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FlĂŒgel durchbricht Polizeikette: Jetzt spricht der Pianist

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 02.12.2020Lesedauer: 6 Min.
Klavier im Einsatz: Unter den HĂ€nden von Arne Schmitt und vor den HĂ€nden von "Querdenken"-Demonstranten. Der FlĂŒgel durchbrach die Kette bei der Demonstration am Mittwoch. Nun erzĂ€hlt der Klavierspieler die Geschichte dazu und wie er spĂ€ter festgenommen wurde.
Klavier im Einsatz: Unter den HĂ€nden von Arne Schmitt und vor den HĂ€nden von "Querdenken"-Demonstranten. Der FlĂŒgel durchbrach die Kette bei der Demonstration am Mittwoch. Nun erzĂ€hlt der Klavierspieler die Geschichte dazu und wie er spĂ€ter festgenommen wurde. (Quelle: Imago/David Peters)
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Bei den Demos gegen das Infektionsschutzgesetz hielten die Absperrungen der Polizisten – fast. Nur ein Pianist und sein FlĂŒgel durchbrachen die Polizeikette. Wie piano kann Protest sein im Geschrei und Wasserwerferregen?

Von Klavierspieler Arne Schmitt gibt es einige Bilder, die bleiben vom Geschehen am Brandenburger Tor am Mittwoch. Ein rege geteiltes Video endet damit, dass er in einen Gefangenentransporter geworfen wird: "Das könnt ihr doch nicht machen." Er hatte Klavier gespielt. Der Straßenmusiker war der Störer, um den herum sich Menschen ohne Maske und Abstand gebildet hatten. Schmitt schimpft nicht pauschal auf Polizei oder den Staat.


Diese Spitzenpolitiker hatten das Coronavirus

Emmanuel Macron: Frankreichs PrÀsident hatte Symptome, wie Husten und Fieber.
Jair Bolsonaro: Der brasilianische Regierungschef verharmlost das Virus immer noch. Am 7. Juli 2020 war bekannt geworden, dass der 65-JĂ€hrige an Covid-19 erkrankt war.
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Der 47-JĂ€hrige reist seit 23 Jahren mit Piano durch die Welt. Er hat auch hat bei der großen Querdenken-Demo am 29. August in Berlin gespielt und am 9. November in Leipzig.

Vier Stunden vor der im Video dokumentierten Festnahme hatte die Polizei ihn schon einmal von seinem Hocker gezogen. Arne Schmitt war gerade mit seinem Klavier durch die Polizeiabsperrung zwischen Brandenburger Tor und Reichstag gefahren, die ein Vordringen der Demonstranten Richtung Parlament verhindern sollte. "Das war ein Statement", sagt Arne Schmitt danach zu t-online. "Ein Piano steht nie fĂŒr Gewalt, es steht fĂŒr Frieden, und der war stĂ€rker."

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"Geplant hatte ich das nicht"

Man kann es aber auch darauf reduzieren, dass ein Pulk schiebender Demonstranten auf der einen Seite des 500 Kilo schweren FlĂŒgels ein KrĂ€ftemessen mit einigen drĂŒckenden Beamten auf der anderen Seite gewonnen hat. Vielleicht haben auch die zwei Elektromotoren im fahrbaren Untersatz des FlĂŒgels geholfen, steuerbar mit einem Joystick? "Nicht, dass ich wĂŒsste", sagt Schmitt. Der FlĂŒgel teilte die Kette fĂŒr eine kurze Sekunde, ehe die Polizisten wieder Seite an Seite standen und keinen weiteren Demonstranten durchließen.

FlĂŒgel vs. Polizei: Das Musikinstrument mit Pianist Arne Schmitt durchbrach die Absperrung.
FlĂŒgel vs. Polizei: Das Musikinstrument mit Pianist Arne Schmitt durchbrach die Absperrung. (Quelle: David Peters)

"Geplant hatte ich das nicht", sagt Schmitt. Eher unfreiwillig war ihm gelungen, was laut Polizei 40 Hooligans erfolglos versucht hatten: Absperrlinien Richtung Reichstag zu durchbrechen. In sozialen Netzwerken machte das sofort Furore: "Klavier durchbricht Polizeikette" war eine Nachricht, die 2020 noch gefehlt hat. Der Dortmunder Journalist David Peters, der die Szene im Bild festhielt: "Du stehst da und denkst, das ist jetzt nicht ernsthaft passiert." Einen Vorteil hÀtten die Demonstranten dadurch nicht gehabt, keinen Raumgewinn.

