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"Es waren viele MĂ€nner – und die MĂŒtter"

Von chrismon-Autorin Christine Holch

Aktualisiert am 30.04.2021Lesedauer: 21 Min.
Anne: Das waren so Momente, wo man sich so ultimativ verloren gefĂŒhlt hat.
Anne: Das waren so Momente, wo man sich so ultimativ verloren gefĂŒhlt hat. (Quelle: Patricia Morosan/chrismon)
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Zwei Frauen berichten von sadistischer Gewalt, die sie als Kinder erlitten. Über Jahre. Sie sagen: HĂ€tten Menschen genauer hingesehen, hĂ€tten sie etwas bemerken können.

Gespannt haben die beiden Frauen den Prozess verfolgt, vergangenes Jahr in Freiburg: Eine Mutter hatte ihren Sohn missbraucht, das Kind ihrem Partner ausgeliefert sowie gegen Geld weiteren MĂ€nnern, jahrelang. Das Landeskriminalamt sagte: Noch nie habe man einen so schlimmen Missbrauchsfall ... "Das war unser Alltag", sagen die beiden Frauen.

Es kostet sie viel Überwindung, aber sie wollen berichten, was ihnen angetan wurde. Damit Kinder gerettet werden. Weil Menschen genauer hinsehen. Denn man hĂ€tte etwas bemerken können.

Es sind nachdenkliche Frauen, klug und mit Humor begabt. Pia und Anne* wollen sie in diesem Text heißen. Kennengelernt haben sie sich vor Jahren ĂŒber ein Forum. Was sie erlebten, trug sich in Berlin und im Osten Deutschlands zu, vor und nach der Wende.

Pia, heute 34, wuchs bei ihrer dauerstudierenden Mutter auf; der Missbrauch begann mit vier und endete mit 13. Anne, heute 44, kommt aus einem bildungsbĂŒrgerlichen Elternhaus, sie wurde ab dem sechsten Lebensmonat missbraucht.

Weil sie ahnen, dass das ErzĂ€hlen zu Schmerzen und Flashbacks fĂŒhren wird, haben sie sich UnterstĂŒtzung organisiert fĂŒr das GesprĂ€ch in Pias Wohnung. Stefan, Pias bester Freund, stellt sich vor: "Ich mach das Catering." Er soll Coolpacks reichen, WĂ€rmflaschen, Kaffee, Tabletten. Im Hintergrund an seinem Schreibtisch immer Pias Mann.

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Die TÀter inszenierten Verhöre, mit Drohungen und Strafen

Aber zunÀchst muss das AufnahmegerÀt aus dem Blick. Weil die TÀter Verhöre inszeniert haben, mit Drohungen und Strafen. Damit die Kinder niemals jemandem etwas erzÀhlen. Das Mikro wird hinter eine Saftflasche gestellt. Also: Was ist passiert?

Pia will es als Erste hinter sich bringen. Sie ringt nach Luft, sagt nichts, sagt endlich: "Wenn wir den Teil fertig haben, brauch ich ganz dringend eine große Kopfschmerztablette." Dann beginnt sie.

Mit drei bekam Pia Diabetes. Bald darauf trennten sich die Eltern. Weil der Vater kein behindertes Kind haben wollte, so stellte es die Mutter gegenĂŒber Pia dar; die Tochter sei schuld, dass der Verdiener weg ist, also mĂŒsse sie das Geld verdienen. Dann saßen drei MĂ€nner bei ihnen zu Hause auf der Couch. Sie mĂŒsse etwa vier gewesen sein, kurz vor der Wende, "denn wir hatten noch diese hĂ€ssliche dunkelbraune Couch". Anne ruft dazwischen: "Schlafsofa Dagmar! Hatten in der DDR alle."

Die Mutter habe das Kind angepflaumt: Zieh dich aus. Sie musste sich vor den Fremden drehen, einer tatschte sie ab, dann gingen die MĂ€nner. Irgendwann kam einer wieder und nahm sie mit. Eine Kellertreppe hinunter, sie schlang ihre dĂŒnnen Ärmchen um das metallene GelĂ€nder, wurde weggerissen, fiel mit dem Kopf auf eine Stufe, lag auf einem Tisch, strampelte, wurde gefesselt.

"Es fĂŒhlte sich an, als ob der Bauch bis zum Hals aufgerissen wird."

"Meine Mutter wusste das ganz genau"

Wusste die Mutter, was da genau passiert? "Sie wusste das, sie hat Geld dafĂŒr bekommen!" Pia schreit es fast. Rund um die Einschulung, als sie mal wieder besonders oft zu MĂ€nnern musste, behauptete die Mutter: Die Feier sei so teuer. "Außerdem, so ein Kind, das einem wieder nach Hause gebracht wird und das aus mindestens einer Körperöffnung blutet, WĂŒrgespuren am Hals hat, HĂ€ngespuren an den Handgelenken, rote HandflĂ€chen und Fußsohlen von den Verbrennungen – dass das nicht die Schaukel ausprobiert hat, das ist eindeutig. Sie wusste das ganz genau."

Dass auch MĂŒtter Kinder missbrauchen, dringt sehr spĂ€t ins gesellschaftliche Bewusstsein. Sozialwissenschaftlerin Barbara Kavemann forscht seit den 1980er Jahren zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche und erklĂ€rt den blinden Fleck.

Wieso HĂ€ngespuren an den Handgelenken?

Pia: Die haben einen aufgehĂ€ngt, an Hand oder Fußgelenken. Bei einem kleinen Kind kann man das auch ĂŒber der TĂŒr machen.

Verbrennungen durch was?

Pia: BĂŒgeleisen.

Anne: Bei mir auch Toaster mit Klappen.

Wieso ausgerechnet Verbrennungen?

Anne: Weil das narbenlos verheilt.

Warum macht das jemand?

Anne: Man sieht das Kind leiden.

Pia: Man hat Macht. Und Spaß daran.

