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Alexej Nawalnys Bruder auf Kreml-Fahndungsliste: Wer ist Oleg Nawalny?


Im Visier des Kremls
Deswegen ist Russland hinter Nawalnys Bruder her


21.02.2024Lesedauer: 4 Min.
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Oleg Nawalny wurde bei einer Kontrolle nicht an seinem Wohnsitz angetroffen.Vergrößern des Bildes
Oleg Nawalny wurde bei einer Kontrolle nicht an seinem Wohnsitz angetroffen. (Quelle: Evgeniy Sofiychuk/AP/dpa./dpa)

Alexej Nawalnys Tod ist nur wenige Tage her. Doch schon nimmt der Kreml ein weiteres Familienmitglied ins Visier: Bruder Oleg Nawalny. Wer ist der Mann?

Der Tod Alexej Nawalnys am vergangenen Freitag hat die russische Opposition erschüttert. Doch damit scheint Wladimir Putin seine Jagd auf Nawalnys Anhänger und andere kremlkritische Stimmen nicht beendet zu haben. Am Dienstag eröffnete das russische Innenministerium gegen den Bruder des verstorbenen Oppositionellen, Oleg Nawalny, ein neues Strafverfahren. Wegen angeblicher Verstöße gegen Bewährungsauflagen steht er bereits auf der Fahndungsliste des Kremls.

Außerhalb Russlands ist Oleg Nawalny weit weniger populär als sein älterer Bruder. Der Kreml allerdings hat ihn schon länger im Visier. Wer ist Oleg Nawalny? Und warum macht Putin nun erneut Jagd auf ihn? t-online stellt ihn vor.

Oleg Nawalny wurde am 9. April 1983 in Russland geboren, er ist gut acht Jahre jünger als sein verstorbener Bruder Alexej. 2005 schloss er sein Studium an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation in Moskau ab. In den Folgejahren bis 2013 arbeitete er für die russische Post.

Der "Yves-Rocher-Fall" brachte Oleg Nawalny in Haft

Nur ein Jahr später, am 30. Dezember 2014, verurteilte ein Moskauer Gericht Oleg Nawalny wegen Betrugsvorwürfen zu dreieinhalb Jahren Haft. Im selben Prozess wurde auch Alexej Nawalny mit einer ebenso langen Bewährungsstrafe belegt. Was war damals passiert?

In Russland ist das Verfahren als "Yves-Rocher-Fall" bekannt. Der russische Zweig des Kosmetikkonzerns Yves Rocher hatte ab 2012 russische Ermittlungsbehörden um die Überprüfung seines Vertrags mit einem Kurierdienst gebeten, der den Nawalny-Brüdern gehörte. Angeblich hätten sie das Unternehmen zwischen 2008 und 2012 um rund 55 Millionen Rubel betrogen, sagte der damalige Russland-Chef von Yves Rocher, Bruno Leproux, damals aus. Die Summe entsprach seinerzeit rund 1,38 Millionen Euro. Später ergaben interne Prüfungen jedoch, dass gar kein Schaden entstanden war. Yves Rocher ruderte zurück. Zu spät für die Nawalnys.

Oleg Nawalny kam daraufhin in eine russische Strafkolonie in der Oblast Orjol, rund 300 Kilometer südwestlich von Moskau. Dort blieb er bis 2018 inhaftiert, auch mehrere Berufungsverfahren änderten nichts an dem Urteil. Alexej Nawalny bezeichnete den Prozess gegen sich und seinen Bruder als politisch motiviert und rief seine Anhänger zu Protesten auf. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte den Prozess später als "konstruiert und grundlegend unfair".

Oleg Nawalny saß selbst mehrfach in Isolationszellen

Bei seiner Freilassung sagte Oleg Nawalny: "Ich will wirklich schnell nach Hause kommen, Shish Kebab und Okroschka essen", zitierte ihn BBC Russland damals. Auf ihn hatten bereits sein Bruder Alexej und Dutzende Journalisten am Gefängnisausgang gewartet. Obwohl der Prozess bereits Jahre zurücklag, sollte er späte Konsequenzen für Alexej Nawalny haben. Wegen angeblicher Verstöße gegen Bewährungsauflagen rund um das Urteil im "Yves-Rocher-Fall" wurde der ältere Bruder bei seiner Rückkehr nach Russland 2021 verhaftet. Zuvor war er in Berlin wegen einer Nowitschok-Vergiftung behandelt worden. Mehr dazu lesen Sie hier.

