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Tag der deutschen Einheit: Ein Tag zum Vergessen

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Ein Tag zum Vergessen

04.10.2020, 05:54 Uhr
Tag der deutschen Einheit: Ein Tag zum Vergessen. EinheitsEXPO in Potsdam: Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit war die Hauptstadt Brandenburgs Gastgeber der Feierlichkeiten. (Quelle: imago images/A. Friedrichs)

EinheitsEXPO in Potsdam: Zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit war die Hauptstadt Brandenburgs Gastgeber der Feierlichkeiten. (Quelle: A. Friedrichs/imago images)

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

Ich hoffe, Sie hatten ein angenehmes Wochenende und starten gut erholt in die neue Woche. Im heutigen Tagesanbruch beschäftige ich mich mit einem wichtigen Tag für die Deutschen und der Frage, weshalb wir unfähig sind, diesen zu feiern.

WAS WAR?

Wie haben Sie den vergangenen Samstag verbracht? Mit Ihrer Familie gemütlich zu Hause? Oder haben Sie noch einmal das schöne Wetter genossen? Sich mit Freunden getroffen? Ich persönlich habe den Tag mit Arbeiten im Garten meiner Schwiegereltern verbracht. Was man eben so macht an einem freien Wochenende. An den Tag der Deutschen Einheit, an die Wiedervereinigung und die Umwälzungen nach dem Ende der DDR habe ich als Ostdeutscher an diesem 3. Oktober nur wenig gedacht. Und ich möchte wetten, vielen von Ihnen ging es ähnlich.

Am Abend habe ich mich dann gefragt, woran es eigentlich liegt, dass wir Deutschen unseren Nationalfeiertag nicht wirklich feiern – auch nicht in Jahren ohne Corona-Beschränkungen und Pandemie-Ängste. Abgesehen von einem Festakt in irgendeiner Landeshauptstadt, bei dem Politiker große Reden schwingen, gibt es für die meisten Deutschen wohl nur wenig, was diesen Tag von anderen arbeitsfreien Tagen unterscheidet.

Die EinheitsEXPO in Potsdam: In der Hauptstadt von Brandenburg präsentieren sich die deutschen Bundesländer. (Quelle: imago images/A. Friedrichs)Die EinheitsEXPO in Potsdam: In der Hauptstadt von Brandenburg präsentieren sich die deutschen Bundesländer. (Quelle: A. Friedrichs/imago images)

Feiern die Amerikaner am 4. Juli ihren Unabhängigkeitstag, wehen überall Nationalflaggen im Wind. Es gibt Volksfeste, Paraden, Picknick und Musik im Park. In anderen Ländern ist es ähnlich. Warum begehen wir Deutschen unseren Tag nicht ebenso stolz und ausgelassen? Bei meiner gedanklichen Spurensuche bin ich auf erstaunlich viele mögliche Gründe gestoßen.

Der Tag der Einheit erinnert an jenen Tag, an dem die Menschen und das Gebiet der DDR zu einem Teil der Bundesrepublik wurden. Es war ein geplanter, formaler Akt im Jahr 1990. Ihre Freiheit hatten sich die Ostdeutschen da schon längst erkämpft. Im Herbst 1989. Mit mutigen Demonstrationen auf den Straßen und mit anderen Aktionen gegen die verhasste sozialistische Diktatur und die Betonköpfe an der Spitze. Wenn Ostdeutsche auf die Wende zurückblicken, erinnern sie sich wohl vor allem an diese turbulente Zeit.

Und die Wiedervereinigung war gerade für die Ostdeutschen keine reine Erfolgsgeschichte. Viele verbinden die ersten Jahre danach mit knallhartem Kapitalismus. Mit Betriebsschließungen, Massenentlassungen und Entwertung von als wertvoll Geschätztem. Für Millionen Deutsche änderte sich plötzlich das gesamte Leben – für die meisten Westdeutschen dagegen fast nichts an ihrem Alltag. Kein Wunder, dass es in der "alten" Bundesrepublik an Bewusstsein für diese geschichtsträchtige Zeit fehlt.

Demonstration gegen die Treuhand in Suhl, Thüringen im Juli 1991: Hunderttausende Menschen verloren im Osten Deutschlands nach der Wiedervereinigung ihre Arbeit. (Quelle: imago images/fossiphoto)Demonstration gegen die Treuhand in Suhl, Thüringen im Juli 1991: Hunderttausende Menschen verloren im Osten Deutschlands nach der Wiedervereinigung ihre Arbeit. (Quelle: fossiphoto/imago images)

Bis heute sind sich Ost und West in vielen Dingen fremd. Erstaunlich viele Westdeutsche waren noch nie im Osten. Vorurteile über vermeintlich naive Ossis und eingebildete Wessis bleiben verbreitet. Man kennt sich zu wenig, weiß nicht, wie ähnlich man sich eigentlich ist. Es fehlt an Verständnis dafür, wie bereichernd die Wiedervereinigung für Deutschland insgesamt war und wie dankbar wir dafür sein müssten.

