Interview
Unsere Interview-Regel

Der GesprĂ€chspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Wir sollten nicht an erster Stelle mit Verboten arbeiten"

  • Melanie Rannow
  • Nicole Sagener
Von Melanie Rannow, Nicole Sagener

Aktualisiert am 28.09.2020Lesedauer: 6 Min.
Prof. Dr. Hendrik Streeck: Der Direktor des Institut fĂŒr Virologie an der Uniklinik in Bonn zĂ€hlt zu den fĂŒhrenden Corona-Experten in Deutschland.
Prof. Dr. Hendrik Streeck: Der Direktor des Institut fĂŒr Virologie an der Uniklinik in Bonn zĂ€hlt zu den fĂŒhrenden Corona-Experten in Deutschland. (Quelle: JĂŒrgen Heinrich/imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Trotz stark steigender Corona-Neuinfektionen in Deutschland sieht der Virologe Hendrik Streeck derzeit keinen Grund zur Sorge. Im Interview erklĂ€rt er, warum wir nicht nur auf die Infektionszahlen schauen sollten – und wieso er Verbote und Verordnungen zur EindĂ€mmung der Pandemie skeptisch sieht.

Professor Hendrik Streeck hĂ€lt die Zahl der Corona-InfektionsfĂ€lle nicht fĂŒr das entscheidende Kriterium zur Beurteilung der Pandemie. Im Interview mit t-online spricht der Virologe von der Uniklinik in Bonn ĂŒber seine Idee einer bundesweiten Corona-Ampel, ĂŒber Corona-Skeptiker und das bevorstehende Infektionsgeschehen im Herbst und Winter.


Diese bekannten Forscher sitzen im neuen Expertenrat

Prof. Dr. Christian Drosten: Der Chefvirologe der Berliner CharitĂ© zĂ€hlt zu den bekanntesten Gesichtern seit der Corona-Pandemie. Drostens Forschungsschwerpunkte sind neu auftretende Viren – insbesondere mit Coronaviren kennt sich der Virologe seit Jahren aus. Sein Wissen teilt er regelmĂ€ĂŸig im NDR-Podcast "Coronavirus-Update".
Prof. Dr. med. Christian Karagiannidis: Er ist GeschĂ€ftsfĂŒhrender Oberarzt der Lungenklinik Köln-Merheim und Leiter des dortigen Ecmo-Zentrums. Außerdem ist er wissenschaftlicher Leiter des Intensivregisters der Deutschen InterdisziplinĂ€ren Vereinigung fĂŒr Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und PrĂ€sident der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN).
+17

t-online: Zurzeit infizieren sich an manchen Orten, etwa in Berlin, besonders viele junge Menschen. Die Partyszene wird darum als großes Problem wahrgenommen. Ein Berliner Amtsarzt fordert sogar ein Partyverbot fĂŒr die Stadt. Was halten Sie davon?

Hendrik Streeck: Das ist ein kleiner Teil der Bevölkerung, der sich leider nicht an die Regeln hĂ€lt und dessen Einfluss schwer einzuschĂ€tzen ist. Eine Pandemie ist ein Marathon, das gilt auch fĂŒr die SARS-CoV-2-Pandemie. Wir sollten darum nicht an erster Stelle mit Verboten und Verordnungen arbeiten, sondern mehr auf die Eigenverantwortung setzen. Man muss begreifen, dass Masken und Abstand nicht nur die Infektionszahlen kontrollieren, sondern auch die Schwere der Infektionen.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Selenskyj: Können nicht gesamtes Staatsgebiet mit Gewalt zurĂŒckholen
Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj (Archiv): Bei einem solchen Vorgehen wĂŒrden Hunderttausende Menschen getötet.


Verbote und der erhobene Zeigefinger helfen ein paar Wochen, aber irgendwann kommt der Überdruss und es wird in Frage gestellt, wie sinnvoll bestimmte Regelungen sind. Es muss aber deutlich werden, warum eine Maßnahme genau vorgeschlagen und umgesetzt wird.

Ausgangssperren und Alkoholverbote sind daher schwieriges Terrain. Das Virus kommt ja nicht erst um 22 Uhr raus. Solche Verordnungen können daher leicht kontraproduktive Wirkung entfalten, wenn dahinter keine konkreten Erkenntnisse stecken.

Wie kann man den Menschen die Risiken der Pandemie besser vor Augen fĂŒhren?

