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Coronavirus – Virologe Streeck: Die Infektionszahlen werden definitiv steigen

INTERVIEWVirologe Streeck  

"Wir sollten nicht an erster Stelle mit Verboten arbeiten"

Von Melanie Weiner, Nicole Sagener

28.09.2020, 12:09 Uhr
Coronavirus – Virologe Streeck: Die Infektionszahlen werden definitiv steigen. Prof. Dr. Hendrik Streeck: Der Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn zählt zu den führenden Corona-Experten in Deutschland. (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)

Prof. Dr. Hendrik Streeck: Der Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn zählt zu den führenden Corona-Experten in Deutschland. (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)

Trotz stark steigender Corona-Neuinfektionen in Deutschland sieht der Virologe Hendrik Streeck derzeit keinen Grund zur Sorge. Im Interview erklärt er, warum wir nicht nur auf die Infektionszahlen schauen sollten – und wieso er Verbote und Verordnungen zur Eindämmung der Pandemie skeptisch sieht.

Professor Hendrik Streeck hält die Zahl der Corona-Infektionsfälle nicht für das entscheidende Kriterium zur Beurteilung der Pandemie. Im Interview mit t-online spricht der Virologe von der Uniklinik in Bonn über seine Idee einer bundesweiten Corona-Ampel, über Corona-Skeptiker und das bevorstehende Infektionsgeschehen im Herbst und Winter.

t-online: Zurzeit infizieren sich an manchen Orten, etwa in Berlin, besonders viele junge Menschen. Die Partyszene wird darum als großes Problem wahrgenommen. Ein Berliner Amtsarzt fordert sogar ein Partyverbot für die Stadt. Was halten Sie davon?

Hendrik Streeck: Das ist ein kleiner Teil der Bevölkerung, der sich leider nicht an die Regeln hält und dessen Einfluss schwer einzuschätzen ist. Eine Pandemie ist ein Marathon, das gilt auch für die SARS-CoV-2-Pandemie. Wir sollten darum nicht an erster Stelle mit Verboten und Verordnungen arbeiten, sondern mehr auf die Eigenverantwortung setzen. Man muss begreifen, dass Masken und Abstand nicht nur die Infektionszahlen kontrollieren, sondern auch die Schwere der Infektionen.

Verbote und der erhobene Zeigefinger helfen ein paar Wochen, aber irgendwann kommt der Überdruss und es wird in Frage gestellt, wie sinnvoll bestimmte Regelungen sind. Es muss aber deutlich werden, warum eine Maßnahme genau vorgeschlagen und umgesetzt wird. 

Ausgangssperren und Alkoholverbote sind daher schwieriges Terrain. Das Virus kommt ja nicht erst um 22 Uhr raus. Solche Verordnungen können daher leicht kontraproduktive Wirkung entfalten, wenn dahinter keine konkreten Erkenntnisse stecken. 

Wie kann man den Menschen die Risiken der Pandemie besser vor Augen führen? 

Zunächst einmal gehören dazu für mich keine drakonischen Strafen oder die Androhung, das Militär einsetzen zu wollen, wie zuletzt in England geschehen. Vielmehr sollte man deutlicher machen und noch besser aufklären, warum Mund-Nasen-Schutz und Abstandhalten so wichtig sind. Zum anderen würde die Covid-Ampel klarer machen, wie das Infektionsgeschehen aussieht.

Die Zahl der Corona-Skeptiker scheint zuzunehmen. Haben Sie den Eindruck, dass die Wissenschaft besser nach außen kommunizieren sollte, wie sie funktioniert, um die Menschen besser zu erreichen und mehr Verständnis für Schutzmaßnahmen zu schaffen? 

Für mich sind das zwei unterschiedliche Punkte. Die Corona-Skepsis würde ich weniger auf die Wissenschaft beziehen, sondern eher auf die Maßnahmen, die manchen Menschen übertrieben erscheinen. Auf der anderen Seite hat die Wissenschaft in der Tat ein Kommunikationsproblem, weil jede Erkenntnis immer nur ein Wissen auf Zeit ist, das vielleicht auch revidiert werden muss. Niemand kann in die Glaskugel schauen und immer richtig voraussagen, was falsch und richtig ist. 

Wenn ich nur auf die Corona-Skeptiker blicke, glaube ich, dass wir vor allem in der Politik ein Kommunikationsproblem haben. Es sollte zum Beispiel besser die Diskrepanz erklärt werden, warum wir trotz steigender Infektionszahlen einen geringeren Anstieg an schweren Covid-19-Erkrankungen haben. Ein Punkt ist, dass wir zu dieser positiven Entwicklung durch unser momentanes Verhalten beitragen. Es muss also deutlicher kommuniziert werden: Schaut mal, die Maßnahmen und unser Verhalten gerade haben einen entscheidenden Effekt. 

In der Wissenschaft gibt es immer eine Schwierigkeit: Man stellt eine These auf, die man beweisen muss, die aber auch widerlegt werden kann. Ich glaube, wir müssen uns alle an die Nase fassen: Von Wissenschaftlern über Wissenschaftsjournalisten bis hin zur ganzen Gesellschaft haben wir nicht ausreichend kommuniziert, dass Forschung immer ein Revisionsprozess ist. 

Sie schlagen eine Corona-Ampel vor, um die Entwicklung der Pandemie zu beurteilen. Nach welchen Werten sollte sie sich richten?

