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Thilo Sarrazins Buch "Feindliche Übernahme": Eine Abrechnung mit dem Islam

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MEINUNGEmpörung und Unruhe als Ziel  

Sarrazin bleibt sich treu: Der Islam als Feindbild

Eine Rezension von Stefan Rook

31.08.2018, 10:50 Uhr
Thilo Sarrazins Buch "Feindliche Übernahme": Eine Abrechnung mit dem Islam. Thilo Sarrazin: Nach "Deutschland schafft sich ab" folgt nun sein neues Buch "Feindliche Übernahme". Wieder gibt es nur ein Thema: den Islam und welche angeblichen Gefahren von ihm ausgehen.  (Quelle: Reuters/Heinz-Peter Bader)

Thilo Sarrazin: Nach "Deutschland schafft sich ab" folgt nun sein neues Buch "Feindliche Übernahme". Wieder gibt es nur ein Thema: den Islam und welche angeblichen Gefahren von ihm ausgehen. (Quelle: Heinz-Peter Bader/Reuters)

Das neue Buch von Thilo Sarrazin hat nur ein Thema: den Islam. Für ihn ist die Weltreligion ausschließlich Bedrohung und Gefahr. Positives kann er am Islam nicht entdecken.

Der Autor

Thilo Sarrazin, ehemaliger SPD-Finanzsensator in Berlin, hat bereits 2010 mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" für Aufregung gesorgt. Seine Thesen zur wachsenden Unterschicht, zur Bildungspolitik sowie zum Geburtenrückgang bei der deutschen Bevölkerung und den damit verbundenen angeblichen Gefahren der Immigration von Muslimen nach Deutschland wurden kontrovers und heftig diskutiert. In der Folge versuchte die SPD zweimal, Sarrazin aus der Partei auszuschließen. Beide Anläufe scheiterten.

Das Buch

Mit seinem neuen Buch "Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht" bleibt sich Sarrazin treu. Schon in "Deutschland schafft sich ab" warnte er vor dem Islam. In "Feindliche Übernahme" werden die Warnungen massiver.

Auf knapp 500 Seiten unterstellt Sarrazin dem Islam Rückständigkeit, Wissensfeindlichkeit, Dialogunfähigkeit sowie Reform- und Integrationsunwilligkeit. Das Ziel der Mehrheit der Muslime in Deutschland sei es, sich so schnell wie möglich zu vermehren, um am Ende auch hier islamische Werte durchzusetzen. Der Islam sei fundamental vom Hass auf Nicht-Muslime geprägt.

Vom gläubigen Muslim zum islamistischen Terroristen ist es für Sarrazin nur ein gradueller Unterschied. Er argumentiert: "Dem politischen Islam wohnt eine Tendenz zur Radikalisierung inne, die bis zum terroristischen Dschihad gehen kann". Grund dafür sei "die starke Fokussierung auf eine wortgläubige, recht geistlose Orthopraxie (Lehre vom richtigen Handeln), die zum Fanatismus neigt, geistige und vitale Ressourcen verzehrt und insgesamt lähmend wirkt". Positives über die zweitgrößte Weltreligion mit rund 1,8 Milliarden Gläubigen sucht man vergebens.


Sarrazin schreibt, er habe den Koran in der deutschen Übersetzung "von der ersten bis zur letzten Zeile" gelesen: "Ich klammere dabei bewusst alles aus, was ich ansonsten über den Koran und den Islam gehört und gelesen habe. So möchte ich der vorurteilsfreien Sicht eines verständigen Betrachters sine ira et studio (lateinisch für: ohne Zorn und Eifer) möglichst nahekommen". Auf knappen 21 Seiten fasst Sarrazin die seiner Meinung nach wesentlichen Aussagen und wesentlichen Glaubensinhalte des Koran zusammen und benutzt diese Zusammenfassung als Argumentationsbasis.

Dabei hält sich Sarrazin strikt an den Wortlaut des Koran und geht damit selbst de facto ähnlich fundamentalistisch vor, wie er es pauschal allen Muslimen vorwirft: Er tut so, als ließe sich die gelebte Religion auf Schriftgläubigkeit reduzieren. Das wäre so, als würde man den Kern des Christentums auf einzelne Passagen des Alten oder Neuen Testaments – wie etwa "Auge um Auge, Zahn um Zahn" – reduzieren.