ZunĂ€chst einmal gehören dazu fĂŒr mich keine drakonischen Strafen oder die Androhung, das MilitĂ€r einsetzen zu wollen, wie zuletzt in England geschehen. Vielmehr sollte man deutlicher machen und noch besser aufklĂ€ren, warum Mund-Nasen-Schutz und Abstandhalten so wichtig sind. Zum anderen wĂŒrde die Covid-Ampel klarer machen, wie das Infektionsgeschehen aussieht.

Die Zahl der Corona-Skeptiker scheint zuzunehmen. Haben Sie den Eindruck, dass die Wissenschaft besser nach außen kommunizieren sollte, wie sie funktioniert, um die Menschen besser zu erreichen und mehr VerstĂ€ndnis fĂŒr Schutzmaßnahmen zu schaffen?

FĂŒr mich sind das zwei unterschiedliche Punkte. Die Corona-Skepsis wĂŒrde ich weniger auf die Wissenschaft beziehen, sondern eher auf die Maßnahmen, die manchen Menschen ĂŒbertrieben erscheinen. Auf der anderen Seite hat die Wissenschaft in der Tat ein Kommunikationsproblem, weil jede Erkenntnis immer nur ein Wissen auf Zeit ist, das vielleicht auch revidiert werden muss. Niemand kann in die Glaskugel schauen und immer richtig voraussagen, was falsch und richtig ist.

Wenn ich nur auf die Corona-Skeptiker blicke, glaube ich, dass wir vor allem in der Politik ein Kommunikationsproblem haben. Es sollte zum Beispiel besser die Diskrepanz erklĂ€rt werden, warum wir trotz steigender Infektionszahlen einen geringeren Anstieg an schweren Covid-19-Erkrankungen haben. Ein Punkt ist, dass wir zu dieser positiven Entwicklung durch unser momentanes Verhalten beitragen. Es muss also deutlicher kommuniziert werden: Schaut mal, die Maßnahmen und unser Verhalten gerade haben einen entscheidenden Effekt.

In der Wissenschaft gibt es immer eine Schwierigkeit: Man stellt eine These auf, die man beweisen muss, die aber auch widerlegt werden kann. Ich glaube, wir mĂŒssen uns alle an die Nase fassen: Von Wissenschaftlern ĂŒber Wissenschaftsjournalisten bis hin zur ganzen Gesellschaft haben wir nicht ausreichend kommuniziert, dass Forschung immer ein Revisionsprozess ist.

Sie schlagen eine Corona-Ampel vor, um die Entwicklung der Pandemie zu beurteilen. Nach welchen Werten sollte sie sich richten?

Wir mĂŒssen davon wegkommen, nur auf die Anzahl der Infektionen zu schauen. Dass sie steigen werden, steht außer Frage. Aber wenn wir ausschließlich auf die Infektionszahlen starren, sehen wir nur einen Teil der Entwicklung. Je mehr getestet wird, desto mehr mild verlaufende FĂ€lle werden registriert – und die brauchen uns nicht zu erschrecken.

Um die Entwicklung der Pandemie wirklich einzuschĂ€tzen, ist die Anzahl der durchgefĂŒhrten Tests und die Zahl der belegten Betten auf den Stationen und Intensivstationen der KrankenhĂ€user genauso wichtig. Die Corona-Ampel erfasst dies. Das wĂŒrde uns auch deutlicher machen, wie das pandemische Geschehen zurzeit aussieht.

Sollten in der Ampel auch die SterbefÀlle verzeichnet sein?

Im Vordergrund steht meiner Meinung nach die stationĂ€re Belegung in den Kliniken – also nicht nur die Zahl der durch Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten. Denn meist landen Corona-Patienten ja zuerst auf der normalen Station.

Halten Sie Großveranstaltungen im Herbst und Winter fĂŒr zu riskant?

Das Infektionsgeschehen von SARS-CoV-2 clustert, vor allem bei Veranstaltungen und an Orten, wo viele Menschen eng gedrĂ€ngt zusammenkommen. Großveranstaltungen im eigentlichen Sinn gibt es deshalb zurzeit nicht.

Bestimmte Dinge bis zum Ende der Pandemie weiterhin komplett nur zu verbieten, erzeugt aber sowohl gesellschaftlich als auch soziologisch eine negative Sogwirkung, die wir vermeiden mĂŒssen – von den wirtschaftlichen Folgen mal ganz abgesehen. NatĂŒrlich mĂŒssen neue Konzepte komplett durchdacht sein, aber wir mĂŒssen ausprobieren dĂŒrfen, sonst kommen wir einfach nicht weiter. Dabei geht es nicht darum, Experimente zu veranstalten.

