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ÖPNV-Katastrophe auf dem Land: "Man kommt ohne Auto nirgendwo mehr hin"

MEINUNG55 Millionen schlecht angebunden  

ÖPNV auf dem Land: "Man kommt ohne Auto nirgendwo mehr hin"

Von Mario Thieme

28.10.2021, 16:34 Uhr
ÖPNV-Katastrophe auf dem Land: "Man kommt ohne Auto nirgendwo mehr hin". Eine verlassene Bushaltestelle: 55 Millionen Bürger haben eine unzureichende ÖPNV-Anbindung. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/Getty Images / Akintevs)

Eine verlassene Bushaltestelle: 55 Millionen Bürger haben eine unzureichende ÖPNV-Anbindung. (Quelle: Getty Images / Akintevs/Thinkstock by Getty-Images)

Nur ein Drittel der Deutschen ist gut an den ÖPNV angebunden – so das aufsehenerregende Ergebnis einer aktuellen Mobilitätsstudie. t-online-Leser berichten hier von ihren Erfahrungen.

Wenn es zur viel beschworenen Verkehrswende kommen soll, muss der öffentliche Personennahverkehr gut funktionieren – so viel steht fest. Doch 55 Millionen Bürger haben keinen zufriedenstellenden Zugang, wie die Bahntochter ioki in ihrer Mobilitätsstudie herausfand.

t-online wollte daraufhin von seiner Leserschaft erfahren, wie es um ihre Mobilität bestellt ist. Können Sie auf ein Auto verzichten, weil die "Öffis" im Minutentakt fahren? Oder fühlen Sie sich abgehängt, weil der letzte Bus vor Jahren fuhr? So unterschiedlich die Verkehrsnation Deutschland ist, so unterschiedlich sind auch die Erfahrungen der Menschen.

"Man kommt ohne Auto nirgendwo mehr hin"

t-online-Leserin Katrin Jahn schreibt: "Wir wohnen in Thüringen, auf dem Land. Altenburg ist circa sechs Kilometer entfernt. Aus unserem Ort fährt täglich ein Bus morgens in den Hauptort, von wo aus man nach Altenburg fahren kann – und zwar 7.13 Uhr. Nachmittags fährt exakt 1 (in Worten: ein) Bus zurück, der circa 14.35 Uhr im Ort ankommt", schildert sie. Katrin Jahn erinnert sich: "Früher gab es eine Eisenbahnlinie, erbaut am Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie verband Altenburg mit Sachsen. Man hatte sehr gute Zugverbindungen. Die Züge fuhren oft – selbst über die kleinen Dörfer. Und man hatte eine super Bahnverbindung nach überall hin. Doch die Strecke wurde stillgelegt, die Gleise inzwischen entfernt. Man kommt ohne Auto nirgendwo mehr hin: weder zum Großeinkauf noch in den Urlaub oder zum Wochenendausflug. Ach ja, ich vergaß: Am Wochenende fährt selbstverständlich nicht ein einziger Bus unseren Wohnort an."

"Ein Auto ist hier überflüssig"

t-online-Leserin Christine Pilz hat als Noch-Großstädterin solche Sorgen nicht. "Da ich in Berlin wohne, habe ich eine überdurchschnittlich gute Verkehrsanbindung, ein Auto ist hier überflüssig. Ich ziehe jedoch Anfang Januar 2022 zurück nach Strausberg (eine Stadt östlich von Berlin und an die Berliner S-Bahn angeschlossen). Dort fährt die Straßenbahn alle 20 Minuten und an Wochenenden und Feiertagen alle 40 Minuten. Im Vergleich zu ländlichen Regionen ist das immer noch gut, ich werde dann aber trotzdem ein Auto benötigen, weil nicht alles mit dem ÖPNV erreichbar ist."