Während seiner Haft schrieb Oleg Nawalny in der Strafkolonie Geschichten und malte Bilder. Zudem gründete er ein Projekt zu russischen Gefängnistätowierungen und fertigte selbst Tattooskizzen an. Siebenmal steckten ihn Justizvollzugsbeamte wegen angeblicher Disziplinarverstöße in Isolationszellen. Laut Oleg Nawalny wurde er bestraft, weil er nachts nicht geschlafen habe.

Über seine Haftbedingunen sagte Oleg Nawalny im Interview mit dem "Tagesspiegel": "Naja, das erste Jahr war hart, weil ich oft verlegt wurde." Dann aber habe er festgestellt, "dass Kriminelle im Knast auch nur wie normale Leute rumsitzen und quatschen". Er beschrieb seinen Gefängnisaufenthalt "wie ein großes Ferienlager – bloß halt mit Mördern". Am Ende seiner Haft habe er verstanden, dass man sich nur an ein russisches Sprichwort halten müsse: "Vertraue nicht, fürchte nicht, frage nicht."

Russland setzte ihn 2022 auf die Fahndungsliste

Während der Corona-Pandemie nahm die russische Justiz Oleg Nawalny wieder ins Visier. 2021 wurde er mitsamt weiterer Anhänger seines Bruders zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er bei kremlkritischen Protesten gegen die Corona-Auflagen verstoßen haben soll.

Video | “Ich werde die Arbeit von Alexej Nawalny fortsetzen”
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Quelle: t-online

Im vergangenen Jahr reiste Oleg Nawalny dann nach Zypern, womit er laut russischen Angaben gegen Bewährungsauflagen verstieß. Russische Behörden setzten ihn bereits damals auf die Fahndungsliste und wandelten seine Bewährungsstrafe in Abwesenheit zu einer Haftstrafe um. Am vergangenen Dienstag wurde erneut ein Strafverfahren gegen Oleg Nawalny eröffnet. Was genau die Vorwürfe sind, ist bisher nicht bekannt.

Im Ausland setzte sich Oleg Nawalny für die Freilassung seines älteren Bruders ein. Im vergangenen Jahr nahm er an einer Protestaktion vor der russischen Botschaft in Berlin teil. Danach beschrieb er im Interview mit dem "Tagesspiegel" die Leiden seines Bruders in russischer Haft. "Sie foltern ihn genau nach Lehrbuch", sagte er damals.

"Ansonsten bin ich nicht politisch aktiv"

In dem Gespräch beschrieb sich Oleg Nawalny selbst als unpolitisch. Er sei kein Aktivist wie sein Bruder, habe "nichts Neues beizutragen". Das aber hat ihm in den Prozessen nicht geholfen. "Mich behandeln ohnehin alle, als wäre ich ein halber Alexej." Die Anti-Korruptions-Stiftung seines Bruders unterstütze er, aber lediglich sporadisch organisatorisch. "Ansonsten bin ich nicht politisch aktiv."

Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin stellte er in dem Interview ein vernichtendes Urteil aus: "Ganz ehrlich, ich halte Putin für einen Idioten. Alles, was er tut, ist hirnlos und beliebig." Er könne sich nicht vorstellen, worüber "dieser alte Mann sich seinen eh schon kaputten Kopf zerbricht".

Hoffnung auf eine Freilassung seines Bruders hatte Oleg Nawalny dennoch. Es gebe mehrere Szenarien, die zur Freilassung Alexej Nawalnys führen könnten, sagte der jüngere Bruder dem "Tagesspiegel" damals. Er wolle nicht beurteilen, welches besser oder schlechter wäre. "Ich will nur, dass eines von ihnen eintritt." Oleg Nawalnys Wunsch wurde nicht erhört. Alexej Nawalny ist laut russischen Angaben am 16. Februar in Haft ums Leben gekommen.

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