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Versorgungskrise wegen Venezuela: In Kuba geht die Angst um

Krise weckt böse Erinnerungen  

In Kuba geht die Angst um

12.05.2019, 06:48 Uhr | Guillermo Nova, dpa

Versorgungskrise wegen Venezuela: In Kuba geht die Angst um. Kuba, Havanna: Menschen stehen vor einem Geschäft in der kubanischen Hauptstadt Havanna an, um einzukaufen. Mit Schrecken erinnern sich die Kubaner an die entbehrungsreiche Sonderperiode zurück.  (Quelle: dpa)

Kuba, Havanna: Menschen stehen vor einem Geschäft in der kubanischen Hauptstadt Havanna an, um einzukaufen. Mit Schrecken erinnern sich die Kubaner an die entbehrungsreiche Sonderperiode zurück. (Quelle: dpa)

Mit Schrecken erinnern sich die Kubaner an die entbehrungsreiche Sonderperiode zurück. Es herrschte Hunger, es gab kaum Strom, viele flohen. Damals stürzte die Sowjetunion, jetzt taumelt das Venezuela.

Jedes Mal, wenn die Lastwagen mit den tiefgefrorenen Hähnchen kommen, bilden sich vor den Geschäften in Havanna lange Schlangen. Stundenlang warten die Menschen unter der brennenden karibischen Sonne, bis sie dran sind. "Was ist, wenn es morgen nichts mehr gibt? Man muss vorbereiten sein, wenn man jeden Tag etwas zu essen haben will", sagt der junge Yankiel, der geduldig wartet.

Angesichts der sich verschärfenden Versorgungskrise in Kuba will die sozialistische Regierung künftig Lebensmittel und Hygieneartikel rationieren. Unter anderem dürfen Kubaner nun Hühnchen, Reis, Eier, Bohnen, Wurst, Seife, Waschmittel und Zahnpasta nur noch in festgelegten Mengen kaufen, wie Handelsministerin Betsy Díaz sagte. Ziel sei eine "gerechte und vernünftige" Verteilung der knappen Produkte in der Bevölkerung.

Bereits Anfang des Jahres merkten die Kubaner, das irgendwas nicht stimmte. Immer öfter gab es in den Läden kein Hühnchen und kein Öl mehr. Dann trat der Vorsitzende der Kommunistischen Partei und ehemalige Präsident, Raúl Castro, in der Nationalversammlung ans Rednerpult und bestätigte die schlimmsten Befürchtungen: "Die Lage kann sich noch weiter verschlechtern."

"Auf das Schlimmste vorbereiten"

Jetzt geht in Kuba die Angst um. Erinnerungen werden wach an die so genannte Sonderperiode nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre. Damals brach die auf den Handel mit dem Ostblock ausgerichtete kubanische Wirtschaft weitgehend zusammen. Strom gab es nur für wenige Stunden, die Menschen tranken Wasser mit Zucker gegen den Hunger, zahlreiche Kubaner flohen auf zusammengezimmerten Flößen in die USA.

"Heute ist unsere Lage eine andere. Die Wirtschaft ist breiter aufgestellt", sagte Castro. "Aber wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten." Der Preis für das bei Kubanern sehr beliebte Schweinefleisch gilt als guter Indikator für die wirtschaftliche Situation der Insel. Seit Anfang des Jahres steigt der Preis. Mittlerweile kostet das Pfund fast drei US-Dollar, während der durchschnittliche Monatslohn noch immer bei etwa 30 Dollar liegt.

"Es heißt, wir würden in die Sonderperiode zurückfallen. Ich weiß gar nicht, wann wir sie hinter uns gelassen haben", sagt Rosario Águeda. Sie wartet vor einem Geschäft in ihrem Viertel, um staatlich subventionierte Lebensmittel zu kaufen. Alle Kubaner haben Anrecht auf eine Reihe von Grundnahrungsmittel. Über ein Rationierungsheft erhalten sie pro Monat sieben Pfund Reis, vier Pfund Zucker, einen halben Liter Öl, ein Paket Kaffee, ein Paket Nudeln, 300 Gramm Bohnen, fünf Eier und ein Pfund Hühnchen. Kinder bekommen zudem einen Liter Milch pro Tag.

Das Geld ist knapp

Noch muss niemand in Kuba hungern, aber der Speiseplan ist sehr eintönig und die Kubaner verbringen viel Zeit damit, Schlange zu stehen. Die Regierung in Havanna macht das US-Embargo gegen Kuba für die Versorgungsengpässe verantwortlich. Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass Kuba kaum selbst Lebensmittel produziert. Rund 80 Prozent der Lebensmittel werden importiert. In diesem Jahr sollen Nahrungsmittel im Wert von zwei Milliarden Dollar eingeführt werden.

Das Geld allerdings ist knapp. Kuba soll bei Lieferanten schon mit 1,5 Milliarden Dollar in der Kreide stehen. Die sozialistische Karibikinsel erhält von Venezuela Öl im Austausch für die medizinischen Dienste entsandter Ärzte. Dieses Öl verkauft Kuba auf dem Weltmarkt und beschafft sich so Devisen. Wegen der schweren Krise in Venezuela haben sich die Öllieferungen allerdings inzwischen auf 50 000 Barrel (je 159 Liter) pro Tag halbiert.

Angesichts des Machtkampf in Venezuela ziehen die USA die Daumenschrauben weiter an. Zuletzt verhängte das Finanzministerium Sanktionen gegen zwei Unternehmen und ihre Schiffe, die Öl von Venezuela nach Kuba transportieren. Mit diesen Maßnahmen will Washington den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro in die Knie zwingen. Dass sie damit auch Kuba treffen, dürfte für die Hardliner im Weißen Haus ein willkommener Nebeneffekt sein. US-Sicherheitsberater John Bolton hat den linken Regierungen in Venezuela, Kuba und Nicaragua schon lange den Kampf angesagt und bezeichnet sie als "Troika der Tyrannei".

Tourismus-Branche verunsichert

Die wichtigste Einnahmequelle der sozialistischen Karibikinsel ist die Entsendung von Ärzten ins Ausland. Einen Großkunden hat Kuba allerdings bereits verloren. Nach seinem Amtsantritt im Januar kündigte der rechtspopulistische brasilianische Präsident Jair Bolsonaro den Vertrag und schickte Tausende Mediziner nach Hause.


Der zweite Pfeiler der kubanischen Wirtschaft ist der Tourismus. Auch zahlreiche Deutsche besuchen die Karibikinsel, entspannen an den Stränden und flanieren durch die Altstadt von Havanna. Zuletzt wuchs das Geschäft allerdings nur noch langsam. Die Branche ist verunsichert, weil die USA vor Kurzem Klagen gegen Unternehmen zugelassen haben, die Eigentum nutzen, das während der Revolution 1959 enteignet wurde. "Wer am meisten darunter leiden wird, ist das kubanische Volk", sagte zuletzt der Vorstandschef der spanischen Hotelkette Meliá, Gabriel Escarrer.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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