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Die Wahrheit hinter dem 50-Millionen-Versprechen

Von Ali Vahid Roodsari

Aktualisiert am 08.03.2020Lesedauer: 11 Min.
Ein Rechner mit Unterlagen von einem Spammer: Weltweit werden tÀglich Milliarden Spam-E-Mails verschickt.
Ein Rechner mit Unterlagen von einem Spammer: Weltweit werden tÀglich Milliarden Spam-E-Mails verschickt. (Quelle: gorodenkoffBenjamin Springstrow/getty-images-bilder)
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Milliarden Spam-E-Mails landen tĂ€glich in PostfĂ€chern. Wer hinter den Nachrichten steckt, ist meist unklar. Doch wie genau gehen die BetrĂŒger vor? t-online.de hat sich zum Schein auf die Betrugsmasche eingelassen.

50 Millionen Pfund – von dieser Erbschaft trennen Horst Rodelmaier noch zwei Dinge: ein sechsseitiger Vertrag, in dem er auch das Passwort seines E-Mail-Postfachs nennen muss. Und eine "GebĂŒhr" von knapp 11.000 Pfund. Erst dann soll das Geld auf seinem Konto landen.

Doch das Erbe gibt es gar nicht: Es ist nur Vorwand eines BetrĂŒgers, der sich als Frank Howard ausgibt – Mitarbeiter einer Londoner Bank. Die Millionen versprach er Rodelmaier in einer Spam-E-Mail. Das wahre Ziel: Geld und sensible Daten zu erbeuten. Doch was der BetrĂŒger nicht weiß: Auch Horst Rodelmaier ist erfunden. Er dient als Köder, um herauszufinden, wie solch eine Masche ablĂ€uft.

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Was folgt, ist ein wochenlanger E-Mail-Austausch. Rodelmaier wird in dessen Verlauf mit Technikproblemen kĂ€mpfen, zweimal im Krankenhaus landen, den Betrug mehrmals anzweifeln und sich um die Beerdigung seiner plötzlich verstorbenen Mutter kĂŒmmern. Doch ganz gleich, wie absurd die LĂŒgengeschichten auch werden: Der BetrĂŒger hĂ€lt an seiner Masche fest – und verliert darum am Ende, als selbst Betrogener, ein wichtiges Bankkonto.

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Erster Kontakt

Die erste Betrugs-E-Mail erreicht die Redaktion am 23. Oktober 2019. Auf Englisch schreibt dort ein "Mr. Frank Howard". Er arbeite fĂŒr eine Bank in London und gratuliert zu einer Erbschaft in Höhe von 50 Millionen Britischen Pfund. Das sei so festgelegt "im Nachtrag und letzten Testaments eines verstorbenen Kunden". Ein Name wird "aus SicherheitsgrĂŒnden" nicht genannt, bei Interesse soll sich der E-Mail-EmpfĂ€nger melden.

Nachrichten wie diese landen tĂ€glich milliardenfach in E-Mail-PostfĂ€chern. Meist handelt es sich dabei um Spam: Diese E-Mails machen oft Werbung fĂŒr dubiose Produkte – wie etwa Pillen fĂŒr eine PenisvergrĂ¶ĂŸerung. In anderen FĂ€llen sind es Hoax-, Phishing- oder Scam-E-Mails. Doch ganz gleich, wie diese Nachrichten auch bezeichnet werden mögen: Wer den Versprechungen oder Warnungen in diesen E-Mails glaubt, wird am Ende stets enttĂ€uscht und erhĂ€lt weder das versprochene SchnĂ€ppchen noch das erhoffte Millionenerbe. In vielen FĂ€llen landen dabei persönliche Daten bei BetrĂŒgern, in anderen verlieren die Opfer mehrere Tausend Euro.

