170 Forscher schreiben Brief

Hat sich die EU beim Klimaschutz verrechnet?

23.06.2021, 11:29 Uhr | Roland Losch, dpa, t-online

Windräder vor dem RWE-Kraftwerk Neurath am Tagebau Garzweiler: Geht die Energie-Rechnung der EU nicht auf? (Quelle: Rupert Oberhäuser/imago images)

VW, Audi, Porsche: Die deutschen Automobilbauer setzen künftig auf Elektromobilität. Doch das könnte der falsche Schritt sein, um das Klima zu schützen. Wissenschaftler fordern deshalb ein Umdenken in der Energiepolitik.

Hat sich die Politik beim Beitrag des Elektroautos fürs Klima grundlegend verrechnet? Leider ja, sagen 170 Wissenschaftler aus aller Welt. "Die Zahlen suggerieren ein Einsparpotenzial, das wir nicht haben", sagt Professor Thomas Koch vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) der Deutschen Presse-Agentur. Denn der Strommix sei schlicht falsch berechnet worden.

"Die Frage ist nicht: Elektroauto oder Verbrenner. Die Frage ist: fossil oder nicht", sagte Koch. In einem offenen Brief an die EU-Kommission, über den "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" berichteten, äußerten die Wissenschaftler ihre Bedenken. Denn die EU ist gerade dabei, ihre CO2-Vorgaben für die neu zugelassenen Autos in Europa noch einmal zu verschärfen.

Die dramatischen Folgen der Klimakrise

Die Erde heizt sich immer weiter auf. Die Veränderungen im globalen Klima haben Auswirkungen auf Menschen, Tieren und Pflanzen. Zehn Bilder zeigen die dramatischen Folgen der Klimakrise. (Quelle: NASA/imago images)

Eine der sichtbarsten Folgen der Klimakrise ist die Eisschmelze und diese hat wiederum Auswirkungen auf Eisbären. Die Tiere müssen schon jetzt längere Strecken schwimmen, um festes Eis zu finden, von dem aus sie Robben jagen können. (Quelle: McPHOTO/imago images)

Doch nicht nur große Tiere wie Eisbären leiden schon jetzt unter der Klimakrise. So sterben viele der empfindlichen Korallen durch die steigenden Meerestemperaturen ab. Die sogenannte Korallenbleiche ist ein erstes Anzeichen dieses Sterbeprozesses. (Quelle: imago images)

Auch in Deutschland zeigen sich bereits verheerende Auswirkungen der Klimakrise. Steigende Temperaturen, Wassermangel und der daraus folgende Trockenstress machen den Fichten zu schaffen und sie anfällig für Schädlinge. (Quelle: imago images)

Trockene Wälder erhöhen schließlich auch die Gefahr von Waldbränden. Neben Brandstiftung und fahrlässigen Walbesuchern können Waldbrände auch durch Blitzeinschläge entstehen und großflächige Schäden in der Natur verursachen. (Quelle: imago images)

Die Brände könnten in Zukunft zunehmen. Forscher sehen durch die Klimakrise mehr Extremwetterereignisse auf uns zukommen, wie Unwetter mit Starkregen, Gewittern und Hagel. (Quelle: imago images)

Dazu kommen Hitzewellen und lange Trockenperioden. In Deutschland kann dies zu vermehrten Hitzetoten führen. Aber auch die Wirtschaft leidet, wenn die Flusspegel sinken und die Binnenschifffahrt zum Erliegen kommt. (Quelle: imago images)

Große Trockenheit und Dürre verschärft zudem Wasser- und Hungerkrisen in der Welt. In der Folge kommt es zu klimabedingten Flüchtlingsbewegungen. (Quelle: imago images)

Zu wenig Wasser ist in einigen Regionen der Südhalbkugel allerdings kein Problem. Das Gegenteil ist der Fall. Der Meeresspiegel steigt durch die Klimakrise an und bedroht Menschen, die an Küsten und auf Inseln leben. (Quelle: Supratim Bhattacharjee/imago images)

Die Klimakrise bringt viele Veränderungen mit sich, die bereits sichtbar sind. In ihrem vollem Ausmaß sind die Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt aber kaum abzuschätzen. WWF und Nabu warnen davor, dass eine Millionen Arten in den nächsten Jahrzehnten aussterben können. (Quelle: Buchhorn/imago images)