"Es bleibt nur das eigene Auto, um von A nach B zu gelangen"

t-online-Leserin Sophie Eberhardt aus dem sächsischen Jesewitz will auf einen eigenen fahrbaren Untersatz ebenfalls nicht verzichten. "Während der Schulzeit fährt früh und mittags der Schulbus, der eventuell Ottonormalbürger mitnimmt. Aber erstens ist das ungewiss, zweitens früh, also lange vor Ladenöffnung oder Arzttermin, und drittens kommt man nach Erledigung irgendwelcher Termine ohnehin aus der Stadt nicht wieder zurück. Und ganz ehrlich: Wer fährt schon gern mit undisziplinierten Schülern im übervollen Bus? Ich kann auf dieses Vergnügen gern verzichten. Also bleibt nur das eigene Auto, um von A nach B zu gelangen."

Außerdem nervt sie ungemein "dieses Gefasel von umwelt- und klimabewegten Halbwüchsigen und Grünen. Erstere lassen sich von Mama und Papa im familieneigenen SUV kutschieren beziehungsweise fliegen auf elterliche Kosten in den Fernurlaub; Zweitere wohnen meist urban oder in Stadtnähe, wo es immer Anbindung ans ÖPNV-Netz gibt. Oder sie sind so wohlhabend, dass sie sich locker ein teures E-Auto leisten können beziehungsweise so jung, dass es ihnen nichts ausmacht, wenn sie mit dem Fahrrad bei Regen nass werden oder sich im Winter den Allerwertesten abfrieren."

"Ich bin ein Glückspilz"

"Was den ÖPNV angeht, bin ich ein Glückspilz", kann t-online-Leser Stephan Lenk von sich behaupten. "Ich wohne fußläufig (fünf Minuten) in der Nähe des Bahnhofs Mosbach-Neckarelz. Zug und Bus Richtung Mosbach fahren halbstündlich. Daher mache ich alles mit dem ÖPNV, mein Auto habe ich abgeschafft. Wenn ich mal eines brauch, bekomme ich eines über Car-Sharing."

"Berlin oder München sind ein Schlaraffenland"

Weniger glücklich kann sich t-online-Leser Günter Jurreit schätzen. "Meine Frau und ich haben gestern eine Recherche durchgeführt, wie wir den ÖPNV nutzen können. Die Uni in Köln, Bonn und Aachen sind in etwa gleich weit von unserem Wohnort entfernt und wir überlegten, wo der ÖPNV besser getaktet ist für ein Studium. Wohnungen sind nicht zu bekommen/bezahlen. Eine einfache Strecke, um gegen 8 Uhr an der Uni zu sein, würde zwischen 1:50 Stunden und 2:30 Stunden betragen mit drei bis fünf Mal umsteigen. Wir kennen auch die ÖPNV-Situation in Berlin oder München, die sind ein Schlaraffenland im Vergleich zu unserer Region."

"Alle meine Wege sind mit der Nutzung des Busses verbunden"

t-online-Leser Ulrich Köpcke wohnt in Paderborn und nutzt das dortige Angebot. "Als Behinderter, der wegen seiner Behinderung kein Auto mehr fährt, bin ich zwingend auf den PaderSprinter angewiesen. Alle meine Wege sind mit der Nutzung des Busses verbunden, da in meinem Ortsteil Sande so gut wie nichts für mich existiert. Selbst die wenigen Läden in Sande erreiche ich nur noch mit dem Bus, weil ich zu Fuß mit diabetischen Füßen keine 1.000 Meter mehr schaffe und leider deswegen auch nicht mehr radeln kann. Der Weg zu meinen Ärzten, den Ämtern und den meisten Einkaufsmöglichkeiten ist zwölf Kilometer entfernt in der Kernstadt. Da der PaderSprinter Sande im 30-Minuten-Takt anfährt und meine Haltestelle 200 Meter entfernt ist, ich wegen meiner Behinderung kostenlos fahre und eine Taxi-Fahrt 37 Euro kosten würde, ist der PaderSprinter alternativlos und an schönen Tagen auch recht problemlos."