Das Opfer Horst Rodelmaier wird geboren

Meist sind solche E-Mails schon auf den ersten Blick zu erkennen, das gilt auch fĂŒr Howards Nachricht. MerkwĂŒrdig ist etwa, dass die Absenderadresse unter einem anderen Namen lĂ€uft oder dass der angebliche Bankangestellte in die Betreffzeile 15 Dollarzeichen schreibt. Auch das Englisch wirkt fĂŒr einen Londoner Bankmitarbeiter recht holprig. Dennoch antworten wir auf die Nachricht und erschaffen dafĂŒr ein glaubhaftes Opfer: "Horst Rodelmaier". Rodelmaier ist 67 Jahre alt, Ingenieur, seit zwei Jahren Rentner – und am Erbe interessiert.

Schlechtes Englisch, allgemein holprige Sprache oder eine unglaubliche Geschichte sind Eigenschaften, die viele solcher Betrugs-E-Mails gemein haben. Laut Sicherheitsexperten habe beides KalkĂŒl. Mithilfe holpriger Sprache und auch absurder Geschichten wollen BetrĂŒger sicherstellen, dass nur leichtglĂ€ubige Nutzer auf ihre Nachrichten antworten. Denn das erhöht die Erfolgschance fĂŒr den Betrug.

Im Fall von Howard wird klar: Solange alles wie geplant lÀuft, ist das Englisch in den E-Mails okay. Tut Rodelmaier aber etwas Unvorhergesehenes, verschlechtert sich die Sprache drastisch. Das zeigt sich vor allem gegen Ende des Betrugs.

Horst Rodelmaier heißt plötzlich anders

Seine erste Nachricht versendet Rodelmaier von einer neu erschaffenen Gmail-Adresse, die der BetrĂŒger ĂŒberhaupt nicht kennen dĂŒrfte: Dennoch reagiert Howard auf die E-Mail. Um die Testamentsdokumente besorgen zu können, brauche der angebliche Banker von Rodelmaier persönliche Details wie Name und Adresse.

Im E-Mail-Austausch fĂ€llt auf: Howard spricht sein Opfer stets als "Dear Rodelmaier" an – offenbar hĂ€lt der Kriminelle "Rodelmaier" fĂŒr den Vornamen seines Opfers, weshalb der angeblich verstorbene Verwandte spĂ€ter konsequenterweise "Horst" mit Nachnamen heißen wird. Die versprochenen Testamentsdokumente liefert BetrĂŒger Howard drei Tage spĂ€ter. Auf die Frage, wer der verstorbene Verwandte sei, schweigt Howard – vorerst.

Die Dokumente des BetrĂŒgers können Sie in dieser Fotoshow anschauen. Diese Dokumente soll Horst Rodelmaier unterschreiben und an die E-Mail-Adresse eines bulgarischen Providers schicken. Damit das Ganze schnell passiert, ĂŒbt Howard auf Rodelmaier moralischen Druck aus: Um an die Dokumente zu gelangen, zahlte Howard angeblich rund 1.500 Pfund fĂŒr Notar und Stempel. Mit SĂ€tzen wie "Ich habe eine Menge Geld investiert" wird er im zukĂŒnftigen E-Mail-Verlauf immer wieder darauf hinweisen.

Horst Rodelmaier zweifelt am Erbe

Bisher lief fĂŒr Howard alles wie gewĂŒnscht, darum wird es nun Zeit fĂŒr etwas Unvorhergesehenes: "Ich brauche Hilfe, um die Dokumente zu scannen, da ich mit Computern sehr unerfahren bin", schreibt Rodelmaier dem angeblichen Bankmitarbeiter. "Können Sie mir bitte noch etwas Zeit geben?"

Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir mit Ausreden den Betrugsprozess verzögern. Im Verlauf der Konversation werden die Geschichten aber immer unglaubwĂŒrdiger. Doch Howard lĂ€sst sich nie davon beirren. Auch diesmal reagiert der falsche Bankberater sofort und rĂ€t Rodelmaier, ein "Business Center" aufzusuchen. Da soll der Rentner die Unterlagen drucken, unterschreiben und scannen.

Dort trifft der Rentner auf weitere Widrigkeiten: "Der Inhaber des Copyshops war neugierig und darum erzĂ€hlte ich ihm die Geschichte vom Erbe", antwortet Rodelmaier einen Tag spĂ€ter. "Er sagte mir, dass ich aufpassen soll, da es sich um einen Betrug handeln könne." Rodelmaier fordert außerdem zum dritten Mal – und mit Nachdruck – mehr Infos zum toten Verwandten.

