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Meinung
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Auf die "Bild"-Zeitung ist kein Verlass

Ein Gastbeitrag von Prof. Volker Lilienthal

Aktualisiert am 21.02.2018Lesedauer: 5 Min.
Die "Bild" fiel auf die "Titanic" rein: Journalismus-Professor Volker Lilienthal übt scharfe Kritik an der Zeitung.
Die "Bild" fiel auf die "Titanic" rein: Journalismus-Professor Volker Lilienthal übt scharfe Kritik an der Zeitung. (Quelle: Thomas Hintner, Paul Zinken/dpa, Montage: t-online.de)
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"Bild" ist bei einer Titelgeschichte zur SPD offenbar auf gefälschte Mails der "Titanic" hereingefallen. Die Zeitung hat gezeigt, dass bei ihr Effekt und Skandal vor Sorgfalt und Verzicht rangieren. Ein Gastbeitrag von Professor Volker Lilienthal.

Zur Person: Prof. Volker Lilienthal ist Journalist und Journalismusforscher. Er arbeitete 20 Jahre lang als Medienjournalist und war Verantwortlicher Redakteur des Nachrichtendienstes "epd medien", als er 2005 Schleichwerbung in Soaps im TV aufdeckte. 2006 wurde er von einer Jury des "Mediummagazins" zum "Reporter des Jahres" gekürt. Seit 2009 hat er die Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für "Praxis des Qualitätsjournalismus" an der Universität Hamburg inne. Lilienthal ist Mitglied der Jury des Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus. 2017 war er Mitherausgeber des Buches "Lügenpresse – Anatomie eines politischen Kampfbegriffs".

Wenn ich in der jüngeren Vergangenheit als Experte nach der "Bild"-Zeitung gefragt wurde, habe ich mich um Differenzierung bemüht: seit langem kein rechtes Kampfblatt mehr, eher um gesellschaftlichen Ausgleich bemüht, zum Beispiel in der Flüchtlingskrise. Kritisch auch gegenüber AfD und Pegida, hin und wieder jedenfalls. Kollegen gibt es, die wollten "Bild" gar die Journalismus-Eigenschaft absprechen. Also wäre "Bild" nicht mehr vom Artikel 5 Grundgesetz geschützt? Ich widersprach.

Dabei bleibe ich, und auch Medien machen mal Fehler. Doch meine sonstige Einschätzung, "Bild" habe sich sozusagen zivilisiert, ein Akt der Selbsterziehung oder der korrigierenden Reaktion auf so berechtigte wie nachhaltige Kritik, war blauäugig, ich nehme sie zurück.

Die sogenannte Titelgeschichte über eine angebliche "Neue Schmutzkampagne bei der SPD!" zeigte von Anfang an, dass "Bild" selten zögert, noch Öl ins Feuer zu gießen, wenn eine Partei, eine Regierung, ein Minister, eine Behörde oder was auch immer in einer Krise steckt und an Ansehen verliert. Dann nimmt "Bild" scheinbar belastendes Material gerne entgegen, nimmt ein paar Nachprüfungen vor, ob es echt ist – und selbst wenn dafür nicht viel spricht, darf die Geschichte nicht sterben.

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Die Botschaft musste gebracht werden

"Totrecherchieren", wie es im Journalistenjargon heißt, gilt hier nicht. Die Botschaft "Neue Schmutzkampagne bei der SPD!" musste offenbar unbedingt gebracht werden, weil sie ins politische Konzept passte: eine Partei, die schon genug in Nöten steckte, nochmals vorzuführen. Seht her: Lassen sich sogar mit Russen ein! Nur wer von Seite 1 bis zum Ende der Fortsetzung des am 16. Februar erschienen wirren Textes durchgehalten hatte, konnte eine kleine Distanzierung lesen: "Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis."

Journalismus-Professor: Volker Lilienthal kritisiert in seinem Gastbeitrag die "Bild".
Journalismus-Professor: Volker Lilienthal kritisiert in seinem Gastbeitrag die "Bild". (Quelle: Paul Zinken/dpa-bilder)

Schon damals war klar: "Bild" hatte die journalistische Sorgfaltspflicht in erheblichem Maße verletzt. In deren Rahmen wäre es Aufgabe der Redaktion gewesen, den scheinbaren Mailwechsel und seinen Inhalt zu verifizieren. Offensichtlich ist dies aber nicht gelungen, "Bild" räumte es selbst ein.

Politisch motivierte Verdachtsberichterstattung

In einer solchen Situation aber wäre es Ausdruck wahrgenommener Verantwortung gewesen, auf diese Art von politisch motivierter Verdachtsberichterstattung zu verzichten. Oder aber den Artikel deutlich kleiner zu fahren, auf hinteren Seiten zu platzieren und mit dem Zweifel an der Echtheit der Mails in den Text einzusteigen. Eine derart windige Geschichte aber auf Seite 1 zu heben ist ein blattmacherisches Versagen. Ein Versagen vor allem auch des nunmehrigen Alleinherrschers von "Bild", Julian Reichelt.

Bekanntlich weiß der sein Blatt gut zu verkaufen, schreckt vor kaum einer Polarisierung (wie jüngst in "Hart aber fair") zurück. Aber in der Stunde der Entscheidung fehlt ihm offenbar die Selbstdisziplin. Das Gespür, was man tun darf – und was man besser sein lassen sollte.