Während zahlreiche Arten aussterben, profitieren manche Tiere aber auch von den ansteigenden Temperaturen. Das kann allerdings zum Problem für uns Menschen werden. So wurde die asiatische Tigermücke bereits in Deutschland nachgewiesen. Das Insekt ist als Überträger für Krankheiten wie dem Dengue-Fieber bekannt. (Quelle: Bellmann/imago images)

Strombedarf steigt absehbar

Die EU-Kommission geht bei ihren Vorgaben davon aus, dass der Strom mit dem Ausbau von Wind- und Solaranlagen sauberer werden wird. Nein, sagen Koch und seine Kollegen. Denn der Strombedarf wird noch mehr steigen – und dann stimmt die ganze Rechnung nicht mehr.

Die Bundesregierung will bis 2030 nicht nur 10 Millionen Elektroautos auf der Straße haben, sondern auch Industrie und Heizung rasch umstellen. Der Strombedarf in Deutschland werde bis 2030 von 56 auf 57 Gigawatt zulegen, sagt Koch. In 6.000 von den 8.760 Stunden im Jahr werde es neben Ökostrom auch mehr Strom aus fossilen Kraftwerken brauchen. Das habe die Politik in ihren Debatten und Rechnungen aber übersehen, auf jeden Fall nicht mitgerechnet. Dann könnten die realen CO-2-Emmission viel höher sein als von der Politik veranschlagt – in der Summe sogar doppelt so hoch.

Forscher: Atomstrom wäre eine Option

Die Wissenschaftler seien sich alle einig, dass das Klima geschützt und der CO-2-Ausstoß gesenkt werden müsse, betonte Koch. "Dafür brauchen wir auch das E-Auto." Aber die Vorgaben favorisierten das E-Auto auch da, wo es dem Klima gar nichts nütze.

Wenn Ökostrom nicht mit Gas-, Öl- und Kohlestrom, sondern mit Atomstrom ergänzt würde, sähe die Rechnung besser aus. Aber das sei eine politische Entscheidung der Deutschen, sagte Koch. Wenn die heutigen Verbrenner statt Benzin und Diesel CO2-neutral hergestellten synthetischen Kraftstoff tanken würden, ließen sich dagegen 25 Prozent CO2 einsparen. Aber auch da gingen Politik und Industrie heute einen anderen Weg. Im Interesse des Klimas sollte die EU-Kommission ihre Haltung vor dem nächsten Schritt noch einmal bedenken, so der Appell der Wissenschaftler.

Deutsche Autobauer setzen auf Elektromobilität

Mit 453.000 verkauften Elektro- und Plug-in-Fahrzeugen im ersten Quartal ist Europa China mit 489.000 E-Autos dicht auf den Fersen. Und nach Ländern ist Deutschland heute sogar schon zweitgrößter E-Auto-Markt der Welt, mit fast 250.000 neu zugelassenen Elektroautos bis Ende Mai. VW gehört inzwischen zu den Treibern der Entwicklung. Bis 2030 will Volkswagen nur noch ein Drittel seiner Autos mit Benzin- oder Dieselmotor verkaufen. Mercedes-Benz und BMW peilen einen Anteil von etwa 50 Prozent an.

Aber einen festen Termin für das Ende des Verbrenners wollen die Konzerne nicht festlegen. Zu unterschiedlich sind die Märkte und die Wünsche der Kunden, zu unterschiedlich auch die politischen Vorgaben. Dazu kommt noch die Ladeinfrastruktur, die in vielen Ländern fehlt, auch in Europa. Und weil es letztlich ja um Klimaschutz geht, ist noch viel wichtiger, woher der Strom für die E-Autos eigentlich kommt.

Mit Strom aus Kohle oder Öl sehe er keinen großen Sinn in der Umstellung auf E-Antriebe, sagte VW-Chef Herbert Diess bei der Bilanz-Pk. "Ein moderner Diesel ist klimafreundlicher als ein Elektrofahrzeug, das mit Kohlestrom geladen wird", sagte BMW-Chef Oliver Zipse der "Passauer Neuen Presse/Donaukurier". Er habe "große Sorge", ob es genug Ökostrom geben werde.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa
Mehr zum Thema