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Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Dar├╝ber sollten sie besser schweigen

Eine Kolumne von Nicole Diekmann

Aktualisiert am 14.04.2022Lesedauer: 4 Min.
Cathy Hummels und Anne Spiegel: Beide scheiterten damit, die ├ľffentlichkeit strategisch in ihre Privatsph├Ąre einzubeziehen
Cathy Hummels und Anne Spiegel: Beide scheiterten damit, die ├ľffentlichkeit strategisch in ihre Privatsph├Ąre einzubeziehen (Quelle: imago-images-bilder)
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Egal ob Ex-Familienministerin Anne Spiegel oder Cathy Hummels. Viele Prominente beziehen die ├ľffentlichkeit zunehmend strategisch in Privates ein ÔÇô und schaden damit vor allem sich selbst.

Drei Tage ist der verst├Ârte und verst├Ârende Auftritt der inzwischen Ex-Familienministerin Anne Spiegel her. Sichtlich angeschlagen und best├╝rzend offen hatte die Politikerin in einer hektisch einberufenen Pressekonferenz am Sonntagabend private Einblicke in ihr Familienleben gew├Ąhrt. Ein versuchter Befreiungsschlag, der misslang und der viele Fragen aufwirft. Unter anderem diese: Wie offen sollten wir alle mit unserer Privatsph├Ąre umgehen?

Seit Jahren kommt das Thema immer wieder auf, denn dank Social Media hat sich da einiges verschoben. Vor allem durch Instagram sind ehemalige H├╝rden weggefallen: Redaktionen, die zum Beispiel nach Homestorys fragten und wussten, was man Lesern zumuten und Promis abtrotzen kann ÔÇô und wo die Grenze ist.

Managements, Agenten ÔÇô auch sie braucht man nicht mehr, nicht mal Fernsehteams. Technische und stilgebende Filter wurden inzwischen ersetzt durch solche, die Bilder vielleicht sch├Âner machen, nicht aber immer auch besser.

Gala und Bunte wussten (meist) wo Schluss ist

Ja, auch als "Gala", "Bunte" und andere noch die einzigen Orte waren, wo man sich ├Âffentlich entbl├Â├čte, ging auch schon mal was schief. Der im Pool plantschende damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping ist ein solches Beispiel. Aber die Tatsache, dass diese Geschichte noch immer so vielen Leuten gewahr ist, zeigt: Sie war ein Ausrei├čer. Denn sie ist, halten Sie sich fest, 21 Jahre her.

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Solche Geschichten sind inzwischen Geschichte, wir alle sind eben dank Social Media selbst in der Lage, uns zu zeigen, uns zu vermarkten ÔÇô und: uns zu blamieren. Und damit w├Ąren wir bei den Hummels. Mal wieder.

Denn auch Fu├čballer Mats und seine Frau Cathy sorgen zur Stunde f├╝r Aufsehen. Seit Monaten wird ger├Ątselt, ob die beiden nur noch auf dem Papier Eheleute sind. Nun gibt es neue Indizien. Mats Hummels scheint sich mit einer anderen Frau zu treffen. Das wissen wir Unbeteiligten, weil diese andere Frau dies auf Instagram publik gemacht hat. Darauf reagierte Cathy Hummels, zwar subtil, aber doch ├Âffentlich auf Instagram, und dann wiederum ÔÇô ich k├╝rze das ab: Sie k├Ânnen das alles hier nachlesen. Andere haben sich verdient gemacht, die Details zusammenzutragen.

Hummels sind Garanten f├╝r Aufmerksamkeit

Die Hummels ÔÇô sie sind immer Garanten f├╝r viel Aufmerksamkeit. Und gerade in einer Woche, in der die Horrornachrichten aus der Ukraine nicht abrei├čen, Anne Spiegels Auftritt vor der Presse auch nicht gerade f├╝r gute Stimmung sorgt, die Angst vor Inflation, Energieengp├Ąssen und Wirtschaftseinbr├╝chen umgeht ÔÇô da scheint so eine kleine Soap von den Reichen und Sch├Ânen eine willkommene Abwechslung.

Und anders als fr├╝her finanzieren wir als Konsumenten solcher Spektakel nicht mal mehr zumindest indirekt durch den Kauf von People-Magazinen die Paparazzi mit, die Stars jagen und f├╝r dramatische Szenen sorgen. So wie damals zum Beispiel, als die junge Britney Spears aus lauter Verzweiflung und getrieben von dem Wunsch, nur schnell wegzukommen von einer lauernden Fotografenmeute, sich am Steuer ihres Autos ihr weinendes Baby auf den Scho├č setzte, nicht anschnallte ÔÇô und losfuhr.

