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Der Mann, der f├╝r die SPD 40 Prozent holen will

Von Madeleine Janssen

Aktualisiert am 22.02.2020Lesedauer: 6 Min.
"Die ganze Stadt im Blick": Mit diesem Motto ist Hamburgs Erster B├╝rgermeister Peter Tschentscher in den B├╝rgerschaftswahlkampf gezogen.
"Die ganze Stadt im Blick": Mit diesem Motto ist Hamburgs Erster B├╝rgermeister Peter Tschentscher in den B├╝rgerschaftswahlkampf gezogen. (Quelle: Daniel Reinhardt/dpa-bilder)
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15 Prozent, mehr schafft die

Wenn die Gr├╝nen vom Zeitgeist gek├╝sst sind, dann zeigt derselbe Zeitgeist der SPD gerade den Mittelfinger. Kohle und Diesel sind out, die Sozis irgendwie auch. Was macht man da, als Sozialdemokrat?

Peter Tschentscher schlendert ├╝ber den Wochenmarkt in Fuhlsb├╝ttel. H├Ąnde in die Taschen gegraben, graue Strickm├╝tze auf dem Kopf. Er schnackt mit den Leuten von der M├╝llabfuhr und h├Ârt einer Geigenlehrerin zu, die Grundschullehrerin werden will. Ein Eink├Ąufer ruft Tschentscher zu: "Sie m├╝ssen sich bekannter machen!" Tschentscher, Erster B├╝rgermeister der Stadt, l├Ąchelt. Das h├Ârt er ├Âfter. Bis vor zwei Jahren war er Finanzsenator unter Olaf Scholz, bis dieser im Fr├╝hjahr 2018 als Vizekanzler und Finanzminister nach Berlin wechselte. Tschentscher r├╝ckte nach.

Er zeigt der Bundes-SPD, wie es geht

Zu Anfang galt er als unscheinbarer B├╝rokrat, als rechte Hand von Scholz, wenn es darum ging, das Geld zusammenzuhalten. Tschentscher? Mit dem Namen wussten viele in seinem ersten Jahr als B├╝rgermeister nichts anzufangen. Ob er im Laufe der vergangenen zwei Jahre zum Stadtvater geworden ist?

Jetzt, im Winter 2020, k├Ąmpft er zum ersten Mal um die eigene Wiederwahl. Am Sonntag wird in Hamburg gew├Ąhlt. Tschentschers Motto: "Die ganze Stadt im Blick". So steht es auf den riesigen Plakaten, von denen Tschentscher einem ├╝berall in der Stadt ernst in die Augen schaut. So beschreibt sich wohl einer, der sich als Stadtvater sieht. Einer, der der darbenden Bundes-SPD zeigt, wie man deutlich ├╝ber 30 Prozent in einer Landtagswahl erzielt.

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Tschentscher vermittelt den Hamburgern ziemlich erfolgreich, dass er sich f├╝r das Wohlergehen der Stadt verantwortlich f├╝hlt. In den Umfragen lag die SPD zuletzt zwischen 35 und 38 Prozent, sie hat wieder aufgeholt. Zwar wird sie aller Voraussicht nach gegen├╝ber dem Wahlergebnis von 2015 (45 Prozent) verlieren, aber das, was zu Jahresbeginn kurz m├Âglich schien, ist wohl aus SPD-Sicht doch nicht mehr zu bef├╝rchten ÔÇô n├Ąmlich dass die Gr├╝nen, aktuell Koalitionspartner der SPD, die Roten zum Juniorpartner machen k├Ânnten.

Koalition├Ąre und Wahlkampf-Gegner: Katharina Fegebank (Gr├╝ne) und Peter Tschentscher (SPD) bem├╝hen sich beim Wahlduell um Abgrenzung voneinander.
Koalition├Ąre und Wahlkampf-Gegner: Katharina Fegebank (Gr├╝ne) und Peter Tschentscher (SPD) bem├╝hen sich beim Wahlduell um Abgrenzung voneinander. (Quelle: imago-images-bilder)

Katharina Fegebank, derzeit Zweite B├╝rgermeisterin, will ganz an die Spitze. Zwischenzeitlich lagen beide Parteien in einer Umfrage gleichauf mit jeweils 29 Prozent. Da sind die Hamburger Sozialdemokraten kurzzeitig ins Schwitzen gekommen. Und Peter Tschentscher erkl├Ąrte, er trete ausschlie├člich als Erster B├╝rgermeister an. Nur so k├Ânne er die Ziele der SPD umsetzen ÔÇô einen einfachen Posten als Senator unter der F├╝hrung der Gr├╝nen schloss er aus.

Keine Wahlkampfhilfe von Esken und Walter-Borjans

Ein Wahlergebnis von 38 Prozent gilt in der Berliner Parteizentrale als traumhaft. Bundesweit liegen die Sozialdemokraten laut einer aktuellen Allensbach-Befragung bei 14,5 Prozent. Mit dem Chaos an der Spitze der SPD wollte Tschentscher bewusst nichts zu tun haben ÔÇô auf die sonst ├╝bliche Wahlkampfhilfe durch die SPD-F├╝hrung, also Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, verzichtete er. Die Botschaft: Wir in Hamburg kriegen das allein hin.

