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Superwahljahr 2021: Stell dir vor, es ist Wahlkampf – und niemand kriegt’s hin

MEINUNGSuperwahljahr 2021  

Stell dir vor, es ist Wahlkampf – und niemand kriegt's hin

Von Nicole Diekmann

10.03.2021, 09:15 Uhr
Superwahljahr 2021: Stell dir vor, es ist Wahlkampf – und niemand kriegt’s hin. Winfried Kretschmann und Bildungsministerin Susanne Eisenmann: Beide bewerben sich bei der Landtagswahl als zukünftiger Landeschef, beziehungsweise Landeschefin.  (Quelle: Lichtgut/Arnulf Hettrich)

Winfried Kretschmann und Bildungsministerin Susanne Eisenmann: Beide bewerben sich bei der Landtagswahl als zukünftiger Landeschef, beziehungsweise Landeschefin. (Quelle: Lichtgut/Arnulf Hettrich)

Corona macht es den Parteien im Superwahljahr nicht gerade einfach: Fußgängerzonen leer, Massenveranstaltungen verboten. Aber Moment, war da nicht noch was? Ach ja, das Social Web. Schade, dass man es nicht beherrscht.

Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann hat es wahrlich nicht leicht: Denn niemand, wirklich niemand mag in diesen Zeiten Kultusministerinnen. Team A fordert, die Kinder endlich wieder in die Schule zu schicken. Mit sehr guten Argumenten. Team B fordert, die Kinder unter gar keinen Umständen wieder in die Schule zu schicken. Auch mit sehr guten Argumenten.

Die für Schulen Zuständigen in den Staatskanzleien können es kaum jemandem recht machen. Sie müssen gleich zweierlei ausbaden: Zum einen die Unfähigkeit der deutschen Politik seit zirka 1850, Digitalisierung vernünftig zu priorisieren. Zum anderen die allgemeine Unfähigkeit, statt "Aber das war ja noch nie da!" auch mal "Das war noch nie da, also eine Gelegenheit, Neues und gleichzeitig Durchdachtes auszuprobieren!" zu sagen.

Man könnte die sozialen Medien nutzen

Für einige sind die Konsequenzen, die sich aus der strukturellen, deutschen Überforderung und den individuellen Ausfällen im Bundeskabinett ergeben, dramatisch – etwa für Kinder aus bildungsfernen Familien. 

Für Leute wie Susanne Eisenmann sind die Konsequenzen doof: Die CDU-Politikerin möchte in Baden-Württemberg am Sonntag zur Ministerpräsidentin gewählt werden, steckt also mitten im Wahlkampf, und den KÖNNTE man 2021 besser denn je in den sozialen Netzwerken führen. Müsste man sogar. WENN man es denn bloß beherrschen würde.

Die Fußgängerzonen sind leer, denn die Geschäfte sind ja zu. Auf Marktplätzen versammeln geht auch nicht. Ist nicht erlaubt. Nahbarkeit, ein wichtiges Pfund, gerade auf Landes- und Kommunalebene – so lässt sie sich nicht herstellen. Aber Sekunde, da war doch noch was. Richtig: Social Media! Würde man diese Kanäle denn auch nutzen. Und zwar, wofür sie eigentlich gedacht waren: moderne Kommunikation.

Vielleicht stünde Eisenmann in den Umfragen dann ein bisschen besser da (tat sie auch schon nicht, bevor sich Unions-Bundestagsabgeordnete die Taschen vollstopften; Eisenmann persönlich kann für das Maskengate zwar nichts, schaden tut ihr das Debakel vermutlich dennoch).

Kommunikation zum Einschlafen

Ihre Social-Media-Inkompetenz hat die CDU bereits im Frühsommer 2019 eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Nachdem der Youtuber Rezo vor allem Union und SPD in einem Video 55 Minuten lang beschimpft hatte, schoss die CDU mit ihren hilflosen Reaktionen über Tage hinweg einen Bock nach dem anderen. Dass Annegret Kramp-Karrenbauer nicht mehr Parteichefin ist, hat nicht nur, aber auch mit dieser Episode zu tun.