Sarrazin erwähnt zwar die Prophetentradition (Hadithe) und die Scharia. Zwei weitere wichtige Instanzen zur Auslegung des Islam, der Analogieschluss und der Konsens der Rechtsgelehrten, bleiben unerwähnt. Auch die verschiedenen Strömungen innerhalb des Islam, die sich über Jahrhunderte entwickelt und dazu geführt haben, dass der Islam zwischen Marokko und Indonesien sehr unterschiedliche Formen annimmt, sind für Sarrazin nur Randerscheinungen. Er unterscheidet zwischen Mainstream, politischem, terroristischem und aufgeklärtem Islam. In seiner Argumentation trennt er diese Richtungen jedoch selten und schreibt überwiegend von "dem Islam".

Vorwürfe an die Muslime in Deutschland

Wie schon in "Deutschland schafft sich ab" wirft Sarrazin den Muslimen in Deutschland schlechte Sprachkenntnisse, ein Desinteresse an der deutschen Kultur und ihren Kinderreichtum vor. Dem Islam bescheinigt er pauschal Reformunfähigkeit, Rückständigkeit, Wissensfeindlichkeit, Überheblichkeit und Dialogunfähigkeit mit anderen Religionen.

Sarrazin sieht die größte Gefahr für Deutschland und Europa in der "schleichenden Islamisierung durch Einwanderung und Geburtenzahl". Um das zu verhindern, will er die Einwanderungspolitik neu aufstellen. Seine Lösungsvorschläge sind radikal. Er fordert, dass an einer zentralen Stelle innerhalb von 30 Tagen über das Aufenthaltsrecht der nach Deutschland Eingereisten final entschieden wird. Ein Widerspruch gegen die Entscheidung soll nicht möglich sein. Bis zum Zeitpunkt der Entscheidung soll es kein Recht auf Bewegungsfreiheit geben.

Sarrazin fordert außerdem: "Alle illegalen Einwanderer, Flüchtlinge und Asylbewerber werden in einer zentralen Datei erfasst. In dieser Datei werden neben den Angaben zur Person die DNA, die Fingerabdrücke und ein Abbild der Iris gespeichert". Damit soll ein weiterer Versuch der Einreise europaweit verhindert werden.

Wird ein Aufenthaltsbegehren abgelehnt, sollen die "Flüchtlinge umgehend in das Herkunftsland oder in das Land des letzten Aufenthalts vor dem Übertritt in die EU" abgeschoben werden. "Verweigert ein Herkunftsland die Aufnahme, so werden die Be- treffenden gleichwohl grundsätzlich dorthin verbracht, notfalls unter militärischem Schutz".


Das geht deutlich weiter als die Migrationsbeschlüsse der EU. Dort hatte man sich im Juni darauf geeinigt, in der EU geschlossene Aufnahmelager für gerettete Bootsflüchtlinge einzurichten, außerdem sollen Sammellager in nordafrikanischen Staaten entstehen – wo die Bereitschaft dazu allerdings wenig ausgeprägt ist, was die Umsetzung erschwert.

Ungelöst ist zudem die Frage, wie mit Flüchtlingen umgegangen werden soll, die ohne Papiere nach Deutschland oder in die EU kommen und deren Nationalität nicht zweifelsfrei geklärt werden kann. Wohin soll man jemanden abschieben, wenn man nicht genau weiß, woher er kommt? Auch "das Land des letzten Aufenthaltes vor dem Übertritt in die EU" wird in vielen Fällen nicht leicht zu ermitteln sein und sich zudem oft nicht rücknahmebereit erklären – ganz zu schweigen, dass Migranten dort unter Umständen Lebensgefahr droht.

Die Datenlage

Sarrazins Buch vermittelt zunächst den Eindruck eines zumindest populärwissenschaftlichen Textes. Es enthält fast 800 Anmerkungen, ein Register und einen Anhang mit Tabellen.

Seine Argumentation untermauert Sarrazin mit einer Vielzahl von Erhebungen und Statistiken. Einige Untersuchungen belegen seine Einschätzungen. Beispielsweise die Untersuchungen des renommierten amerikanischen Forschungszentrums Pew Research Center zur durchschnittlichen Kinderzahl pro Frau oder die Pisa-Untersuchungen zu Leistungen in Naturwissenschaften bei Schülern mit und ohne Migrationshintergrund. Allerdings fügt Sarrazin bei einer Vielzahl von Statistiken seine "eigenen Schätzungen" hinzu. Da er nicht deutlich macht, worauf seine Schätzungen beruhen, kann man auch nicht bewerten, wie zuverlässig sie sind.

