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Corona in Deutschland und schlechte Ausstattung: "So kann das nicht klappen"

MEINUNGRückständiges Deutschland  

So kann das mit Corona nicht klappen

Eine Kolumne von Nicole Diekmann

02.12.2020, 16:25 Uhr
Corona in Deutschland und schlechte Ausstattung: "So kann das nicht klappen". Angela Merkel schaut auf ihr Handy: Nicole Diekmann fordert das Thema Digitalisierung zu priorisieren (Quelle: imago images/Christian Spicker)

Angela Merkel schaut auf ihr Handy: Nicole Diekmann fordert das Thema Digitalisierung zu priorisieren (Quelle: Christian Spicker/imago images)

Heute beraten wieder Kanzlerin und Ministerpräsidenten. Corona-Maßnahmen sollen nicht beschlossen werden. Aber wie wäre es denn mit zeitgemäßer Ausstattung für Labore? Das wäre bitter nötig. | Eine Kolumne von N. Diekmann

Am Wochenende war ich beim AfD-Parteitag. Beruflich. In Zeiten, in denen man Oma und Opa blutenden Herzens für Weihnachten absagt, weil man sie nicht in Gefahr bringen möchte, hat sich die Partei mit 600 Leuten aus 600 Haushalten persönlich zum sich gegenseitig Zerfleischen in Nordrhein-Westfalen getroffen. "Ein 'Superspreade'-Event", dachte ich vorher ein bisschen bang und rechnete mit (und hoffte ehrlich gesagt auch darauf) vorzeitigem Abbruch durch das vor Ort sorgfältig beobachtende Ordnungsamt. "Oh, wohl doch nicht", dachte ich dann jedoch erstaunt und erleichtert, als ich sah, wie sich die 600 Delegierten an die Maskenpflicht hielten. 

"Ach du Schande", dachte ich dann allerdings entsetzt, als ich am Sonntag eine Bundestagsabgeordnete in der ARD sagen hörte, nun ja man habe am Vorabend alle Mann zusammen im Restaurant gesessen, ohne Abstand, ohne Lüften (ab 00:14:57). "Gut, geh ich zurück in Berlin wohl erstmal in Quarantäne, dann zum Schnelltest. Und ich schaue auf die App" – "Och nö", fiel mir im nächsten Moment resigniert ein, "das hilft ja auch nix."

Corona-App hilft im Digital-Brachland Deutschland wenig

Deutschland ist Digital-Brachland. Die Corona-App ist einer von mehreren Beweisen. Für wirklich teuer Geld ist das Ding entwickelt worden, die Kosten belaufen sich inzwischen auf gut 70 Millionen Euro, Entwicklung, Wartung und Werbung inklusive. Lobgepriesen zum Start Mitte Juni. Gleich vier Bundesminister, eine Staatsministerin, der Präsident des Robert Koch-Instituts und zwei Unternehmensvertreter gaben eine gemeinsame Pressekonferenz. Ja, rechnen Sie mal kurz durch: Zusammen Weihnachten feiern dürften die nicht, das ist verboten. Zumindest in Berlin.

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online.de filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet.

Nun war das Zusammentreffen dieser Menschen im Juni aber ja rein beruflich, und sie dachten damals auch noch, es gäbe etwas zu feiern. Euphorisch war die Stimmung, aufgeladen, es wirkte wie ein wirklich großer, bedeutender Moment. Man hätte sich kaum gewundert, wäre Angelina Jolie eingeschwebt. Als UN-Sondergesandte kennt sie das ja schon, in Krisengebieten zu erscheinen und Besserung in Aussicht zu stellen. Auch über Doc Brown wäre kaum jemand in der Szenerie überrascht gewesen, den genialen Erfinder aus "Zurück in die Zukunft". Etwas Magisches lag in der Luft, Aufbruchstimmung. Die App, so die Hoffnung, könnte die moderne Antwort auf ein neues Virus sein.

