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Viele ungelöste Probleme: Darum betrifft Gesichtserkennung uns alle

Bald überall im Einsatz?  

Darum betrifft digitale Gesichtserkennung uns alle

Von Saskia Leidinger

29.01.2020, 13:26 Uhr
Viele ungelöste Probleme: Darum betrifft Gesichtserkennung uns alle. Menschen werden von einer Überwachungskamera aufgezeichnet und analysiert (Fotomontage): Der chinesische Staat überwacht seine Bürger flächendeckend. (Quelle: imago images/Kraehn)

Menschen werden von einer Überwachungskamera aufgezeichnet und analysiert (Fotomontage): Der chinesische Staat überwacht seine Bürger flächendeckend. (Quelle: Kraehn/imago images)

Die Londoner Polizei setzt künftig automatische Gesichtserkennung ein. Auch Horst Seehofer befürwortet die Technik. Dabei ist der Einsatz umstritten. Unschuldige Bürger könnten so für Kriminelle gehalten werden.

Die bisher unbekannte Firma Clearview erregte vergangene Woche viel Aufmerksamkeit: Denn das Unternehmen hat drei Milliarden Bilder aus dem Netz in einer Datenbank gespeichert und an Sicherheitsbehörden verkauft. Daraufhin startete eine Debatte über den Umgang mit Gesichtserkennungssoftware.

Ungeachtet dieser Diskussionen will die Londoner Polizei künftig automatische Gesichtserkennung einsetzen. Auch Horst Seehofer befürwortet die Technik. Dabei ist der Einsatz umstritten. Unschuldige Bürger könnten so plötzlich für Kriminelle gehalten werden. Was steckt hinter der Technik? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

So funktioniert Gesichtserkennung

Die Gesichtserkennung verläuft in mehreren Schritten. Zunächst liest ein Computer die Merkmale eines Gesichts aus. Ausgehend von den Augen sucht der Computer nach Nase, Mund und Gesichtsrändern. Danach wird das Gesicht auf eine einheitliche Form gebracht, sodass sich Augenpartien aller Personen im gleichen Bildbereich befinden. Das ist wichtig, um später die Gesichter abgleichen zu können. Danach wird der Rest des Gesichts vermessen und ein Datensatz – ein sogenanntes Template – erzeugt.

In einem zweiten Schritt wird dieses Template mit den bereits gespeicherten Templates anderer Fotos abgeglichen. Dazu gibt es unterschiedliche Verfahren: Eines davon, das sogenannte Elastic Bunch Graph Matching, markiert die markanten Stellen eines Gesichts und verbindet diese mit Linien. So entsteht ein individuelles Gitternetz. Das wird über andere Gitternetze gelegt und der Computer sucht nach möglichst vielen Übereinstimmungen.

Diese Länder setzen Gesichtserkennung ein

Die Londoner Polizei hat angekündigt, Live Facial Recognition (LFR) einzusetzen, also automatische Gesichtserkennung. Wie die Polizei in einer Pressemitteilung schreibt, werden die Videokameras in der Stadt und die Software mit einer Datenbank aus Bildern von gesuchten Straftätern verbunden. Ihr Ziel sei es, damit Personen zu finden, die wegen schwerer Straftaten gesucht werden. Auch Indien will Gesichtserkennung flächendeckend einführen und dadurch Straftäter und vermisste Personen finden.

China nutzt bereits die flächendeckende Überwachung seiner Bürger. Doch nicht nur von Staatsseite wird die Technik eingesetzt. Chinesische Bürger nutzen Gesichtserkennung auch, um Einkäufe zu bezahlen, oder als Ersatz zum gedruckten ÖPNV-Ticket.

Gesichtserkennung auch in Deutschland im Einsatz

Auch in Deutschland ist Gesichtserkennung an einigen Stellen im Einsatz: Manche Flughäfen nutzen die Technologie EasyPass. Dabei legen Reisende ihren Ausweis auf ein Lesegerät, anschließend wird über eine Kamera das Gesicht mit dem Foto im Reisepass abgeglichen. Nach Übereinstimmung öffnet sich die Schranke zum Gate.