Frank Howard antwortet diesmal schneller als sonst: Der verstorbene "Mr. Richard Horst" sei ein "Rohöl-HĂ€ndler hier in England" gewesen, der bei einem Autounfall starb. Auch mahnte er Rodelmaier an, Dritten nichts vom Erbe zu erzĂ€hlen, und fĂŒgt hinzu: "Gehen Sie bitte nie mehr in diesen Copyshop."

Horst Rodelmaier kommt ins Krankenhaus

Die Antwort ĂŒberzeugt Rodelmaier, er schickt die unterschriebenen Dokumente an die angebliche E-Mail-Adresse der Lloyds Bank. Nur eine Stunde spĂ€ter antwortet ein Antonio D. Perres. Er bestĂ€tigt den Eingang der Dokumente und schickt zwei neue Formulare, die Rodelmaier ausfĂŒllen soll. Hier verlangen die BetrĂŒger deutlich mehr Informationen: unter anderem Kontodaten sowie eine Ausweiskopie. FĂŒr eine RĂŒckmeldung bekommt Rodelmaier nur drei Werktage Zeit. Sonst werde die Bank das Geld als "unbeansprucht" zurĂŒckzuschicken.

Eines der beiden Dokumente, die Rodelmaier ausfĂŒllen sollte.
Eines der beiden Dokumente, die Rodelmaier ausfĂŒllen sollte.
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Es wird sich aber zeigen, dass der Kriminelle lĂ€nger als drei Tage warten kann. Einige Tage und vier unbeantwortete E-Mails von Howard spĂ€ter liefert Rodelmaier dem BetrĂŒger eine ErklĂ€rung fĂŒr die Verzögerung: "Ich schreibe Ihnen aus dem Krankenhaus. Leider fiel ich die Treppe runter und habe mich verletzt", schreibt Rodelmaier. "Die Ärzte wollen mich zur Beobachtung noch hierbehalten, darum konnte ich die Dokumente nicht zurĂŒcksenden."

Howard wĂŒnscht gute Besserung und drĂ€ngt darauf, die Dokumente alsbald zurĂŒckzusenden. Von nun an beginnt er fast jede E-Mail mit Worten wie: "Mein guter Freund, wie ist Ihre Gesundheit heute?" Auf den Vorschlag Rodelmaiers, dass doch sein bester Freund die Dokumente zurĂŒckschicken könnte, antwortet Howard: "Lassen Sie aus SicherheitsgrĂŒnden nicht einmal Ihren besten Freund ĂŒber all das wissen (
) gehen Sie auch zu keinem Copyshop." Außerdem wird aus dem eben noch legalen Erbe plötzlich eine Mauschelei: "Bei meiner Bank weiß niemand von dieser Transaktion, bitte behalten Sie es darum auch fĂŒr sich."

So sieht Frank Howard angeblich aus

Rodelmaier lÀsst sich dennoch von einem Freund helfen. Doch auch der warnt den Rentner vor Betrug. Das schreibt Rodelmaier dem falschen Bankberater Howard an einem Samstag. Wie immer, wenn der Betrug in Gefahr zu sein scheint, reagiert Howard umgehend. Schon nach zwei Stunden schickt der vermeintliche Bankmitarbeiter einen Arbeitsausweis: "Der angehÀngte Ausweis soll meine LegitimitÀt in dieser Transaktion beweisen", schreibt Howard. "Ich möchte, dass beide Seiten ehrlich zueinander sind. Und ich rate Ihnen, nicht auf Dritte zu hören, ehe das Geld auf Ihrem Konto in Deutschland angekommen ist." Und fast schon flehend: "Ich möchte, dass Sie mir glauben, dass das kein Betrug ist."