Anne: Man kriegt das Kind dazu, alles "freiwillig" zu machen.

Pia: Nach dem FĂŒĂŸeverbrennen muss einer nur sagen: "Möchtest du dem Onkel einen blasen, oder wollen wir spazierengehen?"

"Damit du nie vergisst, dass du eine Sklavin bist"

Sie bringt ein Foto, von der Einschulung: vorn die kleine Pia in schwarzen LackschĂŒhchen und kurzĂ€rmeligem Kleid, dahinter die flippige Mutter in bunter Batikhose, die SchultĂŒte im Arm. Das Kind lĂ€sst die Arme hĂ€ngen. An den Handgelenken eine deutliche EinschnĂŒrung, oberhalb ist der Arm wulstig verdickt. Anne fĂ€llt auch auf, dass Pia auf den Außenkanten der FĂŒĂŸe steht. Alles kein Beweis, sagt Pia nĂŒchtern. Höchstens ein Hinweis.

Ein Hinweis – so wie die fast handtellergroße Brandnarbe auf Pias RĂŒcken. Sie hat den Pulli hochgeschoben. "Die sagten: 'Damit du nie vergisst, dass du eine Sklavin bist.'"

Wer macht so was? Anne und Pia hatten die TĂ€ter schon als Kinder kategorisiert. Es gab die "Harmlosen", die "Netten". Das seien die "wirklich Fehlgeleiteten", die in dem Kind ein GegenĂŒber suchten, das es nicht gibt. Die kauften den Kindern was zu essen und steckten ihnen Geld zu. Und hinterher sagten sie, wenn sie gefragt wurden, ob sie zufrieden waren: "Ja! Ein ganz liebes MĂ€dchen, macht alles." Damit das Kind nicht bestraft wurde.

Viel schlimmer dagegen die Sadistischen. Leider seien das die meisten gewesen.

"Pause!", sagt Stefan. Er stellt eine Dose Kekse auf den Tisch. Anne hat die gebacken. Ingwerkekse mit der vierfachen Menge an Ingwer. Anne und Pia fĂŒhlen sich durch die SchĂ€rfe ins Jetzt zurĂŒckgeholt.

Ja, sagt der Ermittler, gefesselte Kinder sehe man hÀufig

Solchen Sadismus, kennt den Staatsanwalt Benjamin Krause? Er arbeitet in der Zentralstelle zur BekĂ€mpfung der InternetkriminalitĂ€t in Gießen. Dort sichtet man Fotos und Videos von Kindesmissbrauch. Ja, sagt er, gefesselte Kinder zum Beispiel sehe man hĂ€ufig. Auch Verbrennungen habe er schon gesehen, aber die Aufnahmen, die heutzutage kursieren, seien in Osteuropa oder in Asien hergestellt.

Pia war auch mit Strom gequÀlt worden. Das Surren eines Netzteils ertrÀgt sie nicht. Ihr Mann rasiert sich nass. Er legt beim Kochen das Messer aus der Hand, bevor er sie anspricht. Nur er geht in den Keller. Und wenn sie vor Ostern oder ihrem Geburtstag "sofort ganz weit weg" muss, organisiert er seine Termine um und reist mit.

Besonders schlimm war es immer Ostern. "So eine Kreuzigung kann man schön nachinszenieren", sagt Pia, "und Geburtstagskinder sind heiß begehrt bei Spinnern, das gibt denen einen Extrakick. 'Du wolltest doch eine Feier, jetzt machen wir eine ganz besondere.' DafĂŒr zahlen die einen hohen Preis."

Pia und Anne haben Furchtbares erlebt. Sie habe sich in manchen Momenten „ultimativ verloren“ gefĂŒhlt, sagt Anne.
Pia und Anne haben Furchtbares erlebt. Sie habe sich in manchen Momenten „ultimativ verloren“ gefĂŒhlt, sagt Anne. (Quelle: Patricia Morosan/chrismon)

Gibt es tatsÀchlich solche Netzwerke von Missbrauchern? "Wissen wir nicht", sagen Polizei und Staatsanwaltschaften. Es liegen ihnen keine Anzeigen von Opfern vor. Dass es organisierte sexualisierte Gewalt gibt, davon berichten Betroffene ganz anderen Stellen: Therapeutinnen oder der UnabhÀngigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

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Berichte von extremer, von sadistischer Gewalt, ĂŒber Jahre

Organisierter Missbrauch ist ein Dunkelfeld. Susanne Nick vom Hamburger Institut fĂŒr Sexualforschung hat es gerade ein wenig erhellt. 165 Betroffene gaben ihr Auskunft. Sie berichteten von extremer, von sadistischer Gewalt, ĂŒber Jahre, oft schon innerhalb der Familie, dann durch fremde TĂ€ter, hĂ€ufig floss Geld.

Pia möchte das Organigramm eines Netzwerks aufzeichnen. Sie beugt sich ĂŒber den Couchtisch – aber der Stift fĂ€llt ihr immer wieder aus der Hand. Was ist los? Stumm zeigt sie ihre HĂ€nde vor: Die Finger sind einwĂ€rts gekrĂŒmmt, im Krampf. Stefan erklĂ€rt, wĂ€hrend er in die KĂŒche geht: "Das sind Schmerzen wie damals, Pia durchlebt die gerade wieder." Er bringt ihr ein Coolpack. Die KĂ€lte ist ein Gegenreiz, so dass sie merkt: Es ist nicht damals.

Derweil hat Anne das Netzwerk gezeichnet: Pias Mutter am Rand, sie kannte die TĂ€ter am Ende nicht direkt. Aus SicherheitsgrĂŒnden. Sie gab das Kind einem Zulieferer, der fuhr das Kind auf irgendeinen Parkplatz, wo es in ein anderes Auto wechselte. Anne dagegen war Kind der Organisatoren selbst.

Können sich die beiden an Orte erinnern? Pia kennt keine Adressen, wĂŒrde aber zu einigen hinfinden. Anne, die lĂ€nger missbraucht wurde, kennt auch Adressen. Was sind das fĂŒr Orte?

