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Rassismus in Deutschland: "Geh dahin, wo du herkommst"

Rassismus in Deutschland  

"Geh dahin, wo du herkommst" – "Ich komme aus Berlin"

Von Josephin Hartwig

14.06.2020, 12:23 Uhr
Rassismus in Deutschland: "Geh dahin, wo du herkommst". Sandra Bilson: Die 23-Jährige setzt sich gegen Rassismus ein.  (Quelle: Kevin Kobs)

Sandra Bilson: Die 23-Jährige setzt sich gegen Rassismus ein. (Quelle: Kevin Kobs)

Sandra Bilson ist Berlinerin. Als Schwarze merkt sie oft, wie tief Rassismus in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Sie hat klare Vorstellungen, was sich hier ändern muss.

Rassismus ist in Deutschland kein Problem? Doch, findet Sandra Bilson. Die junge Studentin setzt sich gegen Rassismus, für Aufklärung zur Lebenswelt von Migranten und mehr Diversität in den Medien ein. Für sie gehört Rassismus zum Leben dazu, denn die junge Berlinerin ist direkt betroffen. Die 23-Jährige ist in der Hauptstadt geboren und aufgewachsen, studiert Kulturwissenschaft, arbeitet nebenbei in der Medienbranche. Und sie hat eine schwarze Hautfarbe. Doch vor allem ist sie Deutsche und trägt im Herzen die afrikanische Heimat ihrer Familie.

"Es gibt nur eine Rasse, und die heißt Mensch"

Erste Erfahrungen mit Rassismus sammelte sie schon in der Grundschule. "Im Kunstunterricht sollten wir uns selbst malen und eine Mitschülerin fragte mich nach einem Stift für die Hautfarbe. Ganz automatisch gab ich ihr den braunen", sagt Bilson. Ihre Klassenkameradin habe damals erklärt, dass das der falsche Stift sei und auch die Lehrerin habe dem zugestimmt. "Aber für mich war die Hautfarbe da eigentlich gar kein Thema. Meine war eben einfach dunkler." Ihre Mutter habe ihr schon als Kind gesagt: "Es gibt nur eine Rasse auf der Erde, und die heißt Mensch."

Die Erlebnisse, die sie schon in ihrem noch jungen Leben mit Rassismus gemacht hat, sind kaum noch nachzuzählen. Einmal sagte ein Mann aus heiterem Himmel zu ihr: "Geh dahin zurück, wo du herkommst." Darauf antwortete Bilson mit der einzigen Wahrheit, die ihr in den Sinn kam: "Ich komme aus Berlin." Der Mann habe sicher bemerkt, dass das falsch von ihm war. Doch "der Spruch hat mich verletzt", erinnert sie sich. Genauso wie der Kommentar einer Frau, die danach zu ihr meinte, sie solle sich nicht so anstellen.

Doch liegt genau darin nicht vielleicht auch der Grundstein für Rassismus? Denn ist man nicht direkt betroffen, fällt es manchen schwer, diese Art Verletzung überhaupt als solche zu begreifen.

Ein anderes Mal wollte Bilson mit ein paar Freunden nach dem Urlaub aus Griechenland nach Hause fliegen, doch am Flughafen gab es Probleme. "Dass ich fast immer rausgezogen und kontrolliert werde, ist nichts Neues. Aber diesmal erklärte man mir, mein Handgepäckskoffer sei zu groß", erzählt sie. Beim Hinflug habe es damit noch keine Probleme gegeben. Nach Diskussionen und der Ansage, dass die Gruppe nicht mitfliegen darf, wurde sogar die Polizei gerufen. "Andere Menschen gingen mit viel größeren Gepäckstücken an mir vorbei an Bord, aber mich wollten sie nicht mitfliegen lassen." Letztlich durften Bilson und ihre Freunde nicht mit und mussten am Tag darauf für viel Geld ein neues Flugticket kaufen. "Das war einfach nicht fair", sagt sie heute.

Studentin sagt heute deutlich ihre Meinung

Sandra Bilson war in ihrer Grundschulklasse das Kind mit der dunkelsten Hautfarbe. Natürlich habe es auch andere Kinder mit Migrationshintergrund gegeben. Aber beim Spiel "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" wurde immer nur eine ausgewählt. Heute hat sie darauf einen anderen Blick. In Momenten, in denen sie früher eher geschwiegen habe, sage sie inzwischen deutlich ihre Meinung. Die Option, es nicht zu tun und offensichtlichen Rassismus unkommentiert stehen zu lassen, die gebe es nicht mehr.