Diesen "Ausweis" schickte der BetrĂŒger.
Diesen "Ausweis" schickte der BetrĂŒger. (Quelle: privat)

Das Foto auf dem "Ausweis" zeigt Stephan Engels, den Chief Financial Officer (CFO) der Commerzbank. Das ergibt eine RĂŒckwĂ€rtsbildersuche mit der Website TinEye. Auf Anfrage von t-online.de schreibt eine Pressesprecherin der Commerzbank, dass man bei falschen Social-Media-Profilen oder betrĂŒgerischen Websites im Namen der Commerzbank "umgehend deren Abschaltung" einleite. Da der Betrug in diesem Fall aber per E-Mail erfolge, lasse sich wenig machen.

Horst Rodelmaier kommt erneut ins Krankenhaus

Horst Rodelmaier ĂŒberzeugt der falsche Ausweis. Doch um Howards Geduld zu testen, schicken wir den Rentner erneut ins Krankenhaus – wegen SpĂ€tfolgen seines Sturzes. Außerdem lassen wir nun seinen Freund "Frank Pfalzbauer" antworten – jedoch vom selben E-Mail-Account: "Ich muss Sie darĂŒber informieren, dass mein Freund seit Samstag wieder im Krankenhaus ist", schreibt Pfalzbauer. "Ich kann die nötigen Dokumente an seiner statt unterschreiben."

Das schreibt Pfalzbauer Mitte November. UrsprĂŒnglich sollte Rodelmaier die Dokumente innerhalb von drei Tagen zurĂŒckschicken. Nun sind mehr als zwei Wochen vergangen. SpĂ€testens jetzt sollte Howard bemerken, dass er selbst betrogen wird. Vor allem, da uns ein Fehler unterlaufen ist: In all der Verwirrung stellen wir uns zwar als "Frank Pfalzbauer" vor, unterzeichnen die E-Mail aber mit "Manfred Pfalzbauer".

Auch Howard fĂ€llt das auf. In den kommenden E-Mails springt er zwischen den beiden Namen hin und her. Dennoch scheint er die Geschichte zu glauben. Denn zwei Tage spĂ€ter antwortet er "Frank Pfalzbauer". StandardgemĂ€ĂŸ fragt er nach der Gesundheit Rodelmaiers und erneut weist er darauf hin, dass er "viel Geld aufgewendet habe, um die Dokumente zu besorgen". Rodelmaier solle sich darum bemĂŒhen, sie alsbald unterschrieben zurĂŒckzuschicken.

Rodelmaier soll 10.000 Pfund ĂŒberweisen – als GebĂŒhr

Nach einigem Hin und Her schickt Rodelmaier schließlich die ausgefĂŒllten Dokumente an Howards Bankkollegen Antonio. D. Perres. Die verlangte Ausweiskopie sparen wir uns, den BetrĂŒger scheint das aber nicht zu stören. Er geht nun zum eigentlichen Zweck des E-Mail-Austauschs ĂŒber – dem Vorschussbetrug: Damit das Erbe endlich ĂŒberwiesen werden könne, mĂŒssten vorher "SWIFT-GebĂŒhren" beglichen werden: etwa 11.000 Pfund (circa 13.000 Euro). Vorab vom Erbe abziehen ließe sich das leider nicht, bedauert Perres. "Es ist gegen unsere Bankrichtlinien."

Rodelmaier stimmt den Vereinbarungen zu und erhĂ€lt von Perres die Daten eines Kontos der Metro Bank in London. Gleichzeitig meldet sich Howard und liefert ein sechsseitiges Dokument zur "Vermögensverwaltung". Klicken Sie hier, um sich das Dokument anzuschauen. Auch das soll Rodelmaier unterschreiben. Überraschenderweise soll Frank Pfalzbauer ebenfalls unterzeichnen – als Zeuge. Auch soll Rodelmaier sein E-Mail-Konto plus Passwort im Dokument angeben. Als Grund sagt Howard: "Das ist so die Richtlinie."

