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"New York Times"-Journalist Ben Smith: "Axel Springer hat ein Vertrauensproblem"

INTERVIEW"New York Times"-Journalist  

"Axel Springer hat ein Vertrauensproblem"

Von Bastian Brauns, Washington

22.10.2021, 16:35 Uhr
"New York Times"-Journalist Ben Smith: "Axel Springer hat ein Vertrauensproblem". Globale Expansionspläne: Gebäude von Axel Springer in Berlin (Quelle: Getty Images)

Globale Expansionspläne: Gebäude von Axel Springer in Berlin (Quelle: Getty Images)

Der New York Times-Journalist Ben Smith schaffte, was deutschen Medien nicht gelang: Sein Artikel sorgte dafür, dass "Bild"-Chef Julian Reichelt gehen musste. Nun spricht er über die Probleme des Springer-Konzerns.

Ben Smith ist seit 2020 der Medienkolumnist der "New York Times". Zuvor hatte er die Onlinezeitung "BuzzFeed News" gegründet und für "Politico" und andere Medien berichtet. 

Herr Smith, wieso interessiert sich eigentlich ausgerechnet ein Journalist der "New York Times" für die privaten Beziehungen des Chefredakteurs einer deutschen Boulevardzeitung zu Mitarbeiterinnen?

Aus zweierlei Gründen: Die "Bild" ist eine unglaublich wichtige Zeitung. Sie ist die wohl mächtigste Zeitung in dem wohl mächtigsten Land Europas. Allein schon deshalb sind Vorgänge dort relevant. Hinzu kommt, dass der Mutterkonzern Axel Springer sich immer mehr zu einem global agierenden Medienunternehmen entwickelt.

Durch Ihre Recherchen haben Sie viele Einblicke erhalten. Welchen Eindruck haben Sie von dem Konzern gewonnen?

Im Grunde geht mein jetziger Eindruck nicht über das hinaus, worüber ich berichtet habe. Ungeachtet der Vorgänge um Julian Reichelt ist Axel Springer ein sehr interessanter Konzern. Er ist sehr ambitioniert, agiert auf ziemlich intelligente Weise, auch gegenüber seinen Wettbewerbern. Aber es gibt auch eine große Kluft: In Deutschland präsentiert sich das Unternehmen deutlich anders als auf globaler Ebene. In gewisser Weise zeigt der Fall Julian Reichelt genau das.

Axel Springers CEO Mathias Döpfner beteuerte jüngst in einem Video gegenüber seinen Angestellten, dass die Vorgänge keinesfalls den ganzen Konzern betreffen würden. Das sei nur eine Angelegenheit bei "Bild", die man nun bereinigen werde.

Man muss sich schon vergegenwärtigen, dass die "Bild"-Zeitung das Herz von Axel Springer ist, inhaltlich wie auch räumlich. Darum kann ich diese Aussage nicht wirklich nachvollziehen.

Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, in der Frankfurter Paulskirche: Der CEO des Medienkonzerns steht derzeit unter Druck. (Quelle: imago images)Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, in der Frankfurter Paulskirche: Der CEO des Medienkonzerns steht derzeit unter Druck. (Quelle: imago images)

Sie haben die Dokumente der internen Untersuchung gegen Julian Reichelt bei Axel Springer gelesen. Hatten Sie bezüglich des Umgangs mit dem Thema Machtmissbrauch stellenweise den Eindruck, in einem ganz anderen Jahrzehnt zu recherchieren?

Mich erinnerte das Ganze in gewisser Weise schon an jene Boulevardzeitungskultur, die eigentlich 20, 30 oder sogar 40 Jahre her ist.

Haben Sie den Eindruck, dass Julian Reichelt seine Vorgesetzten bezüglich der Beziehungen zu den eigenen Angestellten auch deshalb angelogen hat, weil er sich letztlich durch diese Kultur sicher fühlte?

Ganz ehrlich: Ich kann nicht in seinen Kopf schauen, deshalb kann ich dazu nichts sagen.

