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Coronavirus: Dritte Impfung für alle? Experte rät ab: "Wir stochern im Nebel"

Dritte Impfung für alle?  

Experte rät ab: "Wir stochern im Nebel"

Von Christiane Braunsdorf

04.09.2021, 16:53 Uhr
Coronavirus: Dritte Impfung für alle? Experte rät ab: "Wir stochern im Nebel". Corona-Impfung: Die Booster-Impfung ist nicht für alle nötig. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/ Choreograph/  iStock / Getty Images Plus)

Corona-Impfung: Die Booster-Impfung ist nicht für alle nötig. (Quelle: Choreograph/ iStock / Getty Images Plus/Thinkstock by Getty-Images)

Der dritte Piks gegen Corona wird konkret. In NRW sind Nachimpfungen bereits möglich, jetzt erwägt Gesundheitsminister Jens Spahn eine dritte Impfung für alle. Für wen ist sie wirklich sinnvoll?

Seit Mittwoch können sich Ältere (über 80 Jahre), Pflegebedürftige und Immungeschwächte in Nordrhein-Westfalen gegen das Coronavirus nachimpfen lassen, wenn ihre Zweitimpfung länger als sechs Monate zurückliegt. Auch Menschen, die bislang einen der Vektorimpfstoffe (Astrazeneca oder Johnson & Johnson) erhalten haben, sollen das Angebot zu einer dritten Impfung mit einem mRNA-Präparat bekommen. Andere Bundesländer planen ebenfalls Booster-Impfungen. Sie  sollen in den Hausarztpraxen geschehen.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erwägt sogar, neben den Booster-Impfungen für besonders Gefährdete allen Bürgern den dritten Piks zu ermöglichen. "In einem zweiten Schritt können wir dann darüber nachdenken, auch allen anderen eine Auffrischimpfung anzubieten", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Eine Booster-Impfung sei von den Zulassungen gedeckt, sie verstärke und verlängere den Impfschutz.

Drosten sieht keine Notwendigkeit für alle 

Der Leiter des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, hatte zuvor erklärt, dass seiner Meinung nach für den Großteil der Geimpften im Herbst keine Auffrischungsimpfung gegen Sars-CoV-2 nötig sein wird. "Die Schutzwirkung der Corona-Vakzinen ist viel besser als beispielsweise bei den Influenza-Impfstoffen", sagt er gegenüber der  Deutschen Presse-Agentur. Bei alten Menschen sowie bestimmten Risikopatienten hält Drosten eine Auffrischungsimpfung in diesem Herbst für sinnvoll. Für die übrige Bevölkerung werde irgendwann vielleicht ein Altersniveau definiert werden, ab dem eine Auffrischungsimpfung sinnvoll werde.

Tatsächlich ist nicht wirklich klar, für wen die dritte Impfung sinnvoll ist. Der Immunologe Dr. Andreas Radbruch, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin, erklärt im Gespräch mit t-online: "Die Datenlage zur Wirksamkeit einer dritten Impfung ist bislang nicht ausreichend. Da werden wir erst demnächst Daten aus Israel sehen. Ich bin gespannt. Man könnte ja zum Beispiel die Frage stellen: Wenn Menschen auf zwei Impfungen keine ausreichende Immunantwort bilden konnten, warum sollte es dann nach dem dritten Piks klappen? Oder kriegt man tatsächlich eine bessere Immunität? Aktuell stochern wir da tatsächlich im Nebel."

Maximaler Schutz für Herbst und Winter

Dennoch: Für Ältere und Immungeschwächte kann der Zusatz-Piks sinnvoll sein: "Es gibt natürlich ein grundsätzliches Argument, warum eine Auffrischungsimpfung im Herbst vielleicht sinnvoll ist: Bei der Reaktion auf einen Impfstoff muss man unterscheiden zwischen der Schutzwirkung der akuten Immunreaktion auf den Impfstoff und der langfristigen Immunität durch das Langzeitgedächtnis des Abwehrsystems.

Der akute Immunschutz dauert nur ein paar Monate, aber er ist um fünf bis zehn Mal höher als der, den das Langzeitgedächtnis über viele Jahre bietet." Durch den dritten Piks im Herbst werde also ein akuter als maximal möglicher Schutz über die Herbst- und Wintermonate erreicht. "Denn wir wissen ja, dass es sich um ein saisonales Virus handelt, dass sich vor allem in den Wintermonaten ausbreitet", so Radbruch.

Klar ist: Perspektivisch werden mehr Daten gebraucht, um die Notwendigkeit und Wirksamkeit von Auffrischungsimpfungen besser einschätzen zu können. Denn: Man kann auch zu viel impfen. 

Überimpfen ist möglich

Radbruch erklärt: "Dann können zwei Dinge passieren: Zum einen wird das Immunsystem irgendwann gesättigt sein, es reagiert nicht mehr, indem es noch mehr  Antikörper macht. Weitere Impfungen werden sinnlos. Das sehen wir zum Beispiel bei Tetanus. Der Immunschutz funktioniert gut, wenn man alle fünf bis zehn Jahre nachimpft. Tun man das dagegen schon ein Jahr nach der letzten Impfung, reagiert das Immunsystem gar nicht mehr, es ist noch gesättigt."

Zum anderen berge auch jede Immunreaktion (also nicht nur die nach einer Impfung, sondern auch nach einer Infektion) das – wenn auch geringe – Risiko einer Entgleisung des Immunsystems.

"Sie müssen sich vorstellen, dass die für die Bildung von Antikörpern zuständigen B-Lymphozyten in einer Immunreaktion ihre Antikörper ständig mutieren, um immer besser auf das Antigen zugeschnittene Antikörper herzustellen. Die Gefahr bei diesen Mutationen ist, dass zufällig Mutanten entstehen, die sich gegen körpereigene Zellstrukturen richten, also Autoantikörper. Dann kann es zu Autoimmunerkrankungen kommen. Das Immunsystem zu überreizen, ist deshalb keine kluge Idee."

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa
  • Interview mit Andreas Radbruch
  • Eigene Recherche
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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