Wir müssen davon wegkommen, nur auf die Anzahl der Infektionen zu schauen. Dass sie steigen werden, steht außer Frage. Aber wenn wir ausschließlich auf die Infektionszahlen starren, sehen wir nur einen Teil der Entwicklung. Je mehr getestet wird, desto mehr mild verlaufende Fälle werden registriert – und die brauchen uns nicht zu erschrecken. 

Um die Entwicklung der Pandemie wirklich einzuschätzen, ist die Anzahl der durchgeführten Tests und die Zahl der belegten Betten auf den Stationen und Intensivstationen der Krankenhäuser genauso wichtig. Die Corona-Ampel erfasst dies. Das würde uns auch deutlicher machen, wie das pandemische Geschehen zurzeit aussieht. 

Sollten in der Ampel auch die Sterbefälle verzeichnet sein? 

Im Vordergrund steht meiner Meinung nach die stationäre Belegung in den Kliniken – also nicht nur die Zahl der durch Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten. Denn meist landen Corona-Patienten ja zuerst auf der normalen Station. 

Halten Sie Großveranstaltungen im Herbst und Winter für zu riskant? 

Das Infektionsgeschehen von SARS-CoV-2 clustert, vor allem bei Veranstaltungen und an Orten, wo viele Menschen eng gedrängt zusammenkommen. Großveranstaltungen im eigentlichen Sinn gibt es deshalb zurzeit nicht.

Bestimmte Dinge bis zum Ende der Pandemie weiterhin komplett nur zu verbieten, erzeugt aber sowohl gesellschaftlich als auch soziologisch eine negative Sogwirkung, die wir vermeiden müssen – von den wirtschaftlichen Folgen mal ganz abgesehen. Natürlich müssen neue Konzepte komplett durchdacht sein, aber wir müssen ausprobieren dürfen, sonst kommen wir einfach nicht weiter. Dabei geht es nicht darum, Experimente zu veranstalten. 

Die Zeit von Erkältungen und Grippe kommt, überall wird wieder mehr gehustet und geschnieft. Können Sie sich vorstellen, im Herbst und Winter in Konzerte oder ins Kino zu gehen? 

Letztlich muss und kann inzwischen jeder selbst einschätzen, welche Situation für sie oder ihn wie riskant ist. Draußen und dort, wo man auf Abstand sitzen kann, mache ich mir keine Sorgen. Aber für mich ist das Virus vermutlich auch nicht besonders gefährlich. 

Vor allem die jungen Menschen sollten sich die Frage stellen, wie sie in ihrem Umfeld die schützen, die gefährdeter sind. Wir müssen viel stärker appellieren, dass wir in unserer Gesellschaft aufeinander achtgeben. 

Der Virologe Christian Drosten und auch das RKI warnen davor, dass die jungen Menschen auch wieder die Alten und die Risikopatienten anstecken werden.

Die Warnung ist das eine, doch wir wollen ja mehr – nämlich dass die Erkenntnis, sich so zu verhalten, dass genau das nicht passiert, sich grundsätzlich durchsetzt. Junge Menschen so anzusprechen, dass dieses Verantwortungsbewusstsein selbstverständlich wird, darum geht es meiner Ansicht an erster Stelle. 

Die Infektionszahlen steigen, die Sterberate ist noch relativ niedrig, aber das Intensivbetten-Register lässt schon jetzt in manchen Regionen baldige Engpässe befürchten. Wie ist aktuell Ihre Einschätzung dazu?

Ich sehe nicht, dass wir im Moment an einem Punkt sind, Befürchtungen zu haben. Man muss deutschlandweit betrachten – nicht alles sind Covid-19-Belegungen in den Kliniken. Die Frage ist, warum in dieser Phase Intensivbetten abgebaut beziehungsweise bundesweit prozentual weniger freigehalten werden. Nur in Rheinland-Pfalz sind es 20 Prozent, ansonsten sind es nur noch 10 Prozent.

Wenn wir wieder in eine kritische Phase kommen, dann müssen auch wieder mehr Plätze freigehalten werden, so wie im März oder April.

Gehen Sie davon aus, dass wir in dieser Grippesaison weniger Grippekranke verzeichnen, weil die Menschen stärker auf die Hygiene achten?

Es kann sein, dass es diesen Effekt gibt. Auf der Südhalbkugel etwa konnten wir schon sehen, dass es außerordentlich wenig Grippefälle gab. Allerdings tauchen in Deutschland schon jetzt vereinzelt Erkrankungen auf.

Und noch etwas: Im letzten Monat konnten wir einen deutlichen Anstieg an Rhinoviren beobachten. Diese lösen einen herkömmlichen Schnupfen aus – ungefährlich, aber nervig. Und diese Viren werden ähnlich wie das Coronavirus übertragen. Da stellt sich die Frage, warum dieses Virus nicht auch geblockt wird durch unser Verhalten und die AHA-Regeln. Das müssen wir in den nächsten Wochen und Monaten beobachten. 

Sollten wir riskante Orte wie Verkehrsmittel und Großraumbüros besser meiden, wenn in der Wintersaison viele Menschen mit unklaren Erkältungssymptomen unterwegs sind?

Wenn jemand Grippesymptome zeigt, dann ist es sehr wichtig, dass er zu Hause bleibt und sich auskuriert. Bleiben die Symptome auch nach zwei, drei Tagen bestehen, sollte man zum Arzt gehen. Aber viel wichtiger ist: Auch bei einer Erkältung sollte man nicht ins Büro gehen. Denn das sind die Momente, in denen nicht nur die Grippe weitergegeben wird, sondern auch das Coronavirus und alle anderen Viren.

Vielen Dank für das Gespräch, Professor Streeck!

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