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Die Designerbabys kommen

t-online, Simone Blass

Aktualisiert am 08.09.2017Lesedauer: 5 Min.
Haben wir bald perfekte Designerbabys, ma√ügeschneidert nach den W√ľnschen der Eltern? Oder, noch schlimmer, den W√ľnschen anderer?
Haben wir bald perfekte Designerbabys, ma√ügeschneidert nach den W√ľnschen der Eltern? Oder, noch schlimmer, den W√ľnschen anderer? (Quelle: Symbolbild/Patrick Pleul/dpa-bilder)
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Den Krebs ausrotten ‚Äď wer w√ľrde das nicht wollen? Ein Ziel, dem wir mit einer neuen Technologie einen entscheidenden Schritt n√§her gekommen sind. Denn jetzt ist es m√∂glich, DNA an frei w√§hlbaren Punkten mit h√∂chster Pr√§zision zu manipulieren.

Das neue medizinische Verfahren mit dem komplizierten K√ľrzel CRISPR/Cas9-Technologie steht f√ľr Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats. Sie erm√∂glicht, Gensequenzen punktgenau zu ersetzen, zu ver√§ndern oder zu entfernen. Schnell, √§u√üerst pr√§zise, preisg√ľnstig und ohne gro√üen Aufwand. Mithilfe der Entdeckung zweier Forscherinnen, Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, k√∂nnten wir Erbkrankheiten sozusagen aussterben lassen. Doch die Frage ist, wer definiert, was ein genetischer Defekt ist? Gelten irgendwann Locken oder Sommersprossen als korrekturbed√ľrftig? Und landen wir da nicht ganz schnell beim perfekten Baby, ma√ügeschneidert und designt nach den W√ľnschen der Eltern? Oder, noch schlimmer, den W√ľnschen anderer?

Während die einen diskutieren, forschen die anderen schon fleißig weiter und produzieren genmanipulierte Embryonen in Reagenzgläsern. Was zunächst noch eine hohe Fehlerquote aufwies, scheint jetzt perfektioniert.

Doch mit welchen Folgen? t-online.de hat sich dar√ľber mit Dr. Lars Jaeger unterhalten. Der Autor des gerade erschienenen Buches ‚ÄěSupermacht Wissenschaft‚Äú ist Naturwissenschaftler und Philosoph zugleich und warnt vor Blau√§ugigkeit.

Herr Jaeger, kann man mit einfachen Worten erklären, wie CRISPR/Cas9 funktioniert?

CRISPR ist eine Technologie zum Editieren von Genen. Sie basiert auf der Entdeckung eines Abwehrsystems von Bakterien gegen Viren. Diese speichern Viren-DNA, indem sie sie in ihr Genom integrieren und nutzen sie dann dazu, ein erneutes Eindringen des Virus zu erkennen und abzuwehren. Kombiniert man das mit anderen Molek√ľlen ‚Äď Enzymen ‚Äď entsteht die M√∂glichkeit, bestimmte Genabschnitte auch auf der menschlichen DNA zu identifizieren und zu ver√§ndern. Und genau das war das Missing Link. Denn der Gesamtkomplex CRISPR/Cas9 l√§sst sich auch au√üerhalb der Zelle herstellen und in die Zelle einf√ľgen, wo er dann aktiv wird. Sozusagen wie eine Schere, an die zugleich eine Ersatz-DNA angeh√§ngt werden kann. Das bietet eine unglaubliche Palette von M√∂glichkeiten. Das Neue daran ist nicht, dass DNA zerschnitten wird und sich dann entweder selbst wieder zusammenf√ľgt oder Ersatzteile einf√ľgt. Das Neue ist, dass man mit CRISPR so genau arbeiten kann. Man k√∂nnte so sagen: Fr√ľher wurde mit der Schrotflinte auf die DNA geschossen, heute mit dem Pr√§zisionsgewehr.

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So präzise und leicht wie mit keiner anderen Methode… bedeutet das eventuell auch, dass kaum Zeit bleibt, einen solchen Fortschritt richtig zu hinterfragen?

Das stimmt, das nimmt dramatische Dimensionen an. Denn zuletzt k√∂nnte man mit dieser Methode Menschenzucht betreiben. Die Entwicklung geht so schnell, dass keine Zeit bleibt, richtig dar√ľber nachzudenken. Doch auch jenseits von Gen-Editierung verl√§uft der technische Fortschritt heute so schnell, dass die philosophische, ethische, soziale Diskussion nicht mehr hinterherkommt. Wir haben sozusagen die Zukunft bereits eingeholt.

Die CRISPR-Technologie ist revolution√§r. Und dass die Entdeckerinnen Anw√§rterinnen auf den Nobelpreis sind, finde ich absolut angemessen. Aber es gibt eben auch noch eine andere Seite. Mit solchen Patenten sind Milliarden und sogar Billionen zu machen ‚Äď was sich auch am Krieg zweier Universit√§ten und daran angeh√§ngter Unternehmen zeigt, die das Patent f√ľr sich beanspruchen.

Ist die Technologie denn bereits ausgereift?

Als in China vor zwei Jahren erste Versuche an menschlichen Embryonen stattfanden, waren diese noch sehr fehlerhaft. In Amerika wurde im Juli bekannt, dass es gelungen ist, diese Kinderkrankheiten von CRISPR zu heilen und die Technologie nahezu fehlerlos auch an menschlichen Embryonen einzusetzen. Und dadurch, dass jetzt die M√∂glichkeit besteht, das Erbgut zu beeinflussen, bleiben nur noch wenige Jahre, bis wir hier nicht mehr nur vom Beseitigen von Erbkrankheiten sprechen. Wir kennen noch nicht alle Gene oder Genkombinationen f√ľr Intelligenz und Attraktivit√§t, wenn es diese √ľberhaupt gibt, aber die Augenfarbe zum Beispiel k√∂nnte das erste Spielfeld sein.