Es geschah in Plattenbauten, Eigenheimen, JagdhĂŒtten

Es waren einsame SeminarhÀuser. Schallisolierte Partykeller in Plattenbauten. Wohnungen mit edlem FischgrÀtparkett. Schmuddelhaushalte mit angerostetem WÀschestÀnder auf der Badewanne. Eigenheime, in deren Flur die Schuhe der dort wohnenden Kinder ordentlich weggerÀumt waren.

JagdhĂŒtten, in denen es einen ausgefliesten Raum mit Schlauch gab, mit dem die Mischung aus Blut, Urin, Erbrochenem, FĂ€kalien und Sperma weggespĂŒlt wurde.

Anne war auch bei einem Apotheker mit Antikmöbeln. "Ich glaub, der hat jedes StaubkrĂŒmelchen persönlich geohrfeigt, er war komplett clean." Sie wurde schon im Flur ausgezogen und desinfiziert. War das einer der "Netten"? Nein, sagt Anne, "der war – schwierig."

Was war das Schlimmste? Vieles. Besonders schlimm: wertlos zu sein, ungeliebt. Pia versuchte mit sieben Jahren, sich mit Insulin das Leben zu nehmen – sie dachte, die Mama freue sich wenigstens dann mal ĂŒber das Kind.

Pia: Ich war nie genug. Ich wurde auch bei einer Eins minus bestraft.

Anne: Und ich, wenn ich die Gabel falsch einsortiert hatte im Besteckkasten. Schlafentzug war eine Strafe, ich schrieb die ganze Nacht Schulhefte ab.

Pia: Der Durst, wenn man endlos lang im Keller eingesperrt ist.

Anne: Ich musste verdorbenes Essen essen. Leberwurst, die schon grĂŒn und schleimig ist. Fisch, wenn er schlecht wird. Gibt eine ordentliche Lebensmittelvergiftung. "Wenn du das nicht isst, hast du keinen Hunger."

Zur Strafe in die Regentonne

Anne wurde zur Strafe oft in die Regentonne gesteckt, musste dann nass und mit nackten FĂŒĂŸen auf dem kalten Stein stehen, auch winters. Sie habe bestimmt zwei-, dreimal im Jahr eine LungenentzĂŒndung gehabt. Trotzdem musste sie in die Schule.

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Schlimm sind die Flashs, wenn die Vergangenheit ĂŒberfallartig zurĂŒckkehrt.
Schlimm sind die Flashs, wenn die Vergangenheit ĂŒberfallartig zurĂŒckkehrt. (Quelle: Patricia Morosan/chrismon)

Zur Erinnerung: Pias Mutter studierte und galt als weltoffen. Annes Eltern waren Akademiker, hatten als Chemiker gute Positionen, ein Haus, machten zweimal im Jahr Urlaub, und das waren keine Zelturlaube.

Haben die beiden je versucht, sich die BrutalitĂ€t ihrer Eltern zu erklĂ€ren? "Wir haben nur ĂŒberlebt", sagt Pia, "weil wir dauernd versucht haben zu verstehen, wie die ticken!" Um es ihnen doch irgendwie recht zu machen. Sie mögen diese Frage nicht. ErklĂ€ren und Verstehen sei so nah am VerstĂ€ndnis-Haben. Und von da sei es nur noch ein Schritt, die Eltern zu entschuldigen. Und sich selbst zu fragen, was man falsch gemacht hat, dass man nicht geliebt wurde.

Pia weiß, dass ihre Mutter ihrer eigenen depressiven Mutter engste Vertraute hatte sein mĂŒssen. Anne weiß, dass ihr Vater als Baby bei seinen Eltern fast verhungert wĂ€re, er kam zu Adoptiveltern. Ihre Mutter sei selbst missbraucht worden, habe das aber nie bearbeitet. Das erfuhr sie von der Schwester der Mutter.

"Meine Mutter hat sich dafĂŒr entschieden, böse zu sein"

Aber das rechtfertige doch nichts, sagt Pia. Die meisten Menschen, die als Kind Schlimmes erlebt haben, wĂŒrden nicht selbst gewalttĂ€tig. "Mal alle Psychologie beiseite: Meine Mutter hat sich immer wieder dafĂŒr entschieden, böse zu sein. Sie hat sich immer wieder gegen die Liebe entschieden und gegen die Nachsicht."

Wurden sie auch von ihren MĂŒttern missbraucht?

Anne: Von meinem Vater und von meiner Mutter. Aber nie zusammen. Mit 13 war ich schwanger, ich weiß nicht von wem, ich verlor das Kind.

Zu der Zeit hörte meine Mutter auf, sie fand mich nicht mehr attraktiv.

Pia: Bei uns lief es unter "Kuscheln". Ich musste um sechs Uhr morgens antreten. Sie schlief nackt. Manchmal hat sie mich gewĂŒrgt dabei.

Pia flĂŒstert: "Ich kann das nicht gut erzĂ€hlen, ich schĂ€me mich so doll."

"Pause!", rufen Stefan und Anne. Stefan bringt Pia eine Flauschdecke.

Warum werden manche Opfer spÀter selbst zu TÀtern und TÀterinnen? Man kann das die Sozialwissenschaftlerin Barbara Kavemann fragen. Sie ist Mitglied der UnabhÀngigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Manche Menschen, sagt Kavemann, kompensieren erlebte Ohnmacht durch eigene GewalttÀtigkeit. "Denn sich selbst zu beweisen, dass man kein Opfer mehr ist, erreicht man am leichtesten dadurch, dass man selbst gewalttÀtig wird." Andere dagegen setzen sich mit ihrer Ohnmachtserfahrung auseinander. Was hart ist.