Problematisch wird es, wenn Sarrazin den ihm in weiten Teilen unliebsamen "Religionsmonitor" der Bertelsmann Stiftung mithilfe von "belastbaren anderen Erkenntnissen" zu entwerten versucht. Die anderen Erkenntnisse stellen sich als Beobachtungen seiner Frau als Lehrerin und als seine eigenen Beobachtungen in der Berliner Philharmonie heraus. Dort hat Sarrazin nach eigenen Angaben in seinen 20 Jahren als "regelmäßiger Besucher" (mehrmals im Jahr) noch nie ein muslimisches Kopftuch gesehen. Daraus schließt er – vollkommen unwissenschaftlich und anekdotisch – auf das besondere "Ausmaß der sozialen Segregation" der Muslime in Deutschland.

Was fragwürdig an der Argumentation ist

Sarrazins Weltbild ist klar eurozentristisch. Er fordert, dass alle Gesellschaften, Kulturen und Religionen denselben Weg in ihrer Entwicklung beschreiten, wie es der Westen vorgemacht hat. Nur mit solch einem Weltbild kann man einer anderen Religion oder Kultur "Rückständigkeit" vorwerfen. Damit wird eine alternative Entwicklungsmöglichkeit für andere Kulturen oder Religionen ausgeschlossen. Eine durch und durch überhebliche Perspektive.

Immer wieder vermengt Sarrazin bei seiner Argumentation die Ebenen. Er wechselt von der Präsentation oder Analyse vermeintlicher Fakten zu anekdotischen Interpretationen oder Meinung. Immer wieder wird dabei deutlich, worum es Sarrazin geht: Den Islam als Bedrohung zu stigmatisieren: "Die spezifische Identität, die vom Islam geprägt wird, widerspricht dem europäischen Bewusstsein und der europäischen Lebensart. Ja, sie ist sogar eine Bedrohung für beide."

Sarrazin beschreibt die Probleme mit dem Islam und präsentiert – teilweise radikale – vermeintliche Lösungen. Einige davon, wie zum Beispiel seine Forderung, dass Flüchtlinge gegen einen abgelehnten Asylbescheid keinen Widerspruch mehr einlegen dürfen, sind mit dem deutschen Rechtsstaat und dem Grundgesetz nicht vereinbar. Er bietet aber keine Lösungsvorschläge für die Ursachen der Probleme. Die zu bekämpfen, meint Sarrazin, sei ausschließlich Sache der Muslime. Eine Verantwortung der aufnehmenden Gesellschaft schließt Sarrazin aus. Die Integrationsleistung muss aus seiner Sicht ausschließlich von den Einwanderern geleistet werden.

Sicher ist eine Integrationsleistung von Migranten zu erwarten. Allerdings muss diese Integration auch vom aufnehmenden Land gefördert werden. Damit Integration gelingt, braucht man Kenntnis über die Herkunftsländer und deren Kulturen sowie Religionen. Man muss wissen, welche Integrationsleistungen notwendig und realistisch sind – und sie organisieren. Und schließlich: Integration muss sich lohnen. Es bringt keinem Beteiligten etwas, wenn er perfekt integriert, aber dauerhaft arbeitslos ist.

Was das Buch mit dem Leser macht

Sarrazin schreibt auf die Aufregung hin. Sein Ziel ist Empörung und Unruhe. Das ist bedenklich – seine Zielgruppe ist schon aufgeregt genug. Das Buch ist eine Abrechnung. Es steht nicht für Annäherung oder gar Versöhnung, sondern ausschließlich für Ablehnung, Distanz und Abwertung.

Der Grundtenor des Buchs ist islamophob. "Feindliche Übernahme" trägt in keiner Weise zur besseren Verständigung mit Muslimen bei. Es skizziert ein Feindbild. Das kann zu Entsetzen über und Angst vor, wenn nicht zu Hass auf "die Muslime" führen. Das ist das Gefährliche an Sarrazins Buch. Deshalb kann man es nicht ignorieren.

Verwendete Quellen:
  • Thilo Sarrazin: Feindliche Übernahme – Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht
  • Eigene Recherche

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