Die Metro Bank erfÀhrt vom Betrug

Auf diese Weise möchte der BetrĂŒger wohl das Konto Rodelmaiers ĂŒbernehmen. Zusammen mit den anderen Informationen hĂ€tte er genug Daten fĂŒr einen IdentitĂ€tsdiebstahl. Vermutlich ist er auf diese Weise auch an das Konto bei der Metro Bank gekommen. Denn bei dessen Inhaber handelt es sich sicher nicht um den BetrĂŒger, wie sich zeigen wird. Howard macht aber den Fehler, dass er von Rodelmaier die Unterschrift eines Zeugen verlangt. So können wir in den kommenden Wochen den Prozess mit Ausreden wie "Mein Freund Frank ist derzeit sehr beschĂ€ftigt" beliebig lang hinauszögern.

Zeitgleich informieren wir die Metro Bank, dass eines ihrer Konten von einem BetrĂŒger genutzt wird. Nach nur 20 Minuten meldet sich das Institut zurĂŒck. Eine Pressesprecherin bittet um weitere E-Mails und verspricht, die Sache nĂ€her zu untersuchen. Die Antwort kommt noch am selben Tag: Die Bank habe Schritte eingeleitet, um das Konto zu schließen, teilt uns eine Sprecherin mit. "Zudem werden wir die jeweiligen Behörden in Großbritannien ĂŒber den Vorgang informieren."

Rodelmaier konfrontiert Howard mit der RealitÀt

Rentner Rodelmaier und BetrĂŒger Howard bekrĂ€ftigen unterdessen per E-Mail ihre "Freundschaft". Sie plaudern ĂŒber das Wetter und der Rentner erzĂ€hlt, dass er mit dem Erbe eine Weltreise plane. Rodelmaier wĂŒrde Howard gern in London besuchen und ihn zum Essen einladen. Howard willigt ein. "Du kannst mit deiner Tochter, ihren Kindern und Mann gern kommen", schreibt der BetrĂŒger. "Ich habe auch eine Familie und wir können Familien-Freunde werden."

Mittlerweile lĂ€uft der Austausch nun seit mehr als einem Monat – Zeit fĂŒr den Schlussakt. Rodelmaier ist jetzt endgĂŒltig misstrauisch geworden und schreibt Howard, dass er die GebĂŒhr in Höhe von 11.000 Pfund nicht ĂŒberweisen könne. Ein Bankmitarbeiter habe Rodelmaier aufgeklĂ€rt, dass das Ganze ein Betrug sei. Auch sei es ja komisch, dass das Geld an die Metro Bank ĂŒberwiesen werden soll und nicht an die Lloyds Bank, bei der Howard angeblich arbeite. Und: Ein Freund Rodelmaiers habe auf dem Ausweis von Howard den Commerzbank-CFO Stephan Engels erkannt.

Das alles teilen wir dem BetrĂŒger im Namen Rodelmaiers mit, in der Hoffnung, ihm noch persönliche Informationen zu entlocken: "Weißt du, der Bankangestellte wollte schon die Polizei rufen", schreibt Rodelmaier. "Aber ich wollte erst wissen, warum du das alles machst. Bist du ĂŒberhaupt aus Großbritannien? Wer bist du wirklich?" Rodelmaier bekrĂ€ftigt, dass er Howard vertraut habe. Dass er bereits sein ganzes Leben lang versuche, seinen Mitmenschen zu helfen. "Lass mich dir helfen, Frank Howard", bittet Rodelmaier. "Wenn du noch einen kleinen Funken Anstand in dir hast, wirst du mir eine ehrliche Antwort geben – das weiß ich."

Die Geschichte hĂ€tte hier zu Ende sein können, schließlich ist der Betrug endgĂŒltig durchschaut. Doch erneut ĂŒberrascht uns Howard: Nur eine halbe Stunde spĂ€ter liegt eine Antwort im Postfach. Sie ignoriert alle gestellten Fragen und das Englisch ist fehlerhafter als sonst. Grob ĂŒbersetzt steht da:

Lieber Rodelmaier,
mein guter Freund, ich habe den Empfang deiner Nachricht bestĂ€tigt und ich war total schockiert ĂŒber deine Bemerkung. Wie kannst du glauben, dass wir einen langen Weg gegangen sind, auf dem ich meine ID-Karte dir geschickt habe, warum glaubst du das, ich habe dir alle BestĂ€tigungsunterlagen geschickt, mein Freund. Ich möchte, dass du aufhörst, den Leuten zuzuhören, es ist nicht so, glaube mir, und behalte alle Quittungen der Ausgaben, die du fĂŒr diese Transaktion gemacht hast, weil du alles zurĂŒckbekommen wirst.

