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"Das polarisiert tatsÀchlich die Gesellschaft"

Von t-online
Aktualisiert am 03.02.2016Lesedauer: 5 Min.
Diskussionen im Internet eskalieren besonders leicht.
Diskussionen im Internet eskalieren besonders leicht. (Quelle: /Thinkstock by Getty-Images-bilder)
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In Internetforen, sozialen Netzwerken oder Leserkommentaren zu Artikeln herrscht in Deutschland oft ein regelrechter Krieg. Beschimpfungen, Verunglimpfungen und Drohungen ersticken eine sachliche Diskussion schon im Keim. Woher kommt dieses verbreitete aggressive Verhalten und wie sollte man darauf reagieren, wenn es einem begegnet? DarĂŒber hat t-online.de mit dem Marburger Konfliktforscher Prof. Ulrich Wagner gesprochen.

Herr Wagner, tĂ€uscht der Eindruck, oder hat die Diskussionskultur im Internet in den letzten Jahren nachgelassen und hasserfĂŒllte Botschaften haben zugenommen?


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Schon lange gibt es Klagen ĂŒber Formen von Diskussionen im Internet, die von anderen Formen von Diskussionen außerhalb des Netzes abweichen. Ob es hier tatsĂ€chlich eine quantitative VerĂ€nderung gegeben hat, ist schwer zu sagen.

Wie groß ist der Anteil der Bevölkerung, der sich hasserfĂŒllt im Netz Ă€ußert - und wie groß ist der Anteil derer, die dafĂŒr empfĂ€nglich sind?

Es gibt einige Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass auch die Diskussion im Internet von einigen MeinungsfĂŒhrern bestimmt wird. Man hat den Eindruck, dass es sehr viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind, aber die Diskussion wird hĂ€ufig von wenigen angefĂŒhrt. Dann gibt’s Kurzkommentare von anderen - aber wie viele das sind, lĂ€sst sich nicht sagen.

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Wodurch wird Hass ĂŒberhaupt konkret ausgelöst?

Die Diskussionen im Internet knĂŒpfen natĂŒrlich an Ereignisse im wirklichen Leben an - gerade haben wir heftige Diskussionen um die Frage von Einwanderung und wie man damit umgehen will. Menschen bilden sich ihre Meinungen und gehen dann ins Internet, in der Regel nicht, um ihre Meinungen kritisch zu ĂŒberprĂŒfen - das wĂ€re ja eigentlich eine rationale Strategie. Stattdessen wollen sie sich BestĂ€tigungen fĂŒr ihre eigenen Überzeugungen holen.

Das Internet dient in vielen Bereichen dazu, die eigene Meinung zu untermauern, sich UnterstĂŒtzung fĂŒr die eigene Meinung zu holen und sich deutlich von abweichenden Meinungen abzusetzen - und das auch hĂ€ufig noch mit entsprechender EmotionalitĂ€t bis hin zum Hass.

Diskussionen im Netz eskalieren ja hĂ€ufig wahnsinnig schnell. Warum funktioniert die soziale Selbstkontrolle nicht? Im persönlichen GesprĂ€ch gerĂ€t es ja deutlich seltener außer Kontrolle.

Dabei spielen eine Reihe von Faktoren eine Rolle: Man spricht unter UmstÀnden eine andere Person direkt an, ist sich dabei aber bewusst, dass viele andere zuhören. In den Foren ist das fast wie eine Rauferei auf dem Schulhof, wo alle anderen drumherum stehen und noch mal kommentieren. Virtuell.

Zweiter wichtiger Punkt: Bei Diskussionen in Foren, aber auch in Mails, fehlen bestimmte KommunikationskanĂ€le. Wenn Menschen sich normal unterhalten, hat man GesichtsausdrĂŒcke, man hat Tonlagen, Ausdrucksformen der Stimme, die auch regulierend dabei wirken, bestimmte Äußerungen eher zurĂŒckzuhalten. Das fehlt im Netz.

Dritter Punkt ist die große AnonymitĂ€t. Wenige Leute Ă€ußern sich tatsĂ€chlich mit Klarnamen.

Und schließlich ein vierter Punkt: Viele Leute Ă€ußern sich zu Tages- bzw. eher Nachtzeiten, wo sie nicht gut beieinander sind, und hĂ€ufig spielt bei solchen Äußerungen auch Alkohol eine große Rolle.

Was könnte ich denn tun, wenn ich einen "Hass-Anfall" bekomme?

Die Finger vom Netz weglassen! Wenn ich von Emotionen getrieben bin, dient das Netz in sehr starkem Maße dazu, meine Emotionen zu untermauern. Ich suche mir andere, die eben auch hasserfĂŒllt sind, und das fĂŒhrt dazu, dass meine EmotionalitĂ€t noch weiter zunimmt.

Sind die Hasser im Netz nur die berĂŒchtigten Trolle, die man möglichst nicht noch reizen sollte - oder sind diese Menschen im klinischen Sinn sogar psychisch krank?

Ich wĂŒrde das nicht als eine Form von psychischer Krankheit bezeichnen. Man kann sich vielmehr fragen, wie wir unsere Gesellschaftsentwicklung betrachten sollen, wenn so viel Kommunikation unter solchen kĂŒnstlichen Bedingungen stattfindet und man sich dann unter solchen Bedingungen versucht abzureagieren.

