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Anschlag in Straßburg – Wenn das Label Terror zum Problem wird

MEINUNGAnschlag in Straßburg  

Für die Gesellschaft wird das Terror-Label zum Problem

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

14.12.2018, 12:26 Uhr
Anschlag in Straßburg – Wenn das Label Terror zum Problem wird. Polizei sichert in Straßburg der Eingang zum Weihnachtsmarkt: Die Regierungen sollten mehr Kraft darauf verwenden, Intensivtäter und Clan-Kriminalität zu bekämpfen, meint unsere Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: dpa/Christoph Schmidt)

Polizei sichert in Straßburg den Eingang zum Weihnachtsmarkt: Die Regierungen sollten mehr Kraft darauf verwenden, Intensivtäter und Clan-Kriminalität zu bekämpfen, meint unsere Kolumnistin Lamya Kaddor. (Quelle: Christoph Schmidt/dpa)

War der Straßburg-Anschlag Terror? Möglich. Aber sicher ist es nicht. Die Behörden sollten bei allem Aufruhr Intensivtäter und Clan-Kriminalität nicht vernachlässigen, meint Kolumnistin Lamya Kaddor.

Liveblogs, Aufmacher, Twitter-Stürme, Politiker-Statements in Dauerschleife – all das sind Zeichen dafür, dass Islamismus und Terrorverdacht nach wie vor mehr Aufmerksamkeit als andere grausame Taten auf sich ziehen. Gewiss, Frankreich ist gezeichnet vom Terror. Seit 2015 gab es mehr als 220 Tote und Hunderte Verletzte. Entsprechend hoch ist die Sensibilität.

Dennoch scheint es so, nachdem es nach dem weitgehenden Sieg über die Terrormiliz IS in Syrien und im Irak sowie der Zerstörung ihres vermeintlichen Kalifats zuletzt eher ruhig um den islamistischen Terror geworden war, als hätte die schlimme Tat in Straßburg eine Art Sehnsucht nach Terrorberichterstattung neu entfacht. Dabei ist bis zur Niederschrift dieser Zeilen nicht klar, was die tatsächlichen Hintergründe der Tat sind.

Den Opfern und ihren Angehörigen, denen meine Anteilnahme gilt, sowie den meisten Bürgern dürften solche Analysen ziemlich egal sein. Am Leid des Faktischen ändern die Gründe, warum die Liebsten getötet wurden, wenig. Für das Engagement von Staat und Gesellschaft gegen solche Gewaltexzesse indes sind sie dann doch bedeutsam.

Ein "Allahu Akbar" reicht vielen zur Einordnung

Während sich die Öffentlichkeit bei Nicht-Muslimen mitunter schwertut, von Terrorismus zu sprechen, und stattdessen auf Bezeichnungen wie "Amoklauf" ausweicht oder die Ausführenden als "verwirrt" einordnet, neigt sie bei muslimischen Verdächtigen schnell dazu, dieses Etikett anzuhaften. Zur Einschätzung einer Tat als islamistischer Anschlag reicht es manchen bereits, wenn Täter muslimisch sind, ihre Familie aus einem muslimischen Land stammt, wenn ihnen mal ein echter Islamist über den Weg gelaufen ist oder sie bei ihren abscheulichen Taten "Allahu Akbar" rufen.

Die Leichtfertigkeit der Einordnung wirkt wie eine Einladung an ordinäre Kriminelle, ihren Verbrechen "Größe" zu verleihen. Statt als gewöhnliche Gewalttäter, deren Leben bereits nach wenigen Jahren verpfuscht ist, verachtet oder missachtet zu werden, können sie die Bühne der nationalen oder gar internationalen Politik betreten. Sind sie dort Terroristen, Kämpfer für eine "höhere Sache". Denn gemäß dem verbreiteten Ausspruch: "Des einen Terroristen ist des anderen Freiheitskämpfer", kann man zumindest davon ausgehen, dass seine Taten in bestimmten Kreisen (wenn auch verblendeten und verirrten) auf einmal goutiert und als ehrwürdig erachtet werden. 