Der BetrĂŒger sendet ein Konto aus Deutschland

Entweder hat Howard Rodelmaiers E-Mail falsch verstanden oder er ist verzweifelt. Als Rodelmaier zwei Tage schweigt, schickt Howard eine weitere Nachricht – Ă€hnlich der vorherigen, jedoch ein wenig lĂ€nger und nachdrĂŒcklicher.

Nach anfĂ€nglichem Zögern lassen wir uns – erneut – auf den Schwindel ein: Jetzt erhalten wir von Perres ein Konto aus Deutschland, von der Sparkasse Schwarzwald-Baar in Villingen-Schwenningen. Diesmal will Howard lĂ€stige Nachfragen von vornherein vermeiden und rĂ€t: "Wenn die Bank dir Fragen stellt, sag ihnen, dass das Geld fĂŒr den Kauf eines Autos sei – oder ein Familienprojekt."

Das Sparkassen-Konto lĂ€uft unter einem anderen Namen als das bei der Metro Bank. Eine Person mit gleichem Namen steht sogar im Telefonbuch von Villingen-Schwenningen, t-online.de hatte mit ihr Kontakt. Das Ganze belegt, dass der BetrĂŒger wohl durch IdentitĂ€tsdiebstahl an die Konten kam.

Auch hier informieren wir die Bank ĂŒber den Betrug. Im Gegensatz zur Metro Bank reagiert die Sparkasse jedoch erst einige Tage spĂ€ter nach telefonischer Nachfrage: "Bitte haben Sie VerstĂ€ndnis, dass wir Ihnen aus datenschutzrechtlichen GrĂŒnden keinerlei Auskunft geben können", lautet die Antwort. "Ich kann Ihnen versichern, dass wir die von Ihnen gegebenen Hinweise prĂŒfen und gegebenenfalls entsprechende Maßnahmen einleiten werden." Ob das Konto gesperrt wurde, bleibt unklar.

Haben Sie ein Thema, das fĂŒr das Digital-Ressort interessant sein könnte? Oder wĂŒnschen Sie sich ein RatgeberstĂŒck mit Digitalbezug? Schreiben Sie uns eine Mail an "leseraufruf@t-online.de".

Rodelmaiers Mutter stirbt ĂŒberraschend

Da wir das Geld nicht ĂŒberweisen werden, halten wir Howard und Perres weitere Tage mit verschiedenen Ausreden hin. Erst ist Rodelmaiers Freund Frank im Urlaub und kann deshalb die ErklĂ€rung nicht unterschreiben. Dann ist die nĂ€chste Bank zu weit weg und Rodelmaier könne sie ohne Auto nicht erreichen. Ein mehrtĂ€giges Schweigen begrĂŒndete Rodelmaier schließlich mit dem plötzlichen Tod seiner Mutter.

Howard zeigt sich "total schockiert" und bekundet sein Beileid. Schon im nĂ€chsten Satz drĂ€ngt er aber wieder darauf, das Geld schnell zu ĂŒberweisen. "Das Erbe wird dich bei der Beerdigung deiner Mutter unterstĂŒtzen", schreibt Howard. "Am besten gehst du heute noch vor Nachmittag zur Bank, damit der Prozess schnell bearbeitet wird."

Howard will sich in Rodelmaiers Konto hacken

Es wird Zeit, die Sache zu beenden. Schließlich schicken wir Howard das geforderte Dokument, inklusive der Log-in-Daten zu Rodelmaiers E-Mail-Account. Einen Überweisungsbeleg bekommt Howard nicht, was ihn ziemlich Ă€rgert:

