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Finanzielle Abhängigkeit der Frauen: Darum ist ein Mann keine Altersvorsorge


Frauen in Abhängigkeit  

Darum ist ein Mann keine gute Altersvorsorge

18.11.2020, 15:23 Uhr
Finanzielle Abhängigkeit der Frauen: Darum ist ein Mann keine Altersvorsorge . Ein junges Paar liegt zerstritten im Bett (Symbolbild): So groß die Liebe anfangs auch scheinen mag – eine verlässliche Absicherung fürs Alter ist sie nicht. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/gorodenkoff)

Ein junges Paar liegt zerstritten im Bett (Symbolbild): So groß die Liebe anfangs auch scheinen mag – eine verlässliche Absicherung fürs Alter ist sie nicht. (Quelle: gorodenkoff/Thinkstock by Getty-Images)

Noch immer verlassen sich viele Frauen in Deutschland darauf, dass der Mann sich um die Finanzen kümmert. Ein guter Deal scheint das nicht zu sein. Denn hält die Partnerschaft nicht, sind es oft die Frauen, denen Armut droht.

Plötzlich war alles weg. Das Haus, in dem Hanna 20 Jahre gelebt hatte, ihr Geschäft, das sie seit dem Studium aufgebaut hatte, ihr Partner, für den sie ihr Heimatland verlassen hatte. Kurz: ihr Leben, wie sie es kannte.

Wo sich Hanna gerade noch vollkommen sicher gefühlt hatte, tat sich jetzt ein Abgrund auf. Und in dem war viel Platz für neue Gefühle: unendliche Angst und große Enttäuschung. 

"Es war nichts mehr da, das mir gehörte. Mein persönlicher Ground Zero", sagt Hanna. "Wenn man heiratet und zusammen alles aufbaut, geht man doch davon aus, dass alles aufgeteilt wird, wenn die Ehe scheitert. In meinem Fall war das nicht so."

Weil es keinen Ehevertrag gab, blieben ihr nur zwei Dinge: das Auto, in dem sie fortan schlief, und ihr Wille, sich wieder hochzukämpfen. Schließlich hatte sie auch noch einen Sohn zu versorgen.

Für Hanna, die in Wahrheit anders heißt, rächte sich, was auch für viele andere Frauen zum Problem werden kann: Sie machen sich noch immer zu wenig Gedanken über ihr Geld. Der fehlende Ehevertrag ist dabei noch das kleinere Übel. Ganz generell verlassen sich viele Frauen bei Geldfragen auf ihren Partner – selbst in jüngeren Generationen.

Einer Untersuchung der Großbank UBS zufolge geben gerade Frauen, die in den 1980er- oder 1990er-Jahren geboren wurden, im Schnitt zu fast zwei Drittel die Verantwortung für die Finanzen an ihren Partner ab. Dabei müssten sie selbst eigentlich mehr als Männer für ihre Altersvorsorge tun.

Viele Frauen stecken in der Teilzeitfalle

Helma Sick kennt das Problem. Als Pionierin in der Finanzberatung für Frauen weiß sie: "Es sind immer noch überwiegend Frauen, die wegen der Familie ganz oder teilweise aus der Berufstätigkeit aussteigen. Viele Frauen arbeiten Teilzeit, bis die Kinder 16 oder älter sind, viele Frauen bleiben sogar in Teilzeit bis zur Rente. Das wirkt sich natürlich stark auf die Höhe der Rente aus." Teilzeitarbeit sei auch Teilzeitrente – bei gleichzeitig höherer Lebenserwartung.

Helma Sick: Die Grande Dame der Finanzberatung ermutigt Frauen zur finanziellen Vorsorge. (Quelle: Frau und Geld/Quirin Leppert)Helma Sick: Die Grande Dame der Finanzberatung ermutigt Frauen zur finanziellen Vorsorge. (Quelle: Frau und Geld/Quirin Leppert)

Gerade Frauen sollten deshalb alles daran setzen, ihr Geld so gut es geht zu vermehren. Doch während fast jeder vierte Mann Aktien besitzt, traut sich nach Angaben des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands gerade einmal jede zehnte Frau an die Börse. Ein Grund dafür ist offenbar fehlendes Selbstvertrauen. 