"Die Busse fahren nur alle 20 Minuten"

t-online-Leserin Karin Schuster, die sich selbst als "eine Person des ÖPNV" bezeichnet, regt sich über zwei Busverbindungen in der Hauptstadt auf. "Beide Busse fahren fast zeitgleich zum Elsterwerdaer Platz und Lichtenberg, und das nur alle 20 Minuten. Seit Kurzem hat die BVG eine elektronische Zeitangabe installiert, aus der man sehen kann, wann der nächste Bus kommt. Prima. Leider sind seit langer Zeit aus zwei Haltestellen eine geworden. Schade. Vielleicht ist es der BVG möglich, die Busse alle zehn Minuten fahren zu lassen."

"Ich gehöre zu denen, die vom öffentlichen Nahverkehr ausgeschlossen wurden"

Von Karin Schusters Wunsch kann t-online-Leserin Gerheide Knüttel nur träumen. "Ich gehöre zu denen, die vom öffentlichen Nahverkehr ausgeschlossen wurden. Noch fahre ich mit meinen 82 Jahren Auto – aber wie lange noch? Hier gibt es viele ältere Menschen, die nicht mehr Auto fahren. Ich lebe in Nordgoltern, einem Ortsteil der Kleinstadt Barsinghausen, in der Region Hannover. Seit fast zwei Jahren gibt es keinerlei Verbindung. Die Buslinie 532 von Empelde/Hannover nach Barsinghausen biegt am östlichen Ortseingang ab. Das etwa anderthalb Kilometer lange Dorf an der B65 ist damit abgeschnitten."

Gerheide Knüttel führt aus: "Mit Hilfe eines Mitgliedes der Ratsfraktion im Regionsparlament habe ich erfahren, dass die zuständige Planungsabteilung der Region Hannover der Meinung ist, dass die Bewohner entlang der B65 doch die S-Bahn hätten. Ich muss etwa vier Kilometer fahren, um zum Bahnhof zu kommen. Da sitzen Schreibtischtäter, die offensichtlich nicht ein einziges Mal die Strecke, die sie stillgelegt haben, abgefahren sind", sagt sie erbost.

"Ich bin super an den öffentlichen Nahverkehr angebunden"

t-online-Leserin Andrea Czub hat ein besseres Los gezogen. "Ich wohne in einem Kasseler Stadtteil und fahre seit circa vier Jahren mehr oder weniger nur noch mit dem ÖPNV, mit dem Fahrrad oder gehe zu Fuß. Zur Haltestelle gehe ich etwa sieben Minuten und die Regio-Tram vom Nordhessischen VerkehrsVerbund fährt alle 15 Minuten. Dazu kann ich noch eine Buslinie nutzen, hier sind die Abfahrtszeiten alle 30 Minuten. Ich bin super an den öffentlichen Nahverkehr angebunden."

In Andrea Czubs Haushalt gebe es noch ein Auto, ihres hat sie aber schon vor vier Jahren verkauft. "Für den Wocheneinkauf, weitere Fahrten (Urlaub) und zu Zielen im Umland geht es mit dem KfZ 'noch' besser. Wäre das Carsharing-Angebot dichter und unkomplizierter, könnte man diese Form sicher auch mehr nutzen und vielleicht ganz auf das eigene Fahrzeug verzichten."

"Die Busse müssen so fahren, wie die Kunden Bedarf haben"

"Die Busse müssen so fahren, wie die Kunden Bedarf haben", gibt t-online-Leserin Heike Neudeck zu bedenken. "Bin selbst Busfahrerin in Thüringen gewesen und Linien gefahren, auf denen über Jahre hinweg nie jemand mitgefahren ist", berichtet sie. "Will nicht wissen, was das den Steuerzahler gekostet hat."

Verwendete Quellen:
  • Einsendungen von t-online-Lesern

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