Ein Verdacht keimt auf: Mein Kind könnte missbraucht worden sein. Soll ich den mutmaßlichen TĂ€ter konfrontieren? Soll ich das Kind genauestens befragen? Die erfahrene KinderschĂŒtzerin Julia von Weiler gibt Antwort auf die wichtigsten Fragen.

Barbara Kavemann, MitbegrĂŒnderin einer Opferberatungsstelle, erkannte schon Anfang der 90er Jahre, dass manche Frauen nicht nur Opfer, sondern auch TĂ€terinnen sind. Und manche sind ausschließlich TĂ€terinnen. "Bei Menschenhandel und bei organisiertem Missbrauch sind viele Frauen in den Strukturen. Nicht alle missbrauchen selbst sexuell, aber sie profitieren davon und organisieren das Ganze. Denn es ist schwierig, an Kinder heranzukommen ohne Frauen, ohne MĂŒtter."

Der Vater missbrauchte sie, als sie sechs Monate alt war

Ab wann Anne von ihrer Mutter missbraucht wurde, weiß sie nicht. Aber sie weiß, wann der Vater begann: als das Kind sechs Monate alt war. Das Baby erlitt durch die massive Gewalt einen Dammriss, einen tiefen Riss zwischen Scheide und Po. Man brachte es nicht ins Krankenhaus, sondern zur Krankenpflege zu den Großeltern. Anne erfuhr davon erst 2004, aus dem Brief einer Tante.

Die Tante stand vor einer Operation mit ungewisser Überlebenschance und wollte sich "entlasten", so schreibt sie an Anne, damals 30. Alle in der Familie hĂ€tten es gewusst. Und der Vater sei "vorher schon so komisch beim Wickeln" gewesen. Es habe halt jeder seine GrĂŒnde gehabt – so wie sie: Ihr Mann habe viel schwarzgearbeitet. Am Ende sei ja alles gutgegangen und Anne wieder gesund gewesen. Die Tante schließt ihren Brief hiermit: "Weißt du, man muss Vergebung lernen, sonst wird man nie glĂŒcklich."

Zwei Jahre spĂ€ter verlangte die Tante den Brief zurĂŒck. Man mĂŒsse das Gewesene auch mal hinter sich lassen. Anne behielt den Brief.

Sexuelle Gewalt an SÀuglingen, gibt es das wirklich? "Ja", sagt Staatsanwalt Benjamin Krause von der Zentralstelle zur BekÀmpfung der InternetkriminalitÀt, "auch Analverkehr bei SÀuglingen."

Mit zwei hat bei Anne auch das "Verkaufen" angefangen. Woher sie das weiß? "Ich musste spĂ€ter einen Teil der BuchfĂŒhrung machen. Mein Vater war einer der drei Organisatoren und ein Pedant." Da standen jahrgangsweise Mappen, darin aufgelistet die Namen der MĂ€dchen und was man mit ihnen verdient hat, wie viel Geld fĂŒr ZwischenhĂ€ndler, Essen und SchĂ€den bezahlt wurde. Sie blĂ€tterte zurĂŒck, 1976 fand sie erstmals ihren Namen.

Eigene Erinnerungen hat sie ab etwa vier. Dass ihr die Eltern sagten: "Man muss sich sein Bett und sein Essen verdienen. Wir gehen arbeiten, und das ist deine Arbeit."

In der Schule war Anne stĂ€ndig ĂŒbermĂŒdet

Trotzdem war Anne gut in der Schule. Zur Klassenbesten reichte es nur deswegen nicht, weil die Kopfnoten nicht stimmten. Sie war stĂ€ndig ĂŒbermĂŒdet, schlief oft ein, rutschte auch mal vom Stuhl, schlief auf dem Klassenboden weiter.

In Sport waren sie beide nicht gut. Sie schleppten sich mit verbrannten Fußsohlen durch die ZiellĂ€ufe. Und hatten auch bei grĂ¶ĂŸter Hitze lange Sporthosen an – angeblich, so die MĂŒtter, weil sie hĂ€ssliche Beine hĂ€tten.

Pia: Klar, an den Beinen sind die Spuren. Von den SchnĂŒren, von den SchlĂ€gen.

Anne: Vom Genitalmissbrauch.

Pia: Wenn sich drei Typen Spaß mit einem kleinen MĂ€dchen gönnen, dann wird das ab den Knien sichtbar: blaue Flecke, Kratzspuren, Bissspuren, Knutschflecke.

Fielen diese Verletzungen denn nie jemandem auf? Den SchulĂ€rzten zum Beispiel? Ach, sagt Anne, die schleusten 20 Kinder in einer Schulstunde durch. Außerdem wurden die Untersuchungen angekĂŒndigt. Entweder achteten die Eltern darauf, dass die Wunden bis dahin ausgeheilt waren, oder sie nahmen Anne an dem Tag aus der Schule.

Kam sie zum Ersatztermin auch nicht, wurden die Eltern vorgeladen. "Zu dem Termin erschienen dann meine Akademikereltern mit einem Ă€ußerst gnatzigen Gesicht – dass sie maximal beschĂ€ftigt sind und warum man sie mit so was behelligt, wo es dem Kind doch gut geht, das sieht man doch."

Das Kind hatte zwar stĂ€ndig Blessuren, aber die konnten die Eltern immer erklĂ€ren: "Sie wissen doch, das Kind findet das einzige Loch auf der Straße." Stimmte ja auch, sagt Anne heute, "ich stolperte dauernd. NatĂŒrlich. Ich war maximal unaufmerksam als Kind. Ich galt als der klassische UnglĂŒcksrabe, da guckt man dann gar nicht mehr hin. Und dass ich mit meinen Beinen nicht klarkam, konnte man als Wachstumsschub ausgeben."

Das Jugendamt ĂŒbersah die AuffĂ€lligkeiten

Bei Pia, der Tochter der alleinerziehenden Studentin, war sogar das Jugendamt mit im Spiel – aber alle VerhaltensauffĂ€lligkeiten fĂŒhrte man darauf zurĂŒck, dass das Kind seine Diabeteserkrankung nicht akzeptieren konnte.