Laut der UBS-Studie glaubt nicht einmal jede zweite Frau, dass sie über ausreichend Wissen verfügt, um gute Anlageentscheidungen zu treffen. Vier von fünf Frauen sind überzeugt, dass der Partner sich besser auskenne. Die Folge: 60 Prozent der deutschen Frauen überlassen langfristige Finanzentscheidungen dem Mann. So lief es auch bei Hanna.

Kein Grundbucheintrag, kein Anspruch auf das Haus

Als nach der Heirat das Kind kam, steckte sie im Job zurück, während er seine Firma aufbaute. Um das Geld kümmerte er sich. Das Haus, in dem die Familie wohnte, hatte ihr Mann von seinen Eltern geerbt. Von Hanna verlangte er Miete – versicherte ihr aber, dass sie im Grundbuch stünde. Sie glaubte ihm.

"Tatsächlich war ich nirgendwo eingetragen", weiß Hanna heute. "Nur für den Kredit sollte ich bürgen, den mein Ex-Mann für eine Renovierung aufgenommen hatte." Das immerhin ließ das Scheidungsgericht nicht durchgehen, die Schulden blieben bei ihm. Doch um Anspruch am Haus zu haben, hätte Hanna, die heute Anfang 40 ist, weiter vor Gericht kämpfen müssen. Mit Geld, das sie nicht besaß.

Denn als freischaffende Künstlerin hatte sie bis dahin zwar ein eigenes Einkommen, aber ihr Konto nutzte das Paar als Familienkonto für die laufenden Kosten – es war immer leer. Hinzu kam, dass auch ihre Selbstständigkeit keine Einnahmen mehr brachte. Hanna war nicht nur als Lebenspartnerin mit einer anderen Frau ersetzt worden, sondern auch als Geschäftspartnerin. "Bis dahin habe ich 25 Jahre von meiner Kunst gelebt. Nun musste ich anfangen, Häuser zu putzen."

Vielen Frauen ist ihre Abhängigkeit nicht bewusst

Kein echtes eigenes Konto, keine Gewissheit, wem das Haus wirklich gehörte, und außer einer Lebensversicherung, die nun dran glauben musste, kein Plan fürs Alter. Woran liegt es, dass viele Frauen bei Finanzfragen wie Hanna blind vertrauen?

"Die Ursachen lassen sich lange zurückverfolgen, da es Frauen seit Jahrhunderten verwehrt war, über eigenes Geld zu verfügen", sagt die Finanzberaterin Mechthild Upgang. "Bis 1957 durften sie kein eigenes Konto eröffnen, bis 1974 nicht ohne die Erlaubnis des Mannes arbeiten gehen. Kamen sie ihren "Haushaltspflichten" nicht nach, konnte der Mann den Job seiner Frau kündigen. "Erst mit dem Aufkommen der Frauenbewegung war es nicht mehr möglich, ihnen den selbstbestimmten Umgang mit Geld zu verwehren. Dennoch haben sich die Traditionen fortgesetzt", so Upgang.

Immer mehr Expertinnen engagieren sich deshalb dafür, Frauen die Scheu vor Geldfragen zu nehmen – und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, in welche Abhängigkeit sie sich begeben. Eine von ihnen ist Laura Rauschnick, Leiterin von "Was verdient die Frau?", einem Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des Bundesfamilienministeriums. Sie sagt: "In Paarbeziehungen sollte man auch partnerschaftlich mit Finanzen umgehen."

