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Afghanistan: Im Pandschir-Tal regt sich Widerstand

Bastion im Pandschir-Tal  

Wer hinter dem Widerstand gegen die Taliban steckt

23.08.2021, 17:49 Uhr | Veronika Eschbacher, dpa

Das ist letzte Bastion gegen die Taliban

Dieser Ort war bisher unantastbar: In einem Tal sammelt sich der Widerstand gegen die Taliban. Videos in den sozialen Medien zeigen, wie Kämpfer sich formieren – ihre Hoffnung ruht auch auf Deutschland. (Quelle: t-online)


Hier kämpft der Widerstand: Das ist die letzte Bastion gegen die Taliban – und diese beiden berühmten Männer führen sie an. (Quelle: t-online)


Nach ihrem rasanten Vormarsch in Afghanistan wirken die Taliban übermächtig. Doch die Islamisten haben viele Gegner im Land. In einem Tal nordöstlich von Kabul sammeln sie sich.

Foto-Serie mit 10 Bildern

Achmad Massud scheint viel beschäftigt in diesen Tagen. Der 32-Jährige sei leider gerade unabkömmlich, er besuche mehrere Kontrollpunkte im Pandschir-Tal, erklärt sein Sekretär Asis Achmad am Telefon. Auch sein Assistent Fahim Daschti meint, es sei doch verständlich, dass der Mann, der sich an die Spitze der nationalen Widerstandsfront gegen die militant-islamistischen Taliban stellen will, gerade "viele Dinge" um die Ohren habe. Eines aber, sagt Daschti weiter, wisse er sicher: "Massud ist gut gelaunt."

Das ist eigentlich bemerkenswert angesichts dessen, dass die Taliban die kleine Provinz Pandschir im Nordosten Kabuls umzingelt haben. Sie ist die letzte Bastion im Land, die die Taliban bisher nicht eingenommen haben. Seit der Machtübernahme der Islamisten vor rund einer Woche laufen Gespräche zwischen den Taliban und Vertretern der Provinz, die bereits in den 1990er-Jahren erbitterten Widerstand gegen die Islamisten geleistet hatte und von ihnen nicht eingenommen werden konnte. Die Islamisten gaben zuletzt an, weitere Kräfte hätten rund um Pandschir Stellungen bezogen. Viele blicken nun gespannt auf Pandschir mit seinen steilen Bergen und engen Tälern.

So gespannt, dass es in den vergangenen Tagen immer wieder vorschnelle Meldungen gab, es werde bereits gekämpft. Mitnichten, sagt Massuds Assistent Daschti. "Weder haben die Taliban uns angegriffen, noch haben wir die Taliban angegriffen."

Massuds Vater galt als "Löwe von Pandschir"

Die Vorbereitungen auf eine mögliche bewaffnete Auseinandersetzung laufen allerdings. In sozialen Medien tauchten kürzlich Videos auf, die Fahrzeugkonvois mit Bewaffneten im Tal zeigen. Ahmad Massud will dort den Widerstand anführen. Er ist der Sohn von Achmad Schah Massud, besser bekannt als der "Löwe von Pandschir", und will nun, da die Taliban die Macht in Afghanistan übernommen haben, offenbar in die Fußstapfen seines Vaters treten. Dieser hatte in den 1990er-Jahren erbitterten Widerstand gegen die Taliban geleistet, bis er bei einem Selbstmordattentat zwei Tage vor dem 11. September 2001 getötet wurde.

"Unsere Priorität sind Frieden und Verhandlungen", sagt Daschti. Wenn aber die Taliban auf militärische Mittel und Gewalt setzten, "dann beginnt eine weitere Periode des Krieges in Afghanistan". Wie stark der bisherige Widerstand sei, will Daschti nicht sagen. Nur so viel: Viele Menschen aus anderen Regionen des Landes seien bereits in der Provinz – Zivilisten wie auch Militärs.

In der Tat gab es an dem chaotischen Tag des Falls von Kabul Berichte, zahlreiche Sicherheitskräfte seien mit ihrer Ausrüstung in das Tal gefahren, darunter angeblich eineinhalb Bataillone der Spezialkräfte. Bereits in den Wochen davor schafften Pandschiris unzählige Waffen, Munition und andere Kriegsausrüstung dorthin. Auch mit Essensvorräten sollen sie sich eingedeckt haben.

Widerstand gegen die Taliban nicht nur in Pandschir

Aber auch von außerhalb Pandschirs gibt es Meldungen über einen aufkeimenden Widerstand gegen die Taliban-Herrschaft. Aus drei Bezirken der Provinz Baghlan, gleich an der Grenze zu Pandschir, kamen in den vergangenen Tagen Berichte über einen ersten bewaffneten Widerstand. Dort sollen Kämpfer nach Gefechten mit den Islamisten an einem Ort eine Taliban-Flagge eingeholt und wieder die Nationalflagge gehisst haben.

Der bisherige Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi erklärte daraufhin auf Twitter: "Der Widerstand lebt". Ausgelöst haben sollen die Kämpfe Hausdurchsuchungen durch die Taliban, schrieb die "New York Times". Die Islamisten gestanden die Gefechte insofern ein, als dass sie am Montag erklärten, die drei Bezirke Pul-e Hesar, Bano und Dih-e Salah seien vollständig von der "Präsenz des Feindes" gereinigt worden. Wie es tatsächlich gerade um die Bezirke steht, ist unklar.

Achmad, der Sekretär von Massud, sagte am Montag, der Widerstand in Baghlan bestünde aus lokalen Milizen, die es bereits früher gegeben habe. Sie stünden mit dem Widerstand in Pandschir in Kontakt, aber es gebe keine klare Befehlskette. Vielmehr gingen sie auf eigene Faust gegen die Taliban vor. Massuds Assistent Daschti sagt, die Kräfte in Pandschir seien nicht nur bereit, die Provinz und weitere Gebiete im Land, sondern darüber hinaus alle Werte Afghanistans zu verteidigen.

Die Pandschiri-Fraktion hat einen zweifelhaften Ruf

Wie weit sie damit kommen werden, ist unklar. Beobachter sagen, der junge Massud habe einen prominenten Namen, aber wenige Verbündete. Zudem wisse man von keinem Land, das ihm Unterstützung zugesagt habe. Auch sei unklar, ob es im Land nun viel Bereitschaft gebe, den Krieg wieder aufzunehmen, nachdem er endlich beendet scheint. Das gelte auch für jene, die mit dem Ausgang nicht zufrieden seien.

Für Thomas Ruttig von der Denkfabrik Afghanistan Analysts Network ist es insgesamt noch zu früh, überhaupt von einem Widerstand zu sprechen. "Das sind eher Versuche eines Widerstandes", sagt er. Sie wirkten verstreut und nicht einheitlich. Das habe nicht zuletzt mit der notorischen Zersplitterung der Nordallianz zu tun. "Viele Personen beanspruchen das Erbe Achmad Schah Massuds". Es sei zu bezweifeln, dass der junge Massud sich zu einer Einigungsfigur entwickeln werde – seine bisherigen Versuche seien nicht von großem Erfolg gekrönt.

Man dürfe zudem nicht vergessen, dass die Pandschiri-Fraktion der Nordallianz mit ihrer rabiaten Machtpolitik Mitauslöser der Konflikte im Land nach dem US-Einmarsch 2001 gewesen sei. Die Nordallianz habe pauschale Rache an den Paschtunen vor allem im Norden dafür genommen, dass viele von ihnen die Taliban unterstützt hatten. Das habe für Zulauf für die Taliban gesorgt. Wie dieser Zulauf endete, ist mittlerweile bekannt.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa

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