Wie sehr hĂ€tte sich Pia gewĂŒnscht, dass die Leute vom Jugendamt mal nur mit ihr, dem Kind, gesprochen hĂ€tten! Mit der Zusicherung: Das bleibt alles unter uns, und es kann keine Strafe fĂŒr dieses GesprĂ€ch geben. Stattdessen habe man sich von ihrer so sympathisch und fĂŒrsorglich wirkenden Mutter tĂ€uschen lassen.

Das ist der blinde Fleck: MĂŒtter als TĂ€terinnen. Die Freiburger StaatsanwĂ€ltin Nikola Novak hat die Ermittlungen im Missbrauchsfall Staufen geleitet, sie klagte die Mutter an. Auch wenn sie damit oft auf UnverstĂ€ndnis stĂ¶ĂŸt, Novak richtet ihren Blick schon lang auch auf MĂŒtter – als TĂ€terinnen oder, hĂ€ufiger, als Mitwisserinnen, die nicht eingreifen – denn auch die Verletzung der FĂŒrsorgepflicht wird bestraft, mit bis zu drei Jahren Haft.

Haben Pia und Anne denn nie jemandem was gesagt? Doch, Pia hat es mehrmals versucht. Aber wegen des Schweigegebots durch TĂ€ter und Mutter musste sie es so verklausulieren, dass sie nichts verriet und trotzdem verstanden wurde. Also sagte sie so was wie: Böse Monster haben mich entfĂŒhrt und meinem Bauch wehgetan. Dann fragten KindergĂ€rtnerinnen und Grundschullehrer die Mutter: "Die Pia erzĂ€hlte so komische Sachen – stimmt das denn?"

Warum sind sie nicht weggelaufen? "Wir SIND weggelaufen!" Beide mit neun. "Aber das macht man nur ein oder zwei Mal. ZurĂŒckkommen ist die Hölle." Überhaupt: Wohin?

Anne: "Ich stand an dem See bei uns in der NĂ€he. Ich wusste, reinspringen bringt nichts, ich kann schwimmen. Und ich bin ja weggelaufen, weil ich NICHT sterben wollte. Wo sollte ich hin? Es gab nichts. Wenn man mit dem Satz 'Dich will keiner haben' aufwĂ€chst, dann spricht man auch keinen an. Die bringen einen eh zurĂŒck. Da hat man sich so ultimativ verloren gefĂŒhlt." TrĂ€nen rinnen ĂŒber ihre Wangen.

Mit elf rannte Anne sogar mal vor TĂ€tern weg. Einer der HaupttĂ€ter fuhr mit ihr in die "Ferien" auf RĂŒgen, seinen Trafo mit im Auto. Er folterte das MĂ€dchen mit Strom. An einem Abend fragte Anne, ob sie noch mal zur Toilette dĂŒrfe, bevor es losging. Erstaunlicherweise durfte sie. Sie rannte los. Sofort waren zwei der MittĂ€ter hinter ihr her, schneller als sie, es gab keinen Ausweg, nur nach vorn – sie stĂŒrzte die Kreidefelsen hinunter, landete mit der HĂŒfte auf einem Felsbrocken. Mehrfacher Beckenbruch. Der Bruch wurde in einem Schlafzimmer auskuriert, einer in der Leitung des Netzwerks war OrthopĂ€de. Die HĂŒfte wuchs schlecht zusammen. Seitdem hat sie Schmerzen.

Manchmal hilft es, an rosa Elefanten zu denken

Anne sagt plötzlich nichts mehr. Pia beugt sich zu ihr, sagt eindringlich: "Rosa Elefant! GrĂŒne Sternchen! TĂŒrkise Punkte!" Anne hat einen Flashback, wird ĂŒberflutet von der RĂŒckerinnerung. Manchmal hilft es, an rosa Elefanten zu denken. Endlich blinzelt Anne: "Okay." Sie ist wieder da. In Pias Wohnzimmer, in Sicherheit.

Pia: Ich weiß vom Kopf her, dass ich nicht schuld bin, aber mein Herz weiß es nicht.
Pia: Ich weiß vom Kopf her, dass ich nicht schuld bin, aber mein Herz weiß es nicht. (Quelle: Patricia Morosan/chrismon)

Was hielt die beiden MĂ€dchen am Leben? Es war das Versprechen, das jede sich gegeben hatte.

Anne: Ich hatte "dort" eine Freundin kennengelernt, Stefanie. Unser Mantra war: Mit 18 ziehen wir aus, und dann ist es vorbei, dann leben wir. Ich ĂŒberlebe das hier! Ich krieg das hin!

Pia: Ich wollte dort nicht sterben, es sollte nicht das Letzte sein, was ich sehe. Meine Mutter hat immer gesagt: "Einmal Hure, immer Hure." Aber ich habe mir versprochen: Es kommt noch was anderes. Ich werde auch mal so sauber sein wie die anderen Kinder in der Schule.

Aber erst einmal kam 1989 die Wende. FĂŒr die fĂŒnfjĂ€hrige Pia in Ostberlin bedeutet die Wende nur Pech. Ostberlin sei sofort von einer massiven Nachfrage aus Westberlin ĂŒberschwemmt worden, man habe also viel Geld verdienen können mit einem Kind, das bereits "eingeritten" war.

Bei Anne im Inneren der DDR war die TĂ€tergruppe kurz verunsichert, dann formierte sie sich neu. Sie war mittlerweile 16, jetzt ging man noch brutaler mit ihr um. Anne und Pia erklĂ€ren das so: Sex mit einer sehr jungen Frau könne man ĂŒberall kaufen, "aber wenn man jemanden an die Grenze der LebensfĂ€higkeit bringen will..."

Stefanie, die Freundin, mit der Anne den Ausstieg ertrĂ€umt hatte, hielt es nicht mehr aus, sie sprang vom Hochhaus, kurz vor den Sommerferien. Anne wusste: "Wenn ich hierbleibe, springe ich auch." Kurz entschlossen verließ sie das Gymnasium und begann eine Ausbildung als Sozialversicherungsfachangestellte.

