus zu den aktuellen, kontroversen Themen. E-Autos, #Metoo oder eben, im „Hamburger Abendblatt, zu Fridays for Future: „Ich stelle (…) fest: Die Leute haben es satt, erzogen zu werden. Und die Leute haben Greta satt. Wenn sich so ein Mädel hinstellt und die Weltmächtigen anschreit: How dare you! und die dann kuschen, ist das für mich Comedy. Wenn die Kritik an Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann muss man aufpassen, und so weit sind wir gerade.“

Selbst wenn wir in den vergangenen Monaten nicht schon wirklich Unverschämtes, moralisch Indiskutables auch von ehedem respektablen Leuten über die Klima-Aktivistin Greta Thunberg gelesen hätten – das ist doch wirklich harmlos. Man kann das anders sehen, klar. Man kann Greta verherrlichen, man kann sie wohlwollend-kritisch sehen – man kann sie aber auch albern finden.

Was ist aus dem guten alten Achselzucken geworden?

Es geht aber auch martialischer: Jemand möchte erschossen werden, sollte er im Alter so „scheiße“ werden wie Jürgen von der Lippe. Ein anderer fasst beide Aufreger des Wochenendes zusammen mit „Hier wäre Maul halten besser gewesen“.

Was ist eigentlich aus dem guten alten Achselzucken geworden oder einfach dem Buckel-runterrutschen-lassen? Aus der Achtsamkeit, den eigenen Puls betreffend? Aus der strategischen Freude an der Harmonie? Aus dem Langzeitziel, es sich gut gehen zu lassen?

Es ist ein anstrengender Trend, den auch die mitmachen, die sich so gern auf der richtigen Seite sehen und auch den so wichtigen Kampf gegen Hassrede führen. Ihre Verantwortung, oder sagen wir es weniger pädagogisch, ihre Chance, die Spaltung der Gesellschaft wenigstens nicht weiter mit voranzutreiben, übersehen sie dabei. Die Anlässe werden immer nichtiger, die Hämmer immer härter.

Wetten, es wird in absehbarer Zeit möglich, etwas Harmloses wie „Gänseblümchen“ zu twittern und auch dafür ein paar abzukriegen? Mein Wetteinsatz: Baldrian. Großpackung.

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