Eine andere Umdeutung der eigenen Untaten geht so: Statt bloß für den eigenen Profit andere Menschen zu bestehlen, auszurauben, zusammenzuschlagen, macht man es nun für die Religion, für Gott, für das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie verlockend mag das für Menschen sein, die ganz unten sind? Wie wahrscheinlich ist es, dass einem kriminellen Unterweltler in den Sinn kommt, bei seinen Taten "Allahu Akbar" zu rufen? Vom Gangster zum Freiheitskämpfer zum Märtyrer. 

Kampf gegen Islamismus wird verwässert

Selbst wenn eine Terrorstaatsanwaltschaft die Ermittlungen übernimmt, ist damit noch nichts Genaues gesagt. Wie der Begriff schon deutlich macht, wird erst ermittelt und dann obliegt es in Rechtsstaaten Richterinnen und Richtern, eine qualifizierte Beurteilung der Ermittlungsergebnisse vorzunehmen. 

Durch voreilige Einschätzungen wird der Kampf gegen die islamistischen Ideologien und islamischen Fundamentalismen verwässert. Das ist gefährlich. Die staatlichen Abwehrmaßnahmen werden falsch justiert. Aufmerksamkeit wird auf ideologische Hintergründe gelenkt, die es vielleicht gar nicht gibt oder die nur vorgespielt sind. Terrorermittler werden auf Personen losgelassen, die womöglich eher ein Fall für Jugendarbeit, Polizei, Justiz oder Strafrechtspolitik wären.

Zu einem echten islamistischen Anschlag gehört eine Planung, ein gezieltes Vorgehen, eine Einbindung in ideologische Denkweisen. Die verheerenden Attentate auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und den Konzertsaal Bataclan in Paris, den Flughafen in Brüssel oder den Boulevard La Rambla in Barcelona – das waren zweifelsfrei islamistische Akte des Terrors.

Besserer Schutz vor Intensivtätern 

Dass der inzwischen getötete mutmaßliche Täter von Straßburg in diese Reihe gehört, ist zumindest nach dem, was mir bislang bekannt ist, nicht klar. Es ist nicht ausgeschlossen, aber sein Verhalten und die Umstände der Tat deuten nicht zwingend darauf hin, dass er geplant vorgegangen ist. Der 29-Jährige mit nordafrikanischem Migrationshintergrund, der bereits mehrfach im Gefängnis gewesen sein soll, soll vor einer Festnahme gestanden haben, dann schießend und messerstechend durch eine Fußgängerzone gelaufen und in einem Taxi geflohen sein.

Die französischen Behörden betonen, dass der Mann bereits 27-mal gerichtlich verurteilt worden sei, unter anderem auch in Deutschland. Dem deutschen Bundesinnenministerium sind laut einer Sprecherin keine Informationen über Verbindungen von ihm ins Feld des Islamismus bekannt.

Die Gefahr des islamistischen Terrors ist leider weiterhin gegeben. Nach wie vor radikalisieren sich junge Menschen. Aktuell ist die Bedrohung durch Terrorzellen geringer als zur Hochzeit des IS, dafür ist das Risiko, dass Einzeltäter zuschlagen, größer. Entsprechend sollten sich Gesetzgeber und Regierungen in Europa neben dem Anti-Terror-Kampf intensiver Gedanken darüber machen, wie man die Bevölkerung besser vor Intensivtätern schützen und wie man rechtsstaatlich effektiver mit ihnen umgehen kann. Das nächste Problem in diesem Kontext ist nämlich längst am Horizont aufgezogen: die organisierte Kriminalität oder auch "Clan-Kriminalität". Hier gibt es ähnliche Mechanismen wie beim Abrutschen in Terrorgruppen.
 

 
2010 hatte die verstorbene Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig (so umstritten ihre Thesen zu den Ursachen zum Teil sind) mit einem Buch auf das Problem junger Intensivtäter aufmerksam gemacht und damit eine breite Debatte ausgelöst. Doch was ist seitdem geschehen? Wie hat die Politik reagiert, nachdem die Medienkarawane weitergezogen ist? Ich weiß es nicht.  

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Publizistin. Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr neues Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie  können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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