Piano vor dem Brandenburger Tor: Arne Schmitt ist seit 23 Jahren Straßenmusiker, und in den vergangenen Wochen hat er große Kundgebungen mit "Querdenkern" begleitet. Am Mittwoch wurde sein Klavier durch die Polizeikette geschoben.
Piano vor dem Brandenburger Tor: Arne Schmitt ist seit 23 Jahren Straßenmusiker, und in den vergangenen Wochen hat er große Kundgebungen mit "Querdenkern" begleitet. Am Mittwoch wurde sein Klavier durch die Polizeikette geschoben. (Quelle: imago-images-bilder)

Polizisten zogen Schmitt sofort vom FlĂŒgel, er lag reglos am Boden, ein SanitĂ€ter wurde gerufen, sein FlĂŒgel stand ein paar Meter weiter. "Ich war nicht bewusstlos, ich hatte mich einfach ganz passiv verhalten. Es ging mir gut." Polizisten hĂ€tten ihn auch nicht schlecht behandelt, auch ein Arzt der Polizei habe sich noch um ihn gekĂŒmmert. "Ich schĂ€tze die Polizei auch, die meisten Beamten sind wirklich lieb." Und die EinsatzkrĂ€fte hĂ€tten nicht mal seine Personalien aufgenommen und ihn gehen lassen, sagt er und fragt. "Können die mir jetzt eigentlich nachtrĂ€glich noch etwas deswegen?"

"Ich wollte, dass wir gehört werden"

Denn eine Ordnungswidrigkeit habe er ja begangen: Er blieb, als die Kundgebung aufgelöst war und die Menschen gehen sollten. Und er war dann sogar mit seinem Klavier ganz nach vorne an die Absperrung gefahren. Er sprach von seiner erhöhten Position aus zu den Demonstranten. "Ich wollte, dass wir gehört werden, ich wollte, dass wir Energie zeigen: Wir bleiben hier. Aber wir sind friedlich."

Er hatte sein Wohnmobil und den AnhĂ€nger fĂŒr sein Instrument morgens rund einen Kilometer entfernt abgestellt. Ein Polizist habe ihm zwar gesagt, es sei alles abgesagt, er fuhr ĂŒber einen Radweg dennoch ans Brandenburger Tor: Sein FlĂŒgel steht auf einem fahrbaren Untersatz mit zwei Elektromotoren, der Straßenmusiker kann sein Klavier mit einem Joystick steuern.

Er spielte dort, er bot dort aber auch die Plattform fĂŒr einen Bundestagsabgeordneten, der per Megafon reden wollte. "Ich kannte ihn nicht, er wollte auch keine Parteiwerbung machen", sagt Schmitt. Es war Hansjörg MĂŒller, ein AfD-Hardliner, der Corona fĂŒr eine Verschwörung von Bill Gates hĂ€lt und die Maske fĂŒr ein "Symbol der antidemokratischen UnterdrĂŒckung".

So etwas wĂŒrde Schmitt nicht sagen. Schmitt will ĂŒber seinen Körper bestimmen und keinen Impfzwang, auch keinen indirekten, erklĂ€rt er. Aber er verweigert Masken in Menschenmengen nicht. Und er hat sogar zuletzt seinen 88-jĂ€hrigen Vater aus Vorsicht nicht umarmt, "fĂŒr den kann es gefĂ€hrlich sein". Der Klavierspieler wird auf Facebook von manchen "Querdenkern" als Heuchler beschimpft, weil er Maske trĂ€gt.

RĂŒckweg gesperrt: "Also habe ich gespielt"

Schmitt hat auch fĂŒr sich festgestellt, dass das "Querdenker"-Lager nicht die absolute Wahrheit gepachtet hat. Er hatte einen Beitrag von Bodo Schiffmann geteilt und spĂ€ter gemerkt, dass das Unsinn war. "Ich war auch manchmal zu leichtglĂ€ubig mit alternativen Quellen und bin da jetzt vorsichtiger, die Emotionen gehen schnell durch." Aber insgesamt bekĂ€men die kritischen Stimmen zu wenig Aufmerksamkeit, findet er. "Vielleicht irre ich auch. Ich weiß nicht, wer recht hat", sagt Schmitt. Aber Bedenken sollten mehr gehört werden. "Sonst mĂŒssten wir ja gar nicht demonstrieren."

FĂŒr ihn und seinen FlĂŒgel war das Demonstrieren auf der anderen Seite der Polizeikette erst einmal beendet. Weiter konnte er aber auch nicht, der Weg war abgesperrt. "Ich habe dann ein bisschen im Internet gelesen, was im Bundestag passiert ist." Es ist schon dunkel, als er vorbei am Brandenburger Tor und ĂŒber die Straße des 17. Juni zum Fahrzeug will. Aber auch diese Route ist noch dicht. "Also habe ich mich hingesetzt und gespielt." Ruhige KlĂ€nge, beruhigende Musik.

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Als ein Polizist kommt, kann er ihm eine E-Mail des Bezirks Mitte vorweisen, dass Straßenmusik erlaubt ist. "Auf der anderen Straßenseite", habe ihm der Polizist gesagt. Schmitt wechselt, aber der Polizist kommt bald wieder. Die Szenen jetzt sind durch mehrere Videos dokumentiert.

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Aus Trotz ein paar Akkorde "Freiheit"

WĂ€hrend zwei Wasserwerfer hinter ihm die RĂŒckfahrt antreten, scharen sich Menschen um ihn, manche mit Kerzen, aber alle zu dicht und wenige mit Maske. Ist das eine Versammlung? Schmitt und sein FlĂŒgel sind in jedem Fall Auslöser dafĂŒr, dass sich Menschen versammelt haben.

