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Kommentar zum Pflegebonus: Es braucht mehr als ein Einmal-Dankeschön

MEINUNGPflegebonus  

Es braucht mehr als ein Einmal-Dankeschön

Kommentar zum Pflegebonus: Es braucht mehr als ein Einmal-Dankeschön. Krankenschwestern transportieren eine Patientin: Viele Pflegekräfte fordern bessere Arbeitsbedingungen für ihren Beruf. (Quelle: imago images/Jochen Track)

Krankenschwestern transportieren eine Patientin: Viele Pflegekräfte fordern bessere Arbeitsbedingungen für ihren Beruf. (Quelle: Jochen Track/imago images)

Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig die Pflegeberufe sind. Dass der von Jens Spahn initiierte Pflegebonus nur an Altenpfleger geht, empört darum zu Recht Beschäftigte anderer Pflegebereiche. Doch allein die Idee einer Einmalzahlung ist enttäuschend. 

Als sich im März in vielen deutschen Städten Bürger abends auf die Balkone stellen und laut applaudieren, ist das eine schöne Geste. Sie richtet sich an das Personal in Krankenhäusern und soll zeigen: Wir würdigen euren täglichen Einsatz in der Corona-Krise und sind dankbar.

Anfang April scheint endlich auch ein erster politischer Schritt auf den Applaus zu folgen: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verspricht eine Bonuszahlung für Pflegekräfte. "Ich möchte, dass es diesen Bonus gibt“, sagte Spahn auf einer Pressekonferenz im April. Man müsse aber darüber reden, wie er diejenigen erreicht, die er erreichen soll – also "die Pflegekräfte, die jeden Tag diese schwierige Arbeit machen".

Inzwischen ist allerdings klar: Der Pflegebonus wird nur wenige erreichen, die während der Hochzeit der Corona-Pandemie in Deutschland alles gegeben haben. Denn die vom Bundestag im Mai beschlossene gesetzliche Bonus-Regelung beschränkt sich auf Altenpflegekräfte. Nur sie sollen – je nach Funktion und Arbeitszeit – eine gestaffelte Prämie von bis zu 1.000 Euro bekommen. Länder oder Arbeitgeber können den Bonus auf bis zu 1.500 Euro aufstocken. Klinikpersonal und Krankenpfleger gehen leer aus.

Herausforderung Corona-Pandemie: Pflegepersonal der Klinik in Essen bereitet ein Zimmer für Corona-Patienten vor. (Quelle: Reuters/Wolfgang Rattay)Herausforderung Corona-Pandemie: Pflegepersonal der Klinik in Essen bereitet ein Zimmer für Corona-Patienten vor. (Quelle: Wolfgang Rattay/Reuters)

Auf viele Beschäftigte in der Pflege wirkt das wie blanker Hohn. Sie haben den Eindruck, dass der Gesundheitsminister und Arbeitsminister Hubertus Heil mit ihrem Vorstoß gezielt öffentlichkeitswirksam falsche Erwartungen geweckt haben.

Das von der Politik vorgebrachte Argument, Personal in der Altenpflege verdiene schlechter, ist für das Klinikpersonal wenig tröstlich. In der Altenpflege verdienen zwar tatsächlich sowohl Hilfs- als auch Fachkräfte deutlich weniger als in der Krankenpflege. Dennoch gilt auch für Pflegekräfte, dass sie bisher sehr unterschiedlich und meist zu gering bezahlt werden.

Mehr Wertschätzung: Großbritannien macht's vor 

Es braucht oft erst eine Krise, um uns bewusst zu machen, was wirklich wichtig ist. Die schlagende Erkenntnis aus der Corona-Pandemie ist: Ohne Krankenpfleger, Rettungssanitäter und Intensivpflegekräfte würde unser System schnell kollabieren. Und es waren gerade sie, die sich durch ständigen Kontakt zu Kranken und mangels Schutzausrüstung einem erhöhten Ansteckungs- und Gesundheitsrisiko ausgesetzt haben.

Diese Menschen hätten nicht nur einen Bonus verdient. Sie sollten – wie Altenpflegepersonal auch – endlich ein Anrecht auf bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne bekommen.

Schutz vor dem Coronavirus: Pflegepersonal ist in der Corona-Krise einem besonders hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. (Quelle: Reuters/Tobias Schwarz)Schutz vor dem Coronavirus: Pflegepersonal ist in der Corona-Krise einem besonders hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt. (Quelle: Tobias Schwarz/Reuters)

Großbritannien zeigt, wie ein erster Schritt in diese Richtung aussehen kann: Das Land hat Angestellten im öffentlichen Dienst infolge der Corona-Krise eine Lohnerhöhung versprochen. Unter anderem soll das Gehalt von mehr als einer Million Pflegekräften und Krankenhausmitarbeitern um 4,4 Prozent steigen. Solch ein erster Schritt in Richtung echter Wertschätzung wäre auch bei uns dringend nötig.

Eine einmalige Prämie löst nicht die Krise in der Pflege

Eine Einmal-Prämie darf ohnehin nicht das einzige Angebot sein. Im besten Fall funktioniert sie wie ein starkes Schmerzmittel: Sie stellt für einen Moment ruhig – die Schmerzursache aber bleibt. Das ist fatal in einer Branche, die systemrelevant ist – und immer wichtiger wird.

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt stetig, weil es immer mehr ältere Menschen gibt. Bis zum Jahr 2060 werden deutschlandweit rund 4,5 Millionen Menschen pflegebedürftig sein, prognostiziert das Statistische Bundesamt. Die Tatsache, dass schon im Jahr 2018 laut der Bundesagentur für Arbeit 40.000 Pflegestellen unbesetzt blieben, lässt nicht gerade optimistisch in die Zukunft der Pflege blicken.

Der Pflegebonus löst die Probleme nicht

Das Berufsfeld ist schlicht unattraktiv. Zu wenig Wertschätzung, zu geringe Entlohnung und schlechte Arbeitsbedingungen sind dafür die wichtigsten Gründe. Dass in der jüngsten Diskussion über die Aufwertung der Pflegeberufe bisher lediglich eine einmalige Zahlung beschlossen wurde, ist ein Armutszeugnis.

Auch Vorstöße wie das Pflege-Sofortprogramm, mit dessen Hilfe seit Anfang 2019 Krankenhäuser und stationäre Pflegeeinrichtungen neues Pflegepersonal einstellen sollten, genügen offenbar nicht. Das zeigt jedenfalls die Zwischenbilanz: Von den 13.000 in der Altenpflege anvisierten Stellen waren anderthalb Jahre später nur rund 2.600 besetzt.

Lohn, Arbeitsbedingungen, Karrierechancen – es gibt Hebel

Was die Branche braucht, sind höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Ein flächendeckender Tarifvertrag könnte dafür die Basis sein. Zudem sollten die Pflegeberufe eine Aufwertung erfahren, etwa durch mehr akademisch ausgebildete Kräfte und bessere Karrieremöglichkeiten für die Beschäftigten.

Diesen Menschen ein Danke und ein Lächeln zu schenken, sollte nicht nur in Ausnahmesituationen wie der Corona-Krise das Mindeste sein. Es sollte zum Alltag gehören. Und es sollte nur ein Aspekt sein. Denn auch Pflegepersonal kann nicht von Luft und Anerkennung allein leben.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen

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