"Darf ich deine Haare anfassen?" ist eine Frage, die Sandra Bilson auch schon selbst gestellt bekommen hat. Sie wusste damit umzugehen. Doch eine Freundin von ihr reagierte auf die gleiche Frage wohl etwas zu spät. Eine Frau griff einfach hinein. Diese Art der Grenzüberschreitung durch vermeintlich interessierte Fragen gehört für viele Menschen mit dunkler Haut in Deutschland zum Alltag.

Es gibt "netten Rassismus"

"Es gibt ja auch den sogenannten netten Rassismus. Da sagen dir Mitschüler, sie würden sich so für dich freuen, weil du Schoko-Babys bekommst. Oder sie konfrontieren dich gleich mit Vorurteilen wie: Schwarze können gut tanzen, sind athletisch und sehr musikalisch. Ist man das aber vielleicht nicht, muss man sich erst einmal rechtfertigen und erklären", sagt Bilson. Diese Eigenschaften würden schließlich nicht auf jeden Schwarzen zutreffen – davon solle man nicht ausgehen.

Doch auch in ihrem Nebenjob in der Medienbranche hat die Studentin schon einige Erfahrungen mit Rassismus gemacht. Als sie sich etwa die Haare flechten ließ und sie nicht mehr lang und glatt trug, erkannten sie einige Kollegen nicht mehr und behandelten sie plötzlich anders.

Einige Dinge werden ihr im Job öfter als anderen erklärt und wenn es um ein Thema wie etwa Migranten in Deutschland geht, werde sie sehr schnell dafür eingeteilt. "Das ergibt natürlich auch Sinn, weil ich bei der Auswahl von Interviewpartnern auf Diversität achte. Aber ich kann doch auch genauso gut politische oder wirtschaftliche Beiträge machen", sagt sie.

Sexueller Übergriff in der U-Bahn

Auch sexuelle Übergriffe hat Sandra Bilson schon erlebt. In einer vollen U-Bahn drängte sich ein Mann von hinten an sie heran und sagte zu seinem Bekannten, er habe schon immer mal den Hintern einer Schwarzen anfassen wollen. "Ich fühlte mich sehr unwohl." Bilson schob seine Hand weg und rettete sich schließlich aus der Situation, indem sie an der nächsten Haltestelle ausstieg. Niemand half ihr. Mehrere Mitfahrer hätten die Situation bemerkt, doch geholfen habe damals niemand. "Ich glaube nicht, dass so etwas selten passiert."

Das Bewusstsein für Rassismus müsse in den Köpfen der Menschen noch stärker ankommen. Und mit diesem Eindruck ist Bilson nicht mehr allein. Nach dem Tod von George Floyd wird weltweit demonstriert. Bezüglich der Berichte zum jüngsten Fall von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner in den USA habe sie Enttäuschung empfunden, Trauer – und Wut. Wut darüber, dass erst zahlreiche schwarze Menschen sterben müssen, bevor es zu einer Auflehnung gegen diese Ungerechtigkeit kommt. Die Diskussion darum sei längst überfällig.

Bildungssystem hat große Schwachstellen bei Rassismus

"In der Schule werden der Kolonialismus in den USA und die Sklaverei nur am Rande behandelt“, sagt sie. Viel stärker müsse auf soziale Aspekte, auf die Generalisierung von Erfahrungen mit Schwarzen, die andere prägen und auf die Unterschiede in der Wahrnehmung eingegangen werden. "Wenn jemand zu mir sagt, er sei farbenblind und es gebe keine Unterschiede, dann verstehe ich das nicht. Wir sind nicht alle gleich." Schwarze hätten mit so vielen Vorurteilen zu kämpfen, mit Hürden, die sich jemand mit einer weißen Hautfarbe kaum vorstellen könne.

In den Medien werde jetzt viel über Schwarze gesprochen, aber noch nicht genug mit ihnen, findet Bilson. Auch das müsse sich ändern. Deshalb hat die Berlinerin das Projekt "Tripple E" gestartet, in dem sie regelmäßig Menschen mit Migrationshintergrund interviewt. Der Video-Podcast soll aber nicht nur Missstände aufzeigen, sondern auch eine Debatte über die Lebensrealität von Menschen mit Migrationshintergrund anregen. Regelmäßige Treffen zwischen Hörern und Interviewpartnern sind geplant. Die ersten Folgen werden im Herbst veröffentlicht. "Wenn jeder Mensch seinen Teil dazu beiträgt, ob durch die eigene Weiterbildung, Demonstrationen oder durch Solidaritätsbekundungen, wenn man rassistisches Verhalten bemerkt, dann kann es zu einer Veränderung kommen", sagt Sandra Bilson. Und diese Zeit sei jetzt gekommen.

Verwendete Quellen:

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