Der Polizist sagt, er mĂŒsse aufhören. Schmitt fragt nach dem Grund und will wissen, was die Polizei denn mache, wenn er weiterspielt. Er haut trotzig ein paar Akkorde "Freiheit" in die Tasten, will dann aber mit dem Polizisten das weitere Vorgehen besprechen. "Die Chance haben Sie vertan", entgegnet der Polizist, wĂ€hrend Schmitt sein Publikum auffordert, mehr Abstand einzuhalten.

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Kurz nachdem der Polizist nach dem Ausweis fĂŒr eine Ordnungswidrigkeitenanzeige fragt, kommt es zu der Szene, die Schmitt in einem Facebook-Posting "brutale Festnahme" nennt. Erregt fragt er den Polizisten: "Jetzt wollen Sie mir an die Karre fahren, dass ich Straßenmusik mache?" Der Polizist drehte sich daraufhin zu Kollegen um: "Zwei Mann nehmen den Herren jetzt mit, er ist sehr aufgebracht."

Schmitt wird zum zweiten Mal an diesem Tag vom Klavier gezogen, liegt zum zweiten Mal am Boden. Diesmal bekommt er aber die HĂ€nde auf dem RĂŒcken in Handschellen gelegt und wird in das Polizeifahrzeug getragen und hineingeworfen. Auf dem letzten Meter strampelt er mit den FĂŒĂŸen. Sind das Tritte? Der Klavierspieler ist jetzt einer von 365 Festgenommenen an diesem Tag. Im Wagen erfĂ€hrt er, dass er wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte angezeigt wird, er ist damit Gegenstand eines von 257 Strafermittlungsverfahren an diesem Tag.

PolizeiprÀsidentin: "Potenzial der Gewalt war immens"

Sein Verfahren dĂŒrfte nachtrĂ€glich den meisten Wirbel auslösen. Berlins PolizeiprĂ€sidentin Barbara Slowik spricht im "Tagesspiegel" davon, dass "das Potenzial und die BrutalitĂ€t der Gewalt immens" gewesen seien. Einer Polizistin ohne Helm sei mehrfach gegen den Kopf getreten worden. In "Querdenker"-KanĂ€len wird dagegen das Video von Schmitts Festnahme empört geteilt. Der Einsatz am Klavier wird instrumentalisiert.

WĂ€hrend Slowik sagt, man habe es "zunehmend mit einem Spektrum von Menschen zu tun, die unser System generell ablehnen und bereit sind, dafĂŒr extreme Gewalt anzuwenden", verbreiten "Querdenker" mit dem Video die Botschaft: Seht her, die Staatsmacht nimmt einen harmlosen Klavierspieler aus dem "bunten Publikum" fest. Gefilmt hat ihn eine als antisemitisch aufgefallene Querfront-Aktivistin bekannte Betreiberin einer Seite, die in Herzchen-Form Hetzbotschaften verbreitet.

Schmitt selbst zeigt sich vor allem verĂ€rgert: Dass er hartnĂ€ckig geblieben sei, habe die Polizei getriggert. Das könne er noch verstehen, auch wenn das Vorgehen unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig gewesen sei. "Aber ich habe nur passiv Widerstand geleistet." Den Vorwurf verstehe er deshalb nicht und plane nun auch eine Anzeige. Nach seiner Festnahme sei die Polizei aber sehr korrekt mit ihm umgegangen.

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Die Pressestelle der Berliner Polizei konnte zu dem Fall wegen der FĂŒlle von VorgĂ€ngen zunĂ€chst nichts sagen.* SpĂ€ter teilte sie mit, dass es um eine Ordnungswidrigkeit nach dem Infektionsschutzgesetz ging: Der Klavierspieler hatte die Menschen angezogen, die dabei die Vorsichtsmaßnahmen ignorierten. Weil Schmitt sich der IdentitĂ€tsfeststellung widersetzt habe, hĂ€tten die EinsatzkrĂ€fte unmittelbaren Zwang in Form von körperlicher Gewalt anwenden mĂŒssen. Zuvor habe es "deeskalierendes BemĂŒhen der EinsatzkrĂ€fte" gegeben, die Situation gewaltfrei zu lösen. Beim Transport ins Polizeifahrzeug habe der Mann "erheblichen Widerstand" geleistet "bzw. die EinsatzkrĂ€fte angegriffen". Aus den Videobildern wird das so nicht deulich. Um 18.12 Uhr sei der Klavierspieler nach gut einer Stunde entlassen worden.

Da kam es deshalb zu einer weiteren denkwĂŒrdigen Szene: Ein von mehreren Polizeifahrzeugen eskortierter FlĂŒgel fĂ€hrt ĂŒber die Straße des 17. Juni zum Abstellplatz des Wohnmobils. Der Demo-Tag ist vorbei fĂŒr Arne Schmitt, und das Klavier ist sogar heil geblieben.

*Der Text wurde nach der Stellungnahme der Polizei aktualisiert.

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