Horst Rodelmaier: Gute Nachrichten: Mein Freund kam heute zurĂŒck und er konnte das Dokument unterschreiben. Ich habe mich auch um die Überweisung gekĂŒmmert. Vielen Dank fĂŒr dein VerstĂ€ndnis in diesen harten Zeiten.
Frank Howard: Lieber Rodelmaier, wann wirst du Geld ĂŒberweisen? Mein guter Freund, du bist derjenige, der dieses Kapital [sic] verzögert.
H. R.: Ich verstehe nicht, ich habe dir doch gerade gesagt, dass ich das Geld heute ĂŒberwiesen habe.
F. R.: Wenn du die Überweisung heute gemacht hast, dann leite mir bitte den Überweisungsbeleg weiter. Und schicke ihn aus DokumentationsgrĂŒnden bitte auch dem Claim Department.
H. R.: Mach dir keine Sorgen, ich habe das Geld ĂŒberwiesen. Ich kann leider selbst immer noch nicht scannen. Und seit meinen Verletzungen habe ich auch einen motorischen Schaden davongetragen. TatsĂ€chlich spreche ich diese E-Mail gerade in mein Mikrofon und korrigiere nur Kleinigkeiten mit meinen HĂ€nden. Technologie ist heute sehr fortschrittlich. Jedenfalls hat mein Freund Frank immer beim Scannen geholfen. Wenn du das Konto in ein paar Tagen prĂŒfst, sollte das Geld eingetroffen sein.
F. R.: Mein guter Freund, ich bin ĂŒber deine Nachricht total schockiert. Wenn du tatsĂ€chlich das Geld ĂŒberwiesen hast, warum schickst du nicht den Überweisungsbeleg? Wie du weißt, habe ich so viel Geld investiert. Bitte, mein Freund, tue dein Bestes, denn ich will, dass das Erbe heute noch auf deinem Konto eintrifft.

Auf diese letzte E-Mail antworten wir nicht mehr – und warten. Schließlich hat Howard jetzt auch die Zugangsdaten fĂŒr Rodelmaiers E-Mail-Konto. Was er allerdings nicht weiß: Das Gmail-Konto ist mit einer Zwei-Faktor-Authentifizierung gesichert. Wenn sich Unbekannte einloggen wollen, muss der Kontobesitzer den Vorgang auf seinem Smartphone bestĂ€tigen. Google speichert zudem IP-Adresse und weitere Informationen zum Anmeldevorgang.

Howard kann sich den ganzen Tag gedulden. Dann um kurz vor Mitternacht, 37 Tage nach dem ersten Kontakt, versucht er, sich in Rodelmaiers Konto einzuloggen: Um 23.31 Uhr meldet Google einen unbekannten Anmeldeversuch. Der Log-in soll von einem GerĂ€t mit "Windows NT 6.1" stattfinden. Eine halbe Stunde spĂ€ter liefert Google einen ausfĂŒhrlicheren Bericht: So nutzt der BetrĂŒger als Browser Chrome und die IP lautet 81.171.58.157.

Eine kritische Sicherheitswarnung von Google.
Eine kritische Sicherheitswarnung von Google.

Eine Internetrecherche zeigt, dass diese IP-Adresse oft im Zusammenhang mit Betrugsversuchen auftaucht. Ob der BetrĂŒger wirklich in den USA sitzt, ist anzuzweifeln. Vermutlich nutzt er ein Virtual Private Network, ein System, das den wahren Standort des Nutzers verschleiert.

Wir Ă€ndern das Passwort und klĂ€ren den Schwindel auf. Wir schreiben dem BetrĂŒger nun als Journalisten und bitten ihn, einige Fragen zu beantworten: Wie viele Menschen fallen auf die Masche rein? In welchem Land sitzt Howard wirklich? Seit wann versucht er, Menschen zu betrĂŒgen? Arbeiter er allein? Und wie ertragreich ist die Masche?

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Doch diesmal schweigt Howard – endgĂŒltig. DafĂŒr meldete sich die Metro Bank erneut – mit einer fĂŒr Howard sicher unerfreulichen Nachricht: "Das Bankkonto in Großbritannien, das Sie uns ursprĂŒnglich gemeldet haben, ist derzeit blockiert." Und: "Es dauert fĂŒr gewöhnlich sieben Tage, bis es formell geschlossen wird – also am Ende dieser Woche."

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