Bereits jetzt greift der Mensch in die Evolution ein, ver√§ndert zum Beispiel Lebensmittel gentechnisch. Ver√§ndert man die DNA eines Menschen, dann betrifft das auch sp√§tere Generationen. Kann man denn √ľberhaupt ann√§hernd vorhersehen, was das langfristig zu bedeuten hat?

Das ist eine der gro√üen Sorgen, dass von Generation zu Generation unbeabsichtigte Ver√§nderungen weitergegeben werden k√∂nnten. Denn erst nach der Geburt, vielleicht auch erst nach der Geburt der zweiten Generation k√∂nnten die Auswirkungen einer solchen genetischen Manipulation zu sehen sein. Und die sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind noch kaum absehbar. ‚ÄěBrave New World‚Äú von Aldous Huxley kommt einem da in den Sinn.

Trotzdem: Kaputte Gene raus, heile Gene rein. Erbkrankheit beseitigt. Klingt nachvollziehbar, dass zum Beispiel Paare, die Träger solcher Krankheiten sind, mit einer Methode wie CRISPR liebäugeln, oder?

Man könnte sogar fragen, ob es nicht ethisch verpflichtend wäre, unsere Möglichkeiten zu nutzen. Da steckt enormes medizinisches Potenzial dahinter. Mit CRISPR und verwandten Technologien könnte man viele Krankheiten bereits pränatal ausschließen, auch genetische Erkrankungen, die sich erst später im Leben zeigen. Durch die nun möglich werdenden Methoden könnte sogar Krebs heilbar werden. Der Mensch greift hier gezielt und äußerst präzise in die Natur ein. Bei Krankheiten mag das vielleicht sogar geboten sein.

Das Problem aber ist, dass es dabei nicht bleiben wird …

Ganz klar, wir sind da ganz schnell bei Themen wie Intelligenz und Aussehen. Und beim CIA hat man sogar schon von einer Massenvernichtungswaffe gesprochen. Denn wenn man an der genetischen Basis des Menschen herumspielt, dann kann man zum Beispiel auch Waffen herstellen, die auf bestimmte Gentr√§ger wirken. Letztendlich ist es als dramatische Warnung gemeint: Wir bekommen hier Dinge in die Hand, die wir nicht mehr so leicht kontrollieren k√∂nnen. Bei der Atomspaltung haben die Physiker auch nicht direkt an die Atombombe gedacht. Die Weitsicht, die wir hier walten lassen m√ľssen, betrifft nur wenige Jahre.

Bei uns sind den Versuchen durch das Embryonenschutzgesetz klare Riegel vorgeschoben. Obwohl auch hier die Stimmen immer lauter werden, die sich fragen, was mehr Sinn macht, ‚Äě√ľberfl√ľssige‚Äú Embryonen wegzuwerfen oder f√ľr die Forschung zu nutzen. In anderen L√§ndern ist das Forschen erlaubt. Ist in Amerika das Einpflanzen aber noch verboten, so k√∂nnte man in China schon einen Schritt weiter sein. M√ľssen wir also damit rechnen, dass schon irgendwo die ‚Äěperfekten Kinder‚Äú auf ihre Austragung warten?

Ich halte es durchaus f√ľr m√∂glich, dass die Chinesen in Betracht ziehen, ihre Bev√∂lkerung zu verbessern. Es gibt hier schon klare kulturelle Unterschiede zu uns, wenn es um Fragen wie diese geht. Und die gesetzlichen M√∂glichkeiten sind da. Aber nat√ľrlich gibt es auch dort Bedenken. Doch es gibt noch mehr L√§nder, die die M√∂glichkeit h√§tten: Argentinien zum Beispiel, Japan oder Indien. Man muss das genau beobachten und m√∂glichst einen internationalen Diskurs und am besten einen globalen Konsens erreichen. Das kann man nicht so einfach laufen lassen. Die Politiker haben die Gefahr meiner Meinung nach noch gar nicht erkannt. Und mal ehrlich: Frau Merkel ist Physikerin und hat Fukushima gebraucht, um zu verstehen, dass Atomkraftwerke gef√§hrlich sind.

Das heißt, wir steuern unweigerlich auf eine Auslese zu?

Die Gefahr besteht. Den technologischen Fortschritt k√∂nnen wir nat√ľrlich nicht aufhalten. Und dessen sind sich auch die Wissenschaftler bewusst. Es gibt bereits globale Ethikkonferenzen unter Genforschern, schlie√ülich haben die Wissenschaftler hier eine enorme Verantwortung. Und die Ergebnisse flie√üen auch international in die Gesetzgebungen ein. Ich denke nur, dass ein Thema wie dieses nicht nur von Experten entschieden werden sollte, irgendwo hinter verschlossenen T√ľren. Die Gesellschaft muss sich an einer Entscheidung wie dieser beteiligen, ohne dass kommerzielle Interessen im Hintergrund wirken. Das fordert schon das moderne Demokratieverst√§ndnis. Schlie√ülich ist es nur noch ein kleiner Schritt von passiv zu aktiv, von Pr√§implantationsdiagnostik zum Kreieren von neuem genetischen Material und damit von Designerbabys.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte √Ąrzte. Die Inhalte von t-online k√∂nnen und d√ľrfen nicht verwendet werden, um eigenst√§ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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