"Das sind Dinge, die man nach und nach durchtropfen lÀsst"

Und endlich trat ein rettender Mensch in ihr Leben. Denn die Praktika verbrachte Anne bei der Landesversicherungsanstalt in einer westdeutschen Großstadt, untergebracht war sie bei einer stĂ€dtischen FinanzprĂŒferin: Gisela. Die erfasste sofort, dass sie hier ein großes, verlorenes Kind vor sich hatte. Sie dachte anfangs, der Vater schlage Anne. Empörend!

Hat Anne ihr denn nicht gleich alles erzĂ€hlt? Anne schĂŒttelt den Kopf. "Das ist ja nicht etwas, was man einfach so erzĂ€hlt", sagt Pia, "das sind Dinge, die man nach und nach durchtropfen lĂ€sst in einer dieser durchzitterten, durchfĂŒrchteten NĂ€chte, die jemand mit einem aushĂ€lt."

Jede Nacht kochte Gisela nun Kakao und saß an Annes Bett, wenn das MĂ€dchen wieder schreiend aufgewacht war. "Plötzlich in Ruhe schlafen zu können, da hab ich totale AlbtrĂ€ume gekriegt", sagt Anne. Ganz selbstverstĂ€ndlich gab Gisela ihre vielen Fernreisen und Freundestreffen auf. Als Anne mal vergaß, ein Brot fĂŒrs Abendessen einzukaufen, zitterte sie vor Angst. Gisela sagte nur: "Ach, dann machen wir Nudeln zum Salat." Keine Bestrafung, kein Weltuntergang. "Und egal was fĂŒr eine Zumutung ich war, Gisela gab mir immer das GefĂŒhl, dass es schön ist, dass ich da bin."

Die ersten vier Praktikumswochen waren um, Anne wollte den SchlĂŒssel zurĂŒckgeben, aber Gisela drĂŒckte ihn ihr wieder in die Hand: "Das ist deiner, hier ist jetzt dein Zuhause." Anne schluchzt, als sie das erzĂ€hlt.

Nur dem Vater war Anne immer noch ausgeliefert

Alsbald fuhr das junge MĂ€dchen jeden Freitag direkt von der Arbeit mit dem Zug zu Gisela und montags im Morgengrauen zurĂŒck ins BĂŒro. Nur unter der Woche war sie noch bei den Eltern, aber fĂŒr das Netzwerk nicht mehr verfĂŒgbar, auch weil man Gisela nicht einschĂ€tzen konnte – die kannte viele Leute, vielleicht auch den PolizeiprĂ€sidenten? Nur dem Vater war Anne immer noch ausgeliefert. "Es war ein Kampf."

FĂŒr Pia in Ostberlin war ein Ende der Qualen nicht absehbar, damals, Mitte/Ende der 90er Jahre. Es gibt ein Foto aus der Zeit: Man sieht eine beschwipste Silvesterrunde, die Mutter liegt auf der Couch, vor ihr sitzt Pia, die Mutter hat ihr den Arm ĂŒber die Schulter gehĂ€ngt und die Hand auf ihre Brust gelegt. Sie hat die Brustwarze zwischen ihren Fingerspitzen. Pia versucht, mit der freien Hand den Arm der Mutter wegzuschieben. Auch das sieht man.

Doch dann passierte etwas. Es war abends, die Mutter war nicht da, die nicht ganz 13-jĂ€hrige Pia spazierte noch mal um den Block. In einem Dönerladen plauderte sie mit dem VerkĂ€ufer, der zog sie nach hinten und vergewaltigte sie. "So makaber das klingt: Diese Vergewaltigung war mein GlĂŒck." Denn endlich hatte sie etwas, ĂŒber das sie sprechen durfte. Und das ihr jeder glaubte. "Denn dass ein DönerverkĂ€ufer ein MĂ€dchen vergewaltigt, das passte genau ins Bild der Leute."

So landete sie bei der Beratungsstelle "Wildwasser" und – weil Pia sich derart vehement weigerte, weiter bei ihrer Mutter zu wohnen – in einer geheimen MĂ€dchen-Notunterkunft. Die Mutter drohte Wildwasser mit Anwalt und Zeitung und ließ die Tochter in eine psychosomatische Klinik verbringen. Dort diagnostizierte man bei Pia Depressionen, SuizidgefĂ€hrdung und eine schwere posttraumatische Belastungsstörung – wegen der Vergewaltigung durch den DönerverkĂ€ufer, dachten die Ärzte.

Eine KlinikÀrztin nahm die Mutter zumindest als "destruktiv" wahr

Niemand hatte die Mutter in Verdacht. Die wollte, dass die Tochter nach Hause kam. Pia aber kÀmpfte mit aller Kraft dagegen an. SpÀt, aber dann doch, nahm die KlinikÀrztin die Mutter zumindest als "destruktiv" wahr, so schrieb sie es in einem Brief ans Jugendamt.

Und endlich, endlich traf Pia auf eine Frau, die sofort erkannte, in welcher Not das MĂ€dchen war: Alexandra, die taffe Leiterin eines Kinderheims. Die hatte schon viel gesehen. Sie merkte als Erste, an welcher Stelle Pia ihr ErzĂ€hlen immer abbrach. Alexandra sagte ganz direkt: "Weißt du, so was machen nicht nur MĂ€nner." Pia wurde wĂŒtend. Aber Alexandra redete einfach weiter: "Weißt du, wenn das Frauen machen, kann man sich das genauso wenig aussuchen, wie wenn das MĂ€nner machen." Pia schĂ€mte sich entsetzlich, dachte, die Heimleiterin ekele sich vor ihr. Die aber nahm das große Kind einfach in den Arm.

