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Nigel Farage: Der Brite, der Europa in die Krise stürzte

Brexit-Triumphator Farage  

Der Mann, der Europa in die Krise stürzte

26.06.2016, 14:04 Uhr | Christian Teevs, Spiegel Online

Nigel Farage: Der Brite, der Europa in die Krise stürzte. Nigel Farage bei einer Ansprache nach dem Ausgang des Referendums. (Quelle: AP/dpa)

Nigel Farage bei einer Ansprache nach dem Ausgang des Referendums. (Quelle: AP/dpa)

Er ist der große Gewinner in Großbritannien: Der Rechtspopulist Nigel Farage hat 25 Jahre auf den Brexit hingearbeitet. Wer ist der Mann, der sein Land aus der EU gedrängt hat?

Der Tag, an dem er seinen größten Triumph feiern sollte, begann nicht gut für Nigel Farage. Es sehe nach einem Sieg für das "Remain"-Lager aus, sagte der Chef der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip in der Nacht zu Freitag. Um Mitternacht sah eine Nachwahlumfrage die EU-Befürworter 52 zu 48 Prozent vorne, andere Demoskopen prophezeiten sogar eine heftige Niederlage für das Brexit-Lager.

Doch es kam anders. 17,4 Millionen Briten stimmten für den EU-Ausstieg, nur 16,1 Millionen dagegen. Und der Mann hinter diesem Votum, der große Gewinner ist Farage. Der Brexit ist sein Erfolg. Der Aufstieg seiner europafeindlichen, rechtspopulistischen Partei brachte Premierminister David Cameron dazu, die Bürger über die EU abstimmen zu lassen. Und im Wahlkampf bestimmte Farage monatelang den Ton mit aggressiven, ausländerfeindlichen Botschaften.

Der Ukip-Chef schaffte es, die Zuwanderung zum entscheidenden Thema der Debatte zu machen und die drohenden wirtschaftlichen Folgen in den Hintergrund treten zu lassen. "We want our country back", "wir wollen unser Land zurückhaben" - mit dieser Parole erreichte Farage alle Nostalgiker und Nationalisten in Großbritannien.

Der 52-Jährige ist kein dumpfer Hetzer, sondern ein geschickter Manipulator. Im Gegensatz zur Westminster-Elite, die viele Briten als abgehoben und weltfremd wahrnehmen, gilt Farage als Mann von nebenan. Er hat nicht studiert und verließ die Schule im Alter von 16 Jahren. Farage ist Kettenraucher und geht gerne in Pubs, das klassische Motiv in den britischen Medien zeigt ihn dort, mit einer Zigarette in der einen und einem großen Bier in der anderen.

Der Ukip-Chef habe die Politikverdrossenheit der Briten geschickt ausgenutzt, sagt Rob Ford, Politikwissenschaftler an der Universität in Manchester. Mit seinem Erfolg beim Brexit-Referendum habe Farage "einen größeren Einfluss auf die Geschichte Großbritanniens genommen als die meisten Premierminister".

Beleidigungen und rassistische Botschaften

Farages politische Karriere begann bei den konservativen Tories, bereits als Schüler trat er bei. 1991 verließ er die Partei im Alter von 27 Jahren aus Protest gegen den europafreundlichen Kurs von Premierminister John Major und gründete die parteienübergreifende Organisation Anti-Federalist League. Aus dieser ging 1993 Ukip hervor. Das einzige politische Ziel der Partei: Großbritannien aus der Europäischen Union zu führen.

Der Durchbruch gelang bei den Europawahlen fünf Jahre später. Als eines von drei Ukip-Mitgliedern zog Farage ins Europaparlament ein. Diesem gehört er immer noch an, in Brüssel und Straßburg fällt er vor allem mit Beleidigungen und Anfeindungen auf. Anfang 2010 sorgte er für einen Eklat, als er den Chef des Europäischen Rats, Herman Van Rompuy, anging. Dieser habe das "Charisma eines nassen Lappen" und das "Auftreten eines kleinen Bankangestellten". Als Farage daraufhin beim Parlamentspräsidenten antreten musste, verweigerte er eine Entschuldigung und spottete, entschuldigen werde er "höchstens bei allen Bankangestellten in der Welt".

Der dreiste Ton gegen die EU-Elite machte den Ukip-Chef in seiner Heimat zum Liebling der rechten Boulevardpresse. Dort durfte er auch im Brexit-Wahlkampf ausländerfeindliche Botschaften verbreiten. Als er genau an dem Tag, an dem die Labour-Abgeordnete Jo Cox ermordet wurde, ein Plakat mit einer eindeutig rassistischen Botschaft enthüllte, glaubten viele Beobachter, Farage sei zu weit gegangen. "Breaking Point", "Belastungsgrenze" lautete die Überschrift des Transparents, das eine Masse von Flüchtlingen an der slowenisch-kroatischen Grenzen zeigte. Der Ukip-Chef ist vielleicht kein Rassist, aber wie alle Rechtspopulisten nutzt er rassistische Botschaften, um seine politischen Ziele zu erreichen.

"Gesiegt, ohne einen einzigen Schuss abzugeben"

Nach "Breaking Point" wurde der Ukip-Mann sogar in konservativen Medien wie dem "Spectator" heftig kritisiert. Auch am Freitag zog Farage noch mal Ärger auf sich, als er sagte, seine Anti-EU-Bewegung habe "gesiegt, ohne einen einzigen Schuss abzugeben". Diese Aussage wurde angesichts des Todes von Jo Cox von vielen als herzlos aufgefasst. Der Angreifer soll bei seiner Tat "Put Britain first" gerufen haben, einen Schlachtruf der Brexiteers.

Farages Beliebtheit leidet trotz aller Grenzüberschreitungen nicht. Im Gegenteil. Seine Anhänger lieben ihn als jemand, der Klartext redet und immer das ausspricht, was ihm gerade durch den Kopf geht.

Was kommt nun, wie geht es für Farage nach seinem Triumph weiter? Beobachter in London gehen davon aus, dass sich die politische Karriere des Brexit-Kämpfers dem Ende zuneigt. Mit dem Erfolg beim Referendum habe er alles erreicht. Die Ein-Themen-Partei Ukip ist am Ziel. Mission accomplished - Mission erfüllt.

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