Wie behandeln Unternehmen in den USA solche Fälle? Auch hier haben Vorgesetzte Beziehungen mit ihren Angestellten.

Die Firmen hier gehen durchaus unterschiedlich damit um. Ich kenne die deutschen Verfahrensweisen auch nicht gut genug, um das wirklich vergleichen zu können. Aber viele der Erklärungen, die der Axel-Springer-Konzern abgegeben hat, bezogen sie auf Verfahrensweisen, die in Deutschland eben eingehalten werden müssten. Dass sie dann bestimmte Vorgänge aus ihren eigenen Untersuchungen zuerst in anderen Medien wiederfanden, ohne sich selbst öffentlich an die Spitze der Aufklärung gestellt zu haben – das wirkt auf mich schon sehr ungewöhnlich. In den USA wäre das heutzutage eher undenkbar. Gerade die Vorsitzenden eines Konzerns sollten bei solchen Angelegenheiten besonders gut informiert sein.

"New York Times"-Journalist Ben Smith. (Quelle: Getty Images)"New York Times"-Journalist Ben Smith. (Quelle: Getty Images)

Warum hat Axel Springer den "Bild"-Chefredakteur letztlich gefeuert? Hat Ihr Artikel den Ausschlag gegeben oder vielmehr die Tatsache, dass der Konzern gerade dabei war, das US-Medienunternehmen "Politico" zu kaufen?

Es ist schon wichtig zu konstatieren, dass Axel Springer all diese Vorgänge, in die ich Einblick erhalten habe, bereits kannte. Das Unternehmen hat ganz klare Ambitionen auf dem US-Medienmarkt. Es will als ernsthafter, global agierender Konzern wahrgenommen werden. Und ich denke, dass das schließlich ein Teil der Gründe war, die zu dieser Entscheidung geführt haben.

Wie viel Schaden hat diese "Bild"-Affäre Ihrem Eindruck nach nun bereits angerichtet, was die Übernahme von "Politico" durch Axel-Springer angeht?

Ich glaube, amerikanischen Journalisten ist die "Bild"-Zeitung selbst nicht sonderlich wichtig. Aber es gibt auch ohne diesen Vorfall genug Herausforderungen für Springer hinsichtlich der Übernahme von "Politico". Mein Eindruck ist, dass deren Journalisten wegen einer anderen Sache deutlich verärgerter sind. Das "Wallstreet Journal" hat gerade erst eine Geschichte veröffentlicht, in der Mathias Döpfner sagte, dass "Politico" eine Bezahlschranke bekommen werde. Ein paar Wochen vorher sagte er noch hinsichtlich solcher Pläne: „Wir sind Deutsche. Wir mögen keine Mauern.“ Darum glaube ich, dass sein größeres Problem ist, dass die Angestellten ihm nicht vertrauen.

Dass Döpfner parallel mit dem "Politico"-Konkurrenten "Axios" ebenfalls Übernahmegespräche geführt haben soll, um letztlich beide Unternehmen zu fusionieren, sorgte ebenfalls für Unmut.

Ja, Axel Springer hat ein Vertrauensproblem. Darum kümmert die Kollegen die Sache um Julian Reichelt und die "Bild"-Zeitung wohl eher weniger.

Mathias Döpfner ist in diesen Tagen hier in Washington, um die "Politico"-Angestellten in ihrem neuen Zuhause, dem Springer-Universum, willkommen zu heißen. Wie kann er seine neuen Mitarbeiter überzeugen?

Wenn man sich anguckt, was Springer aus dem ebenfalls erworbenen US-Medienunternehmen Business Insider gemacht hat, kann man feststellen, dass sie viel Gutes erreicht haben. Springer hat viel investiert. Wirtschaftlich steht der Konzern gut da. Ich denke, darauf bauen und dies erwarten nun auch die Kollegen bei "Politico". Aber keine Frage, das ist ein schwieriger Start in den USA.

Verwendete Quellen:

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