Die Zeit von ErkĂ€ltungen und Grippe kommt, ĂŒberall wird wieder mehr gehustet und geschnieft. Können Sie sich vorstellen, im Herbst und Winter in Konzerte oder ins Kino zu gehen?

Letztlich muss und kann inzwischen jeder selbst einschĂ€tzen, welche Situation fĂŒr sie oder ihn wie riskant ist. Draußen und dort, wo man auf Abstand sitzen kann, mache ich mir keine Sorgen. Aber fĂŒr mich ist das Virus vermutlich auch nicht besonders gefĂ€hrlich.

Vor allem die jungen Menschen sollten sich die Frage stellen, wie sie in ihrem Umfeld die schĂŒtzen, die gefĂ€hrdeter sind. Wir mĂŒssen viel stĂ€rker appellieren, dass wir in unserer Gesellschaft aufeinander achtgeben.

Der Virologe Christian Drosten und auch das RKI warnen davor, dass die jungen Menschen auch wieder die Alten und die Risikopatienten anstecken werden.

Die Warnung ist das eine, doch wir wollen ja mehr – nĂ€mlich dass die Erkenntnis, sich so zu verhalten, dass genau das nicht passiert, sich grundsĂ€tzlich durchsetzt. Junge Menschen so anzusprechen, dass dieses Verantwortungsbewusstsein selbstverstĂ€ndlich wird, darum geht es meiner Ansicht an erster Stelle.

Die Infektionszahlen steigen, die Sterberate ist noch relativ niedrig, aber das Intensivbetten-Register lĂ€sst schon jetzt in manchen Regionen baldige EngpĂ€sse befĂŒrchten. Wie ist aktuell Ihre EinschĂ€tzung dazu?

Loading...
Loading...
Loading...

Ich sehe nicht, dass wir im Moment an einem Punkt sind, BefĂŒrchtungen zu haben. Man muss deutschlandweit betrachten – nicht alles sind Covid-19-Belegungen in den Kliniken. Die Frage ist, warum in dieser Phase Intensivbetten abgebaut beziehungsweise bundesweit prozentual weniger freigehalten werden. Nur in Rheinland-Pfalz sind es 20 Prozent, ansonsten sind es nur noch 10 Prozent.

Wenn wir wieder in eine kritische Phase kommen, dann mĂŒssen auch wieder mehr PlĂ€tze freigehalten werden, so wie im MĂ€rz oder April.

Gehen Sie davon aus, dass wir in dieser Grippesaison weniger Grippekranke verzeichnen, weil die Menschen stÀrker auf die Hygiene achten?

Es kann sein, dass es diesen Effekt gibt. Auf der SĂŒdhalbkugel etwa konnten wir schon sehen, dass es außerordentlich wenig GrippefĂ€lle gab. Allerdings tauchen in Deutschland schon jetzt vereinzelt Erkrankungen auf.

Und noch etwas: Im letzten Monat konnten wir einen deutlichen Anstieg an Rhinoviren beobachten. Diese lösen einen herkömmlichen Schnupfen aus – ungefĂ€hrlich, aber nervig. Und diese Viren werden Ă€hnlich wie das Coronavirus ĂŒbertragen. Da stellt sich die Frage, warum dieses Virus nicht auch geblockt wird durch unser Verhalten und die AHA-Regeln. Das mĂŒssen wir in den nĂ€chsten Wochen und Monaten beobachten.

Sollten wir riskante Orte wie Verkehrsmittel und GroßraumbĂŒros besser meiden, wenn in der Wintersaison viele Menschen mit unklaren ErkĂ€ltungssymptomen unterwegs sind?

Wenn jemand Grippesymptome zeigt, dann ist es sehr wichtig, dass er zu Hause bleibt und sich auskuriert. Bleiben die Symptome auch nach zwei, drei Tagen bestehen, sollte man zum Arzt gehen. Aber viel wichtiger ist: Auch bei einer ErkĂ€ltung sollte man nicht ins BĂŒro gehen. Denn das sind die Momente, in denen nicht nur die Grippe weitergegeben wird, sondern auch das Coronavirus und alle anderen Viren.

Weitere Artikel


Vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch, Professor Streeck!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
COVID-19DeutschlandHendrik StreeckMilitÀr
Beliebte Themen

t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website