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Statistik-Rätsel: Viele Corona-Tote in Sachsen unentdeckt?

Hohe Übersterblichkeit  

Statistik-Rätsel: Viele Corona-Tote in Sachsen unentdeckt?

Von Lars Wienand, Laura Stresing

16.01.2021, 13:06 Uhr
Neuer Trend bei Corona-Todeszahlen in Deutschland zeigt fatale Entwicklung auf

Die täglichen Covid-19-Todesfälle steigen rasant – und das seit Wochen. Eine Datenanalyse zeigt, dass hinter den Zahlen eine fatale Entwicklung steckt, die längst nicht nur die ältesten Deutschen hart trifft. (Quelle: t-online)

Animation zeigt: So alt sind die Deutschen, die an Covid-19 sterben – und diese fatale Entwicklung steckt hinter den hohen Todeszahlen. (Quelle: t-online)


Statistiker stoßen in Sachsen auf ein unerklärliches Phänomen: Es sterben viel mehr Menschen, als sich allein durch die bestätigten Corona-Todesfälle erklären lässt. Zugleich sorgt ein Tweet über einen angeblichen Vertuschungsversuch für Aufregung.

Sterben in Sachsen in großer Zahl Menschen infolge von Corona, ohne dass es bekannt wird? Den Verdacht legen Zahlen des Instituts für Statistik der Universität München nahe. "Da ist etwas, was sehr, sehr auffällig ist und sich bisher nicht erklären lässt", sagt Göran Kauermann, Direktor des Instituts für Statistik der LMU München und Gründungsvorsitzender der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Statistik. "Das sollte aufgeklärt werden." 

Klar ist: In Sachsen gibt es aktuell eine enorme Übersterblichkeit. Nach Zahlen des Statistischen Landesamts Sachsen sind im Dezember 2020 (9.684) fast doppelt so viele Menschen gestorben wie im Dezember 2019 (4.747). Schon im November lag der Wert um ein Drittel höher.

Das ist der Ausgangspunkt für eine genauere Analyse der Corona Data Analysis Group (Codag) der Universität München. Sie nutzt neben den täglich ausgewerteten und mit den Vortagen abgeglichenen RKI-Daten die Rohdaten des Statistischen Bundesamts zu Sterbefällen. In die Berechnung der Übersterblichkeit fließt aber auch ein, dass ein wachsender Anteil der Bevölkerung alt ist, also ohnehin höhere Sterbezahlen zu erwarten sind.

70 Prozent mehr Tote als zu erwarten

Unter Berücksichtigung von Altersverteilung auf Landesebene, jahreszeitlichen Trends und Sterbewahrscheinlichkeit wird eine Zahl eigentlich zu erwartender Todesfälle errechnet. Das Verhältnis der tatsächlichen Todesfälle zu den erwarteten ergibt die sogenannte standardisierte Mortalitätsrate. In Sachsen lag sie im September bei 1,7 – es gab also 70 Prozent mehr Tote, als zu erwarten gewesen wären. Sachsen war damit bundesweit Spitzenreiter vor Thüringen (30 Prozent), Baden-Württemberg und Bayern (20 Prozent).

Doch in Sachsen machten die Wissenschaftler um Göran Kauermann eine seltsame Entdeckung: "Etwa die Hälfte der zur Zeit beobachteten Übersterblichkeit in Sachsen kann nicht direkt mit einer registrierten Covid-19-Erkrankung in Verbindung gebracht werden." Auch ohne die bestätigten Covid-19-Todesfälle sind in Sachsen 30 Prozent mehr Menschen gestorben. "Ich habe zuerst gesagt, das kann nicht sein. Wir haben alle Datenquellen noch mal runtergeladen und überprüft. Wir sind uns sicher, dass bei uns kein Fehler vorliegt."

Aus der Praxis bestätigt Tobias Wenzel, Obermeister der Bestatter-Innung Sachsen, den Eindruck: "Im Moment wird wirklich sehr viel gestorben, und das liegt nicht nur an bestätigten Covid-19-Fällen."

Verschiedene Meldewege für Tod und Ursache

Die folgenreiche Frage: Gibt es in Sachsen auch ein großes Sterben ohne Covid-19 – oder gibt es viele bisher unentdeckte Covid-19-Tote? Oder andere, noch unerkannte Probleme? Auch Kollegen beim Statistischen Bundesamt hätten dafür aktuell keine Erklärung, so der Münchner Professor Kauermann. 

Sachsens Statistikamt hat keine Antwort, verweist aber zumindest auf unterschiedliche Meldewege: Tote insgesamt melden die Standesämter, Details zu Todesumständen kommen dagegen von den Gesundheitsämtern – und das zeitverzögert. Erklären sich die Zahlen also schlicht durch noch ausstehende Meldungen von Covid-19-Toten aus überlasteten Gesundheitsämtern?

Das scheidet als alleinige Erklärung aus, sagt Experte Kauermann. Der Anstieg von Todesfällen mit und ohne bestätigte Corona-Infekte begann parallel in der 42. Woche des Vorjahres. Das war Mitte Oktober, und zu diesem Zeitpunkt hatte in Sachsen lediglich der Erzgebirgskreis bereits eine Inzidenz von über 50.

Corona auf Totenschein weggelassen?