Vergessen wir nicht, dass "Bild" hier mit unbewiesenen – und nun auch widerlegten – Behauptungen in einen laufenden politischen Entscheidungsprozess eingegriffen hat. Wie sich die SPD-Basis entscheidet, ob pro oder contra GroKo, ist nicht ausgemacht.

Grenzen bei Boulevardmedien weiter gesteckt

In einer solchen Situation mit einer Tendenzberichterstattung zu kommen, die geeignet war, den wortmächtigsten GroKo-Gegner, nämlich Juso-Chef Kevin Kühnert, politisch und moralisch zu deklassieren, war der unzulässige Versuch einer offenkundig politisch motivierten Intervention in einen Meinungsbildungsprozess.

Klar, Journalisten berichten auch beständig über politische Entscheidungsprozesse, kritisieren deren Akteure, warnen vor drohenden Resultaten, befürworten andere. Aber sie tun dies selten mit unbewiesenen Tatsachenbehauptungen – und wenn, dann haben sie die Grenze zur Propaganda überschritten.

Natürlich sind die Grenzen des Machbaren bei Boulevardmedien weiter gesteckt als bei anderen. Hier darf zugespitzt werden. Nie aber dürfen die Fakten zurechtgedrechselt werden. Kampagnen verbieten sich. Was man nicht beweisen kann, darüber muss man schweigen. Mutmaßungen desorientieren die Leser. Zur Information tragen sie nichts bei. Eher sind sie das, wovon wir demokratiebedrohend schon genug haben: Fake News.

Keine verlässliche Nachrichtenumgebung

Aber es kommt ja noch schlimmer. Nun ist raus, dass "Titanic" "Bild" aufs Glatteis geführt hat. Und wie leicht das war: "Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe – und 'Bild' druckt alles, was ihnen in die Agenda passt", heißt es bei "Titanic". Und auf Twitter und andernorts wird nun gespottet: "Alter Schwede, hat sich die Bild blamiert". Ja, hat sie. Aber mehr als das. Die Affäre zeigt: Auf "Bild" ist kein Verlass.

Politiker, die mit dem Boulevardblatt im Fahrstuhl nach oben gefahren sind und dann wieder nach unten (Mathias Döpfner), wissen das schon länger. Vor allem aber wir als Leser dürfen das nie vergessen: "Bild" steht nicht für eine verlässliche Nachrichtengebung, für eine vernunftbetonte und hinreichend umfassende Information, die wir alle zur Orientierung in einer unüberschaubaren Welt brauchen. Diese Zeitung und ihre Webvariante sind flackernde Irrlichter im Zeitgespräch der Gesellschaft. Man kann das lesen, hin und wieder jedenfalls, wenn man es zu verdauen versteht. Verlassen aber sollte man sich darauf nicht.

"Bild" hätte gewarnt sein können

"Bild" hat in diesem Kasus von nicht unerheblicher politischer Bedeutung vor aller Augen offenbart, dass a) in der Nachrichtenwerthierarchie von "Bild" noch immer Effekt und Skandal vor Sorgfalt und Verzicht rangieren, dass b) die internen Verfahren zur Verifikation und, mehr noch, zur Falsifikation von Informationen nicht gut funktionieren und dass c) die Redaktion offenbar schrecklich vergesslich ist.

Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass "Titanic" Journalisten leimte. Bei allem, was auf den ersten Blick bizarr erscheint, sollten in jeder Redaktion die Alarmglocken läuten: Will uns hier jemand hinters Licht führen? Die "Bild" hätte wissen müssen, dass sie für solche Guerillaaktionen ein besonders attraktives Objekt ist.

Hat man bei "Bild" noch nie vom "Project Veritas" gehört? Davon, dass der Washington Post unlängst eine erfundene Missbrauchsgeschichte untergejubelt werden sollte? Die "Washington Post"-Reporter blieben skeptisch und ersparten ihrem Blatt die Blamage. Davor hätte sich auch "Bild" schützen können, wenn die Redaktion nicht leichtfertig und fahrlässig nach der Leimrute einer Anti-SPD-Kampagne gegriffen hätte.

Wir brauchen verantwortlichen Journalismus

Wir leben in nervösen Zeiten. Das politische Deutschland dreht schon seit längerem hohl. Auch die seriösen Medien stehen vielfach unter Druck. Sie wollen nicht der Duchlauferhitzer für Hetze aus der rechten Ecke sein. Und werden es doch, einfach weil sie ab einer bestimmten Relevanzschwelle dann doch über das hingehaltene braune Stöckchen springen und über den neuesten Tabubruch berichten. Der dann am Ende schrecklich normal wirkt und niemand regt sich mehr auf.

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Und dann die Social Media, die längst nicht mehr demokratische Spielwiese für die freie Meinungsäußerung aller sind, sondern vermintes Gelände propagandistischer Manipulation, wie die aktuellen Berichte über "Reconquista Germanica" zeigen.

In einer solchen Situation brauchen wir verantwortlichen Journalismus, der die Stimme der Vernunft erhebt, der Tatsachen von Lügen scheidet und der bei aller Freiheit und Notwendigkeit der Kritik an politischem Handeln das gemeinsame Interesse aller Bürger nicht aus dem Auge verliert: in einem freiheitlichen, sozialen Rechtsstaat zu leben, in einer Gesellschaft, die Konflikte zivilisiert, ohne Gewalt austrägt, in der die Rechte von Minderheiten respektiert werden und in der alle zusammen klüger, nicht dümmer werden wollen. Man nennt es auch: Aufklärung. "Bild" hat eine andere, sehr volatile Agenda.

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Von Christian Bartels
Von Miriam Hollstein
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