F├╝r das, was in Hamburg in den n├Ąchsten Jahren geregelt werden muss, hat Tschentschers Team ein Themenpaket ersonnen, das der B├╝rgermeister den W├Ąhlern bei seinen Auftritten wie eine Geschichte erz├Ąhlt. Die geht so: Auf dem Wohnungsmarkt schie├čen die Preise ÔÇô Miet- wie Kaufpreise ÔÇô in astronomische H├Âhen (Wohnungsmarkt, Thema Nummer eins). Weil sich zu viele Menschen diese Preise nicht mehr leisten k├Ânnen, ziehen sie ins Hamburger Umland und m├╝ssen zur Arbeit in die Stadt pendeln.

Wahlkampf im Schmidt Theater auf der Reeperbahn: Peter Tschentscher preist den Weg der Hamburger SPD als den richtigen f├╝r die Stadt ÔÇô vor allem bei den Themen Wohnungsmarkt, Verkehr, Klima und Wirtschaft.
Wahlkampf im Schmidt Theater auf der Reeperbahn: Peter Tschentscher preist den Weg der Hamburger SPD als den richtigen f├╝r die Stadt ÔÇô vor allem bei den Themen Wohnungsmarkt, Verkehr, Klima und Wirtschaft. (Quelle: imago-images-bilder)

Dort stehen sie dann im Stau und dr├Ąngen sich in S- und U-Bahnen (Verkehr, Thema Nummer zwei). Weil S- und U-Bahnen aber nicht ausreichend ausgebaut sind, steigen die Pendler meistens doch lieber ins Auto und verpesten die Luft (Klima, Thema Nummer drei). Wenn sie bei der Arbeit angekommen sind, sind sie entweder, typisch Hamburg, in Industrie und Hafenlogistik t├Ątig (Wirtschaft, Thema Nummer vier) oder in modernen Start-ups. Tschentscher, der Geschichtenerz├Ąhler, berichtet, was nah dran ist am Alltag der Menschen, um ihnen Politikinhalte zu vermitteln.


Dass Hamburg in den vergangenen Jahren in ziemlich vielem erfolgreich war, verbucht Tschentscher f├╝r seine SPD ÔÇô und spielt das voll aus. "Es ist ja Wahlkampf", sagt er dann mit einem feinen L├Ącheln, wenn er einen Werbeblock f├╝r die SPD einleiten und ein wenig gegen den gr├╝nen Koalitionspartner st├Ąnkern will.

Diese Werbebl├Âcke, so h├Ârt man aus seinem Umfeld, sind ihm am Anfang schwergefallen. Tschentscher kam nur schleppend in den Wahlkampfmodus. Das ├╝berrascht kaum, schlie├člich sind SPD und Gr├╝ne eigentlich ein gutes Team. Wor├╝ber also streiten?

"Bescheidenheit n├╝tzt nix, tut mir leid!"

Tschentschers Geschichte lautet deshalb: In Hamburg l├Ąuft vieles gut. Damit es so bleibt, muss die SPD weitermachen wie bisher. Und die Gr├╝nen mit Katharina Fegebank ÔÇô die sind in Tschentschers Kampagnen-Tenor einfach zu chaotisch und zu radikal, um die Stadt zu f├╝hren. Tschentscher sagt: "Bescheidenheit n├╝tzt nix im Wahlkampf, tut mir leid!"

Peter Tschentscher l├Ąuft mit einem Kaffeebecher in der Hand weiter ├╝ber den Markt in Fuhlsb├╝ttel. Die Stra├čen sind ges├Ąumt von kleinen Einfamilien- und Reihenh├Ąusern, viele davon in typisch norddeutschem Rotklinker. Die Marktbuden verkaufen Pralinen, portugiesische T├Ârtchen, viel Bio, Rentner kl├Ânen bei einem Kaffee. Wer Tschentscher hier begleitet, h├Ârt hinter seinem R├╝cken viel positives Raunen ├╝ber den SPD-Mann. "Es ist doch angenehm, wenn die Leute sich so sachlich ├Ąu├čern", sagt ein ├Ąlterer Mann. Olaf Scholz und Peter Tschentscher, das seien zwei ├Ąhnliche Typen, ├Ąhnlich pragmatisch, sagt die Sitznachbarin.

Der Unterschied: Peter Tschentscher mag die Menschen. Olaf Scholz f├╝hlt sich vor allem unter Akademikern wohl. Marktauftritte und Begegnungen mit grantelnden Rentnern sind ihm, der als "Aktenfresser" gilt, zuwider. Tschentschers Ansatz dagegen: immer ran an den B├╝rger. Der 54-J├Ąhrige war vor seinem Einstieg in die Politik Mediziner, er arbeitete als Oberarzt im Zentrum f├╝r Diagnostik am Universit├Ątsklinikum Eppendorf. Er stammt aus Bremen, ist verheiratet und hat einen Sohn.