Jetzt ist also Wahlkampf unter Pandemiebedingungen, in einer Zeit, in der alles anders ist und vieles deshalb mal anders gemacht werden könnte, oder? – Pustekuchen. Beispiel TV-Duell: Am 1. März trat Herausforderin Eisenmann gegen den Amtsinhaber an, den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Und was tat sich auf dem Twitteraccount der CDU-Bundespartei? Eisenmanns Aussagen wurden dort zitiert und beklatscht. Sie wurde als die bessere Kandidatin hingestellt.

Na, sind Sie auch kurz eingenickt? Sie haben mein vollstes Verständnis. Mich langweilen die alten Spielchen auf neuen Kanälen auch. Natürlich erwartet niemand bei Trost, dass plötzlich jemand mit Zugang zum CDU-Account den Auftritt der eigenen Spitzenkandidatin in den Boden rammt. Aber ein bisschen mehr Innovation – Leute, das muss doch möglich sein! Sonst reicht es auch, Wahlplakate abzufotografieren und die Fotos davon bei Instagram, Facebook und Twitter hochzuladen.

Bei der SPD sieht es nicht besser aus

Aber Moment, da bleibt sich die CDU wenigstens treu – fast exakt so sieht die Kampagne von Susanne Eisenmann bei Instagram auch aus! Ein Foto von der Kandidatin neben Slogans wie "Innovation & Forschung statt Verbote" oder "Das Land in die Zukunft führen" oder auch – Achtung: "Nicht von oben herab: Auf die Leute hören" sind da zu lesen.

Bevor wir uns jetzt hier zu sehr auf die CDU einschießen: Die anderen sind auch nicht viel besser. Auch in Rheinland-Pfalz wird gewählt. Auch dazu fand, natürlich, ein Fernsehduell statt. Dort zwischen Titelverteidigerin Malu Dreyer von der SPD und ihrem Herausforderer von der CDU, Christian Baldauf.

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter – wo sie bereits Zehntausende Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet.

Die Generalsekretäre beider Parteien trugen auf Twitter dies bei: "Das war richtig stark! Klarer Punktsieg für die wunderbare Malu Dreyer im TV-Duell. Malu hat gezeigt, warum sie die beste Wahl für Rheinland-Pfalz ist. Was meint ihr?" – und auf der anderen Seite: "Christian Baldauf ist der Sieger im TV-Duell zur Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Heute wurde klar: Malu Dreyer verwaltet ideenlos die Gegenwart, während Christian Baldauf mit neuen Ideen die Zukunft von Rheinland-Pfalz im Blick hat."

Von Barack Obama lernen

Ich denke, es ist überflüssig zu erwähnen, welcher Tweet von wem stammt. Viel mehr würde mich interessieren, wann diese inhaltsleeren Texte formuliert wurden. Ob vor oder nach dem Duell. Vielleicht aber auch schon 2008, als die USA mitten im Präsidentschaftswahlkampf steckten und die Demokraten Barack Obama ins Rennen schickten. Der nutzte unter anderem Facebook, Youtube, Podcasts und Twitter dermaßen intensiv, dass Vergleiche mit der medialen Pionierarbeit von Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy gezogen werden, die viele Jahre zuvor das Radio und das Fernsehen in ihren jeweiligen Wahlkämpfen als neue, erfolgreiche Instrumente erkannt und genutzt hatten.

Aus ungefähr dieser Ära stammen die Strategien, mit denen sich die beiden Volksparteien (bzw. diejenigen, die immer noch gern als solche gesehen werden wollen) in den sozialen Netzwerken bewegen. Ich als Wählerin fühle mich da nicht angesprochen. Und hoffe sehr, dass sich da bis zum September noch was tut.

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