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Brand in Notre-Dame: Wer viel hat, soll viel geben

MEINUNGPhilanthropie  

Wer viel hat, soll viel geben

Eine Kolumne von Gerhard Spörl

22.04.2019, 15:34 Uhr
Brand in Notre-Dame: Wer viel hat, soll viel geben. Notre-Dame nach dem Brand: Spenden in Höhe von rund einer Milliarde Euro zugesagt. (Quelle: imago images/JBAutissier/Panoramic)

Notre-Dame nach dem Brand: Spenden in Höhe von rund einer Milliarde Euro zugesagt. (Quelle: JBAutissier/Panoramic/imago images)

In Frankreich reißen sich Reiche darum, für den Wiederaufbau von Notre-Dame zu spenden. In der kapitalistischen Legitimationskrise ernten sie dafür heftige Kritik. Warum?

Der erste reiche Mensch, von dem wir wissen, dass er freiwillig von seinem Vermögen abgab, war der Römer Maecenas, der zum Lebensunterhalt der Dichter Vergil und Horaz beitrug. Die beiden revolutionierten die lateinische Poesie, und deshalb haben wir alle etwas von den milden Gaben, die ihnen zuteil wurden.

Leider ist aus dieser Zeit um Christi Geburt nicht überliefert, ob es schon damals starke Kritik an Maecenas hagelte, zum Beispiel weil er Dichter und nicht Arme beschenkte oder nur denen gab, die schon mit einem besonderen Talent beschenkt worden waren und sich vermutlich auch allein durchgeschlagen hätten. Ich vermute, es gab schon damals solche Kommentare, denn sie gehen mit dem Mäzenatentum einher, das ja immer etwas Gönnerhaftes und Willkürliches hat. Wer gibt, wählt aus. Und für jeden, den er auswählt, übergeht er viele andere, übersieht sie, vernachlässigt sie, belässt sie in ihrem Elend.

Der erste Milliardär des 20. Jahrhunderts war John D. Rockefeller, dessen Familie ursprünglich Roggenfelder hieß und aus Neuwied stammte. Er war der Sohn eines Quacksalbers und Hausierers. Ihm gehörten auf dem Höhepunkt seines Reichtums fast 90 Prozent aller Ölvorkommen in Amerika. Als sein Konzern Standard Oil zerschlagen wurde, zog er sich zurück und verwandelte sich in einen Philanthropen. Er gründete Universitäten, förderte die Wissenschaft, die Landwirtschaft und Kirchen. Er übernahm Aufgaben, die eigentlich Sache des Staates gewesen wären. Seine Stiftung verwaltet bis heute ein riesiges Vermögen.
 

 
Natürlich kam zuerst das Nehmen in den wildesten Zeiten des amerikanischen Kapitalismus und später das Geben. Natürlich steckte darin eine Art Geldwäsche: Ich bin nicht so schlecht, wie ihr meint, seht her, ich tue auch Gutes. Wer mit Öl in der zweiten Phase der Industrialisierung reich geworden war, wusste schon, dass ihm einiges nachzuholen aufgegeben war, und wahrscheinlich wollte Rockefeller nicht nur seine Zeitgenossen milder stimmen, sondern auch seinen Gott.

Bill Gates: Philanthrop mit großer Macht

Heute zählt Bill Gates zu den beispielhaften Philanthropen unserer Zeit. Seine Stiftung ist die größte der Welt. Sie investierte fast schon 50 Milliarden Dollar in Gesundheits- und Entwicklungsprojekte in mehr als 130 Ländern. Man könnte sagen: gut so, weiter so, er tut Gutes und macht mäßig Aufhebens darum. Er heuert nicht andere dafür an, sondern widmet sich selbst seinen Projekten.

Gesagt wird aber auch anderes: Der Reichtum von Leuten wie Gates ist ein Ergebnis der schreienden Ungleichheit unserer Zeit. Ihre Wohltätigkeit bekämpft lediglich Symptome und das System bleibt so ungerecht, so kaputt, wie es ist. Wenn die Stiftung eine Bilanz veröffentlicht, gibt es scharfe Kritik an ihren Prioritäten, die westlich geprägt seien, an ihren Methoden, an ihrer Intransparenz, ihrer schieren Größe und Macht.
 

 
Die tiefenscharfe Kritik hängt mit den dunklen Seiten des Kapitalismus zusammen. Davon mussten wir viel zu viele seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 zur Kenntnis nehmen. Ausbeuterische Banken, die absurde Einfälle als genial verkauften und dann auch noch Zinssätze manipulierten, aber vom Staat Rettung vor dem Bankerott erheischten. Automobilkonzerne, die Software manipulierten, wobei deren Vorstandsvorsitzende beleidigt sind, wenn sie zur Rechenschaft gezogen werden. Zu den Konsequenzen, die wir tragen müssen, gehören die schreienden Gegensätze zwischen Arm und Reich.

Wer von seinem Reichtum abgibt, wird einerseits dafür gepriesen und steht andererseits am Pranger, da er sein Vermögen im herrschenden Kapitalismus anhäufte. Darüber kann sich der Wohltäter beschweren, er kann beleidigt oder empört sein, aber verwunderlich ist es nicht. Die Zeiten sind so, wie sind.

Vorige Woche brannte Notre-Dame und nicht nur die Franzosen waren bestürzt. Viel mehr könnte zerstört sein, vor allem dann, wenn die Feuerwehr den blendenden Ratschlag aus dem Weißen Haus beherzigt hätte, die Kathedrale aus Flugzeugen mit Wasser zu bombardieren. Fünf Jahre soll der Wiederaufbau dauern, nur fünf Jahre, sagte Emmanuel Macron. In kürzester Zeit kamen rund eine Milliarde Euro an Spenden zusammen.


Kritik an Spendenbereitschaft für Notre-Dame

Gut so, könnte man sagen. Aber in den Zeiten der kapitalistischen Legitimationskrise kann scharfe Kritik gar nicht ausbleiben. Sie entzündete sich an den beiden reichsten Franzosen, an den Vielfach-Milliardären François-Henri Pinault (Balenciaga, Gucci) und Bernard Arnault (Louis Vuitton, Moët, Hennessy). Pinault will 100 Millionen Euro geben, Arnault 200 Millionen. Warum nicht mehr? Warum für ein steinernes Bauwerk und nicht für die Ärmsten der Armen? Ist es nicht überhaupt unmoralisch, so viel Geld zu besitzen? Warum nicht solche Leute hoch besteuern oder am besten gleich enteignen?
 

 
Verständlich sind solche Fragen, vor allem in einem Land wie Frankreich, in dem die sozialen Gegensätze auch nach den Flammen in Notre-Dame mit brennenden Reifen und Barrikaden ausgetragen werden. Man könnte die beiden Superreichen auch fragen, warum sie es nicht wie Bill Gates oder Warren Buffet halten und ihr gesamtes Vermögen spenden und damit an vielen Menschen viel Gutes tun. Auch das ist ein Maßstab, an dem sie sich messen lassen sollten – womöglich trifft er sogar tiefer als der frei flottierende Antikapitalismus.

Es bleibt verdienstvoll zu geben und nicht nur zu nehmen, das erzählte uns schon die Bibel, als wir sie noch lasen. Und wer viel hat, soll auch viel geben. Großen Dank kann er dafür nicht erwarten, das ist schade, aber so ist es nun einmal. 

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