Auf Wochenm├Ąrkten, in Schulen und auf der Stra├če reicht er den Menschen die Hand. Manchen stellt er sich vor. "Manchmal h├Âre ich mir nur f├╝nf Minuten an, was sie sagen", sagt er. "Das l├Âst ihre Probleme nicht. Aber sie f├╝hlen sich ein wenig besser." Tschentscher tourt jetzt schon zum zweiten Mal durch die 17 Hamburger Wahlkreise. Das erinnert an den Sachsen Martin Dulig (SPD), der ein ├Ąhnliches Dialogformat mit seinem K├╝chentisch veranstaltet.

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Einer, der nichts ├╝bers Knie bricht

Beobachtet man Tschentscher bei seinen Auftritten, bekommt man eine Ahnung davon, was die SPD bundesweit anders machen m├╝sste. Es ist sein Stil, der bei den Leuten gut ankommt. Tschentscher pr├Ąsentiert seine Politik mit viel Sachkenntnis. Er ist ein unaufgeregter Typ. Wenn er seine Argumente aufz├Ąhlt, spreizt er die Finger und umfasst jeden mit der anderen Hand, Punkt f├╝r Punkt. "Der bricht nichts ├╝bers Knie", sagt einer, der ihn gut kennt.

Manche meckern, Tschentscher habe kein Charisma. Jetzt k├Ânnte man einwenden: Was hat all das Charisma der Schr├Âders, Steinbr├╝cks und Gabriels der SPD in den vergangenen Jahren gen├╝tzt? Vielleicht ist es genau das, was sich die Menschen von Politikern wieder w├╝nschen ÔÇô einen Fokus auf die Sachthemen, weniger Gepolter und vor allem weniger Nabelschau in Personaldebatten.

Doch nicht alle sind zufrieden mit dem, was er und seine Senatskollegen im Rathaus treiben. Zuletzt holte sie der Cum-Ex-Skandal wieder ein: Durch Medienberichte war Kritik daran aufgekommen, dass die Finanzbeh├Ârden der Hansestadt im Zusammenhang mit sogenannten Cum-Ex-Gesch├Ąften mutma├člich auf 47 Millionen Euro der Warburg-Bank verzichten. Demnach wusste die Stadt sp├Ątestens seit 2016 von einem Anspruch. Damals war noch Olaf Scholz B├╝rgermeister, Tschentscher war Finanzsenator. Die Linke fordert einen Untersuchungsausschuss zu dem Thema.

Demonstration gegen hohe Mieten in Hamburg (Archivbild): Die gestiegenen Preise f├╝r Miet- und Kaufobjekte sind eines der zentralen Themen im Hamburger Wahlkampf.
Demonstration gegen hohe Mieten in Hamburg (Archivbild): Die gestiegenen Preise f├╝r Miet- und Kaufobjekte sind eines der zentralen Themen im Hamburger Wahlkampf. (Quelle: imago-images-bilder)

Der Wohnungsmarkt ÔÇô nicht zuf├Ąllig Tschentschers Thema Nummer eins ÔÇô ist ein riesiges Problem. Hamburgs Mieten sind in den vergangenen Jahren um 40 Prozent in die H├Âhe geschossen. Laut Wohnungsbaubericht des Senats fehlen 290.000 ├Âffentlich gef├Ârderte Wohnungen. Der rot-gr├╝ne Senat k├Ąmpft dagegen an. Von einem Mietendeckel wie in Berlin will man hier nicht reden ÔÇô auch wenn sich laut einer Umfrage von Infratest dimap 69 Prozent f├╝r mehr staatliche Eingriffe ausgesprochen haben. Die Hamburger Gr├╝nen wollen Mietwucher mit Bu├čgeldern bestrafen und faire Vermieter mit Steuervorteilen belohnen.

Die SPD will lieber bauen, bauen, bauen. Nach dem Prinzip Drittelmix sollen ├╝berall auch Sozialwohnungen in Neubauprojekten enthalten sein. Acht Euro pro Quadratmeter sollen andernorts Wohnungen mit einfacher Ausstattung in sogenannter Modulbauweise kosten, wo es dann eben keinen Fahrstuhl und keine Tiefgarage gibt. Davon will Rot-Gr├╝n 4.000 in der kommenden Legislaturperiode hochziehen. Auch Baul├╝cken im Zentrum sollen geschlossen werden. Im Bezirk Hamburg-Nord ist der Neubau von Einfamilienh├Ąusern laut Koalitionsvertrag verboten.

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Die SPD hat also Ideen, aber die sto├čen nicht ├╝berall auf Gegenliebe. Am Blumenstand auf dem Fuhlsb├╝tteler Wochenmarkt regt sich eine Frau auf: "Diese gnadenlos h├Ąssliche Innenstadtverdichtung muss aufh├Âren!" Tschentscher h├Ąlt ihr entgegen: "Wir m├╝ssen zehn Prozent Wachstum bei den Wohnungen erreichen, das ist moderat." Sie ist unbeeindruckt. "Ihr d├╝rft Hamburg nicht kaputtmachen!", ruft sie. "Machen wir auch nicht", sagt Tschentscher. Die Frau schiebt ihr Fahrrad weiter.

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