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China: Uiguren warten auf den Abtransport – im Video

Mit Fesseln und Augenbinden  

Video von Uiguren in China zeigt erschreckende Bilder

Von Sarah Thust

26.09.2019, 10:43 Uhr
 (Quelle: YouTube (War on Fear))
China: Erschreckende Bilder von gefesselten Uiguren veröffentlicht

Hunderte Uiguren sitzen mit verbundenen Augen und gefesselt an einem Bahnhof, sind auf dem Weg in ein Gefangenenlager. Das zeigen Aufnahmen einer Drohne auf YouTube. China kommt in Erklärungsnöte, internationale Politiker bezeichnen das Video als beunruhigend. (Quelle: t-online.de)

Erschreckende Bilder: Aufnahmen einer Drohne zeigen offenbar hunderte Uiguren in China auf dem Weg in ein Gefangenenlager. (Quelle: t-online.de)


Seit einem Jahr sorgen Berichte über chinesische Internierungslager für Muslime weltweit für Empörung. t-online.de sprach mit einer Exil-Uigurin über die Lage in ihrer Heimat.

Ein Video aus China zeigt erschütternde Szenen: Kahl rasierte Gefangene werden gefesselt und mit verbundenen Augen in Züge verladen. Es soll sich um Uiguren handeln, eine muslimische Minderheit. Die australische Außenministerin Marise Payne nannte die Erkenntnisse "zutiefst beunruhigend". Mehr über die Aufnahmen und ob sie echt sind, erfahren Sie im Video oben.

Es entstand mit einer Drohne und wurde vergangene Woche von einem Unbekannten auf Youtube und Twitter veröffentlicht. Aus europäischen Sicherheitskreisen erfuhr der Sender "Sky News", das Video sei authentisch und bereits früher im Jahr aufgenommen worden.

Ein Faktencheck von Analyst Nathan Ruser vom Australian Strategic Policy Institute ergab: Das Video wurde wohl am Bahnhof der Stadt Korla aufgenommen. Der Stand der Sonne und die örtlichen Gegebenheiten deuteten auf Mitte August 2018 hin.

Wer sind die Uiguren?
Die Uiguren sind im Jahr 744 aus dem türkischen Großreich ausgewandert, um ihr eigenes Königreich zu gründen. Sie haben ihre eigene Sprache und folgen meist muslimischen Traditionen. Ihr Land Ost-Turkestan gehört inzwischen zum Nordwesten Chinas. Die Regierung in Peking gibt dem Gebiet einen anderen Namen: Xinjiang.

Was geschieht in den Lagern? 

Menschenrechtsorganisationen schätzen, dass rund eine Million Uiguren in Internierungslagern festsitzen. Die Bilder aus dem Video vergleichen einige Internet-User mit Bildern von Konzentrationslagern. Die Regierung in Peking spricht öffentlich von "freiwilligen Berufsbildungszentren".

Augenzeugen und geflüchtete Häftlinge berichteten von Kopfwäsche und Folter, sogar von Morden. Interniert sind auch bekannte uigurische Künstler, Schauspieler und Musiker. Zudem baut die Regierung die Lager in Xinjiang immer weiter aus, wie t-online.de bereits berichtete. Das Auswärtige Amt mahnt zur Vorsicht bei Reisen in das Gebiet.

Moschee in der uigurischen Stadt Kashgar: Das Gebäude ist meist leer, wie ein arabischer Blogger Mitte 2019 berichtete. Sicherheitsleute hatten ihm verboten, Moscheen in Xinjiang zu filmen. (19. April 2019) (Quelle: imago images/ZUMA Press)Moschee in der uigurischen Stadt Kashgar: Das Gebäude ist meist leer, wie ein arabischer Blogger Mitte 2019 berichtete. Chinesische Sicherheitsleute hatten ihm verboten, Moscheen in Xinjiang zu filmen. (19. April 2019) (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Menschenrechtsorganisationen berichten, dass Muslime in Lagern unter anderem gezwungen werden, Schweinefleisch zu essen. Sie dürfen nicht mehr beten und müssen ihrem Gott abschwören. Stattdessen werden sie mit Propaganda der Kommunistischen Partei Chinas indoktriniert.

Die Partei sieht in der organisierten Religionsausübung seit Jahrzehnten eine Bedrohung. Ob Christen, Muslime oder Buddhisten – niemand soll religiöse Ansichten öffentlich zeigen. Gegen die Uiguren geht das Land seit 2009 besonders hart vor. Damals kam es in Xinjiang zu blutigen Protesten. 

