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Eine schmerzhafte Niederlage

Von Margaryta Biriukova

Aktualisiert am 01.07.2022Lesedauer: 5 Min.
Krasnopol-Munition aus Russland: Experte Ralph Thiele ordnet die Waffe und ihre Rolle im Ukraine-Krieg ein. (Quelle: t-online)
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Russland steht kurz vor einem bedeutenden Sieg in der Ostukraine. Doch für die Herrschaft über die ganze Region Luhansk fehlt ein wichtiges Puzzleteil.

Sie kämpften und starben für jeden Zentimeter, aber am Ende half es nichts: Vor wenigen Tagen mussten sich die ukrainischen Streitkräfte aus Sjewjerodonezk zurückziehen. Der ehemals 100.000-Einwohner-Ort war eine der wichtigsten Städte der ostukrainischen Region Luhansk und eine der letzten Hochburgen der ukrainischen Armee dort.

Vorausgingen wochenlange Bombardierungen durch russische Artillerie und ein blutiger Häuserkampf, bis die Stadt völlig zerstört war. Die ukrainische Führung beschloss, die Stadt zu verlassen, nach eigenen Angaben, da es keinen Sinn mache, "Ruinen zu verteidigen".

Der Fall von Sjewjerodonezk war angesichts der russischen Überlegenheit erwartbar, ist aber aus Sicht der Ukraine dennoch schmerzhaft: Die Stadt war seit der Übernahme der Stadt Luhansk durch prorussische Separatisten 2014 Sitz der Regionalverwaltung. Neben Cherson in der Südukraine fällt nun also die zweite frühere Regionalhauptstadt in die Hände der Russen – ein politischer wie symbolischer Verlust für die Ukraine. Mehr noch: Putins Armee steht nun kurz davor, die gesamte Region Luhansk zu kontrollieren.

Nächstes Ziel: Lyssytschansk

Nun konzentrieren sich die russischen Truppen auf die letzte große Stadt der Region, die von Kiew kontrolliert wird: Lyssytschansk. Wie Serhiy Haidai, Leiter der regionalen Militärverwaltung, t-online bestätigt, ist die Schlacht um die strategisch wichtige Stadt im vollen Gange: "Die Russen versuchen, unsere Verteidigungslinie in Lyssytschansk aus vielen Richtungen zu durchbrechen. Es finden heftige Kämpfe statt unter permanentem Artilleriebeschuss der russischen Armee. Aber unsere Truppen halten ihre Positionen", so Haidai.

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Der Chef-Verwalter räumt ein, dass die russischen Streitkräfte nach wie vor die Oberhand haben, was die Zahl der Soldaten und die Menge der Ausrüstung angeht. Die ukrainischen Stellungen würden rund um die Uhr beschossen, sagt Haidai. Trotz dieser Ausgangslage wird Lyssytschansk für die Russen allerdings keine leichte Beute sein. Das liegt vor allem an der besonderen Geografie, die die Stadt zur Festung macht.

Eine Festung aus Wasser und Hügeln

Die Zwillingsstädte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk trennen nur wenige Kilometer. Der kleine Landstrich zwischen den beiden Orten ist das größte Hindernis für die russische Armee, denn durch ihn hindurch schlängelt sich der Fluss Siwerskyj Donez. Weil die Brücken gesprengt wurden, bleibt den Truppen Moskaus nichts anderes übrig, als den Siwerskyj Donez mithilfe von Pontonbrücken zu überqueren – ein riskantes Manöver. Bereits im Mai scheiterten russische Einheiten. Berichten zufolge verloren sie Hunderte Soldaten dabei, den Fluss mithilfe solcher Behelfsbrücken zu passieren. Zudem geben die zahlreichen Hügel in der Stadt den ukrainischen Verteidigern einen taktischen Vorteil gegenüber den Angreifern.

