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Loveparade-Prozess: Opfer-Anwalt will Aufklärung und Schadensersatz

Anwalt der Loveparade-Opfer  

"Manche können nicht mal mehr den Nahverkehr nutzen"

Von Nathalie Helene Rippich

06.02.2019, 13:04 Uhr
 (Quelle: t-online.de)
Loveparade: Prozess gegen sieben Angeklagte eingestellt

Der Prozess um die Katastrophe bei der Loveparade 2010 wird mit nur noch drei Angeklagten fortgesetzt. Gegen die Mitarbeiter der Stadt Duisburg und den Kreativdirektor des Veranstalters wurde das Verfahren eingestellt. (Quelle: t-online.de)

Loveparade: Gegen sieben der zehn Angeklagten wurde das Verfahren mittlerweile eingestellt. (Quelle: t-online.de)


21 Tote, Hunderte Verletzte: Für die Loveparade-Katastrophe wird wohl niemand zur Verantwortung gezogen. Juristisch vertretbar. "Aber für die Opfer schrecklich", sagt deren Anwalt Julius Reiter

Der 21. Juli 2010 sollte für Tausende Techno-Begeisterte das Highlight des Sommers werden. Das Wetter in Duisburg war gut, die Stimmung ausgelassen. Bis es zur Katastrophe kam: Bei einer Massenpanik starben 21 Menschen, mehr als 500 wurden zum Teil schwer verletzt.

Achteinhalb Jahre nach dem Unglück konnte noch kein Verantwortlicher verurteilt werden. Das zuständige Landgericht hat jetzt das Strafverfahren gegen sieben Angeklagte ohne Auflagen eingestellt. Drei weitere Angeklagte müssten bei Einstellung etwa 10.000 Euro zahlen – sie wollen aber, dass weiter verhandelt wird. 

"Ich denke, dass hier gepokert wird", sagt Opfer-Anwalt Julius Reiter t-online.de. Denn: Im kommenden Jahr tritt die maximale Verjährungsfrist in dem Fall ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Gericht bis dahin zu einem Urteil kommt, ist aus Sicht des Experten sehr gering. "Das Gericht steht hier vor einem Dilemma."

Der Tunnel, in dessen Umfeld es zur Massenpanik kam: Rettungskräfte versorgen Opfer, Teilnehmern steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.  (Quelle: imago images)Der Tunnel, in dessen Umfeld es zur Massenpanik kam: Rettungskräfte versorgen Opfer, Teilnehmern steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. (Quelle: imago images)

Juristisch gesehen sei die Einstellung der Verfahren nachvollziehbar, sagt Reiter. "Aber für unsere Mandanten ist es zum Teil schwer zu verstehen, dass ein Prozess, bei dem es um die Aufklärung geht, warum 21 Menschen sterben mussten und hunderte Menschen verletzt wurden, einfach ohne Urteil eingestellt wird." 

Das Gericht kann nichts für Ermittlungsfehler

Mit der Arbeit des Gerichts ist Reiter dennoch zufrieden. Es sei sichtlich um Aufklärung bemüht. "Und Aufklärung ist für uns noch wichtiger als Bestrafung." Die Opfer wollen wissen, wie es zu dem Unglück kam. Die Kammer könne Fehler, die im Ermittlungsverfahren begangen wurden, nicht rückgängig machen. 

Und dass Fehler gemacht wurden, ist für ihn klar. "Der neue Gutachter würde jetzt noch über 500 Zeugen hören wollen. Das zeigt, dass entweder bei den Ermittlungen etwas falsch gelaufen ist oder er sehr ambitioniert ist", sagt Reiter. 

Die Einstellung der Verfahren sei für Reiter zwar unbefriedigend, aber vertretbar. Denn "es sitzen zu wenige und teilweise auch zu 'kleine Leute' auf der Anklagebank. Die Hauptakteure – der Sponsor und Veranstalter der Loveparade, der damalige Duisburger Oberbürgermeister sowie der Sicherheitsdezernent – fehlen". Der Prozess hat gezeigt, dass die Katastrophe durch ein "multikausales Versagen und unkoordiniertes Handeln vieler" verursacht wurde. 

Deutsches Justiz-System mit Umfang des Verfahrens überfordert

Und noch etwas wurde deutlich: "Wir sind in Deutschland für solche Mammut-Prozesse nicht gewappnet. Die Justiz braucht für Großverfahren speziell ausgebildete Dezernate. Und wir müssen an den Verjährungsfristen etwas ändern, um den Zeitdruck aus den Prozessen zu nehmen", sagt Reiter. "Die jahrelange Ermittlungsarbeit und die im Jahr 2016 erfolgte Entscheidung, das Verfahren nicht zu eröffnen, hat dazu geführt, dass es nahezu unmöglich ist, ein so umfangreiches Verfahren innerhalb der verbliebenen zweieinhalb Jahre mit einem Urteil zu Ende zu bringen."

 

 
Klar ist für Reiter und seine Mandanten, dass sie weiterhin am Prozess teilnehmen werden, um die Aufklärung voranzutreiben. Und dann gehe es in einem weiteren Schritt um Schmerzensgeld und Schadensersatz. Zahlen sollen das Land als Verantwortlicher für die Polizei, die Stadt – und der Veranstalter. "Die Opfer leiden immer noch unter den Folgen der Massenpanik", sagt Reiter. "Manche können nicht mehr den öffentlichen Nahverkehr nutzen, weil sie Menschenmassen meiden."

Verwendete Quellen:
  • eigene Recherche

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