Symbol des Protests: Diese Maske zeigt die Nationalflagge von Ost-Turkestan. Die chinesische Flagge ist als vorgehaltene Hand aufgeklebt. Nur Exil-Uiguren können im Ausland demonstrieren. (Quelle: imago images/ZUMA Press)Symbol des Protests: Diese Maske zeigt die Nationalflagge von Ost-Turkestan. Die chinesische Flagge ist als vorgehaltene Hand aufgeklebt. Nur Exil-Uiguren können im Ausland demonstrieren. (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Das erzählt eine Uigurin von ihrem Land

Die 27-jährige Shahrazad Ghayrat arbeitet für den Weltkongress der Uiguren in München. Der vertritt nach eigenen Angaben die Interessen der turkstämmigen Minderheit weltweit. Ghayrat selbst wuchs in der uigurischen Hauptstadt Urumqi auf. Mit 20 Jahren verließ sie ihre Heimat und wanderte nach Australien aus.

"Wir Uiguren sind Fremde im eigenen Land", erzählte sie t-online.de am Donnerstag. Das Paradoxe sei, dass sie erst in Australien die Wahrheit über die Geschichte ihres Volkes herausgefunden habe. Unter der Aufsicht Chinas waren ihre Herkunft, ihre Muttersprache und ihre Kultur ein Tabu. In der Schule musste sie chinesisch lernen und bekam auch politische Erziehung und Propaganda zu spüren. 

Wandbild in Turpan: Eine Frau fährt an einer chinesischen Propaganda-Darstellung in der Autonomen Region Xinjiang vorbei. (13. April 2019) (Quelle: imago images/ZUMA Press)Wandbild in Turpan: Eine Frau fährt an einer chinesischen Propaganda-Darstellung in der Autonomen Region Xinjiang vorbei. (13. April 2019) (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Berichte von "Kopfwäsche", Propaganda und Verhaftungen

"Mir wurde eine falsche Geschichte über meine Herkunft beigebracht", sagte Ghayrat. Von ihren Lehrern lernte sie, dass Ost-Turkestan schon immer ein Teil Chinas war. "Ich fühlte mich nicht wie eine Uigurin, als ich dort lebte, und bis heute kämpfe ich mit meiner Identität."

Den Kontakt zu ihrer Familie musste sie laut eigenen Angaben vor drei Jahren abbrechen. "Ich kann nicht einmal meinen eigenen Vater anrufen, um nur Hallo zu sagen, weil ich mir Sorgen mache, dass die chinesischen Behörden ihn aus diesem Grund verhaften könnten", sagte sie. "Uiguren werden ständig durch ein dichtes Netzwerk von Überwachungskameras, Polizisten und Straßensperren überwacht", erklärte Ghayrat weiter. Beten, Fasten oder der Kontakt zu einem Verwandten im Ausland könne jeden verdächtig machen.

Alltag in Kashgar: Ein Uigure bereitet Nudeln zu. Die Menschen in der Region stehen unter Dauerbeobachtung. (21. April 2019)   (Quelle: imago images/ZUMA Press)Alltag in Kashgar: Ein Uigure bereitet Nudeln zu. Die Menschen in der Region stehen unter Dauerbeobachtung. (21. April 2019) (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Nur wenige Insassen kommen frei

Wenige ehemalige Lager-Insassen, denen die Flucht gelungen ist, berichteten: Wer inhaftiert wird, muss dem Islam abschwören, Mandarin lernen und Loyalität zu Staatschef Xi Jinping und der Partei beweisen. Exil-Uiguren wie Omer Bekali beschrieben, dass sie unter beengten und miserablen Bedingungen leben mussten. Wer der Doktrin nicht folgte, dem drohe Folter.

Im vergangenen Jahr zeigte t-online.de diese Zeitrafferaufnahme. Sie zeigt den Bau eines "Berufsausbildungszentrums" in der Stadt Kashgar. Die Anlage ist von einem hohen Zaun mit Stacheldraht umgeben. Die Arbeiten begannen Anfang 2017, wie damals das Australian Strategic Policy Institute berichtete.

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Details und wie es den Menschen in den Lagern geht, werden nur selten bekannt. Kaum jemand schafft die Flucht heraus. Und keiner der Häftlinge weiß, wie lange er bleiben muss. Auch Kinder und Frauen werden laut Berichten aus Xinjiang verhaftet. Die chinesische Regierung selbst schweigt zu den Zuständen in den Lagern.

Verwendete Quellen:

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