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Brauchen wir tatsächlich strengere Ausgangsregeln?

Von Laura Stresing

21.03.2020Lesedauer: 3 Min.
Jogger und Spaziergänger in einem Park: In der Coronavirus-Krise wird laut über Ausgangssperren nachgedacht.
Jogger und Spaziergänger in einem Park: In der Coronavirus-Krise wird laut über Ausgangssperren nachgedacht. (Quelle: John Walton)
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Wieder und wieder ermahnt die Bundesregierung die Menschen, wegen des Coronavirus zu Hause zu bleiben. Doch halten sich die Deutschen an das Gebot? Ein Entwickler hat einen cleveren Weg gefunden, das zu überprüfen.

Das Coronavirus zwingt die Deutschen, ihre Gewohnheiten komplett zu ändern. Wegen des Ansteckungsrisikos sind alle Bürger angehalten, Kontakt zu anderen möglichst zu vermeiden. Veranstaltungen sind abgesagt und sogar verboten, viele Läden bleiben geschlossen.


Corona-Krise: So unterschiedlich gehen die Deutschen damit um

Hannover: Menschen stehen ordnungsgemäß vor einem Drogeriemarkt in der Schlange, Abstand halten aber nur wenige.
Paradies-Park in Jena: Hier sitzen Menschen weiterhin in Gruppen zusammen, um das Wetter zu genießen.
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Trotzdem fragen sich Beobachter, ob die freiwilligen Maßnahmen ausreichen, das Virus zu stoppen. Vor allem an den ersten schönen Frühlingstagen entstand vielerorts der Eindruck, die Deutschen würden die Warnungen nicht ganz ernst nehmen. Parks und Cafés schienen gut gefüllt. Doch stimmt das?

Die Daten bestätigen die Vorurteile nicht

Der Hobby-Datenanalyst Philip Kreißel hat öffentliche Google-Daten ausgewertet, um zu überprüfen, ob das sogenannte "Social Distancing" hierzulande freiwillig eingehalten wird. Kreißel studiert "Computation and Humanities" an der Universität Bamberg und engagiert sich derzeit bei dem Hackathon "#WirvsVirus" ("Wir gegen das Virus"), einer Art Online-Wettbewerb der Bundesregierung, bei dem digitale Lösungen für die Coronavirus-Pandemie gesucht werden.

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"Es gab viele Diskussionen darum, dass sich die Leute angeblich nicht an die Vorgaben halten würden", sagt Kreißel t-online.de. "Doch die Daten bestätigen das nicht."

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So kommt Kreißel an die Daten

Für sein "Social Distancing Dashboard", hat Kreißel zehn belebte Orte in ganz Deutschland ausgesucht, für die Google Maps die relative Auslastung nach Wochentagen und Tageszeiten angibt. Mit dieser Funktion informiert Google Maps seine Nutzer normalerweise über Stoßzeiten in Museen oder Restaurants.

Screenshot: Google Maps zeigt für manche Orte die relative Auslastung an.
Screenshot: Google Maps zeigt für manche Orte die relative Auslastung an. (Quelle: T-Online-bilder)

Die Statistik basiert auf den Standortdaten von Android-Nutzern. Google erfasst, wie viele Android-Geräte sich gleichzeitig an einem bestimmten Ort befinden, gleicht die Informationen mit den Einträgen in Google Maps (Restaurants, Sehenswürdigkeiten, Geschäfte, usw.) ab und schätzt anhand dessen die Besucherzahl der Lokalität. So entsteht ein ziemlich genaues Bild davon, wann zum Beispiel ein bestimmtes Café besonders gut besucht ist.

Hinweis: Hier erfahren Sie, wie Sie verhindern können, dass Google Ihre Standortdaten erfasst.

Teilweise lassen sich sogar Daten zur aktuellen Auslastung eines Ortes abfragen. Genau diese Echzeitwerte sammelt Kreißel für seine Analyse und vergleicht sie jeweils mit den Werten an einem durchschnittlichen Tag vor der Corona-Krise.

Weniger Reisen, weniger Einkäufe

Das "Social Distancing Dashboard", das hier aufgerufen werden kann, gibt dabei jeweils eine Momentaufnahme vom aktuellen Tag und dem Vortag wieder. Alle drei Stunden wird aktualisiert. Am Samstagnachmittag zeigt die Statistik etwa, dass die untersuchten Orte am 20. März im Schnitt nur zu 25 Prozent des sonst üblichen Werts ausgelastet waren.

Kreißel schätzt, dass vielerorts nur noch Pendler auf dem Weg zur Arbeit unterwegs sind. "Ich finde, das ist eine wichtige Botschaft: Die Leute halten sich freiwillig an die Einschränkungen und passen aufeinander auf", sagt Kreißel. "Da stellt sich natürlich die Frage, ob es zusätzliche Ausgangssperren wirklich noch braucht."

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Kreißels Analyse zeigt, dass bestimmte Orte wie zum Beispiel Bahnhöfe in Zeiten der Coronakrise deutlich weniger frequentiert werden als normalerweise. Auch bei Einkaufszentren verzeichnet die Statistik einen Besucherrückgang.

Am Samstag stiegen die Werte zwar zwischenzeitlich an, vermutlich aufgrund der typischen Wochenendeinkäufe und in Erwartung erweiterter Ausgangssperren. Trotzdem war etwa Galeria Kaufhof in Essen am Nachmittag nur zu 20 Prozent ausgelastet (im Vergleich zu einem normalen Tag mit 100-prozentiger Auslastung). "Dabei ist natürlich unklar, ob Google hier auch Leute erfasst, die nur an den Geschäften vorbei laufen. Das ist leider eine Blackbox", gesteht Kreißel.

Beitrag für mehr Datenschutzbewusstsein

Normalerweise lässt Google nur eine begrenzte Zahl von Datenabfragen zu den Lokalitäten auf Google Maps zu. Für den guten Zweck habe der Konzern dem Entwicklerteam aber bereits weitere Daten zugesichert, so Kreißel. Auch aus anderen Quellen sollen im Laufe des Wochenendes Informationen in das "Social Distancing Dashboard" einfließen.

Dabei handle es sich ausschließlich um aggregierte und unbedenkliche Daten. Trotzdem sieht Kreißel ihre Verfügbarkeit durchaus kritisch. "Für dieses Projekt können wir die unterschiedlichen Daten zwar einerseits sehr gut brauchen. Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, warum sie überhaupt erfasst werden", sagt der Student. Vielen Android-Nutzern sei wahrscheinlich nicht bewusst, dass Google ihre Standortdaten erfasse und in aggregierter Form für andere zugänglich mache.

Auch der Staat analysiert die Bewegungsdaten

Auch das Robert Koch-Institut interessiert sich inzwischen für detaillierte Analysen zu Bewegungsdaten der Bevölkerung während der Coronavirus-Krise. Kundendaten der Deutschen Telekom sollen dabei helfen, mögliche Verbreitungswege des Virus aufzudecken.

Sollte sich herausstellen, dass sich die Bürger mit den Appellen schwer tun, könnte der Staat härtere Maßnahmen ergreifen und riskante Kontakte künftig unter Strafandrohung unterbinden. Laut Kreißel gibt es jedoch Hoffnung, dass es so weit nicht kommen muss.

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