In der unklaren Situation löst ein Tweet Empörung und Verwunderung aus: Er unterstellt Vertuschung von Covid-19-Fällen. Ein Nutzer aus dem Kreis Erzgebirge schrieb, nach dem Tod seiner Oma im Heim habe die Pflegedienstleitung gebeten, Corona nicht auf dem Totenschein zu erwähnen. Im Tweet heißt es weiter: "In Absprache mit Angehörigen und Ärztinnen wird das in letzter Zeit weggelassen." 

t-online ist dem Fall nachgegangen, hat das Heim ausfindig gemacht und den Todesfall bestätigt bekommen. Eine Sprecherin des Unternehmens stellt das Telefonat mit den Angehörigen aber anders dar: Es sei um die Frage gegangen, ob die Frau AN oder MIT Corona verstorben sei, und dazu habe die Mitarbeiterin nichts sagen können. Der Twitterer bestreitet das. 

Auf der Todesbescheinigung sei Covid-19 vermerkt worden, erklärt das Heim. "Ein 'Weglassen' hätte für unsere Einrichtung keinerlei Vorteile und bringt auch nicht die angebliche Arbeitserleichterung." Der Ausbruch in dem Heim war bekannt, im Erzgebirge grassiert das Virus aktuell in jedem dritten Heim.

Ausnahmesituation: Die Polizei kontrolliert auf dem Plateau des Fichtelbergs die Einhaltung der Corona-Regeln.  (Quelle: dpa/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild)Ausnahmesituation: Die Polizei kontrolliert auf dem Plateau des Fichtelbergs die Einhaltung der Corona-Regeln. (Quelle: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa)

Arzt hat Pflicht, Covid-19 zu vermerken

Kennt denn die Landesärztekammer Sachsen Berichte, dass Covid-19 vorsätzlich nicht vermerkt wurde? Ein konkreter Fall sei bekannt, in dem ein Arzt so vorgegangen sei. In einem solchen Fall gehe eine Meldung ans Gesundheitsamt, ein Verstoß gegen die ärztliche Berufsordnung werde geprüft.

Bestatter Wenzel von der Innung kann sich nicht vorstellen, dass es solche Fälle häufiger gibt. "Wenn das bewusst weggelassen würde, und dann steckt sich nachfolgend jemand an, gibt es richtig Probleme, ich kann das nicht glauben."

Es wäre auch kriminell, sagt der Allgemeinmediziner, Anästhesist und Notarzt Dr. Marc Hanefeld, der im Raum Bremervörde in den vergangenen Wochen vor allem in Heimen diverse Leichenschauen vorgenommen hat. "Ein Arzt darf sich in seine Einschätzung nicht reinreden lassen und ist verpflichtet, eine ihm bekannte meldepflichtige Erkrankung anzugeben." Dem nicht-vertraulichen Teil des Totenscheins (Muster, PDF-Download), den die Angehörigen erhalten, sind Todesursache und Grundleiden aber nicht zu entnehmen. 

Menschen sterben ohne Symptome

Auch ein Verheimlichen vor dem Arzt durch ein Heim kann er sich kaum vorstellen. Einerseits haben Heimbewohner Behandlungsakten, andererseits habe auch das Pflegeheimpersonal Ängste: "Es ist meist die erste Info, die man als Arzt bekommt."

Er hält eine andere Möglichkeit für plausibler: Unentdeckte Covid-19-Fälle. "Ich kann mir vorstellen, dass es bei der Zahl der Covid-19-Toten eine Dunkelziffer gibt, wenn ich mir meine Erfahrungen mit Sterbefällen in Heimen ansehe. Da sterben viele Menschen, die sich eine halbe Stunde vorher noch mit Pflegepersonal unterhalten haben. Es gibt nicht nur die Fälle mit rasselnden Atemgeräuschen und Luftnot." Fälle ohne diese Begleitung seien untypisch, "aber durchaus ziemlich erschreckend, finde ich." 

Durch die intensiven Testungen in Heimen würden solche unauffälligen Todesfälle mit Covid-19 dennoch überwiegend entdeckt. "Wir halten es seit Einführung der Schnelltests für sehr unwahrscheinlich, dass in Heimen Fälle unentdeckt bleiben", erklärt auch die Landesärztekammer. Zu Hause könnte das anders aussehen, wenn jemand keine auffälligen Symptome vor dem Tod zeigt. 

Mehr Klarheit durch Tests an Toten?

Die Ärztekammer Sachsen meint: "Ein allgemeiner Post-mortem-Test könnte zu mehr Klarheit beitragen, ob ein Verstorbener Corona hatte oder nicht." Praktiker Hanefeld ist allerdings skeptisch gegenüber der Aussagekraft: "Zum Zeitpunkt des Todes, etliche Tage nach Infektionsbeginn, ist die Viruslast in Nase und Rachen sehr gering und damit die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Tests negativ sind. Und Obduktionen werden in Deutschland ja auch nur selten vorgenommen."

Für die Bestatter heißt das, dass sie es vielleicht viel häufiger mit Covid-19-Toten zu tun haben als sie wissen. Das sei aber weniger ein Problem, sagt Obermeister Wenzel: "Bestatter arbeiten von Hause aus mit dem Gedanken, einen infektiösen Körper vor sich zu haben. Da ist nur die Häufigkeit in der Corona-Krise anders." Aus seiner Sicht gibt es auch noch eine andere Erklärung für gestiegene Todeszahlen von Menschen ohne Covid-19: "Wir hören von Angehörigen oft, dass viele ältere Menschen sich in der Situation mit Besuchsverboten aufgegeben hatten. Der Lebenswille war weg." 

Das Phänomen erklärt es noch nicht: Die drastische Übersterblichkeit auch nach Abzug der Covid-19-Fälle gibt es nur in Sachsen. Es bleibt also dabei: Es gibt mehrere Erklärungsansätze, eine exakte Lösung aber noch nicht.

Verwendete Quellen:

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