Seit Jahren gleichen deutsche Polizeibehörden zudem Fotos von Tatverdächtigen mit ihren Datenbanken ab. Dabei dürfen die Ermittler auch Passbilder von Bundesbürgern verwenden. Eine automatische Gesichtserkennung wie in London wird es vorerst aber nicht geben. Einen entsprechenden Paragrafen hatte Innenminister Horst Seehofer aus einem Gesetzentwurf zum Polizeigesetz gestrichen. Mehr dazu lesen sie hier.

Eingang des Bahnhofs Südkreuz in Berlin: Hier testete die Bundespolizei die automatische Gesichtserkennung. (Quelle: Getty Images/Steffi Loos)Eingang des Bahnhofs Südkreuz in Berlin: Hier testete die Bundespolizei die automatische Gesichtserkennung. (Quelle: Steffi Loos/Getty Images)

Einen Modellversuch gab es aber bereits: Am Berliner Südkreuz testete die Bundespolizei von 2017 bis 2018 die automatische Gesichtserkennung mit freiwilligen Probanden. Für die Polizei war der Test ein Erfolg. Der Präsident des Bundespolizeipräsidiums, Dieter Romann, sagte laut einer Pressemitteilung: "Die Technik erleichtert es, Straftäter ohne zusätzliche Polizeikontrollen zu erkennen und festzunehmen. Dies bedeutet einen erheblichen Sicherheitsgewinn." Die Ergebnisse des Projekts sind allerdings umstritten.

Darum ist Gesichtserkennung umstritten

Der Chaos Computer Club (CCC) wirft der Bundespolizei vor, die Zahlen zu schönen. Statt 80 Prozent, werden Gesichter nur in 68,5 Prozent der Fälle richtig zugeordnet. Auch kritisierte der CCC den Versuchsaufbau. Dieser sei nicht nach entsprechenden wissenschaftlichen Standards durchgeführt worden. Doch das größte Problem sehen die Computerexperten in der Zahl der falsch-positiv erkannten Personen. Zwar liegt dieser Wert unter einem Prozent, doch in der Realität würde dies bedeuten, dass von täglich 90.000 Reisen 600 Personen falsch zugeordnet werden, rechnet der CCC.

Bei falsch-positiven Ergebnissen meldet die Software eine Übereinstimmung mit einem Foto aus der Datenbank, obwohl es sich um zwei verschiedene Personen handelt. Besteht die Datenbank aus Bildern von Straftätern, kann es vorkommen, dass ein unschuldiger Bürger von der Polizei kontrolliert wird.

Selbst unter Laborbedingungen wird immer noch eine Person unter Tausend falsch erkannt, schreiben Informatiker des "Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung". Das wären am Berliner Südkreuz 90 Personen am Tag.

Ist Gesichtserkennungssoftware rassistisch?

Ein weiteres Problem: Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe werden häufiger nicht erkannt oder falsch-positiv zugeordnet. Dieses Problem besteht schon länger, eine Studie des amerikanischen Institute of Standards and Technology (NIST) vom Dezember 2019 bestätigte die Ergebnisse erneut.

Mit einem Faktor von zehn bis einhundert wurden asiatische und afroamerikanische Gesichter häufiger falsch-positiv zugeordnet als kaukasische Gesichter. Auffällig war, dass dieses Problem nicht eintrat, wenn die getestete Software in Asien entwickelt wurde. Die Forscher schließen daraus, dass die falsch-positiven Zuordnungen mit den Datensätzen zusammenhängen, mit denen Informatiker ihre Software trainieren.

Umfrage zu biometrischen Verfahren

Neben den Problemen in der Erkennung, birgt die Speicherung biometrischer Daten auch andere Gefahren: Im August 2019 wurde bekannt, dass eine Datenbank mit einer Million Fingerabdrücken und Gesichtsscans unverschlüsselt abrufbar war. Während sich Passwörter ändern lassen, bleiben biometrische Daten unveränderbar. Tests der Gesichtserkennung von Smartphones haben gezeigt, dass sich manche mithilfe von Fotos oder 3-D-Modellen eines Gesichts überlisten lassen.

So setzen Technikkonzerne Gesichtserkennung ein

Google-Chef Sundar Pichai forderte kürzlich bei einem Auftritt in Brüssel eine stärkere Regulierung, was den Einsatz von Technologien zur Gesichtserkennung betrifft. Dennoch verwendet auch Google sowie Facebook, Amazon und Microsoft Technologien zur Gesichtserkennung in ihren Diensten. Amazon und Microsoft verkaufen entsprechende Software auch an US-amerikanische Behörden.

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