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Depressive Verstimmung: Wie unterscheidet sie sich von einer Depression?

Im Seelentief  

Unterschied erkennen: Nur "schlecht drauf" oder depressiv?

Von Andrea Goesch

24.06.2020, 09:18 Uhr
Depressive Verstimmung: Wie unterscheidet sie sich von einer Depression?. Menschen mit Depressionen ziehen sich oft zurück und wirken wie versteinert. (Quelle: Getty Images/Milena Shehovtsova)

Menschen mit Depressionen ziehen sich oft zurück und wirken wie versteinert. (Quelle: Milena Shehovtsova/Getty Images)

Verzweiflung, Mutlosigkeit und Trauer: Jeder Mensch durchläuft im Laufe seines Lebens seelische Tiefs. Wie groß die Gefahr ist, dass sich daraus eine Depression entwickelt, erklärt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Depressionshilfe, im Gespräch mit t-online. 

Seelentiefs gehören zum Leben dazu 

Jeder Mensch kennt Phasen, in denen er psychisch "nicht so gut drauf ist" und sich am liebsten zurückziehen möchte. "Solche seelischen Tiefs als Reaktion auf die Bitternisse des Lebens sind völlig normal", sagt Hegerl. Meist handele es sich dabei um vorübergehende Befindlichkeitsstörungen.

Sie sind meist an einen bestimmten Anlass gebunden und verschwinden mit der Zeit von allein wieder. Ein leichtes Seelentief ist meist nach einer oder zwei Wochen vorbei, eine ausgeprägtere depressive Verstimmung, zum Beispiel durch den Verlust eines geliebten Menschen, kann auch mehrere Monate lang anhalten. 

Depression als Alarmzustand im Körper

Bei einer Depression sehe die Sache anders aus: "Depression ist eine ernsthafte Erkrankung, die das gesamte Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Menschen mit einer entsprechenden Veranlagung rutschen immer wieder in diesen Zustand, der sich auch völlig anders anfühlt als ein Stimmungstief."

"Bei einer Depression ist der gesamte Körper im Alarmzustand", sagt Hegerl. Die Hirnfunktion sei krankhaft verändert, das Herz funktioniere anders und der gesamte Stoffwechsel verändere sich. Selbst an den Stresshormonen sei das zu messen. Depressive Befindlichkeitsstörungen hingegen würden primär von äußeren Faktoren gesteuert.

Stimmungstief oder Depression: Was ist anders?   

Für Betroffene ist es meist nicht möglich zu erkennen, ob bei ihnen tatsächlich eine ernstzunehmende psychische Erkrankung vorliegt. Hinzu kommt, dass Depressive ihre Krankheit häufig nicht wahrhaben wollen und sie verdrängen. Das kann gravierende Auswirkungen haben. Denn je früher eine Depression erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Heilungschancen.

"Um abklären zu lassen, ob nur eine Befindlichkeitsstörung oder eine depressive Erkrankung vorliegt, sollte man einen Facharzt, das heißt einen Psychiater oder Nervenarzt, einen Psychologischen Psychotherapeuten oder auch den Hausarzt aufsuchen", sagt Hegerl. Ein Facharzt kann eine nachvollziehbare Reaktion auf äußere Umstände – sei es wegen Stress im Job, Partnerschaftsproblemen oder anderen körperlichen Erkrankungen – meist gut von einer echten psychiatrischen Erkrankung unterscheiden. 

Äußerlich wie versteinert, innerlich permanent angespannt

"Im Gegensatz zu Menschen, die einfach nicht gut drauf sind und dem Arzt von ihren Problemen erzählen, wirken Depressive wie eingefroren'", sagt Hegerl. Sie beschreiben zudem oft ein "Gefühl der Gefühllosigkeit". Zudem leiden viele an Morgen-Tiefs und sind bereits nach dem Aufwachen erschöpft und müde.

"Typisch für eine Depression sind zum Beispiel die Neigung zu Schuldgefühlen, das Gefühl, innerlich wie versteinert zu sein oder sich permanent angespannt wie vor einer Prüfung zu fühlen", sagt Hegerl. Viele Betroffene würden sich fragen: "Warum werden andere Menschen mit ihren Problemen fertig und ich nicht?" Die Antwort darauf sei für depressive Menschen meist das eigene Versagen. Sie geben sich die Schuld dafür, im Alltag nicht mehr richtig zu funktionieren.

Eine Frau liegt auf dem Bett: Viele Depressive klagen über Morgen-Tiefs. Sie fühlen sich müde und erschöpft nach dem Aufwachen. (Quelle: Getty Images/ PhotoAlto/Frederic Cirou)Eine Frau liegt auf dem Bett: Viele Depressive klagen über Morgen-Tiefs. Sie fühlen sich müde und erschöpft nach dem Aufwachen. (Quelle: PhotoAlto/Frederic Cirou/Getty Images)

"Rutscht jemand in eine depressive Krankheitsphase, dann greift die Depression bestehende Probleme, wie sie in jedem Leben vorkommen, auf, vergrößert sie und rückt sie ins Zentrum des Erlebens, verbunden mit dem Gefühl der Ausweglosigkeit." Die Betroffenen glaubten dann, dass diese Probleme schuld an ihrem Zustand seien.