Es war auch die Heimleiterin, die das Foto außen an der WohnungstĂŒr der Mutter bemerkte. Sie hatte Pia zu einem Besuch begleitet – denn wie sehr wĂŒnschte sich Pia noch immer, dass ihre Mama sie liebhatte. Als sie gingen, löste Alexandra das Foto von der TĂŒr und gab es Pia.

Das Foto: Das vielleicht achtjĂ€hrige MĂ€dchen sitzt auf einer Fensterbank, es hat einen kurzen Rock an, ein Bein hĂ€ngt herunter, das andere hat das Kind aufgestellt, man sieht die Unterhose. Das Kind macht einen Kussmund. Der Fokus der Kamera liegt aber nicht auf dem Gesicht, sondern auf der weißen Unterhose.

Wer "Pia" und "Anne" helfen möchte, kann sich bei chrismon melden unter buhrfeind@chrismon.de.

Pia murmelt noch ein "Ich muss mich mal eben zusammenrollen, weil... das ist jetzt echt..." Stefan begleitet sie in ihr Zimmer. Anne ĂŒbernimmt: Das Foto sei ein "klassisches Anwerberfoto". Um neue Kunden zu animieren. DafĂŒr nehme man absichtlich nicht normale bunte KinderunterwĂ€sche, sondern "unschuldig" weiße WĂ€sche. "Das soll sagen: Du bist der Erste, der da ran darf."

Meist schlafen sie höchstens vier Stunden, seit Jahrzehnten

Pia und Anne haben als junge Frauen den Kontakt zu ihren Eltern komplett abgebrochen. Alles gut also?

Anne: Ich fĂŒhle mich wie 96. Es tut alles stĂ€ndig weh.

Pia: Die Panikattacken, die sind so heftig, dass Suizid der einzige Ausweg zu sein scheint.

Am schlimmsten sind die NÀchte. Wenn sie aus dem Schlaf hochschrecken und "dort" sind. Meist schlafen sie höchstens vier Stunden, seit Jahrzehnten.

Pia fĂŒhrt ein eng durchgetaktetes Leben, niemals dĂŒrfe Ruhe einkehren. Sie arbeitet Vollzeit als Pharmazeutin im Krankenhaus und macht nebenher ein Aufbaustudium. Sie funktioniere nach außen, sagt sie, doch der innere Leidensdruck sei groß. Sprechtherapien hĂ€tten ihr nicht geholfen. Und gute Trauma-Körpertherapeutinnen sind rar, sie findet keine.

Anne kann keine Kinder bekommen, zu schwer sind die Verletzungen. Und sie ist erwerbsunfÀhig, seit sie 20 ist.

Anne: Mein Lungenrestvolumen ist sehr begrenzt, deshalb habe ich ein krankes Herz.

Pia: Ein schwerkrankes Herz, wenn ich das mal korrigieren darf. So dass sie die Handynummer ihres Kardiologen bekommen hat. Deine Lunge ist eher Narbe als Lunge.

Anne: Ja. Das kommt von den vielen verschleppten LungenentzĂŒndungen. Wenn man ein Kind in ein Regenfass stopft...

Warum zeigen sie die TĂ€ter nicht an? Jetzt, wo sie einigermaßen stabil sind. Die Taten sind doch noch nicht verjĂ€hrt.

Pia: Da lagen keine Teilnehmerlisten aus, da hat sich niemand mit Namen und Adresse eingetragen! Ich kann mich deutlich mehr an HĂ€nde und Penisse erinnern als an Gesichter.

Ich habe keine Beweise. Wenn Sie wirklich sicher sein wollen, dass Ihnen als TĂ€ter nichts passiert, foltern Sie Ihre Opfer so stark, dass es ihr Erinnerungsvermögen zerrreißt.

Anne: Ich war bei spezialisierten StrafrechtsanwĂ€lten, bei mehreren. Die AnwĂ€lte haben alle auf ihr Honorar verzichtet und waren sehr bemĂŒht. Aber sie haben mir alle drei abgeraten. Bei dem Umfang, was mir passiert ist, wĂŒrden die Glaubhaftigkeitsgutachten sehr schlecht fĂŒr mich ausfallen. Es war so viel bei mir, dass ich manchmal nicht weiß, war das jetzt mit sechs oder erst mit acht? Und wenn die einzigen Anhaltspunkte die Schuhe sind, die man damals hatte, oder die Jahreszeiten, ist man durch Fragen leicht zu verwirren.

Pia: Zu mir sagte eine AnwĂ€ltin: Bei organisierten TĂ€terkreisen kann sie nur abraten. Wenn es nur ein TĂ€ter gewesen wĂ€re und nur ĂŒber ein, zwei Jahre...

Anne: Die TĂ€ter verwirren das Kind ja auch absichtlich. Einmal hatte ein TĂ€ter ein Herz in der Hand, er hat mir weisgemacht, es sei meins. Ich dachte wirklich, das ist meins. Ich war halt noch recht klein. Mit solchen Geschichten ist man vor Gericht sofort unglaubwĂŒrdig. Heute denke ich, es war ein Schweineherz.

Am Ende stĂŒnde Aussage gegen Aussage

OpferanwĂ€ltin Claudia Willger in SaarbrĂŒcken hat das oft erlebt: "Die Betroffenen sind so schwer geschĂ€digt, dass sie durch jedes Glaubhaftigkeitsgutachten rasseln." Eigentlich sollen Gutachter das Gericht nur beraten, am Ende mĂŒssen die Richter selbst prĂŒfen und entscheiden. Tun sie aber oft nicht, so die Erfahrung der RechtsanwĂ€ltin. "Ein Unding! Gutachter dĂŒrfen nicht die 'heimlichen Richter' sein.“


Sie könnten doch wenigstens die Mutter, die Eltern anzeigen! Sollten Pia und Anne es nicht wenigstens versuchen? Nein, sagen sie, am Ende stĂŒnde Aussage gegen Aussage. Und Pias Mutter kannte die TĂ€ter gar nicht.