Spears hatte Gl├╝ck ÔÇô andere bezahlten mit dem Leben

Spears hatte Gl├╝ck und bekam daf├╝r nur schlechte Presse. Lady Diana bezahlte die Flucht vor den Kameras mit ihrem Leben. Das ist heute anders. Die Hummels und viele andere machen das ja erstens alles freiwillig. Niemand zwingt sie, au├čer ihnen macht sich niemand schuldig. Wenn ├╝berhaupt. Und es ist ja zweitens nur eine lustige Geschichte.

Aber ist das wirklich so? Tragen wir gar keine Mitverantwortung mehr? Ist sie verpufft, genauso wie die ehemaligen Kontrollinstanzen? Oder ist durch die neuen Medien nicht vielmehr eine neue Form der Verantwortung entstanden? M├╝ssen wir uns dieser Verantwortung erst bewusst werden ÔÇô wir, aber auch Leute wie Cathy Hummels und die anderen Beteiligten in dieser und in ├Ąhnlichen Geschichten? Denn ist das wirklich nur eine lustige Geschichte?

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seri├Âse Politik-Berichterstatterin. Ganz anders, n├Ąmlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Twitter ÔÇô wo sie ├╝ber 120.000 Fans hat. In ihrer Kolumne auf t-online filetiert sie politische und gesellschaftliche Aufreger rund ums Internet. Ihr Buch "Die Shitstorm-Republik" ist ├╝berall erh├Ąltlich, ihr neues Blog findet man hier.

Wer das sagt und meint, das w├╝rde hundertprozentig so bleiben, kennt die Mechanismen der sozialen Netzwerke nicht. Und den Fall Katarzyna Lenhardt. Die junge Frau war eine Zeitlang liiert mit J├ęr├┤me Boateng, er war Fu├čballer wie Mats Hummels, sie Influencerin wie Cathy Hummels. Es gab Liebe, L├╝gen, Tr├Ąnen, Seitenspr├╝nge, es gab Cybermobbing, es gab eine Kampagne von Boulevardmedien ÔÇô und am Ende gab es ein Todesopfer: Lenhardt nahm sich das Leben. Zur├╝ck blieb ihr kleiner Sohn.

Nie gleicht eine Geschichte vollkommen der anderen ÔÇô aber ein paar Parameter sind stets identisch. Die Stars sind auf der Suche nach Aufmerksamkeit ÔÇô da geht es nicht nur um den s├╝├čen Nektar Ruhm, um Eitelkeit, sondern knallhart um Geld. Die Versuchung, sich noch ein bisschen nackiger zu machen als andere, um so hervorzustechen, ist gro├č. Die ├Ąu├čere Kontrolle kaum noch vorhanden.

Die Meute hei├čt inzwischen "Publikum", die Jagd dreht sich nicht um die besten Fotos, sondern um Aufmerksamkeit, die man im Netz vor allem mit Hass erreicht.

Wir tragen auch als Konsumenten eine Verantwortung

Das bedeutet: Was fr├╝her unser Geld war, sind heute unsere Likes, Shares, Kommentare. So bezahlen wir heute das ├Âffentliche Zurschaustellen. Und vor allem: So befeuern wir es. Das muss uns klar sein. Wir sind eben keine passiven Empf├Ąnger an unseren modernen Empfangsger├Ąten. Wir sind aktive Treiber des Geschehens. Wir sind der Markt, wir signalisieren mit all diesen Aktivit├Ąten die Nachfrage.

Das hei├čt, wir sind mitverantwortlich daf├╝r, dass Leute posten ÔÇô und eben auch solche Leute, denen das Gesp├╝r daf├╝r fehlt, wo lieber Schluss sein sollte. Wo sie sich, aber auch andere in ihrem Dunstkreis lieber sch├╝tzen sollten vor einer oft gnadenlosen ├ľffentlichkeit. Kinder zum Beispiel.

Aber eben auch Leute, die zu eitel sind, um der Verlockung zu widerstehen. Oder aber bereits derma├čen fest verankert in der Influencer-Industrie sind, dass sie den Wald vor lauter B├Ąumen nicht mehr sehen. Und vor lauter lukrativen Deals.

Wir alle k├Ânnen (fast alles) posten, was wir wollen. Wir alle k├Ânnen alles mit einem "Gef├Ąllt mir" versehen, weiterschicken oder kommentieren. Wir m├╝ssen es aber nicht.

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