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Die unglaubliche Flucht des Ex-Nissan-Managers

Von afp, dpa, dru

Aktualisiert am 03.01.2020Lesedauer: 3 Min.
Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn: Das Foto zeigt ihn in einem Auto in Tokio.
Ex-Nissan-Chef Carlos Ghosn: Das Foto zeigt ihn in einem Auto in Tokio. (Quelle: Eugene Hoshiko/ap-bilder)
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Als sich Carlos Ghosn am Montag aus dem Libanon meldete, war die VerblĂŒffung groß, stand der verurteilte Ex-Nissan-Chef in Japan doch unter strengen Kautionsauflagen. Wie konnte ihm die Flucht gelingen?

Ein Kontrabass-Koffer, eine Gruppe falscher Musiker und jede Menge offener Fragen – die Flucht des ehemaligen Nissan-Chefs Carlos Ghosn aus Japan böte schon jetzt genug Stoff fĂŒr eine Hollywood-Verfilmung. Derzeit arbeiten Ermittler in mehreren LĂ€ndern fieberhaft daran herauszufinden, wie die spektakulĂ€re Nacht-und-Nebel-Aktion gelingen konnte.

In Tokio wurde am Donnerstag die Wohnung Ghosns durchsucht. In Istanbul, wo der Ex-Manager zwischengelandet war, verhörte die Polizei unter anderem vier Piloten. Der Libanon, wohin Ghosn flĂŒchtete, teilte mit, der Ex-Automanager werde nun per Fahndungsaufruf von der internationalen Polizeiorganisation Interpol gesucht.

Die genauen UmstĂ€nde der Flucht sind noch unklar. Laut tĂŒrkischen Medienberichten landete am frĂŒhen Montagmorgen ein Privatjet aus Osaka auf dem Istanbuler Flughafen AtatĂŒrk, der von Fracht- und Privatmaschinen genutzt wird. 45 Minuten spĂ€ter hob demnach ein anderer Privatjet Richtung Beirut ab.

Flucht im Kontrabass-Koffer?

Die Polizei verhörte am Donnerstag in Istanbul sieben VerdĂ€chtige, wie die tĂŒrkische Nachrichtenagentur DHA berichtete. Neben den Piloten seien dies ein Angestellter einer Frachtfluggesellschaft und zwei Mitarbeiter des Bodenpersonals.

Medienberichten zufolge könnte eine Gruppe ParamilitÀrs, die sich als Musiker verkleidet hatten, den Ex-Manager in einem Kontrabass-Koffer aus seinem Haus geschmuggelt haben. Der Ex-Automanager könnte allerdings auch mit diplomatischer Hilfe die Kontrollen umgangen haben.

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In einem Statement widersprach Ghosn Spekulationen, seine Familie könnte in die Planung seiner Flucht verwickelt gewesen sein. "Es war ich ganz allein, der meine Ausreise organisiert hat", so Ghosn. Anderslautende Berichte seien unwahr. "Meine Familie hat keine Rolle gespielt."

Im Libanon ist sein Aufenthaltsort unbekannt. Der Ex-Manager besitzt ein Luxusanwesen in Beirut. Er hat die französische, die brasilianische und die libanesische Staatsangehörigkeit.

Japan beantragt Auslieferung – Libanon sieht keinen Grund

Die japanischen Fernsehsender zeigten am Donnerstag live, wie Ermittler in dunklen AnzĂŒgen die Wohnung Ghosns in Tokio betraten. Erwartet werde, dass sie die dort installierten Überwachungskameras auswerten, berichtete der Sender NHK. Die Polizei verdĂ€chtige "mehrere Personen", ihm "illegalerweise" bei der Flucht geholfen zu haben.

Japan beantragte bei Interpol eine sogenannte Rote Notiz zur Festnahme und Auslieferung Ghosns – das Schreiben traf am Donnerstagnachmittag im Libanon ein. Das Land hat aber kein Auslieferungsabkommen mit Japan. Die libanesische Regierung hat zudem bereits verlauten lassen, Ghosn sei "legal" eingereist – mit einem französischen Pass und einem libanesischen Personalausweis. Die Generalstaatsanwaltschaft erklĂ€rte, es gebe keinen Grund fĂŒr eine juristische Verfolgung im Libanon.

Ghosn soll Firmengelder gestohlen haben

Ghosn war im November 2018 in Japan festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem vor, Firmenkapital zweckentfremdet und private Verluste auf Nissan ĂŒbertragen zu haben. Er selbst sprach von einer Verschwörung bei Nissan, um ihn loszuwerden. Grund sei, dass er Nissan noch nĂ€her an den französischen Autobauer Renault heranfĂŒhren wollte.

Er saß rund vier Monate in Haft, war aber im FrĂŒhjahr unter strikten Auflagen aus der Haft entlassen worden. Ghosns Verteidiger hatten mehrfach versucht, ihren Mandanten gegen Zahlung einer Kaution frei zu bekommen. Sie scheiterten zunĂ€chst damit, weil die Staatsanwaltschaft Fluchtgefahr sah. Ghosn hatte eine Fluchtabsicht bestritten und erklĂ€rt, er wolle sich vor Gericht verantworten, um seine Unschuld zu beweisen. Seine AnwĂ€lte argumentierten zudem, er sei viel zu bekannt, um unerkannt das Land verlassen zu können.

Wie die Nachrichtenagentur AFP aus Ermittlerkreisen erfuhr, hatte Ghosn eine Sondergenehmigung eines japanischen Gerichts und trug seinen französischen Zweitpass in einer Art Etui bei sich, das durch einen nur seinen AnwĂ€lten bekannten Geheimcode verschlossen war. Da sich Ghosn innerhalb Japans relativ frei bewegen konnte, habe er diesen Pass als Nachweis fĂŒr seinen Aufenthaltsstatus benötigt.

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FĂŒr seine Ausreise aus Japan nutzte Ghosn diesen Pass aber offenbar nicht. Frankreichs Regierung erklĂ€rte, sie wĂŒrde Ghosn nicht ausliefern, sollte er dorthin einreisen. "Wenn Monsieur Ghosn in Frankreich ankommt, werden wir ihn nicht ausliefern, weil Frankreich niemals seine StaatsbĂŒrger ausliefert", sagte WirtschaftsstaatssekretĂ€rin AgnĂšs Pannier-Runacher im Sender BFM.

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