"Depressionen sind aber eigenständige Erkrankungen und viel weniger eine Reaktion auf schwierige Lebensumstände als es Laien, aber auch unerfahrene Ärzte, glauben", betont Hegerl. Doch dieser Perspektivwechsel sei für die meisten sehr schwer zu verstehen.

Der Rutsch in die Depression: Nicht jeder ist gefährdet

Viele Menschen vermuten, dass Stress und andere Befindlichkeitsstörungen zu depressiven Erkrankungen führen. Doch dieser Zusammenhang wird meist überschätzt, sagt Hegerl: "Depressionen und Befindlichkeitsstörungen haben im Grunde weniger miteinander zu tun, als oft angenommen. Die eine entwickelt sich nicht einfach aus aus der anderen heraus".

Das heißt: Ohne eine Veranlagung zu Depressionen erkranken die Menschen auch dann nicht, wenn ihnen das Leben bitter mitspielt, und mit Veranlagung rutschen sie immer wieder in diesen speziellen Zustand, auch wenn es keine nennenswerten äußeren Belastungen gibt.

Bei Depressionen liegt meist eine Anfälligkeit vor

Die Veranlagung zu Depressionen kann vererbt oder auch durch Traumatisierungen und Missbrauchserfahrungen in der frühen Kindheit erworben sein. "Belastende äußere Umstände wie Stress, Partnerschaftsprobleme oder finanzielle Sorgen und Frust auf der Arbeit beeinträchtigen fundamental die Lebensqualität, sie führen aber in der Regel nur bei Menschen zu einer depressiven Krankheitsphase, die eine entsprechende Veranlagung mitbringen", sagt Hegerl. Bei diesen Menschen könnten sie als Auslöser wirken.

Noch immer viele Vorurteile gegen Antidepressiva 

Eine Depression ist zwar eine schwere Erkrankung, doch sie lässt sich meist gut behandeln. Die Therapie beruht in der Regel auf zwei Säulen: der medikamentösen Therapie und der Psychotherapie, oft in Kombination miteinander.

Obwohl Antidepressiva bereits nach zwei bis vier Wochen die Beschwerden deutlich lindern und einen erheblichen Zugewinn an Lebensqualität bringen können, besteht bei vielen Patienten ein starker Widerstand gegen die Präparate. "Manchmal muss man als Arzt mit Engelszungen zu den Patienten reden und Vorurteile gegenüber den Medikamenten ausräumen", sagt Hegerl. Antidepressiva führten zu keiner Persönlichkeitsänderung. Sie würden auch nicht süchtig machen, anders als  manche Schlafmittel, und das Ausschleichen der Tabletten verlaufe meist problemlos. 

Allerdings können einige Antidepressiva bei einigen Patienten auch zu Nebenwirkungen und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten führen. Sollte dies der Fall sein, sollte der Patient in Absprache mit seinem Arzt auf ein anderes Medikament wechseln. Manchmal müssen erst verschiedene Mittel ausprobiert werden, um ein wirksames und gleichzeitig verträgliches zu finden.

Im Gegensatz zu einer Depression bedarf es bei Befindlichkeitsstörungen keiner medizinischen Behandlung. Hier reichen laut Hegerl oft ein paar einfache Maßnahmen aus, um das Befinden zu verbessern. Der Psychiater rät den Betroffenen, regelmäßig Sport zu treiben, sich viel an der frischen Luft zu bewegen, Belastungen möglichst zu vermeiden und auf eine gesunde Balance zwischen Privatleben und Arbeit zu achten. 

Depression: Ist Prävention möglich?

Im Vergleich zu anderen Erkrankungen ist Vorbeugung bei einer echten Depression schwer. "Da kann man im Grunde genommen wenig tun", meint Hegerl. Er empfiehlt denjenigen, die aufgrund von familiärer Vorbelastung ein erhöhtes Risiko haben könnten, besonders auf einen gesunden, ausbalancierten Lebensstil zu achten und nach Möglichkeit Dauerüberforderungen zu vermeiden.

Zudem sei es wichtig, sich ausführlich über die Krankheit zu informieren. "Wenn sich die Krankheit dann irgendwann einschleicht, ist der Patient besser vorbereitet und kann sich früh in ärztliche Behandlung begeben."

Verdacht auf Depression? Hier finden Sie Hilfe

  • deutschlandweites Info-Telefon Depression 0800 33 44 5 33 (kostenfrei)
  • Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depression unter www.deutsche-depressionshilfe.de
  • fachlich moderiertes Online-Forum zum Erfahrungsaustausch www.diskussionsforum-depression.de
  • Hilfe und Beratung bei den sozialpsychiatrischen Diensten der Gesundheitsämter
  • Beratung und Austausch für Angehörige: Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen www.bapk.de


Verwendete Quellen:

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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