Der 3. Oktober ist in Wahrheit ein verzichtbarer Feiertag. Wir verbinden ihn nicht mit großen Emotionen und positiven Gefühlen. Im Osten, wo die Menschen heute ihre selbst erkämpfte Freiheit genießen können, blickt man zu Recht auch kritisch zurück. Und im Westen fehlt oft das Bewusstsein für die Tragweite der Ereignisse vor 30 Jahren. Was Deutschland eigentlich braucht, ist Annäherung, Offenheit und Neugier. Wir müssen einander erleben und schätzen lernen. So wächst unser Land zusammen. Und so haben wir irgendwann auch wieder Lust, gemeinsam zu feiern.

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Ein anderes Thema beherrschte am Wochenende die Nachrichten weltweit. Donald Trump, der das Coronavirus erst als völlig harmlos bezeichnete, sich dann weigerte, wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen und sich schließlich als Retter in der Pandemie feierte, liegt nun selbst infiziert im Krankenhaus. Doch wie es dem US-Präsidenten wirklich geht, das bleibt trotz aller Berichte und Eilmeldungen unklar. Denn wie man es seit vier Jahren aus dem Weißen Haus gewöhnt ist, wird auch bei diesem Thema gelogen, bis sich die Balken biegen.

Der kranke US-Präsident: Aus dem Krankenhaus meldete sich Donald Trump in einer Videobotschaft zu Wort – später ließ er sich an seinen Anhängern vorbeifahren. (Quelle: imago images/Italy Photo Press)Der kranke US-Präsident: Aus dem Krankenhaus meldete sich Donald Trump in einer Videobotschaft zu Wort – später ließ er sich an seinen Anhängern vorbeifahren. (Quelle: Italy Photo Press/imago images)

Trump will sich offensichtlich weiter als starken Anführer inszenieren, dem so ein kleiner Virus wenig anhaben kann. Es gehe ihm gut und er arbeite vom Krankenhaus aus weiter, teilte er seinen Anhängern mit. Andere berichteten dagegen, Trump habe es ziemlich schlimm erwischt. Er leide unter starken Symptomen. Sogar Todesangst habe er gegenüber Vertrauten geäußert. Der Mann, der seinem Herausforderer Joe Biden immer wieder Schwächen andichtet, kämpft nun selbst um seine Gesundheit.

Noch skandalöser als Trumps Verhältnis zur Wahrheit ist aber sein persönlicher Umgang mit der Ansteckungsgefahr. In vollem Bewusstsein, möglicherweise infiziert zu sein, und sogar mit ersten Symptomen nahm Trump an einer Wahlkampfveranstaltung im Bundesstaat New Jersey teil, schüttelte Hände, machte Selfies mit Anhängern. Eine Maske trug er ebenso wenig wie die meisten Gäste. Wie viele von ihnen sich dabei angesteckt haben, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.

Der "Trump National Golf Club" in Bedminster, New Jersey: Hier hatte sich Donald Trump noch am Donnerstag mit rund 100 Unterstützern getroffen. (Quelle: AP/dpa/Seth Wenig)Der "Trump National Golf Club" in Bedminster, New Jersey: Hier hatte sich Donald Trump noch am Donnerstag mit rund 100 Unterstützern getroffen. (Quelle: Seth Wenig/AP/dpa)

Trumps Umgang mit der Corona-Gefahr kann als Spiegelbild seiner gesamten Präsidentschaft gesehen werden. Er macht stets, was ihm nützt, ohne an mögliche Folgen für andere zu denken. Er setzt sich über geltende Standards und Expertenmeinungen hinweg, wenn diese hinderlich erscheinen. Und er beansprucht für sich, als Präsident über den Regeln für alle anderen zu stehen. Nach der US-Wahl in einem Monat werden wir wissen, wie viele Amerikaner ihm ein solches Verhalten noch durchgehen lassen wollen.

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WAS STEHT AN?

Zum Auftakt der Nobelpreis-Bekanntgaben werden Montagmittag die diesjährigen Preisträger in der Kategorie Medizin verkündet. Dann wird die Nobelversammlung des Karolinska-Instituts in Stockholm das Geheimnis lüften, wen sie diesmal ausgewählt hat. Häufig geht die Ehrung an mehrere Wissenschaftler zugleich.

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Die Eurogruppe befasst sich bei einer Video-Konferenz ab 15 Uhr mit der wirtschaftlichen Erholung Europas von der Corona-Pandemie. Die Finanzminister der 19 Staaten des Währungsgebiets beraten über die wirtschaftlichen Schwerpunkte für die nächsten Monate. Und sie wollen die Nachfolge des Luxemburger EZB-Direktors Yves Mersch regeln, der im Dezember ausscheidet.