Mittlerweile schreiben wir Dezember. Zwar haben immerhin mehr als 22 Millionen Menschen die App runtergeladen. Aber: Nur 60 Prozent geben nach einem positiven Test dessen Ergebnis auch in die App ein, sodass ihre vorherigen Kontakte gewarnt werden und Vorsichtsmaßnahmen ergreifen können, sofern sie die App ebenfalls installiert haben UND benutzen.

Testergebnisse per Fax landen oft nicht in der App

Warum? Es gibt mehrere Gründe. Einer könnte schlicht und einfach "Privatsphäre" heißen. Ein anderer heißt, und das ganz sicher: Digitalisierung. Beziehungsweise: NICHT-Digitalisierung. "Die Testergebnisse von den Laboren bekommen wir teilweise noch als Fax", sagt zum Beispiel der Vizebürgermeister von Berlin-Neukölln. Ganz richtig: Fax. Die Älteren hier erinnern sich noch dran. Das ist kein Einzelfall, viele Labore sind noch nicht direkt an die App angeschlossen, vor allem die klinischen Labore, die primär Mitarbeiter und Patienten testen. Zwar hat sich die Zahl der angeschlossenen Labore seit der App-Einführung erhöht – aber da, wo man eigentlich sein müsste in einer führenden Industrienation, ist man nicht. 

Was aber hilft eine App, wenn die Infrastruktur dahinter in den neunziger Jahren stehengeblieben ist? Man kauft sich ja auch kein Elektroauto, wenn keine Lademöglichkeiten existieren. Merken Sie es: Das ist ein Muster. Das Stichwort lautet "Modernisierungsstau". Aber ich schweife ab.

Statt auf einem Datenhighway bewegen wir uns hierzulande eher auf einer mitten im Bau abgebrochenen und nur halb geteerten Straße. Theoretisch könnten die Labore, wären sie angebunden, Testergebnisse direkt auf die App schicken – faktisch aber läuft es oft so: Erhalte ich die Nachricht, dass ich positiv getestet bin, muss ich eine Telefonhotline anrufen, bekomme dort eine TAN mitgeteilt, also eine Zahlenkolonne, und die gebe ich dann händisch in die App ein.

Deutschland ist digital nicht dort, wo es sein sollte

Wohlgemerkt läuft das auch nur dann so, wenn alles gut geht: Das Labor hat die entsprechenden Daten korrekt weitergefaxt, die Arztpraxis, in der ich den Test gemacht habe, denkt daran, mir die Nummer auch mitzuteilen und mich darauf hinzuweisen, dass ich das dann in der App eintragen muss – und ich habe beim Schock der Diagnose dann auch den Nerv neben allen anderen Vorbereitungen für die Quarantäne, mich auch noch um die Meldung in der App zu kümmern.

Man muss keine Statistikprofessur innehaben, um zu prognostizieren: Bei diesem archaischen System bleiben sicher etliche Meldungen ungewollt auf der Strecke: Telefon, Fax – das ist dann doch mehr "Zurück in die Vergangenheit".

Und selbst wenn man jetzt den Datenschutz bei der App zurückschrauben würde, wie es nun einige lauthals fordern (und dabei ganz nebenbei oftmals beweisen, dass sie selbst nicht ganz sattelfest in dieser digitalen Materie sind): An Telefon und Fax beißen sich wohl auch die schillerndsten Corona-Warn-App-Überwachungsfantasien die Zähne aus.

Ob die AfD am Wochenende wirklich bewiesen hat, dass man auch in Corona-Zeiten ein Massentreffen mit Hunderten Menschen abhalten kann, ohne dass sich viele infizieren, wird sich noch zeigen. Ob das wirklich der ausschlaggebende Grund für diese Form des Parteitages war – man weiß es nicht. Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Partei Sorge hatte, ein digitales Format wäre technisch nicht stabil genug. Verständlich.

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