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RAF-Verhaftung von Daniela Klette: Wie taucht jemand 30 Jahre unter?


Untergetauchte RAF-Terroristin
"Ein Doppelleben gibt es ab 500 Euro im Monat"

InterviewVon Simone Rafael

28.02.2024Lesedauer: 3 Min.
Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

Zum journalistischen Leitbild von t-online.
Drei RAF-Terroristen: Burkhard Garweg (v. li.) und Ernst-Volker Staub sind auf der Flucht, Daniela Klette wurde gefasst.Vergrößern des Bildes
Drei RAF-Terroristen (v. li.): Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub sind auf der Flucht, Daniela Klette wurde gefasst. (Quelle: BKA/Collage t-online/Axel Krüger)

Untertauchen für Jahrzehnte – RAF-Terroristin Daniela Klette ist das gelungen. Aber wie geht das? Stefan Eiben kennt sich mit Doppelleben aus.

Mehr als 30 Jahre fahndete die Polizei nach Daniela Klette. Die RAF-Terroristin war untergetaucht. Sie lebte zuletzt unerkannt in Berlin-Kreuzberg, grüßte Tag für Tag ihre Nachbarn, ging mit ihrem Hund Gassi. Es stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass niemand sie erkannte?

Stefan Eiben kennt sich damit aus, Menschen untertauchen zu lassen. Er nennt sich "Freiraum-Manager" und leitet eine Alibi-Agentur. Im Gespräch mit t-online erklärt er, warum Menschen Doppelleben führen und wie sein Unternehmen ihnen dabei hilft.

t-online: Herr Eiben, Sie versprechen, Identitäten zu ändern, bis einen niemand mehr findet. Wie geht das?

Stefan Eiben: Wir übernehmen nur private Fälle von Doppelleben. Die Motivation kann unterschiedlich sein, entsprechend auch die Maßnahmen. Wir haben Kundinnen, die Dominas sind und die Schule der Kinder soll das nicht wissen. Oder Ehemänner, die zwei Beziehungen nebeneinander führen. Menschen, die auf der Plattform "OnlyFans" ihr Geld verdienen, aber ihrer Familie nicht erklären wollen, was das ist. Oder Frauen, die von ihrem stalkenden Ex-Freund nicht mehr gefunden werden möchten. Wir tun alles, was nötig ist, um diese Wünsche zu erfüllen. Das geht von fingierten Wohnorten über anonyme Zahlungsmöglichkeiten bis zu falschen Familien.

Stefan Eiben, Firmengründer der Alibi-Agentur.
Stefan Eiben, Firmengründer der Alibi-Agentur. (Quelle: picture alliance / dpa | Carmen Jaspersen)

Zur Person

Stefan Eiben aus Bremen leitet seit 1999 eine Alibi-Agentur, die Menschen mit privaten Problemen dabei hilft, andere Identitäten anzunehmen – zeitweilig oder dauerhaft. Allerdings darf es nicht um Illegales gehen. Dafür wird ein "stressfreies Doppelleben" versprochen.

Was sind die wichtigsten Schritte, wenn ich verschwinden will?

Manche brauchen eine neue Online-Identität. Kaschierte Fotos, manipulierte Standorte, um Menschen glauben zu lassen, sie lebten in einem anderen Teil der Erde. Ein verheirateter Mann mit der zweiten Beziehung braucht vielleicht Hilfe bei der Urlaubs- und Abwesenheitsorganisation – für den organisieren wir Reisen und Geschenke, liefern aber auch Hintergrundgeschichten, warum er reisen muss. Wir haben Schauspieler, die Ehepartner oder Kinder spielen können, wenn die Kunden für ihre Familie oder für Geschäftszwecke welche brauchen. Wir haben Firmen, mit denen wir ihnen einen beliebigen Beruf geben können. Oft sind das die Firmen ehemaliger Kunden.

Wie aufwendig kann das werden?

Ich hatte etwa einen asiatischen Kunden, der arbeitete am Fließband bei einem Autobauer, hatte aber seinen Eltern erzählt, er sei Topmanager. Der bekommt für den Elternbesuch dann ein Büro in einem schicken Hochhaus mit seinem Namen an der Tür, aber auch Kollegen, die ihn grüßen oder anrufen. Oder da war ein Chirurg, der konnte nicht mehr abschalten, als sein Kind geboren wurde. Der ging zur Entspannung gern auf LAN-Partys. Aber er wollte seiner Frau nicht erzählen, dass er gern exzessiv Computer spielt. Also bekommt er von uns Anrufe, die Überstunden von ihm verlangen, und Einladungen zu Messen, die er vorzeigen kann, um Abwesenheit an Wochenenden zu erklären.

Video | Aufnahmen zeigen: So offen lebte die RAF-Terroristin in Berlin
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Quelle: t-online

Können denn alle Menschen so gut lügen?

Müssen sie dann ja gar nicht! Da bekommt der Ehemann den Anruf, er solle seiner Frau ausrichten, wann das Seminar stattfindet – da muss sie nicht mal selbst etwas sagen, kann sich noch über das Seminar beschweren. Manche Kunden bekommen wir sogar von Ärzten und Psychiatern vermittelt.

Neue Identitäten als Medizin?

Es sind etwa Manager, die einen Burn-out haben und nicht gesund werden können, weil sie Angst haben. Sie fürchten, dass der Aktienwert ihrer Firma fällt, wenn herauskommt, dass sie nicht gesund sind. Wir können ihnen einen Arbeitsbesuch bei einer Zulieferfirma in Brasilien vortäuschen, während sie in eine Klinik gehen und gesund werden können. Wenn Kunden eine Operation haben, von der sie niemandem erzählen wollen, organisieren wir ihnen auch die Begleitung, die das Krankenhaus vorschreibt.

Wie lange können Menschen ein Doppelleben aufrechterhalten?

Manche möchten nur kurz untertauchen, aber wir haben Kunden, die machen das seit zwanzig Jahren. Und sind bis heute nicht aufgeflogen.

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Was kostet mich ein Doppelleben mit Ihrer Agentur?

Am Anfang, wenn wir die Strategie einrichten, sind es 300 bis 500 Euro im Monat – später ist es viel günstiger. Wer etwa seinen Beruf als Domina verschleiert, braucht die Dienstleitung ja dauerhaft.

Kann ich mit Ihrer Hilfe vor der Polizei abtauchen oder den Behörden oder meinen Gläubigern entfliehen?

Nein, wir bieten keine illegalen Dienste an. Keine neuen Pässe, keine Flucht vor Strafverfolgung oder Schulden. Wir bieten einen legalen Service an und haben dafür auch einen guten Ruf.

Was denken Sie über die RAF-Terroristen Daniela Klette, die dreißig Jahre im Untergrund gelebt hat?

Die kann eigentlich kaum aus dem Haus gegangen sein und wenn, dann nur gut verkleidet. Und sie muss jemanden gehabt haben, der ihre Einkäufe erledigt. Sie kann selbst nie mit Karte zahlen, weil es sonst Spuren gibt. Sie hat sicher kein sehr glückliches Leben geführt.

Verwendete Quellen
  • Telefoninterview mit Stefan Eiben
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