Um eine verlustreiche Schlacht zu vermeiden, könnten die russischen Truppen daher auf eine andere Taktik setzen. Anton Murawejnyk, Militärexperte und Leiter der Analyseabteilung der Organisation Come Back Alive, sagt, die Kremlarmee versuche, die ukrainischen Verteidiger von der Versorgung abzuschneiden, indem sie die Kontrolle über die wichtigsten Zufahrtsstraßen nach Lyssytschansk übernehmen.

Geflüchtete aus Lyssytschansk in einer Flüchtlingsunterkunft: Die Stadt in der Ostukraine gilt als nächstes Ziel Russlands.
Geflüchtete aus Lyssytschansk in einer Flüchtlingsunterkunft: Die Stadt in der Ostukraine gilt als nächstes Ziel Russlands. (Quelle: Markiian Lyseiko/imago-images-bilder)

Das ist zum einen die strategisch wichtige Straße von Lyssytschansk nach Bachmut in der benachbarten Region Donezk. Die Autobahn wird bereits seit Wochen von russischer Artillerie unter Beschuss genommen. "Die Versorgung mit Proviant oder Munition über diese Route ist für die Ukraine extrem problematisch, aber nicht unmöglich", so Murawejnyk. Noch haben die Russen nicht vollständige Kontrolle über diese Hauptschlagader des ukrainischen Nachschubs erreicht.

Entscheidungsschlacht um Ölraffinerie

Um das zu erreichen, fehlt ihnen das entscheidende Puzzleteil: die Ölraffinerie nahe dem Dorf Werchnokamyanka. Hier laufen beide Zufahrtsstraßen nach Lyssytschansk zusammen. Zudem liegt die Industrieanlage auf einer Anhöhe, die sich gut verteidigen lässt.

Für russische Kommandeure im Donbass ist das derzeit der Hauptgewinn – mit dramatischen Folgen für die ukrainischen Truppen: "Wenn sie die Raffinerie einnehmen, hat der Feind die Kontrolle über beide Straßen. Lyssytschansk wäre von der Versorgung abgeschnitten und umzingelt", erklärt Anton Muraveinyk. Die ukrainische Armee wäre gezwungen, die Stadt zu verlassen, wenn sie eine Kesselschlacht vermeiden will. Bislang hält das ukrainische Militär den Angreifern stand und spielt auf Zeit, bis Verstärkung einrückt.

Doch am Freitag meldet die russische staatliche Nachrichtenagentur Tass, dass die Raffinerie bereits unter russischer Kontrolle sei. Auf sozialen Medien kursieren Videos, die Explosionen in der Anlage zeigen und russische Soldaten, die auf gepanzerten Fahrzeugen einrücken.

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"Das Wichtigste für uns ist aktuell der Nachschub an Waffen, insbesondere von Langstreckenartillerie. Sobald wir die bekommen, werden wir uns verteidigen können und in der Lage sein, die russische Armee zu vertreiben", glaubt Serhij Haidai.

Leben unter der russischen Feuerwalze

Lyssytschansk droht nun dasselbe Schicksal wie Sjewjerodonezk: Letztere ist praktisch vernichtet. Nach dem Rückzug des ukrainischen Militärs leben laut offiziellen Angaben nur noch rund 8.000 Einwohner dort. Die kritische Infrastruktur ist weitgehend zerstört: Es gibt kein Wasser, Gas, Strom, keine Kanalisation und keine funktionierenden Krankenhäuser. Diejenigen, die in der Stadt geblieben sind, kämpfen ums Überleben und können Sjewjerodonezk nur über die von Russland besetzten Gebiete verlassen.

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Maryna Shashkova, die ursprünglich aus Sjewjerodonezk stammt, sagt im Gespräch mit t-online, sie habe sich nicht vorstellen können, dass ihre Heimatstadt eines Tages erobert werden könnte. Die massive Zerstörung zu sehen, sei unerträglich schmerzhaft.

