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Kardinal Marx holt zum Rundumschlag gegen die Kirche aus

dpa, Britta Schultejans

Aktualisiert am 25.05.2020Lesedauer: 3 Min.
Kardinal Reinhard Marx: Der frĂŒhere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz will einen Wandel in der Kirche.
Kardinal Reinhard Marx: Der frĂŒhere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz will einen Wandel in der Kirche. (Quelle: ULMER Pressebildagentur/imago-images-bilder)
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Mit einem Rundumschlag fordert Kardinal Reinhard Marx in einem neuen Buch einen grundsÀtzlichen Wandel der katholischen Kirche. An konservative Widersacher schickt der prominente deutsche Bischof ein klares Signal.

Eine neue Theologie, mehr Menschlichkeit, mehr Freiheit, ein neues Zeitalter des Christentums: Wenige Monate nach seinem RĂŒckzug vom Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) fordert der MĂŒnchner Kardinal Reinhard Marx eine grundlegende Erneuerung der katholischen Kirche. In seinem Buch "Freiheit", das an diesem Montag (25. Mai) auf den Markt kommt, mahnt er einen grundsĂ€tzlichen Wandel an – und geht mit konservativen Widersachern hart ins Gericht. "Die kirchlichen Skandale und Krisen der letzten Jahre haben die Dringlichkeit zur Erneuerung unterstrichen", schreibt der 66-JĂ€hrige. "Bei mir jedenfalls hĂ€lt die ErschĂŒtterung darĂŒber an, dass 'Schein' und 'Sein' in der Kirche selbst so eklatant auseinanderfallen konnten."

Die Geschichte der Kirche gehe nicht zu Ende. "Zu Ende geht aber möglicherweise eine bestimmte Sozialgestalt und auch eine bestimmte Sprache", betont der Erzbischof von MĂŒnchen und Freising. Es werde sich vieles Ă€ndern an kirchlichen Lebensgewohnheiten. "Das betrifft das Zueinander von Freiheit und Gehorsam, Glaube und Leben, das VerhĂ€ltnis von MĂ€nnern und Frauen, Laien und Klerikern, Vielfalt und Einheit in der Kirche."

Marx: Moderne Freiheiten sind "unbedingt zu respektieren"

Zu der Erneuerung, die er fordert, gehört es fĂŒr ihn zwingend, moderne Freiheiten als gesellschaftliche Errungenschaft zu betrachten. Gewissensentscheidungen von Menschen seien "unbedingt zu respektieren". Es gehe "nicht an, die Freiheitsgeschichte der modernen Welt als Irrweg zu verdammen oder gar als Bedrohung des Glaubens und der Kirche zu sehen".

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Diese AusfĂŒhrungen sind vor allem vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., sich gerade erst in einer neuen Biografie völlig gegensĂ€tzlich zu modernen Freiheiten geĂ€ußert und beispielsweise HomosexualitĂ€t nur notdĂŒrftig verklausuliert als Werk des Antichristen bezeichnet hat.

Benedikt XVI.: Der emeritierte Papst wird von Kardinal Marx nur bei seinem weltlichen Namen Joseph Ratzinger genannt.
Benedikt XVI.: Der emeritierte Papst wird von Kardinal Marx nur bei seinem weltlichen Namen Joseph Ratzinger genannt. (Quelle: UPI Photo/imago-images-bilder)

Ratzinger, dem Kritiker vorwerfen, er habe sich als konservativer Schattenpapst gegen seinen Nachfolger Franziskus in Stellung bringen lassen, kommt in Marx' Buch genau einmal vor – explizit "Joseph Ratzinger" genannt und nicht Papst Benedikt. Zum Vergleich: Papst Franziskus findet rund 30 Mal meist lobende ErwĂ€hnung.

Musste Marx, der auch schon einmal den Ruf hatte, ein Konservativer zu sein, sich als DBK-Vorsitzender bis zu seinem ĂŒberraschenden RĂŒckzug in diesem FrĂŒhjahr oft noch zurĂŒcknehmen in seinem erwachenden Reformeifer, deuten nun zahlreiche Ausrufezeichen in seinem neuen Buch darauf hin, dass es damit nun womöglich vorbei ist.

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Er galt ohnehin schon als treibende Kraft hinter dem Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, der "Synodaler Weg" genannt wird und sich mit der Sexualmoral, dem Zölibat und der Stellung der Frau befassen soll. Konservative wie der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki und besonders der frĂŒhere Regensburger Bischof und ehemalige PrĂ€fekt der Glaubenskongregation im Vatikan, Kardinal Gerhard MĂŒller, gelten als scharfe Kritiker dieser Linie.

Konservative Kirchenstimmen hÀtten "nichts gelernt aus der Geschichte"

In seinem Buch nennt Marx keinen dieser Namen. Doch er wendet sich klar gegen konservative, reaktionĂ€re Strömungen. Eine Kirche, "die in einer rein negativen Sicht der Moderne verharrt und sich zurĂŒcktrĂ€umt in eine idealisierte Vergangenheit (...) ist nicht nur ĂŒberholt, sondern sogar zu verhindern. Dass solche Stimmen zum Teil vermehrt zu hören sind, beunruhigt mich." Diese hĂ€tten "nichts gelernt aus der Geschichte". Er könne nicht akzeptieren, "dass der Weg der Kirche ein Weg in eine grĂ¶ĂŸere Enge, in einen stĂ€rkeren Fundamentalismus wird und sich möglicherweise sogar politisch, gesellschaftlich und auch theologisch auf eine autoritĂ€re Restauration zubewegt".

Der Kardinal schreibt, er hoffe auf "eine neue Epoche des Christentums" und eine "neue Theologie", die "einen Schritt weiter" gehe. "Es muss eine Theologie sein, die noch stĂ€rker lernt, die "Zeichen der Zeit" im Licht des Evangeliums zu deuten", betont Marx. "Eine Kirche, die ihren Glauben hauptsĂ€chlich in theologisch reflektierten Texten und im Katechismus ausdrĂŒckt (...) wird Menschen kaum anziehen können." Der Kirche dĂŒrfe "nichts Menschliches fremd sein". "Wenn frei sein und katholisch sein nicht zusammengehören können, ist der Weg des Glaubens in die Zukunft versperrt."

Marx spricht sich explizit gegen Priesterweihe fĂŒr Frauen aus

Das klingt zum Teil ungemein progressiv, ganz konkret wird Marx allerdings nicht. Zum Umgang der katholischen Kirche mit Homosexuellen Ă€ußert er sich nicht. Und das Wort Zölibat kommt nicht einmal vor auf den 175 Seiten des Buches. In seinem eigentlich ziemlich flammenden PlĂ€doyer fĂŒr mehr weiblichen Einfluss in der Kirchenleitung betont er, dass es ihm dabei explizit nicht um die Priesterweihe fĂŒr Frauen geht.

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Es gehe nicht darum, "eine "Zeitgeistkirche" zu schaffen", betont Marx. "Wird die Kirche in diesen Auseinandersetzungen unserer Zeit auf der Seite der verantwortlichen Freiheit stehen und sich fĂŒr eine offene Gesellschaft einsetzen, in der diese Freiheit gelebt werden kann?, fragt er. "Ich hoffe es sehr!" Wieder ein Ausrufezeichen.

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