(Quelle: Laackman Fotostudios Marburg)

Prof. Dr. Ulrich Wagner, Jahrgang 1951, Psychologie-Studium an der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum, seit 1993 Professor in Marburg am Fachbereich Psychologie und am Zentrum fĂŒr Konfliktforschung. Wagner forscht zum Schwerpunkt Aggression, Gewalt, Konfliktverhalten, PrĂ€vention und Intervention mit Blick auf Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung.

Gibt es einen Unterschied zwischen Hass, Neid und Wut?

Hass und Wut sind noch mal ein Unterschied. Wut zielt in der Regel darauf ab, die Beziehung zu anderen nicht vollstĂ€ndig abzubrechen. Ich kann also auf einen Partner wĂŒtend sein. Hass ist eine Emotion, die sehr stark auf die Vernichtung der Gegenseite abhebt, also auf die Zerstörung zumindest der Beziehung - also eine noch stĂ€rkere Emotion. Und Neid ist eine Emotion, die nicht unbedingt mit Attacke einhergehen muss. Sie kann auch durchaus von hinterhĂ€ltigen, scheinbar freundlichen Verhaltensweisen begleitet sein.

Senkt der Hass im Netz die Schwelle fĂŒr Hass im richtigen Leben?

Man muss die BefĂŒrchtung haben, dass solche hasserfĂŒllten Formen der Auseinandersetzung tatsĂ€chlich auch ĂŒberschwappen ins richtige Leben. Nicht 1:1, dass wenn ich mich im Netz aufgeregt habe, ich auf die Straße renne und gegen eine andere Person physisch aggressiv vorgehe. Aber vor allem in Situationen, wie wir sie momentan im Zusammenhang mit der Einwanderungsdebatte haben, wenn gesellschaftliche Positionen sehr polarisiert sind, dann fĂŒhren diese Diskussionen im Netz und die begleitenden Hass-Emotionen sicherlich dazu, die Spaltung der Gesellschaft noch weiter voranzutreiben.

Sind hasserfĂŒllte Diskussionen, wie wir sie derzeit erleben, eigentlich ein Zeichen dafĂŒr, dass sich der Zusammenhalt in der deutschen Gesellschaft auflöst - oder löst er sich gar nicht auf - oder hat es diesen Zusammenhalt in Wahrheit nie gegeben?

Es gibt immer Meinungsverschiedenheiten in demokratischen Gesellschaften, das ist ja sozusagen ein Merkmal. Wir wĂ€hlen Parteien, die uns - wenn wir GlĂŒck haben - unterschiedliche Programme vorlegen. Das sind Meinungsverschiedenheiten. Und da wĂŒrde ich jetzt nicht sagen, an der Stelle fĂ€llt die Gesellschaft auseinander. Was neu ist, ist die bei Pegida explizit verbalisierte Form der "LĂŒgenpresse", mit der man nicht mehr spricht. Und das scheint sich jetzt auch auf die Netzkommunikation auszudehnen. Das ist nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen einzelnen kleinen Gruppen, die bestimmte Positionen vertreten, sondern es polarisiert tatsĂ€chlich die Gesellschaft - in solche, die sich den Ablehnern der "LĂŒgenpresse" zurechnen, Pegida und rechte Bewegungen, und andere Teile der Gesellschaft, die sich wieder davon abgrenzen.

Und dieser Prozess, dieses gesellschaftliche Ausgrenzen, wird durch hoch-emotionale Internetkommunikation sicherlich noch befördert.

Wie sollte ich Hass im Netz begegnen? Ignorieren oder dagegenhalten?

Es ist ein großer Unterschied, ob ich mich mit jemand anderem als einzelne Person auseinandersetze, etwa in einem Email-Kontakt - da sollte man versuchen, die Situation zu deeskalieren und herunterzukochen. Wenn es aber um Diskussionen in Foren geht, also um Auseinandersetzungen ganzer Gruppen auf der einen und anderen Seite, wĂ€re meine Empfehlung, mit rationalen Argumenten zu antworten und sich keinesfalls in Beschimpfungen hineinziehen zu lassen. Dann besser die Kommunikation abbrechen.

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Ihre EinschÀtzung zum Schluss: Wird sich der Hass im Netz noch steigern - oder können wir hoffen, dass sich das auf Dauer wieder normalisiert und zivilisiert ablÀuft?

Ich denke, das wird sehr stark von Ă€ußeren Randbedingungen abhĂ€ngen. Ich frage mich beispielsweise schon lange, warum etablierte Medien Kommentarforen zu allem möglichen machen und damit fĂŒr solche Hass-Eskapaden auch ein neues Forum eröffnen. Die Verantwortlichen könnten ja auch einmal drĂŒber nachdenken, sowas nicht mehr anzubieten. In AbhĂ€ngigkeit von solchen gesellschaftlichen Randbedingungen wird sich eine solche Hass-Eskalation weiterentwickeln oder vielleicht auch ein bisschen zurĂŒckgefahren werden.

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Die Fragen stellte Bernhard Vetter.

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