Als die Invasion begann, reiste Shashkova von Kiew nach Sjewjerodonezk, um ihre Eltern zu besuchen. Sie blieb für einen Monat. In den ersten Kriegstagen sei es relativ ruhig gewesen, erzählt sie, nur selten flogen Bomben in die Stadt. Doch die Sicherheitslage in Sjewjerodonezk verschlechterte sich rasch, die Stadt wurde mit Raketen und Artillerie beschossen.

Maryna Shashkova nach ihrer Flucht aus Sjewjerodonezk.
Maryna Shashkova nach ihrer Flucht aus Sjewjerodonezk. (Quelle: privat/leer)
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Die Familie Shashkova versteckte sich dann meist im Luftschutzkeller, erzählt das Mädchen: "Einen Monat lang waren wir rund um die Uhr vollständig angezogen, inklusive Schuhe. Damit wir jederzeit bereit sind, in den Schutzraum zu rennen", erklärt sie. "Ich hatte dauernd Angst zu schlafen, also döste ich nur, meist nur für 30 Minuten."

Russische Zwangsrekrutierung

Das Mädchen und ihre Mutter verließen ihre Heimat und zogen nach Westen in ukrainisch kontrolliertes Gebiet. Doch der Vater weigert sich bis heute, die Stadt zu verlassen. Zuletzt hatten Mutter und Tochter Mitte Mai mit ihm telefoniert. Doch am 20. Mai wurden alle Mobilfunkmasten zerstört, seitdem herrscht Funkstille.

"Wir wussten nicht, ob unser Vater noch am Leben oder ob unser Haus noch intakt war. Wir suchten nach unserem Haus auf Fotos, die in sozialen Netzwerken gepostet wurden. Wir fanden nichts." Erst vor zwei Wochen erfuhr sie von Menschen, die aus der Stadt geflohen waren, dass ihr Vater noch am Leben sei.

Maryna Shashkova in Sjewjerodonezk auf einem Foto aus besseren Zeiten.
Maryna Shashkova in Sjewjerodonezk auf einem Foto aus besseren Zeiten. (Quelle: privat/leer)

Die Situation in der Stadt ist eine humanitäre Katastrophe, sagt Shashkova: "Es gibt keine Lebensmittel und humanitäre Hilfe wird nur gelegentlich gebracht." Da die Wasserleitungen zerstört seien, seien die Brunnen die einzige Möglichkeit, aber der Gang dorthin sei lebensgefährlich wegen des ständigen Artilleriebeschusses.

Sie sagt, sie habe Angst, dass ihr Vater von den Russen zwangsrekrutiert und an die Front geschickt werden könnte. "Wir hoffen, ihn bald zu treffen." Was die Ukraine jetzt brauche, seien mehr Waffen, möglichst schnell, sagt sie. "Die Ukraine ist Europa."

Die neuen Herrscher von Luhansk

Wie Shashkova setzen viele ihre Hoffnung in weitere westliche Waffenlieferungen. Die russischen Truppen werden nicht aufhören, um die vollständige Kontrolle im Donbass zu kämpfen, doch ebenso wenig werden die Ukrainer aufhören, Widerstand zu leisten – koste es, was es wolle. "Unsere Soldaten haben die beste Motivation der Welt: Sie schützen ihr Land, ihre Familien, ihre Heimat. Was ist die Motivation der Russen?", fragt Serhiy Haidai, der Gouverneur von Luhansk. Eine rhetorische Frage, Haidai will sagen: jedenfalls keine gute.

Unterdessen geht der Beschuss ukrainischer Städte weiter. Auch der ukrainische Generalstab hat mittlerweile eingeräumt, dass die russische Armee die Ölraffinerie Lyssytschansk angreife und dabei "teilweise Erfolg" habe, da es den "nordwestlichen und südöstlichen Teil der Anlage hält." Gut möglich, dass die Russen schon in den nächsten Tagen den Kessel um Lyssytschansk schließen, die Stadt ausbluten lassen und sich als die neuen Herrscher von Luhansk krönen lassen. Andere hoffen noch auf ein Wunder.

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Von Lisa Becke, Carl Lando Derouaux
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