Der Partner sollte einen Ausgleich zahlen

Dass der Vater meist Vollzeit und die Mutter Teilzeit arbeite, ergebe sich oft daraus, dass Frauen sowieso schon weniger verdienten – wegen des strukturell schlechteren Gehalts in frauendominierten Berufen, aber auch weil gleichwertige Tätigkeiten immer noch nicht gleichwertig bezahlt werden. Ein Umdenken sei nötig – und zwar auch bei den Männern, findet Laura Rauschnick. Das klassische Modell mit dem Mann als Versorger sei zwar nachvollziehbar, aber nicht langfristig gedacht.

Ihr Vorschlag: "Entweder übernehmen beide Partner zu gleichen Teilen die Erwerbs- und Sorgearbeit oder – wenn man sich bewusst dagegen entscheidet – könnte der eine für den anderen in eine private Rentenversicherung oder einen ETF-Sparplan einzahlen, um das fair auszugleichen." ETFs sind spezielle Fonds, die sich gut zur Altersvorsorge eignen, weil man mit ihnen langfristig vergleichsweise hohe Renditen bei überschaubarem Risiko erzielen kann.

Auch Claudia Müller, Gründerin des "Female Finance Forums", eines Finanzblogs und Netzwerks fürs Frauen, kann Frauen nicht empfehlen, auf einen politischen Wandel zu warten. Mit Workshops und Beratungen führt die frühere Bundesbankerin sie deshalb an Aktien heran. Müller ist überzeugt: "Wir müssen nicht reich sein, um zu investieren, aber wir müssen investieren, damit es reicht."

Es ist kein Vermögen nötig, um zu investieren

Tatsächlich kann so gut wie jeder Fondssparplan schon ab 25 Euro pro Monat bespart werden. Ein Fonds ist eine Art Bündel vieler verschiedener Wertpapiere wie zum Beispiel Aktien. Das hat den Vorteil, dass Anleger ihr Risiko breit streuen und schon mit kleinen Beträgen in die komplette Weltwirtschaft investieren können.

Wer etwa in den vergangenen Jahrzehnten 15 Jahre lang in einen ETF auf den internationalen Aktienindex MSCI World investiert war, machte im Schnitt 7,9 Prozent Rendite. Bei einer monatlichen Sparrate von 25 Euro wären zu den tatsächlich eingezahlten 4.500 Euro also noch einmal knapp 4.000 Euro obendrauf gekommen. Mit 250 Euro im Monat wären aus den dann eingezahlten 45.000 Euro sogar mehr als 84.000 Euro geworden.

Aus ihren Workshops weiß Müller, dass es Frauen mehr Kraft kostet als Männer, den Sprung in die Geldanlage zu wagen. "Aber am Ende sind sie die besseren Investoren, weil sie eine durchdachte Strategie haben."

Hanna hat aus ihren Fehlern gelernt

So weit ist Hanna zwar noch nicht, auf dem Weg zur finanziellen Freiheit ist sie trotzdem ein großes Stück vorangekommen. Nach zeitweise bis zu sechs Jobs gleichzeitig hat sie heute eine Festanstellung in einer Schule, ist schuldenfrei, lebt in einer Mietwohnung und hat ausreichend Geld, um ihre Kosten zu decken. "Fünf Jahre habe ich gebraucht, jetzt bin ich wieder da", sagt sie.

Eine Baustelle gibt es aber noch. Vor einigen Tagen hat Hanna ihren Rentenbescheid bekommen – mit trüben Aussichten. "435 Euro im Monat. Da muss ich noch dran arbeiten", sagt sie. Ob mit Aktien, ETFs oder auf andere Weise, das muss sie noch entscheiden.

Eine Option kommt aber nicht in Frage: "Eine Heirat sehe ich nicht mehr als Absicherung. Ich würde mich nie wieder an jemanden binden, bevor nicht alles geregelt ist."

In Kürze steht die Hochzeit mit ihrem neuen Partner an. Der Ehevertrag ist schon unterschrieben.

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