Stefan mischt sich ein: "Ich bin ja auch ein Außenstehender, der sagt: Da muss man doch mal mit einer großen Axt dazwischenfahren! Aber so was zu fordern, ist leicht. Wir sind nĂ€mlich nicht diejenigen, die dann im Rampenlicht stehen, die vor Gericht von den GegenanwĂ€lten auseinandergenommen werden, die danach noch mehr traumatisiert sind. Wir gehen nach Hause und sagen: 'Da haben wir was Gutes getan.' Aber am Ende werden die TĂ€ter freigesprochen, und die Opfer sind am Boden zerstört. Deren Leben ist vorbei."

Anne: Der Preis ist mir zu hoch. Ich will nicht noch mal zum Opfer werden.

Pia: Wir kommen unserer gesellschaftlichen Verantwortung sehr wohl nach: indem wir hier berichten. Um Menschen zu sensibilisieren. Davon haben am Ende alle mehr.

Aber wollen sie denn nicht so was wie Gerechtigkeit? Doch, sagen sie. Sie wĂŒnschen sich sehr, dass der Staat ihr Leid anerkennt und Wiedergutmachung leistet. Weil er sie nicht beschĂŒtzt hat. DafĂŒr gibt es das OpferentschĂ€digungsgesetz. Eigentlich.

Anne scheiterte schon an der ersten Sachbearbeiterin. Ohne Anzeige, sagte die, könne sie fĂŒr Anne gar nichts tun. Dabei stimmt das gar nicht. Behörden können auf eine Anzeige verzichten, wenn sie nicht zumutbar ist. Anne mĂŒsste sich eine AnwĂ€ltin nehmen und gegen die Behörde vorgehen. So was kann Jahre dauern.

BeschÀmende Ablehnungen

Es wĂŒrde Anne schon helfen, wenn sie ein Trampolin und ein E-Bike bezahlt bekĂ€me, fĂŒr die kaputte HĂŒfte und das kranke Herz. Sie hat dafĂŒr einen Antrag beim "Fonds Sexueller Missbrauch" der Bundesregierung gestellt. Der soll "niedrigschwellig" helfen. Ihr Antrag wurde abgelehnt. Der HĂŒftschaden mĂŒsse nicht zwangslĂ€ufig vom Missbrauch kommen.

Hilfetelefon sexueller Missbrauch – kostenfrei, anonym, auch fĂŒr Menschen, die einen vagen Verdacht haben: 080022 55 530; hilfetelefon-missbrauch.de

Infotelefon Aufarbeitung: 0800 40 300 40

Sexueller Missbrauch – Infos zu Hilfe, OpferentschĂ€digung und VerjĂ€hrung.

Wann hilft das OpferentschÀdigungsgesetz (OEG) auch Missbrauchsopfern?

BeschĂ€mend sind solche Ablehnungen. Dabei schĂ€men sich Anne und Pia ohnehin jeden Tag. "Okay, reden wir ĂŒber Scham", flĂŒstert Pia von ihrem Sofalager, "mein Lieblingsthema."

Anne: Ich schĂ€me mich, dass mir das passiert ist. Ich schĂ€me mich, weil ich das GefĂŒhl habe, schuld an allem zu sein.

Pia: Ich weiß vom Kopf her, dass ich nicht schuld bin, aber mein Herz weiß es nicht. Einer der schrecklichsten SĂ€tze in meinem Kopf ist: Ein anstĂ€ndiges MĂ€dchen wĂ€re dort einfach gestorben.

Anne: Man schÀmt sich, es anderen zu erzÀhlen.

Nur wenige Freunde und Freundinnen wissen, dass Pia und Anne missbraucht worden sind. Und noch weniger kennen das ganze Ausmaß.

Pia: Es reduziert einen auf den Missbrauch.

Anne: Ich bin ja nicht nur eine Überlebende von schwerer sexueller Gewalt. Das ist nicht alles, was uns ausmacht. Wir sind mehr.

Pia: Ich bin zum Beispiel Patentante von vier wunderbaren Patentöchtern, Pharmazeutin, Musikliebhaberin, Handtaschenbegeisterte, Christin, Ehefrau – ich bin alles Mögliche.

Anne: Ich bin Patentante von sieben Patenkindern. Und ich kann relativ gut kochen.

Stefan und Pia: Du kannst hervorragend kochen!

Anne: Ach ... 

Pia: Vor allem bist du eine tolle Freundin, die Beziehungen nie infrage stellt.

Könnten sie vielleicht auch Menschen Mut machen, die noch nicht so weit sind? Pia und Anne schreiben ein ganzes Blatt voll. BildungsabschlĂŒsse finden sie wichtig. Jede Chance zu ergreifen. Am Ende einigen sie sich auf diese Kurzansprache an andere Betroffene: "Liebe kleine Schwester, es wird besser. Ganz bestimmt. Du hast schon so viel geschafft, dass du am Leben geblieben bist. Gib nicht auf! Komm, du kriegst das hin."

* Namen und einige Details zum Schutz der Frauen von der Redaktion geÀndert.



Diese Geschichte erscheint in Kooperation mit dem Magazin "chrismon". Die Zeitschrift der evangelischen Kirche liegt jeden Monat mit 1,6 Millionen Exemplaren in großen Tages- und Wochenzeitungen bei – unter anderem "SĂŒddeutsche Zeitung", "Die Zeit", "Die Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag" (Norddeutschland), "FAZ" (Frankfurt, Rhein-Main), "Leipziger Volkszeitung" und "Dresdner Neueste Nachrichten". Die erweiterte Ausgabe "chrismon plus" ist im Abonnement sowie im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel erhĂ€ltlich. Mehr auf: www.chrismon.de

WeiterfĂŒhrende Links auf chrismon.de:

Als Kind wird Lea sexuell missbraucht. Jetzt ist sie erwachsen. Und sie leidet noch immer an den Folgen. Die Geschichte eines ungesĂŒhnten Verbrechens.

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