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In den großen europäischen Ligen endet die Sommer-Transferperiode. Bis das Fenster am Montag um 18.00 Uhr schließt, dürften die Klubs der Bundesliga noch einige Zu- und Abgänge vermelden. In anderen Top-Ligen sind Wechsel noch einige Stunden länger möglich. Gerade Rekordmeister Bayern München dürfte seinen dünnen Kader noch verstärken. Im Gespräch war etwa der Mittelstürmer Eric-Maxim Choupo-Moting, der als Ersatz für Torgarant Robert Lewandowski kommen soll.

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Joachim Löw versammelt in Köln seinen Kader für die anstehenden Länderspiele gegen die Türkei, die Ukraine und die Schweiz. Der Bundestrainer erwartet vorerst 20 Spieler. Die Münchner Profis Manuel Neuer, Niklas Süle, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry, die Leipziger Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann sowie der angeschlagene Toni Kroos von Real Madrid reisen erst einen Tag später an.

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WAS LESEN ODER ANSEHEN?

Mike Pence spielt politisch nur eine Nebenrolle, fast könnte man von einem Schattendasein sprechen. Denn Donald Trump hielt seinen Vizepräsidenten bislang an der sprichwörtlich kurzen Leine. Seit Trumps Infektion mit dem Coronavirus steht Pence aber plötzlich im Rampenlicht. Denn wenn der Präsident ausfällt, wird der Vize übernehmen. Was nichts Gutes ahnen lässt. Denn Pence ist ultrakonservativ, reaktionär und dogmatisch, wie mein Kollege Marc von Lüpke über den Politiker schreibt.

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Brexit, Syrien, Türkei, Libyen, Belarus und natürlich Corona: Deutschland ist umgeben von Krisen, das schwierige Verhältnis zu Putin in Russland und Trump in Amerika macht alles noch schwerer. Wie kann unser Land trotzdem selbstbewusst seine Interessen in der Welt vertreten und an welchem Punkt ist es Zeit für klare Kante? "Wir lassen uns das nicht gefallen", sagt Außenminister Heiko Maas an einer wichtigen Stelle im Interview mit meinen Kollegen Patrick Diekmann und Florian Harms. Die beiden erreichten den Chefdiplomaten in seiner Corona-Quarantäne. Seine Antworten lassen aufhorchen.

Außenminister Heiko Maas im Interview mit t-online: Das Gespräch fand wegen der Quarantäne des Ministers digital statt. (Quelle: t-online)Außenminister Heiko Maas im Interview mit t-online: Das Gespräch fand wegen der Quarantäne des Ministers digital statt. (Quelle: t-online)

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Überschätzen wir die Corona-Gefahr? Waren die Maßnahmen in Deutschland richtig? Wie hoch ist die Sterblichkeitsrate tatsächlich? Die Professoren Sucharit Bhakdi und Karina Reiß haben sich in ihrem Buch "Corona Fehlalarm?" mit diesen und anderen viel diskutierten Fragen auseinandergesetzt und einen Bestseller geschrieben. Doch die Thesen der Wissenschaftler sind umstritten – meine Kolleginnen Melanie Weiner und Sandra Simonsen haben mit führenden Corona-Experten über das Buch gesprochen.

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Wolfgang Thierse war Politiker in der DDR und in der Bundesrepublik. Zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung beantwortete der ehemalige Bundestagspräsident exklusiv Fragen der t-online-Nutzer. Meine Kollegen Hanna Klein und Nicolas Lindken zeigen, was Thierse über die Wende und ihre Folgen sagt. Außerdem verrät er, was ihn selbst am Westen überrascht hat.

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Mit "Wind of Change" schrieben die Scorpions nicht nur einen ihrer größten Hits, sondern auch die Hymne zur Wende. Mein Kollege Sebastian Berning traf Sänger Klaus Meine sowie die Gitarristen Rudolf Schenker und Matthias Jabs in Hannover und sprach mit ihnen über die DDR, die Zeit nach der Wiedervereinigung und ihre Erfahrungen in der Sowjetunion, wo sie 1988 als erste West-Band überhaupt auftreten durften.

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Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es noch Spuren des Arbeiter- und Bauernstaats DDR. Um sie zu entdecken, hat sich der Fotograf Andreas Metz per Fahrrad und Regionalbahn vor einigen Jahren auf den Weg gemacht. Denn, so Metz, die DDR war über Jahrzehnte Lebenswelt für Millionen Deutsche, deren Alltag und Erfahrungen überliefert werden müssten. Was er auf seinen Reisen entdeckte, stellt Ihnen mein Kollege Marc von Lüpke vor.

Lenins Büste: Der Fund im Gehölz war ein Glücksfall für Andreas Metz. (Quelle: Andreas Metz/Eulenspiegel Verlag)Lenins Büste: Der Fund im Gehölz war ein Glücksfall für Andreas Metz. (Quelle: Andreas Metz/Eulenspiegel Verlag)

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WAS AMÜSIERT MICH?

Nicht leicht mit denen von drüben.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen schönen und beschwingten Montag.

Ihr

Carsten Werner
Chef vom Dienst t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @Carsten_Werner

Mit Material von dpa.

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