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Selbstmord vor UN-Tribunal: Wie kam das Gift ins Gericht?

Selbstmord vor UN-Tribunal  

Wie kam das Gift ins Gericht?

30.11.2017, 17:47 Uhr | David Ruch, t-online.de

Selbstmord vor UN-Tribunal: Wie kam das Gift ins Gericht?. Selbstmord im Gerichtssaal: Unmittelbar nach der Urteilsverkündung zog Slobodan Praljak ein kleines Fläschchen aus der Tasche und trank den bislang unbekannten Inhalt aus. (Quelle: Reuters/ICTV)

Selbstmord im Gerichtssaal: Unmittelbar nach der Urteilsverkündung zog Slobodan Praljak ein kleines Fläschchen aus der Tasche und trank den bislang unbekannten Inhalt aus. (Quelle: ICTV/Reuters)

Der Suizid des bosnisch-kroatischen Kriegsverbrechers Slobodoan Praljak gibt noch immer Rätsel auf. Zumindest wird nun klarer, womit sich der Ex-General das Leben nahm.

Slobodoan Praljak inszenierte seinen Abgang als großes Drama. Nicht leise, sondern mit lautem Knall trat der bosnisch-kroatische Ex-General und frühere Theaterdirektor am Mittwoch von der Bühne ab. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit nahm er sich offenbar mit Gift das Leben. Ein kalkulierter Auftritt, wie es scheint, um der Nachwelt als Märtyrer und zu Unrecht Verurteilter in Erinnerung zu bleiben.

Spuren von Gift gefunden

Am Tag nach Praljaks Suizid gibt es erste Hinweise, womit sich der 72-Jährige das Leben nahm. Ermittler stießen bei Untersuchungen auf Spuren von Gift. "Es handelt sich um einen chemischen Stoff, der für Menschen tödlich sein kann", bestätigte ein Sprecher der niederländischen Staatsanwaltschaft. Welcher Stoff es war, sagte er nicht. Die Behörde ermittelt wegen des Verdachts der Beihilfe zum Suizid und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, wie t-online.de berichtete.

Nach wie vor unklar ist, wie die giftige Substanz in das Gericht kam. Die Angeklagten werden vor Betreten des Verhandlungssaals eingehend kontrolliert. Besucher müssen Metalldetektoren passieren, Taschen und Jacken werden durch Röntgen-Scanner geschleust.

Der prominente serbische Anwalt Toma Fila, der schon häufig Angeklagte vor dem Tribunal verteidigt hat, betonte aber, es sei "absolut möglich", sogar "einfach", Gift in das Gericht zu bringen. Die Kontrollen seien "genau wie an einem Flughafen" – das heißt: "Tabletten und kleine Mengen von Flüssigkeit" würden nicht registriert.

Praljak sah sich als überlebensgroße Figur

Für Beobachter, die den 72-Jährigen schon lange kennen, passt sein theatralisches Ende ins Bild. Dem Ex-General wurden Größenwahn, Selbstüberschätzung und Geltungssucht nachgesagt. "Praljak hat sich selbst immer als überlebensgroße Figur betrachtet", schreibt das kroatische Nachrichtenportal index.hr. Mit dem inszenierten Selbstmord habe er seine Kriegsverbrechen vergessen machen und zu einem mythischen nationalen Märtyrer aufsteigen wollen.

Praljaks Karriere bei der Armee begann erst spät. Nach einem Abschluss in Elektrotechnik studierte er zunächst Philosophie und Soziologie, bevor er Anfang der 70er-Jahre zu den Theaterwissenschaften wechselte. In der Folge drehte er Fernsehserien und Dokumentarfilme, arbeitete als Regisseur und Direktor an Theatern in Zagreb, Mostar und Osijek.

Erst 1991, nach dem Ausbruch des Jugoslawien-Krieges, ging Praljak zur Armee und stellte mit anderen Kulturschaffenden eine Kampfeinheit auf. Er wurde zum Generalmajor befördert und war ab 1993 Befehlshaber im Kroatischen Verteidigungsrat, der von Zagreb unterstützten Miliz der kroatischen Serben.

Slobodan Praljak (hinten rechts), Mitangeklagte und Anwälte im Gerichtssaal des UN-Tribunals in Den Haag. (Quelle: dpa/EPA/Jiri Buller/POOL)Slobodan Praljak (hinten rechts), Mitangeklagte und Anwälte im Gerichtssaal des UN-Tribunals in Den Haag. (Quelle: EPA/Jiri Buller/POOL/dpa)

Befehlshaber einer Terrorkampagne gegen Muslime

Während des Krieges war Praljak nach Ansicht des UN-Tribunals an Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt. Er unterstützte die "systematische Terrorkampagne" gegen bosnische Muslime, der zwischen 1992 und 1995 Tausende Menschen durch Mord, Vergewaltigung und Vertreibung zum Opfer fielen.

2004 stellte sich der General freiwillig. Zwei Jahre später begann der Prozess vor dem UN-Tribunal in Den Haag. Praljak wurde 2013 in erster Instanz zu 20 Jahren Haft verurteilt – und ging in Berufung.

Bis zuletzt beteuerte der Ex-General seine Unschuld. "Ich bin kein Kriegsverbrecher", rief der 72-Jährige am Mittwoch in den Verhandlungssaal kurz vor seiner dramatischen Tat. Zuvor hatte das UN-Gericht das Urteil aus erster Instanz bestätigt.

Gedenken an Praljak: In Mostar entzündeten hunderte Menschen Kerzen für den verstorbenen General. (Quelle: Reuters/Dado Ruvic)Gedenken an Praljak: In Mostar entzündeten hunderte Menschen Kerzen für den verstorbenen General. (Quelle: Dado Ruvic/Reuters)

Kroatische Politiker huldigen dem Ex-General

In Kroatien ist die Entrüstung nach dem Schuldspruch und Praljaks Selbstmord groß. Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic verteidigte das Handeln der Armee im Bosnien-Krieg. "Kroatien war nicht der Aggressor, sondern hat das meiste für das Überleben Bosnien-Herzegowinas als Staat getan", sagte sie.

Ministerpräsident Andrej Plenkovic nannte das Urteil eine "moralische Ungerechtigkeit". Medien bezeichneten Praljak als "ehrenwerten General" und "Helden". In der einst umkämpften und seit den Kriegstagen gespaltenen Stadt Mostar entzündeten hunderte Menschen Kerzen in Gedenken an den Verstorbenen.

Anmerkung der Redaktion: Suizidalität ist ein schwerwiegendes gesundheitspolitisches und gesellschaftliches Problem. Wenn Sie selbst zu dem Kreis der Betroffenen gehören, finden Sie z.B. Hilfe bei der Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter den Rufnummern 0800-1110111 oder 0800-1110222 sind die Berater rund um die Uhr erreichbar. Die Anrufe sind anonym. 
Hilfe für Angehörige und Betroffene bietet auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker durch Telefon- und E-Mail-Beratung: Unter der Rufnummer 01805-950951 und der Festnetznummer 0228-71002424 sowie der E-Mail-Adresse seelefon@psychiatrie.de können die Berater kontaktiert werden. Direkte Anlaufstellen sind zudem Hausärzte sowie auf Suizidalität spezialisierte Ambulanzen in psychiatrischen Kliniken.

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