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Darknet an der Mosel: "Cyberbunker"-Prozess hat begonnen

Von dpa
Aktualisiert am 19.10.2020Lesedauer: 4 Min.
Im Landgericht Trier ist der Gerichtssaal f├╝r den "Cyberbunker"-Prozess vorbereitet.
Im Landgericht Trier ist der Gerichtssaal f├╝r den "Cyberbunker"-Prozess vorbereitet. (Quelle: Birgit Reichert/dpa./dpa)
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Trier (dpa) - Es ist ein tiefer und langer Blick in die Abgr├╝nde des Internets: Drogendeals im Wert von vielen Millionen Euro, Datenhehlerei, Computerangriffe und Falschgeldgesch├Ąfte - bis hin zu verlinkter Kinderpornografie und Mordauftr├Ągen.

Seitenweise tr├Ągt Oberstaatsanwalt J├Ârg Angerer die kriminellen Machenschaften im Darknet vor, die ├╝ber die Server in einem alten Bunker an der Mosel gelaufen sein sollen. Seine Anklage richtet sich nicht gegen die Dealer, sondern gegen die, die die Gesch├Ąfte im gro├čen Stil erst m├Âglich gemacht haben: Acht mutma├čliche Cyberkriminelle, die ├╝ber Jahre unter der Erde versteckt ein Rechenzentrum f├╝r illegale Webseiten betrieben haben sollen.

Am Montag hat der Prozess um den "Cyberbunker" von Traben-Trarbach vor dem Landgericht Trier begonnen. Er ist eines der bundesweit gr├Â├čten Verfahren gegen Cybercrime: Der mutma├člichen kriminellen Vereinigung wird Beihilfe zu mehr als 249.000 Straftaten vorgeworfen. Die Anlage in Traben-Trarbach war vor gut einem Jahr in einer gro├čen Aktion mit Hunderten Polizisten nach f├╝nfj├Ąhrigen Ermittlungen ausgehoben worden.

Angeklagt sind vier Niederl├Ąnder, drei Deutsche und ein Bulgare im Alter von 21 bis 60 Jahren. Sie sollen in wechselnder Beteiligung von Juni 2013 bis September 2019 illegale Webseiten gehostet und dadurch Beihilfe zu den von ihren Kunden begangenen Straftaten geleistet haben. Kopf der Bande ist laut Anklage ein 60-j├Ąhriger Niederl├Ąnder gewesen, der den fr├╝heren Bundeswehr-Bunker erworben und aufgebaut hatte. "Er war der R├Ądelsf├╝hrer", sagte Angerer.

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Bei der Bande, die ├╝ber die Jahre gewachsen sei, habe es "eine feste Rollenverteilung mit klarer Hierarchie" gegeben. Die beiden S├Âhne des 60-j├Ąhrigen Niederl├Ąnders waren laut Anklage als Administratoren f├╝r Kundenauftr├Ąge und IT zust├Ąndig. Eine Deutsche (53) sei "Buchhalterin" gewesen, ein anderer Niederl├Ąnder eine "Art Manager" (50).

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz ist es ein einmaliger Prozess. Nicht nur vom Umfang her - wurden in dem alten Bunker doch 886 physische und virtuelle Server mit zwei Millionen Gigabyte sichergestellt. Nein, auch weil erstmals die Betreiber krimineller Plattformen im Darknet vor Gericht stehen. Der Cyberbunker soll ein "Bulletproof-Hoster" (kugelsicherer Hoster) gewesen sein, der damit warb, ein vor dem Zugriff der Polizei sicheres Datenzentrum anzubieten.

Kunden sollen Plattformen wie "Wall Street Market" mit rund 240.000 Bet├Ąubungsmittel-Deals im Wert von gut 36 Millionen Euro gewesen sein. Auch der Darknet-Marktplatz "Cannabis Road" etwa nutzte den Cyberbunker. Und: Der gro├čangelegte Angriff auf Router der Telekom im November 2016 soll ebenfalls ├╝ber dortige Server gesteuert worden sein - daher lautet die Anklage auch auf Beihilfe zu versuchter Computersabotage.

Am ersten Prozesstag wurde die gut 40-seitige Anklage verlesen. Der Prozess begann unter hohen Sicherheitsvorkehrungen bei Corona-Bedingungen: Mit angebrachtem Plexiglas an einzelnen Sitzpl├Ątzen der Angeklagten, Verteidigern und Ankl├Ągern - sowie wenigen Pl├Ątzen im Zuschauerbereich. Nicht alle, die morgens anstanden, kamen in den Saal.

Die zentrale Frage in dem Mammutprozess, der bis Ende 2021 terminiert ist, ist: Kann man den Angeklagten nachweisen, dass sie von den illegalen Machenschaften ihrer Kunden wussten? Und diese dabei auch unterst├╝tzt haben? Dieser "doppelte Vorsatz" sei beim Nachweis der Beihilfe zu Straftaten zentral, sagte Angerer. Er ist optimistisch. Dies sei gelungen ├╝ber die ├ťberwachung des Netzknotens im Zentrum. Unter anderem anhand von Chats k├Ânne man dies belegen, sagte er.

"Die Staatsanwaltschaft muss liefern, sie muss beweisen", sagte einer der Verteidiger des hauptangeklagten Niederl├Ąnders, Michael Eichin. Er habe den Eindruck, dass sein Mandant als "so ein Superschurke hochstilisiert" werden solle. Dass da auf dem Server "in erheblichem Umfang" illegale Seiten betrieben wurden, sei Fakt. Dass sein Mandant von all dem gewusst haben soll, sei aber "absurd". Vor Gericht sagte der Niederl├Ąnder, er werde sich sp├Ąter einlassen. Eichin sagte: Sein Mandant sei "ein Nerd", was spezielle Apps angehe, die der Softwareingenieur seit 20 Jahren entwickele. Er hatte zuvor schon mal einen Cyberbunker in Kloetinge in den Niederlanden betrieben.

Die mutma├čliche Bande hatte unter dem Firmennamen Cyberbunker damit geworben, sich nicht f├╝r die Gesch├Ąfte ihrer Kunden zu interessieren. "Kunden k├Ânnen alles hosten, was sie m├Âgen - au├čer Kinderpornografie und allem, was mit Terrorismus zu tun hat", hie├č es auf alten Seiten, die in Internetarchiven noch abrufbar sind. In einem Angebot konnte man schon f├╝r 2000 Euro pro Jahr eine Webpr├Ąsenz mieten. Dazu musste kein Vertrag geschlossen werden, Namen oder Adressen war nicht n├Âtig. Anonyme Zahlungen auch in Bitcoin wurden akzeptiert.

Angerer trug in seiner fast zweist├╝ndigen Anklage Beispiele f├╝r Deals vor: ein Gramm Heroin gab es f├╝r 70 Euro, gef├Ąlschte Ausweise mit Hologramm f├╝r 70 bis 120 Euro. Die K├Ąufer sind mit Nicknames (Spitznamen) unterwegs: Von "Gorilla" ├╝ber "MartinLuther" bis "Just Business 24".

Anwalt Eichin sagte, er hoffe "auf ein faires Verfahren". Es werde "ein langwieriger, ein aufreibender Prozess". Er rechne damit, dass auch "rechtliches Neuland betreten" werde. Und: Am Ende werde "die Sache sicherlich nicht hier in Trier entschieden. Egal, wie es ausgeht, wird sich der Bundesgerichtshof dazu ├Ąu├čern", sagte er. Der Prozess geht diesen Donnerstag (10 Uhr) weiter.

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